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Foto: Ulrich Kaifer
Porträt

„Es wird zu viel gejammert!“

In unserer Serie „Jetzt mal Klartext!“ kommen Unternehmerinnen und Unternehmer direkt zu Wort: Welche Qualitäten hat ihr Standort? Wo gibt es Mängel? „IHKplus“-Autor Werner Grosch hat mit Hans-Jakob Reuter, IT-Unternehmer aus Overath, gesprochen.

Herr Reuter, wie lockt ein mittelständisches Software-Unternehmen Nachwuchs nach Overath?

Wir setzen seit einigen Jahren mit Erfolg auf die lokale Ebene, pflegen Kooperationen mit Schulen und Hochschulen und werben hier vor Ort für uns als Arbeitgeber. Natürlich wollen die meisten jungen Leute in die große Stadt – und wenn sie erst mal weg sind, holt man sie auch nicht mehr zurück. Aber wir können einige halten: Alleine dieses Jahr stellen wir acht neue duale Studenten ein. Dabei überzeugen wir sie von unserem Teamgeist und von unseren Innovationen, denn das, was wir mit der SAP gemeinsam machen, ist schon einzigartig.

Wäre das nicht anderswo leichter?

Nein! In Köln zum Beispiel ist die Konkurrenz unter den Unternehmen um den Nachwuchs ja noch viel größer. Da würde ich eher ins Ausland gehen. Aber ich sehe auch eine Verantwortung von Arbeitgebern für ihren Standort. Wenn wir da nichts tun, dann sind Regionen wie das Bergische oder die Eifel irgendwann nur noch so etwas wie Freilichtmuseen, in denen man die Vergangenheit bestaunen kann, wo aber nichts Neues mehr passiert.

Und wie halten Sie die Leute?

Wichtig ist vor allem ein Gemeinschaftsgefühl in der Firma. Das pflegen wir zum Beispiel mit sportlichen Team-Events wie erstmalig in diesem Jahr den „Mud Masters“ in Weeze, wo man gemeinsam durch den Schlamm robbt und Hindernisse überwindet. Mitgemacht haben 15 Leute, mit etwa fünf hatte ich fürs erste Mal gerechnet.

Wo wünschen Sie sich denn bessere Bedingungen, mehr Rückendeckung, politische Aktion?

Beim Thema Arbeitszeit. Die starren Regelungen dafür sind völlig veraltet. Hier muss der Gesetzgeber für mehr Flexibilität sorgen, und da sollte sich die IHK auch stärker engagieren. Eine Mitarbeiterin, die sich nachmittags um ihr Kind kümmern muss, aber gerne abends noch ein paar Stunden arbeiten würde, soll das auch dürfen!

Sie haben ein Software-Unternehmen – da liegt das Thema Datenleitungen auf der Hand.

Ja natürlich, schon deshalb, weil wir zum Beispiel jeden Tag vier Stunden mit unserem Standort in Indien skypen. Aber auch da sehe ich uns Unternehmer selbst in der Verantwortung und bin da auch kritisch gegenüber manchen Kollegen, die in Richtung Politik jammern. Wer Breitband braucht, soll es ganz oben auf seine Prioritätenliste setzen!

Wir haben das direkt mit einem Anbieter geregelt, uns finanziell beteiligt, und dann hat es auch funktioniert. Auf die Politik schimpfen kann man bei einem anderen Thema…

Welchem?

Die Verkehrsinfrastruktur. Was da heute versäumt wird, ist eines der größten Vergehen an unserer Gesellschaft. Da werde ich wirklich wütend, weil ich selbst keine Handhabe besitze. Generell aber ist viel wichtiger, dass wir als Unternehmen unsere Energien bündeln. Gesellschaftliche Geschlossenheit auf lokaler Ebene – darum geht es!

DER UNTERNEHMER

Hans-Jakob Reuter ist Mitgründer und gemeinsam mit Stefan Hilger Geschäftsführer des Unternehmens Gicom, das an seinen zwei Standorten in Overath (Rheinisch-Bergischer Kreis) rund 60 Menschen beschäftigt und einen weiteren Standort in Indien hat. Gicom entwickelt Software für den Handel auf Basis von SAP und hat Kunden in mehr als 16 Ländern. Reuter engagiert sich für die Unternehmen vor Ort auch im IHK-Wirtschaftsgremium Overath.

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