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IHK-Präsidentin Dr. Nicole Grünewald und Dr. Uwe Vetterlein, von der Vollversammlung im März zum neuen Hauptgeschäftsführer der IHK Köln berufen. Foto: Nadine Preiß
Porträt

"Jedes einzelne Unternehmen in Köln und der Region ist uns wichtig!"

Dr. Uwe Vetterlein ist im März von der Vollversammlung zum neuen Hauptgeschäftsführer der IHK Köln bestellt worden. Vor seinem offiziellen Amtsantritt im September hat er uns gemeinsam mit Präsidentin Dr. Nicole Grünewald erste Fragen beantwortet.

Herr Dr. Vetterlein, Sie sind mit großer Mehrheit von der Vollversammlung gewählt worden. Als Hauptgeschäftsführer sollen Sie neben Ihrer Erfahrung auch frischen Wind in die IHK Köln bringen. Was steht als erstes auf Ihrer Agenda?

"Wir haben hier in Köln große Veränderungsprozesse vor uns, die dringend angepackt werden müssen. Zum einen die ungeklärte Frage nach dem Standort des Haupthauses, das aus meiner Sicht weiter das Haus der Wirtschaft, das Haus der Unternehmerinnen und Unternehmer sein soll, und dann erst Sitz einer Verwaltung. Zum anderen eine notwendige Vereinfachung und Verschlankung der internen Struktur, mit dem wichtigen Ziel, die Bedürfnisse der Unternehmen in der Region noch passgenauer zu bedienen. Das steht neben der politischen Stimme der IHK im Vordergrund. Denn jedes einzelne Unternehmen in Köln und der Region ist uns wichtig!"

Frau Dr. Grünewald: Viele der Unternehmen in der Region werden die Corona-Krise aber gar nicht überstehen…

Dr. Grünewald: "Wir kämpfen seit Beginn der Corona-Pandemie für den Erhalt jedes Unternehmens, indem wir uns auf Bundes-, Landes- und auch auf regionaler Ebene dafür einsetzen, dass die Hilfen ankommen und dass die Politik vernünftige Rahmenbedingungen für uns schafft. Außerdem stehen wir unseren Unternehmen zur Seite, mit allgemeinen Informationen, aber auch ganz konkret, wenn es um die Beantragung von Geldern und evtl. Problemen dabei geht. Wir haben schon von einigen Unternehmen gehört, dass sie die Krise wohl nicht überstehen werden. Das betrifft vor allem Unternehmen aus den besonders betroffenen Branchen Gastronomie, Hotellerie, stationärer Einzelhandel, Veranstaltungswirtschaft, Kultur- und Kreativwirtschaft. Das ist wirklich eine schlimme Erfahrung für uns alle – denn gerade auch diese Branchen machen die Vielfalt unseres starken Kölner Kammerbezirks aus."

Eine Frage an den Volkswirt, Dr. Vetterlein: Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Region in den kommenden Monaten?

"Zum Glück hat sich die Industrie schnell gefangen und bewahrt uns vor Schlimmerem. Allerdings halten sich die Unternehmen mangels Perspektive bei Investitionen zurück. Wenn wir mit dem Impfen vorankommen und lernen, mit dem Virus zu leben, werden viele der Unternehmen aus den betroffenen Branchen überleben. Und sie werden profitieren: Die Menschen haben in der Krise gespart und sind hungrig auf Reisen, Kultur oder ganz einfach einen „halven Hahn“ in einem Brauhaus."

Frau Dr. Grünewald, was soll ein Hauptgeschäftsführer für die IHK Köln außer der Fähigkeit zu Krisenmanagement mitbringen?

"Die IHK Köln muss strategisch geführt und zukunftsfähiger aufgestellt werden. Es ist in den vergangenen Jahren einfach zu viel liegengeblieben, vor allem im Bereich der Digitalisierung und der Organisationsstruktur. Dennoch haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Coronakrise alles für unsere Unternehmen gegeben, dafür bin ich sehr dankbar. Wir haben im vergangenen Jahr parallel zur Krisenbewältigung schon sehr viel angeschoben. Aber wir müssen jetzt die Digitalisierung der IHK Köln weiter voranbringen, wir müssen die IHK auch strukturell enger an den Bedürfnissen der Mitgliedsunternehmen ausrichten – und wir müssen noch stärker in die Politik hineinwirken. Herr Dr. Vetterlein hat in der IHK Darmstadt bewiesen, dass er genau das sehr gut kann, das Haus wurde von ihm sehr wertschätzend, modern und schlagkräftig geführt. Darüber hinaus ist er in der IHK Landschaft bestens vernetzt. Davon werden wir hier alle sehr profitieren – die Mitarbeitenden und die Mitglieder der IHK Köln gleichermaßen. Wir haben ein dynamisches und engagiertes Ehrenamt – gemeinsam mit Herrn Dr. Vetterlein werden wir der IHK Köln den dringend nötigen und von allen sehnsüchtig erwarteten Schub in die Zukunft geben."

Herr Vetterlein, welche Pluspunkte zeichnen die IHK Köln, die Stadt und die Region aus und was würden Sie für die Mitgliedsunternehmen gerne ändern?

