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Die Europafahne vor dem Hauptgebäude der IHK Köln. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

„Es ist so herrlich unkompliziert!“

Die meisten britischen Firmen sind „not amused“: Sie wissen, welche Nachteile ihnen der Brexit bringen wird. Denn sie wissen um die Vorteile des Binnenmarktes, die ihnen in Kürze abhandenkommen werden. Von diesen Vorteilen handelt die IHKplus-Titelgeschichte.

Text: Lothar Schmitz

Einer der bemerkenswertesten Kommentare zum Brexit-Geschehen stammt von der Autorin und Publizistin Carolin Emcke, die 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. „Den Brexit-Hardlinern gilt Dank“, schrieb sie Ende November in der „Süddeutschen Zeitung“: „Kaum jemand hat in der jüngeren Geschichte mehr für Europa geleistet als diejenigen, die Europa für überflüssig erklären.“ All die Nationalisten, die gegen multilaterale Vereinbarungen zu Felde gezogen seien, hätten eindrücklich vorgeführt, dass es den autonomen Nationalstaat längst nicht mehr gebe. „Es gibt ein Europa, das so eng miteinander verflochten ist, dass es nur transnational denken und handeln kann.“

Für Axel Steinkuhle ist diese enge Verflechtung ein Grund zu großer Freude: „Ich liebe den
Binnenmarkt, er ist so herrlich unkompliziert!“ Vor vier Jahren gründete er in Köln die evrbit
GmbH. Das Unternehmen macht sich die zunehmende Digitalisierung zunutze, es hat sich unter
anderem auf Virtual Reality (VR) spezialisiert. Die bei evrbit entwickelte Software sorgt im Verbund mit VR-Brillen zum Beispiel dafür, dass in der Weiterbildung große Teams ortsunabhängig Kleingruppen bilden können, die dann gemeinsam synchron an einer Aufgabe arbeiten können. Die „Virtual Reality App für den Biologieunterricht“ von Samsung Electronics und dem Cornelsen-Verlag basiert zum Beispiel auf evrbit-Software. Auch VR-Kino bei Großveranstaltungen mit 500 und mehr Menschen macht die Software des Kölner Start-ups möglich.

International orientiert: Silke Kachtik und Axel Steinkuhle von evrbit.
Foto: Olaf-Wull Nickel

„Wir waren von vornherein international orientiert“, sagt Silke Kachtik, die bei evrbit für Kommunikation und Strategie verantwortlich ist. „Wir besetzen eine kleine Nische, deshalb haben
wir früh ausländische Märkte erschlossen.“ Kunden hat evrbit weltweit, doch die EU-Länder
bilden einen deutlichen Schwerpunkt. „Auch, weil es, wie gesagt, so unkompliziert ist“, betont
Steinkuhle.

Das Unternehmen steht mit seinem Geschäftsmodell vor mehreren Herausforderungen: „Wir schicken Hard- und Software hin und her“, erläutert Kachtik, „oft kurzfristig und in der Regel
nur für einen oder wenige Tage.“ Was in einem Binnenmarkt keine Schwierigkeiten bereitet,
ist bei der Ausfuhr in einen Drittstaat mit erheblichem Aufwand und Kosten verbunden. „Wir
mussten mal 80 VR-Geräte so kurzfristig nach Dubai bringen, dass wir die herkömmlichen
Prozesse nicht einhalten konnten“, erzählt Steinkuhle, „deshalb mussten 36.000 Euro für
Einfuhrzölle gezahlt werden.“

Innerhalb des EU-Binnenmarkts laufe alles wunderbar, ergänzt Kachtik; sobald ein Drittstaat
ins Spiel komme, werde es für Kunden schnell unwirtschaftlich. Das Problem: „Wir können unseren gewohnten Full Service außerhalb der EU nicht aufrechterhalten“, bedauert sie und hofft auf die Zukunft: „Es wird einfacher werden, wenn wir keine Hardware mehr ausführen müssen und nur noch die Lizenzen vergeben, aber so weit ist der Markt noch nicht.“

Einheitliche technische Standards

Der Binnenmarkt spart also Kosten. Es herrscht freier Waren-, Personen- und Dienstleistungsverkehr, außerdem gibt es keine Binnenzölle. Ein großes Plus für die Unternehmen.
Ein weiteres: „einheitliche technische Standards und Normen“, sagt Josef Bauer. Er ist Exportleiter
bei der PFLITSCH GmbH & Co. KG, einem oberbergischen Traditionsunternehmen mit Sitz in
Hückeswagen, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert. Das Unternehmen stellt
Kabelverschraubungen und Kabelführungen für Industriekunden her und liefert in 50 Länder
weltweit, darunter praktisch alle EU-Staaten, aber auch Drittstaaten wie die Schweiz und
Russland, zudem nach Asien und in die USA.

