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Henning Hackbarth, Leiter Komposit Gewerbekunden bei der Gothaer Allgemeine Versicherung AG. Foto: Gothaer
08.2021

"Möglicherweise wird über eine staatliche Lösung nachzudenken sein"

Herr Hackbarth, nach Ihrer Studie sind sich viele KMU der Risiken ja durchaus bewusst. Wie kommt es Ihrer Einschätzung nach, dass sie trotzdem oft nicht den entsprechenden Versicherungsschutz haben?

Grundsätzlich ist die passgenaue Absicherung eines Unternehmens in Bezug auf die Gefahren für Gebäude, Sachmittel und Mitarbeiter sehr komplex und erfordert ein hohes Maß an Fachwissen und Erfahrung. Nach unserer Einschätzung wird diesem Schritt manchmal zu wenig Zeit gegeben. Bei vielen Kunden besteht zudem – nach dem Corona-Jahr – aktuell eine große Preissensibilität. Man ist bereit, auf Versicherungen zu verzichten, die gefühlt „nicht so wichtig“ sind.

Eine große Diskrepanz in dieser Hinsicht gibt es ganz auffällig beim Thema Cybersicherheit. Fehlt hier bei KMU eher Sensibilität oder schlicht Sachkenntnis?

Es gehen offenbar viele KMU davon aus, dass ihr Unternehmen für Cyber-Angreifer nicht interessant ist. Dies ist aber ein Irrtum! Jedes Unternehmen ist ein potenzieller Kandidat für eine Cyber-Attacke, insbesondere dann, wenn diese Attacken auf der Grundlage von Schwachstellen in häufig genutzten Programmen oder Systemen durchgeführt werden.

Können Sie ein ganz simples Beispiel nennen für eine Cybergefahr, die kleinere Unternehmen jederzeit treffen kann, aber oft unterschätzt wird?

Derzeit häufen sich die Schadenfälle im Bereich der Ransomware-Attacken – also Attacken mit Schadsoftware wie zum Beispiel Verschlüsselungstrojaner. Meistens geht dies einher mit der Forderung eines Erpressungsgeldes. Bei unseren Kunden führen IT-Forensiker in diesem Fall eine telefonische Sofort¬beratung durch und stimmen sich mit dem lokalen IT-Dienstleister ab. Dann wird die Schadsoftware von den Spezialisten identifiziert und von den betroffenen Systemen entfernt. Die Systeme werden idealerweise aus Back-up-Versionen wieder¬hergestellt und die beschädigten Dateien rekonstruiert.

Welche Veränderungen im Risikobewusstsein hat die Pandemie mit sich gebracht, und schlagen sich diese bei den Versicherungsabschlüssen nieder?

Durch die Pandemie und die Tatsache, dass viele Kunden im Homeoffice arbeiten, scheinen die Unternehmer mehr Zeit für die Durchsicht der Versicherungsunterlagen und Bedingungen zu haben. Es ist zu einer Steigerung des Risikobewusstseins gekommen. Gewachsen sind auch der Wunsch und die Bereitschaft, sich digital beraten zu lassen. Im Fokus des Kunden steht aktuell die Bitte um Überprüfung und Aktualisierung ihres Versicherungsumfangs.

Spüren Sie kurz nach der Unwetterkatastrophe bereits eine Veränderung bei der Nachfrage von Unternehmen, z.B. zur Elementarschadenversicherung?

Die Kunden sind durch die Naturkatastrophe natürlich sensibilisiert und informieren sich proaktiv über ihren eigenen Versicherungsschutz. Hier überwiegt die grundsätzliche Frage, ob solche Schäden denn auch bei Ihnen versichert gewesen wären. Dies gilt für Privat- und Firmenkunden.

Hochwasser u.ä. gehört bei den wenigsten Unternehmen zu den vielgenannten Risiken. Ist diese Einschätzung realistisch?

Viele Kunden verbinden das Risiko von Hochwasser mit der Nähe zu einem Fluss. Sie haben dabei vermutlich die Bilder vom Elbe- oder Donau-Hochwasser 2002/2013 vor Augen. Das Risiko von Starkregen und daraus resultierenden Überschwemmungen oder einem Schaden durch Rückstau sehen viele nicht, bis der erste Schaden eintritt. Diese Risiken sind allerdings völlig unabhängig von Flussläufen oder ähnlichem.

Vielfach wird vor einer Häufung solcher Ereignisse durch den Klimawandel gewarnt. Wie stellt die Gothaer sich darauf ein, welche Konsequenzen wird dies haben? Der GDV hat ja gerade gemahnt, dass wir uns bei Baumaßnahmen und Infrastruktur viel stärker anpassen müssten, damit die Schäden nicht "irgendwann unbezahlbar" würden.

Um den Auswirkungen des Klimawandels entgegentreten zu können, ist der Versicherungsschutz eine Lösung. Die Versicherungsbranche kann jedoch nur absichern, was sich auch im Kollektiv absichern lässt. Bei Risiken, die aufgrund der Schadenhöhen und Schadenhäufigkeiten jedoch nicht von der Versicherungsbranche oder gar einzelnen Versicherern getragen werden können, wird möglicherweise über eine staatliche Lösung oder eine Pflichtversicherung nachzudenken sein.

Weitere Ansatzpunkte sind mehr Prävention, wie zum Beispiel eine geringere Versiegelung von Flächen oder Bauverbote für extrem hochwassergefährdete Gebiete. Bei der Bewältigung des Klimawandels wird nur die Kombination von vielen verschiedenen Maßnahmen, von denen hier nur einige genannt wurden, zu einem Fortschritt führen.

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