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Marc Hinterkausen, Inhaber von S.A.L.E, kritisiert die Umsetzung der Finanzierungshilfen. Foto: Michael Claushallmann
04.2021

"Wenn der Staat ein Berufsverbot ausspricht, muss er sich auch kümmern!"

Marc Hinterkausen ist Inhaber von S.A.L.E., einem Bekleidungsgeschäft für Damen- und Herrenmode mit acht Filialen in Kölner Vororten. Er spricht mir Barbara Willms über die Herausforderungen für sein Unternehmen in der Krise.

Wie sieht Ihr Fazit nach mehr einem Jahr Pandemie aus?
Die Pandemie haben wir bereits stark im Februar 2020 in den Umsätzen bemerkt. Der Lockdown in der Zeit vom 16.03. bis 18.04.20 traf uns hart und unvorbereitet. Auch wenn die Wochen danach vermeintlich normal schienen, erreichten wir in keinem Monat die Umsätze aus dem Vorjahr. Die startende „2. Welle“, beginnend mit dem Lockdown light, verursachte wiederum einen Umsatzeinbruch über 40%. Der Dezember war wegen des Lockdowns ein Desaster. Insgesamt haben wir über 720.000 Euro im Jahr 2020 verloren.

Sind alle Filialen gleichermaßen betroffen?
Theoretisch waren/sind alle gleich betroffen. Alle haben entweder auf oder zu (Lockdown). Während der Öffnungsphasen mussten wir jedoch die Verkaufszeiten der reduzierten Kundenfrequenz anpassen und entsprechend verkürzen. In der Schließungszeit ist die Unterstützung der Stammkunden interessanterweise unterschiedlich. Wir bemerken Filialen mit höherer Kundenbindung als andere. Bezirke mit mehr inhabergeführten, individuelleren Läden scheinen stärker von den Menschen unterstützt zu werden.

Inwiefern haben Sie Möglichkeiten wie den Verkauf vor dem Laden, Verkauf auf Bestellung, Ladentermine und gezielte Kund*innenansprache nutzen können?
Wir haben Plakate/Aufkleber mit den Kontakt- und Einkaufsoptionen auf die Schaufenster aufgebracht, Kundenmails geschrieben, tägliche Instagram-Posts gesetzt, private Kontakte via WhatsApp beworben und wurden von Kunden weiterempfohlen. Parallel haben wir ein wöchentlich wechselndes Schaufenster-Shopping vor Ort erzeugt. Bestellte Ware konnte im Laden abgeholt werden oder wurde von uns privat zugestellt. Einen Online-Shop haben wir neu erstellt. Die Umsätze lagen bei 6-8% im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Wäre ein zusätzlicher Online-Shop eine Option für Sie?
Wir haben uns zuvor bewusst auf den Service im stationären Handel konzentriert. Aufgrund der Notwendigkeit haben wir uns jedoch umentschieden. Seit April haben wir in Lindenthal einen in den Stadtteilshop der dortigen Interessengemeinschaft integrierten Online-Shop installiert. Unseren richtigen, eigenen Shop konnten wir aufgrund der finanziellen Einbußen nicht stemmen und beantragten eine Förderung vom Land NRW. Diese wurde nun nach 7 Monaten Wartezeit endlich genehmigt. Der neue Online-Shop wird in den nächsten 4 Wochen online gehen.

Wie haben Sie sich bislang finanziert?
In all der schrecklichen Zeit hat uns eine wunderbare Erfahrung getragen. Unsere Unterstützung kam und kommt von denen, welche ebenfalls sehr betroffen sind: unseren Mitarbeiter*innen, Vermieter und Lieferanten. Zzgl. meiner nun verbrauchten Rücklagen. Darlehen haben wir nicht beantragt, da diese irgendwann zurückgezahlt werden müssen. ÜBH III und KUG haben wir beantragt. Andere Hilfen durften/konnten wir nicht beantragen. Die Hausbank und Kreditversicherer halten bzw. ziehen sich zurück.

Wie sind Sie mit den staatlichen Konzepten und Finanzhilfen und der Umsetzung zufrieden?
Generell ist es hilfreich, überhaupt Unterstützung zu erhalten. Jedoch ist meine Auffassung: Wenn der Staat ein Berufsverbot ausspricht, muss er sich auch entsprechend kümmern. Da gibt es aber große Ungerechtigkeiten je nach Branche und Zeitpunkt. Es ist ein Riesenunterschied, ob Sie bei 100 Prozent Lockdown 75 Prozent Umsatz- oder nur 90 Prozent reine Kostenentschädigung bekommen! Woher sollen die fehlenden 10 Prozent Eigenanteil kommen? Wie sollen Unternehmer aus nicht vorhandenen Umsätzen ihren Lebensunterhalt bestreiten? Warum kann Saisonbekleidung, die nicht verkauft werden darf, nicht vollständig abgeschrieben werden? Die Ungerechtigkeit steckt häufig im Detail. Nehmen Sie als ein Beispiel den zweiten Lockdown und die Abschreibung der Saisonware, also der Ware, die aufgrund des Lockdowns nicht verkauft werden konnte. Warum darf ich von der Winterware 2020/2021 nur die abschreiben, die ich in 2020 bestellt habe? Die Lieferzeiten betragen acht bis zwölf Monate. Also musste ich doch vieles schon in 2019 bestellen, damit es rechtzeitig zur Wintersaison da war. Das darf ich aber nicht abschreiben, und die in 2020 georderte Ware auch nur zu 90 Prozent. Zudem hat mir der Eigenanteil an den anrechenbaren Fixkosten im Lockdown bereits 28.000 Euro Verlust eingebracht, bei nahezu null Einnahmen. Problematisch ist auch die Hürde von mindestens 30 Prozent zum Vorjahr, um die Hilfe überhaupt erst beantragen zu dürfen. Sie ist viel zu hoch. Wenn ich meiner Hausbank einen Umsatzverlust von 15-20 Prozent vorlege, gerate ich bereits in Erklärungspflicht. Bei einem Umsatzrückgang von 30 Prozent fragt sogar das Finanzamt nach Gründen. Der Grund für den erzeugten Umsatzverlust ist momentan ja wohl offensichtlich, demnach muss diese Hürde rückwirkend gesenkt werden.

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