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"Als Geschäftsführerin lebe ich inzwischen von meiner Altersvorsorge." Foto: Shirin Steinmann
01.2021

"Ich erwarte umsetzbare Konzepte"

Interview mit Shirin Steinmann, Geschäftsführerin der Event- und Künstleragentur Comedia

Wie war und ist die Lage Ihres Unternehmens während der Pandemie?
Unser Kerngeschäft seit 27 Jahren sind große B2B-Veranstaltungen ab ca. 250-300 Teilnehmern. Im März 2020 ist die komplette Eventbranche eingebrochen, und meine Agentur hat seitdem einen Totalausfall, da sämtliche Firmen- und Messeveranstaltungen storniert wurden. Sogar kleinere B2C-Veranstaltungen, die wir selbst organisiert haben, mussten aufgrund der Auflagen wieder abgesagt werden. Das gleiche gilt für unseren Künstlerbereich: Keine Veranstaltungen, das bedeutet auch keine Künstlerbuchungen.

Wie finanzieren Sie sich, wie hoch sind Ihre Einbußen, haben Sie Hilfen in Anspruch genommen?
Mitarbeiter wurden entlassen bzw. sind auf 100% Kurzarbeit. Wir haben im Frühjahr 2020 die erste Soforthilfe von 9.000 Euro erhalten, aber davon werden wir viel zurückzahlen müssen, da wir durch das massive Herunterfahren kaum noch förderfähige Betriebskosten haben. Bisher haben uns unsere Rücklagen über Wasser gehalten. Die sind jetzt aufgebraucht. Ich habe ein Darlehen aufgenommen. Das reicht noch maximal drei Monate. Als Geschäftsführerin lebe ich inzwischen von meiner Altersvorsorge.

Was haben Sie an Hygiene- und Schutzmaßnahmen umgesetzt, worin investiert?
Da ich mit meiner Agentur selbst keine Location betreibe, kann ich mir momentan nur möglichst viel Wissen über geeignete Konzepte und Maßnahmen aneignen. Ich habe mich für eine Online-Weiterbildung als Hygienebeauftragte im Veranstaltungswesen angemeldet. Mein Wissen kommt später zum Einsatz, wenn wieder Live-Veranstaltungen stattfinden. Dass ich meine Mitarbeiter und Künstler dann mit den geeigneten Schutzmasken ausstatte, Hygienemittel bereitstelle und wir Abstand einhalten, ist selbstverständlich.

Was würden Sie tun, um wieder öffnen zu können?
Solange keine Live-Veranstaltungen stattfinden dürfen, sind mir die Hände gebunden. Das gleicht einem Berufsverbot in meinem Kerngeschäft. Das bisherige Geschäft ist tot. Ich
schaue mich momentan nach anderen, branchenverwandten Geschäftsfeldern um. Ich investiere in Online-Veranstaltungs-Formate. Die sind nur auf bestimmte Events anwendbar, die bisher nicht zu meiner Kernkompetenz gehörten. Da versuche ich, die Agentur jetzt neu aufzustellen.

Was sind Ihre Zukunftsplanungen?
Ich habe gerade aktiv an einer sehr erfolgreichen gestreamten Hausmesse eines großen Softwareunternehmens teilgenommen. Diese internationale Messe ist der Versuch, mit hybriden Veranstaltungen einen Live-Veranstaltungscharakter online herzustellen und Menschen auch emotional zu berühren. Es ist extrem aufwändig und hat sehr gut funktioniert. Da sammle ich gerade Erfahrungen und gehe davon aus, dass es damit während und nach Corona weitergeht. Für den Künstlerbereich fokussiere ich mich immer mehr auf Online-Marketing.

Was erwarten Sie jetzt und künftig von der Regierung und Verwaltung?
Ich erwarte umsetzbare Konzepte, unter denen Veranstaltungen wieder ermöglicht werden. Nur wenn wir arbeiten dürfen, werden wir wieder Geld verdienen. Und zwar mit klaren Ansagen und Verlässlichkeit, damit wir wissen, wie es mit unserer Branche weitergeht. Außerdem eine realistische finanzielle Unterstützung. Das betrifft zum einen den Unternehmerlohn in der Soforthilfe. Der hat noch nicht einmal für die Krankenversicherung gereicht. Zum anderen geht die Eingrenzung der Betriebsausgaben völlig an der Wirklichkeit vorbei.

Das Interview führte Barbara Willms


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