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Jörg Wuttke - als Experte gefragt auch bei der Veranstaltung "China aus erster Hand" im Februar in der IHK Köln. Foto: Peter Boettcher
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„Wir müssen aufpassen, dass Europa kein Chinese Take-away wird“

Mit den Geschäftsaussichten auf Asiens wichtigsten Märkten befasst sich am 21. Juni der „Greater China Day“ in der IHK Köln. Im Vorfeld erläutert Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking und BASF-Chefrepräsentant für China, was von aktuellen Hiobsbotschaften aus Fernost zu halten ist.

Interview: Georg Watzlawek

? China galt als Eldorado schlechthin, jetzt flacht das Wachstum ab. Womit müssen deutsche Unternehmen in den nächsten Jahren rechnen?

! Wir hatten uns daran gewöhnt, dass Nachfrage und Kaufkraft ständig steigen. Damit ist China für deutsche Unternehmen der wichtigste Markt in Asien geworden, für einzelne Branchen wie die Autoindustrie sogar der wichtigste Markt überhaupt. Aber dieser traumhafte Zustand ändert sich:  Das Geschäft ist bei weitem nicht mehr so leicht; statt mit 20 Prozent Zuwachs muss man sich oft mit fünf Prozent abfinden. Dieser Trend hält an,  denn die Nachfrage lässt nach und die lokale Konkurrenz wird sehr schnell stärker.

? Noch ist das Wachstum relativ hoch. Wie stabil ist die Konjunktur in China?

! Im vergangenen Jahr haben gewaltige Investitionsprogramme das Wachstum angetrieben. Damit ist der Schuldenstand auf 277 Prozent des Inlandsproduktes gestiegen – ein normales Land wäre damit in der Finanzkrise. China ist zwar kein normales Land, aber bei der Wachstumsentwicklung sehe ich große Fragezeichen.

? Wie entwickeln sich die Rahmenbedingungen vor Ort?

! Peking will den Geldabfluss bremsen und hat Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Das trifft auch ausländische Firmen, die ihre Gewinne nicht mehr so ohne weiteres transferieren können. Hinzu kommen immer neue Auflagen und Restriktionen.  Das verunsichert im operativen Geschäft.

? Wie reagieren westliche Firmen auf diese Probleme?

! Mit Zurückhaltung. Die Europäer hatten vor einigen Jahren noch 20 Milliarden Dollar pro Jahr in China investiert; 2016 ist die Summe weiter von elf auf acht Milliarden Dollar gefallen. Gleichzeitig investieren die Chinesen 40 Milliarden Dollar in Europa – das ist das Fünffache!

? Sie haben vor diesem Hintergrund davor gewarnt, dass Europa zum „Chinese Take-away“ wird. Was meinen Sie damit? 

! Wir müssen genauer hinschauen. Da sind einerseits die guten Investitionen wie der Einstieg von Geely bei Volvo: Da kommen Unternehmer, schauen sich die Marktchancen an und handeln entsprechend. Zum Teil sogar gegen den Willen der Zentralregierung. 

? Was sind schlechte Investitionen?

! In letzter Zeit sehen wir, wie chinesische Investoren mit extrem viel Geld und aggressiven Preisen nach europäischen Firmen greifen. Dagegen hätte kein europäisches Unternehmen eine Chance. Denn dahinter stecken staatliche Unternehmen – und da müssen wir aufpassen. Bundesregierung und EU sollten sich fragen: Wollen wir diese staatlichen Spieler auf unserem Markt, wollen wir diese Wettbewerbsverzerrungen und  einen Ausverkauf der Technologie? Aber auch dabei müssen wir vorsichtig sein: Das Letzte, was wir in dieser Zeit in Europa brauchen, ist Protektionismus.

? Gleichzeitig expandieren chinesische Unternehmen auf dem Weltmarkt. Wie stark sind sie als Konkurrenten auf Drittmärkten? 

! China will in einer ganzen Reihe von Schlüsselbranchen Weltmarktführer werden. Peking strebt dort einen Marktanteil von bis zu 40 Prozent an – und das in Bereichen wie der Robotertechnik oder dem Landmaschinenbau. Gerade da, wo die Deutschen traditionell stark sind. Das ist eine selbstbewusste Kampfansage.

? Wo gibt es noch Potential für deutsche Firmen in China? 

!Unsere Umfragen zeigen, dass sich viele Unternehmen stärker auf dem Finanzsektor engagieren wollen – Versicherungen und Banken. Aber Peking lässt sie nicht. In viel zu vielen Sektoren haben europäische Firmen keinen oder nur eingeschränkten Zugang.

? Und in der Industrie?

! Auch da gibt es noch sehr große Chancen. Zum Beispiel, wenn die chinesischen Firmen ihre Produktion wirklich modernisieren würden. Bei der Lieferung von Maschinen und im Umweltschutz steht Deutschland als Technologiegeber nach wie vor sehr gut da.

? Wenn es die Großen schon so schwer haben, wie geht es dem Mittelstand in China?

! Deutlich besser als den Großen. Unsere Umfragen belegen, dass die Probleme um so massiver sind, je größer ein Unternehmen und je länger es vor Ort ist. Unsere „Hidden Champions“ haben gute Produkte, sind viel flexibler als die Konzerne. Sie müssen aber  aufpassen, sich bei ihren Partnern nicht die eigene Konkurrenz heranzuziehen.

? Lohnt sich auf mittlere Sicht der Aufwand noch, in China präsent zu sein?

! Na klar. China bleibt der größte Auslandsmarkt für Deutschland. Da wollen und müssen wir mitspielen. Die Frage ist nur: Lassen sie uns?

Jörg Wuttke ist seit 1997 Geschäftsführer und Generalbevollmächtigter der BASF China. Er lebt seit mehr als 26 Jahren in China. Im April 2014 wurde Wuttke zum zweiten Mal Präsident der Europäischen Handelskammer in China, zuvor hatte er diese Position von 2007 bis 2010 inne. Von 2001 bis 2004 war er Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Handelskammer in Peking, die er mitbegründete. Seit 2011 leitet Wuttke die China Task Force des BIAC (Business and Industry Advisory Committee der OECD).
Foto: Peter Boettcher

Save the Date: "Greater China Day" am 21. Juni 2017

Unter dem Thema „Greater China - Strategischer Partner oder Wettbewerber?“ lädt die IHK Köln am 21. Juni 2017 gemeinsam mit den Auslandshandelskammern in China, Hongkong und Taiwan interessierte Unternehmen ein, sich über die neuesten Entwicklungen in Greater China zu informieren.

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