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Grundlagenschulung: Jörg Plake zeigt Neu-Azubi Jakob, wie die Wipperfürther Lachsforellen geschuppt werden. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

„Weil ich Fachkräfte benötige!“

Schwierige Zeiten. Auch für den Ausbildungsmarkt: Jugendliche zögern und fragen weniger Ausbildungsplätze nach, von Corona-Einschränkungen betroffene Unternehmen reduzieren ihr Ausbildungsangebot, Praktika und Ausbildungsmessen können nur eingeschränkt stattfinden. Unternehmen erzählen, warum sie ihre Ausbildungsanstrengungen trotzdem verstärken und wie Ausbildung in diesen schwierigen Zeiten gelingt.

Text: Lothar Schmitz

Die Gastronomie gehört zu den von Corona besonders betroffenen Branchen, die Umsatzeinbußen sind in vielen Unternehmen heftig. Jörg Plake kann davon ein Lied singen. Der gelernte Koch und Küchenmeister betreibt seit 14 Jahren das Traditionsrestaurant Haus Schnackertz in Nippes. Gutbürgerlich-gehobene Küche, alte Gerichte in neuer Interpretation, das bieten Plake und sein Team. Die Geschäfte liefen gut, doch als im März 2020 der erste Lockdown kam, ging es mit den Umsätzen erst einmal steil bergab.

Wie so viele andere Restaurants stellte das Haus Schnackertz rasch einen Außer-Haus-Verkauf auf die Beine. „Wir haben so viele Stammgäste, die haben uns über Wasser gehalten“, erinnert sich Plake. Dazu kamen staatliche Corona-Hilfen, so dass es immer weitergehen konnte, auch wenn der Jahresumsatz am Ende rund 40 Prozent unter dem von 2019 lag.

Trotzdem blieb Plake die ganze Zeit optimistisch. Und nicht nur das. Trotz der Herausforderungen fasste er zwei mutige Entscheidungen: Im Oktober 2020 eröffnete er in Neu-Ehrenfeld mit dem Haus Eichendorff ein zweites Restaurant. Und vier Wochen zuvor fing der 19-jährige Jakob Grossens im Haus Schnackertz eine Ausbildung als Koch an.

Warum er die Ausbildung in unsicheren Corona-Zeiten aufstockt? – „Weil ich Fachkräfte benötige“, sagt Plake., „Auch jetzt, aber erst recht nach der Krise!“ Es sei nie einfach, gutes Personal zu finden, sagt Plake. Grossens sei über einen Bekannten auf das Haus Schnackertz aufmerksam geworden und habe sich beworben. „Nach dem Vorstellungsgespräch und einem Probekochen wusste ich, dass er zu uns passen würde“, erzählt Plake, „diese Chance wollte ich nicht verstreichen lassen.“

Vorfreude auf den Ausbildungsstart

Wie Plake denken viele Unternehmer*Innen. Sie wissen, dass Ausbildung die wichtigste Säule der Fachkräftesicherung ist und bleibt. Mohammed Bouhamed hat sich während der Corona-Krise sogar entschlossen, zum ersten Mal überhaupt auszubilden. Der gelernte Bürokaufmann startete im November 2020, nach Beginn des zweiten Lockdowns, im Rewe-Markt an der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld als Filialpartner der Deutschen Post. Verpächter der Ladenfläche ist ein Großhändler, von dem Bouhamed auch schon vorher in Düsseldorf ein Ladenlokal gepachtet hatte. Sein zweites Standbein: Tabakwaren. Bei Letzteren verzeichnete Bouhamed zuletzt zwar Umsatzrückgänge, dafür läuft das Postgeschäft kontinuierlich auf hohem Niveau.