"Niemand sonst hat so viel hochqualifizierte (wo)menpower für regionale Themen, das Ehrenamt ist außerordentlich engagiert und motiviert, man traut der IHK Köln einiges zu. Potenzial gibt es (wie überall) bei der Digitalisierung, bei der Nähe zu den vielen kleinen Mitgliedern und der politischen Wirkung – was aber nicht nur von der IHK alleine abhängt. Zu Köln: Auch wenn nichts über das Panorama von der Schäl Sick (auf der ich lebe) geht, wirklich schön finden die Stadt vielleicht nur richtig eingefleischte Kölner. Ich kenne aber keine andere deutsche Stadt so voller Leben, voller Vitalität und Toleranz. Schade ist, dass vieles nicht wirklich gepflegt wirkt. Die Region ist natürlich industriell top. Eine große Herausforderung steht dem rheinischen Revier bevor. Im Bergischen frage ich mich gelegentlich, ob angesichts der vielen lokalen Kleinode touristisch nicht mehr ginge."

Und für Sie, Frau Dr. Grünewald? Was ist das Kölner Hauptärgernis und wo geht Ihnen das Herz auf?

"Mir ist in den vergangenen Monaten immer das Herz aufgegangen, wenn Unternehmerinnen und Unternehmer mit Leidenschaft und unendlichem Einsatz für ihre Belegschaft und für ihre Unternehmen kämpfen. Und es hat mich sehr mitgenommen, wenn das manchmal nicht gereicht hat. Mich ärgert, dass unsere Unternehmen durch verwirrende, kurzfristige und bürokratische Regelungen aus Bund und Land und eine schlechte Impfstrategie zusätzlich belastet wurden und noch werden. Eine „Novemberhilfe“, die gar nicht oder erst im Februar ankommt, hat ihren Namen einfach nicht verdient. Hier in Köln stört mich generell, dass wir so oft mit dem Mittelmaß zufrieden sind. Wir werden als IHK künftig eine Qualitätsoffensive nicht nur selbst leben, sondern auch fordern."

Noch eine Frage an den künftigen Hauptgeschäftsführer: Was kann eine IHK tun, um ihre Mitgliedsunternehmen bei dem Weg aus der Krise zu unterstützen?

"Wir müssen unsere Beratungshilfen auf den Restart ausrichten: Die Sicherung von Liquidität ist wichtig, für den Blick nach vorne aber zu wenig. Viele kleine Unternehmen gerade in Gastronomie und Handel brauchen Hilfe bei der Digitalisierung. Wir müssen uns schleunigst um die Innenstädte kümmern und alle Partner in den jeweiligen Kommunen an den Tisch holen. Und wir unterstützen unsere Unternehmen auf dem Weg zu neuen Technologien. Ganz entscheidend: All das geht nicht ohne beruflich qualifizierte Fachkräfte. Deshalb ist intensive Berufsorientierung an den Schulen das Gebot der Stunde."

Kann unter Corona-Bedingungen überhaupt so etwas wie eine Mitmach-IHK wachsen? Wie sind Ihre Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr, Frau Dr. Grünewald?

"Corona hat vieles komplizierter gemacht und gerade die persönlichen Kontakte, die so wichtig sind, stark eingeschränkt. Natürlich haben wir alle sich bietenden Möglichkeiten genutzt, dennoch mit unseren Unternehmen in Kontakt zu treten. So führen wir regelmäßige Videokonferenzen mit Vertreterinnen und Vertretern der besonders betroffenen Branchen durch, um so nah wie möglich an ihren Bedürfnissen zu sein. Wenn es um Themen geht, die sich über den Bund besser regeln lassen, sind dabei auch Experten aus unserem Dachverband in Berlin mit im Boot, das geht per Videokonferenz sogar besser. Wir bieten eine sehr gute telefonische Beratung und haben unser Angebot im Internet extrem ausgebaut. Dann haben wir zu den Top-Themen neue Ausschüsse gebildet, bei denen wir die Expertise aus unserer Unternehmerschaft noch stärker in die IHK-Arbeit einbinden. Zurzeit tagen die Ausschüsse und unsere Branchen- und Wirtschaftsgremien auch alle digital. Ich freue mich schon sehr auf die Zeit, wenn wieder ein Liveaustausch „in Präsenz“ möglich ist. Auch die relevanten Gespräche mit der Politik und den Verwaltungen sind einfach besser, wenn man sich persönlich gegenübersitzt. Mittlerweile weiß ich schon, welches Videokonferenzsystem welche Partei nutzt... Es wird höchste Zeit, dass wir uns wieder richtig treffen können! Das hat auch unsere letzte Vollversammlung gezeigt. Die haben wir hybrid durchgeführt, und alle, die – getestet – vor Ort waren, haben das Treffen sehr genossen."

Herr Dr. Vetterlein, Sie leben seit langen Jahren mit Ihrer Familie im rechtsrheinischen Köln. Wo finden wir Sie am Wochenende? Und gibt es den ultimativen Geheimtipp für die „schäl Sick“?

"Am Wochenende finden Sie mich zuhause im Garten, beim Joggen im Königsforst, bei Freunden, in einem Restaurant in der Stadt. Und ein Spaziergang oder eine Fahrradtour auf der rechten Rheinseite mit Blick auf den Dom hat für den Immi was."

Dr. Uwe Vetterlein war von 1996 bis 2003 Geschäftsführer der IHK Köln für den Bereich Standortpolitik, Unternehmensförderung, Handel und Verkehr. Danach wurde er zum Hauptgeschäftsführer der IHK Darmstadt berufen, die er bis heute leitet. Innerhalb der IHK-Organisation ist er u.a. Vorsitzender des DIHK-Arbeitskreises Rechnungswesen und Controlling, Vorstand des IHK 24 e.V. und im fachlichen Beirat der DIHK-Bildungs-GmbH.

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