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Andrea Riese, Inhaberin eines Bekleidungsgeschäftes in Erftstadt-Lechenich, fragt sich, warum Friseure öffnen und Supermärkte Bekleidung verkaufen dürfen, während sie ihr Fachgeschäft schließen musste. Foto: Michael Claushallmann
03.2021

„Ich finde vieles absolut ungerecht.“

Mit Andrea Riese, Inhaberin eines Damenbekleidungsgeschäfts und 2. Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Handel und Gewerbe Lechenich e.V. (AHAG), sprach Barbara Willms darüber, was Corona für ihr Unternehmen und den Einzelhandel vor Ort bedeutet.

Wie sinnvoll und gerecht finden Sie die Schutzmaßnahmen für Ihre Branche, vor allem während der Lockdownphasen?
Ich finde vieles absolut ungerecht. Ich will keinem Friseur auf die Füße treten, der früher öffnen darf, aber ich frage mich schon, warum wir das nicht dürfen. Oder warum Supermärkte Bekleidung verkaufen dürfen und wir als Fachgeschäft nicht. Ich habe ein Ladenlokal mit 100 Quadratmetern, kann bei der Beratung Abstand einhalten. Wo soll da das Problem sein, wenn zwei oder drei Kundinnen zeitgleich im Laden sind, alle geeignete Masken tragen und sich schon im Eingangsbereich die Hände gründlich desinfizieren?

Wie steht Ihr Unternehmen nach mehr als einem Jahr der Pandemie da?
Die wirtschaftlichen Folgen sind auch an meinem Unternehmen nicht spurlos vorbeigegangen. Mal sind die Einnahmen leicht, mal deutlicher zurückgegangen. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Es gab viele schlaflose Nächte. Aber ich habe mir auch sehr viel einfallen lassen, um die Einbußen so gering wie möglich zu halten. Mode Exclusiv ist ein in zweiter Generation inhabergeführtes Unternehmen, wir haben zu 80 Prozent Stammkundinnen, auf die wir uns bewusst einstellen und deren Treue uns durch die Krise hilft.

Inwieweit haben Sie staatliche Finanzhilfen in Anspruch genommen?
Beim ersten Lockdown habe ich 9.000 Euro Soforthilfe erhalten. Meine Mutter Irmgard Zimmermann, die Geschäftsgründerin, arbeitet weiterhin mit. Kurzarbeitergeld konnte ich für sie nicht beantragen, da sie Rentnerin ist. Dass das Geschäft nicht existenziell bedroht ist, liegt daran, dass ich auf meine Reserven zurückgreifen kann. Das ist gut, andererseits aber auch kein schönes Gefühl, wenn das zuvor Erwirtschaftete wie bei einem einarmigen Banditen durchrattert.

Was hat Ihnen bisher geholfen, durch die Krise zu kommen?
Die enge Kundenbindung und sehr viel Eigeninitiative. Im August 2020 habe ich nebenan ein Geschäft für Wohnaccessoires und Geschenkartikel eröffnet; das hat einiges aufgefangen. Im ersten Lockdown habe ich Kundinnen angerufen und ihnen individuelle  Bekleidungspakete kontaktlos vorbeigebracht und das wieder abgeholt, was nicht in Frage kam. Im zweiten Lockdown haben wir vormittags und nachmittags über eine Theke vor dem Geschäftseingang verkauft. Wir haben zwischen den Lockdowns vier kleine Modenschauen in Absprache mit dem Ordnungsamt gemacht, wir produzieren und posten Videoclips.
Als inhabergeführtes Geschäft mit einer fast vierzigjährigen Tradition vor Ort ist die persönliche Beziehung zu den Kundinnen das Wichtigste. Davon profitieren beide Seiten. Wenn ich Ware ordere, dann mache ich mir immer Gedanken, wem es gefallen könnte. Ich kaufe nicht einfach etwas ein, was ich für gut halte, sondern ich denke immer, dies könnte etwas für die eine Kundin sein, das gefällt vielleicht der anderen, und dann bestelle ich. Auch der Abverkauf reduzierter Ware läuft daher gut. Ich muss zugeben, in der Pandemie bin ich vorsichtiger mit dem Ordern geworden, zurückhaltender, aber ich gehe genauso vor. Und es ist mir sehr wichtig, dass das Geschäft gut aussieht, auch wenn der Verkauf nicht laufen kann wie sonst. Es gab Ladenlokale, da stand im Februar noch der dekorierte Weihnachtsbaum, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin schon im ersten Lockdown fast jeden Morgen in das Geschäft gegangen und habe schön dekoriert. Und die Bekleidungspakete, die habe ich nicht nur meinen Kundinnen im Ort, sondern selbstverständlich auch gern in Bonn und Köln nach Hause gebracht. Das alles kostet sehr viel Kraft, aber als Unternehmerin kann ich nicht durch die Krise kommen, wenn ich mich einfach ergebe und nichts mehr tue.

Wenn Sie mit anderen Unternehmer*innen vor Ort sprechen: Wie wirkt sich die Pandemie bislang auf Handel und Gewerbe vor Ort aus?
In Erftstadt-Lechenich haben wir noch viele inhabergeführte Unternehmen. Das bedeutet ein großes persönliches Engagement, und das wirkt sich positiv aus. Zwar gibt es auch hier mittlerweile auch schon einige Leerstände, die aber nicht zwangsläufig auf die Pandemie zurückzuführen sind. Auch ein Mitglied der AHAG musste schließen. Insgesamt ist das Stadtbild noch in Ordnung. Ob und wie lange das so bleibt, hängt aber sicher auch davon ab, ob bald Lockerungen im Geschäftsbetrieb möglich sind.

Was sind Ihre konkreten Forderungen an finanzielle Hilfen seitens der Politik?
Für kleine inhabergeführte Unternehmen, für Handel und Gewerbe vor Ort, muss es viel mehr Unterstützungsmaßnahmen geben. Uns lässt die Politik doch gerade am langen Arm verhungern. Große Unternehmen und Konzerne bekommen riesige Summen. Das führt auch zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft. Der Mittelstand wird immer dünner. Und die einzelnen Finanzhilfen müssen einfacher zu verstehen und zu beantragen sein. Da blicken ja selbst Steuerfachleute kaum durch.

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