Sein Shop ist montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr geöffnet, samstags bis 16 Uhr. Deshalb und weil es so gut läuft, suchte er Verstärkung. „Ich wollte aber keine Aushilfe, sondern einem jungen Menschen die Chance auf eine Ausbildung bieten“, berichtet Bouhamed. Also wandte er sich an die Ausbildungsstellenvermittlung der IHK Köln und hatte Erfolg: Die IHK brachte ihn mit Aniketh Wadwa zusammen. Der 24-Jährige hatte soeben eine zweijährige Ausbildung als Verkäufer in Bergisch Gladbach absolviert und wollte gerne ein drittes Ausbildungsjahr draufsatteln, um den Abschluss als Einzelhandelskaufmann zu erwerben. Diese Gelegenheit hat er nun bei Bouhamed.

Am 1. Juli geht’s los. Eher ein ungewöhnliches Datum für den Ausbildungsstart. „Es muss aber tatsächlich nicht immer der 1. August oder 1. September sein“, erklärt Johannes Juszczak, Leiter Ausbildungsberatung, Umschulungswesen, Vertrags- und Kundenmanagement im Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung der IHK Köln. „Wir versuchen stets, in enger Abstimmung zwischen uns, dem Ausbildungsunternehmen und der Berufsschule den Ausbildungsstart auch zu einem anderen Zeitpunkt möglich zu machen, erst recht in außergewöhnlichen Zeiten!“ Wadwa freut sich schon auf den Ausbildungsstart, sein angehender Ausbilder ebenfalls. „Er arbeitet schon jetzt als Aushilfe bei mir, geht offen und freundlich auf die Kunden zu und macht seine Sache gut“, erzählt Bouhamed.

Trotz Corona bildet Mohammed Bouhamed zum ersten Mal aus. Mit Hilfe der IHK-Ausbildungsstellenvermittlung fand er seinen Azubi Aniketh Wadwa.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Berufsorientierung kommt zu kurz

Es sind Beispiele wie diese, die Hoffnung machen. Hoffnung darauf, dass es so vielen Unternehmen wie möglich gelingt, ihr Ausbildungsengagement zumindest in gleicher Höhe aufrechtzuerhalten oder gar auszubauen. Und dass Betriebe, die bisher nicht ausgebildet haben, aber nun darüber nachdenken, sich nicht von den derzeitigen Rahmenbedingungen abschrecken lassen. „Denn Ausbildung ist nach wie vor alternativlos, wenn die Unternehmen ihren Fachkräftebedarf decken wollen“, gibt IHK-Ausbildungsexperte Juszczak zu bedenken.

Dennoch hat Ausbildung gerade einen schweren Stand. Denn zum einen befinden sich viele Unternehmen, die bisher ausgebildet haben, in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation. Zum anderen sorgen reduzierte Kontakte, ausgefallene Ausbildungsmessen oder abgesagte Praktika dafür, dass die Berufsorientierung für junge Leute zu kurz kommt und sich die Zahl der Gelegenheiten verringert, bei denen Betriebe und junge Menschen zusammenfinden können. In einer Umfrage bei ihren Mitgliedsunternehmen wollte die IHK dieses Frühjahr unter anderem wissen, was für sie wegen Corona die größte Herausforderung in der Ausbildung sei.

„Das Problem ist die persönliche Rekrutierung“, teilte ein Betrieb mit, „das Auswahlverfahren digital durchzuführen“, ein anderer. „Der persönliche Kontakt, durch Messen, fehlt komplett“, beklagte ein weiteres Unternehmen, „als eher unbekanntes Unternehmen fällt es daher sehr schwer, geeignete Bewerber*innen zu finden.“ Auch „die Azubis virtuell an Bord zu bekommen und eine entsprechend gute Einarbeitung“ stellt ein Problem dar, ebenso „die Ausbildungsinhalte zu vermitteln, wenn Ausbilderin und Auszubildende im Homeoffice sind“.

Klar ist: Der Ausbildungsmarkt leidet seit über einem Jahr unter dem Pandemiegeschehen, das viele Betriebe zu Schließungen zwingt und Schüler*Innen die Berufswahl und damit auch die Entscheidung für eine duale Ausbildung enorm erschwert. Das spiegelt sich in den Zahlen wider: Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) Mitte April mitteilte, haben in Deutschland 2020 fast zehn Prozent weniger Personen einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen als im Vorjahr. „Dieses Ergebnis zeigt einen deutlichen Effekt der Corona-Krise auf den Ausbildungsmarkt“, ließ Destatis wissen. Zwar seien die Ausbildungszahlen seit Jahren tendenziell rückläufig. „Der aktuelle Einbruch ist in seiner Höhe aber bislang einzigartig.“

Für die IHK Köln ist die Antwort auf diese Entwicklung klar: „Wir haben unser Engagement weiter verstärkt, damit Betriebe und Jugendliche auch und gerade in dieser schwierigen Phase die nötige Unterstützung bekommen, um zueinander zu finden“, betont Juszczak. Das Team der Ausbildungsvermittlung der IHK Köln hilft Unternehmen bei der Azubi-Suche und Jugendlichen bei der Berufsorientierung und der Bewerbung, kennt freie Lehrstellen und Ausbildungsbetriebe und sorgt für das Matching. Zwar gab es monatelang keine Präsenzangebote, dafür jedoch umso mehr virtuelle Formate. Allein für Juni hatte die IHK bis April bereits sieben Veranstaltungen geplant, es könnten noch mehr werden.

„Dass wir ausbilden, ist strategisch motiviert“

Auch die LANG AG aus Lindlar wurde im März 2020 in ihrer dynamischen Entwicklung ausgebremst. Das Unternehmen mit 200 Beschäftigten hat sich auf die Vermietung und den Verkauf von visueller Präsentationstechnik spezialisiert und gehört somit zur schwer gebeutelten Veranstaltungsbranche. Fünf Monate lang ging die Umsatzkurve nach unten. „Immerhin arbeiten wir seit August 2020 aber wieder kostendeckend“, berichtet CEO Tobias Lang am Telefon, „nicht auf Vor-Corona-Niveau, aber ganz okay.“ Vor zwei Monaten konnte das Unternehmen sogar die Kurzarbeit beenden.

Die LANG AG aus Lindlar wurde von den Corona-Einschränkungen hart getroffen, die Umsatzkurve ging monatelang nach unten. Eines aber änderte sich nicht: die hohe Ausbildungsquote.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Eines lief allerdings während der gesamten Corona-Zeit unvermindert weiter: „An unserer Ausbildung haben wir immer festgehalten“, betont Lang. 27 Azubis zählt die Firma, verteilt auf fünf Ausbildungsberufe. „Dass wir ausbilden, ist strategisch motiviert“, sagt der Vorstandsvorsitzende, „mindestens jeden zweiten Azubi behalten wir, jeder vierte Beschäftigte ist ein ehemaliger Azubi.“ Gerade in der Krise müsse man, so lange es geht, an Ausbildung festhalten, denn man brauche die künftigen Fachkräfte.

Das will die LANG AG auch anderen Unternehmen vermitteln. Seit knapp einem Jahr engagieren sich vier Azubis als so genannte Ausbildungsbotschafter*Innen, je einer in den Berufen Fachkraft für Veranstaltungstechnik, Elektroniker*In für Geräte & Systeme, Veranstaltungskauffrau/-mann und Fachkraft für Lagerlogistik. In Schulen oder bei Informationsveranstaltungen zur Ausbildung werben sie auf Augenhöhe bei den fast Gleichaltrigen für die duale Ausbildung, in Corona-Zeiten vor allem auf digitalem Weg.

Die Ausbildung im Unternehmen findet weitgehend in Präsenz statt, unter Wahrung aller Hygienevorschriften und mit täglichen Corona-Tests. „Meetings halten wir digital ab“, erzählt der Unternehmenschef, „doch in der Ausbildung ist echtes soziales Miteinander elementar, das trägt zum Lernerfolg wesentlich bei!“

Wie die IHK ihre Mitgliedsunternehmen und junge Menschen unterstützt, worauf es in der Ausbildung während der Corona-Pandemie ankommt und was der "Sommer der Ausbildung" an Tipps und Terminen bringt, ist in dem Beitrag „Endspurt hin zur Ausbildung“ zu lesen.

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