Für PFLITSCH sind die Normen und Standards ein wesentlicher Aspekt im Auslandsgeschäft,
„mehr noch als Zölle“, sagt Bauer. „Das macht unser Geschäft innerhalb der EU wesentlich
einfacher!“ Beim Handel mit Ländern, in denen viele eigene, oft abweichende Normen gelten,
müsse man, bevor ein Geschäft zustande kommt, viel mehr abfragen und klären. Zudem schätzt Bauer, ebenso wie evrbit-Geschäftsführer Steinkuhle, den einheitlichen Rechtsrahmen, die verlässlichen Spielregeln innerhalb der EU. „Sie müssen bei Lieferungen in EU-Staaten zum Beispiel keinerlei Importbestimmungen beachten“, sagt Bauer, „das reduziert den Aufwand erheblich.“

Einheitliche Normen sind für Josef Bauer von PFLITSCH besonders wichtig.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Die EU, Deutschland eingeschlossen, ist für das oberbergische Unternehmen der wichtigste
Markt. Aber es liefert, wie gesagt, auch in viele Länder außerhalb der EU. Dabei gilt es, zwischen
zwei Gruppen zu unterscheiden: Ländern wie der Schweiz, die zwar als Drittland gelten, mit
denen die EU jedoch Abkommen getroffen hat, um zollrechtliche Vorzugsbehandlungen gewähren
zu können. Und solchen, mit denen es kein Abkommen gibt, etwa Russland oder die USA. „Das bedeutet mehr Formulare und mehr Aufwand“, stellt Bauer klar.

Eine ganze Liste von Vorteilen

Die Unternehmen im IHK-Bezirk Köln sind – wie die deutsche Wirtschaft insgesamt – sehr
exportorientiert. Die Ausfuhrquote des produzierenden Gewerbes in der Region liegt bei 54 Prozent – fast zehn Prozent höher als die entsprechende NRW-Quote. Zu den wichtigsten Märkten zählen die Länder der Eurozone. Wie das Exportbarometer 2018 der IHK Köln zeigt, wird die Eurozone von 68 Prozent der Unternehmen als Hauptabsatzmarkt genannt.

Die hiesige Wirtschaft profitiert also erheblich von der EU. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht:
Die Stichworte Binnenmarkt, Wegfall von Binnenzöllen, Freizügigkeit, einheitlicher Rechtsrahmen
und einheitliche technische Standards fielen schon. Weitere Pluspunkte: Niederlassungsfreiheit,
Harmonisierung bei den Umsatzsteuern, Anerkennung von Ausbildungsstandards, Austausch
von Azubis, Praktikanten und Fachkräften, EU-Förderprogramme für Forschung und Entwicklung.

Forschung und Innovation beispielsweise sind unerlässlich, um neue Produkte zu entwickeln und Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. „Um Innovationen auf den Weg zu bringen, unterstützt
die Europäische Union auch und gerade kleine und mittelständische Unternehmen mit einem gut dotierten Förderprogramm wie dem ‚KMU-Instrument‘ aus dem Forschungsrahmenprogramm
‚Horizon 2020‘“, erklärt Detlef Kürten, Leiter Innovation und Technologie der IHK Köln. Er weiß allerdings auch, dass die Hürden hoch sind und deshalb viele Unternehmen zögern, sich zu bewerben, selbst wenn sie erheblich profitieren könnten. Die IHK bietet deshalb eine Erstberatung und führt zudem eine Liste mit Beraterinnen und Beratern, die sich auf EU-Fördermittel spezialisiert haben. Zudem informiert sie interessierte Mitgliedsbetriebe bei einer Veranstaltung im Rahmen der „Kölner Themenwochen Europa“ Ende April (s. Infokasten).

Wertvolle EU-Förderung

Die Nurogames GmbH bewirbt sich regelmäßig um EU-Fördermittel aus dem „Horizon 2020“-
Programm. Das Kölner Unternehmen, 2006 von Jens Piesk gegründet, erfindet und entwickelt
Apps, unter anderem für Games, Serious Games, Virtual und Augmented Reality, E-Health, E-Learning und andere Einsatzbereiche. Nurogames setzt auf EU-Förderung, weil die Entwicklung
hochwertiger Apps immer mit Risiken verbunden ist. „Die Entwicklung dauert oft viele Monate“,
erzählt er, „und es ist mitunter schwer einzuschätzen, ob das, was wir uns jetzt ausdenken, in einem oder zwei Jahren auf dem Markt gut ankommt.“

Nun gehört Risiko zum Dasein eines Unternehmers. „Aber die Förderung erhöht unsere Möglichkeiten, Innovationen auszuprobieren, die wir ansonsten nicht ausprobieren könnten“, sagt
Piesk. Je nachdem, wie hoch die Fördersumme ausfalle, die stets an einen Verbund von mindestens drei beteiligten Firmen oder Organisationen aus drei EU-Ländern geht, seien damit eine oder zwei Arbeitsstellen über drei Jahre (ko-)finanziert. „Das“, betont Piesk, „ist beträchtlich und eröffnet viele Chancen!“

Jens Piesk (r.) nutzt für seine Firma Nurogames EU-Fördermittel.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Die EU – Impulsgeber in der Welt
Die IHKs in Deutschland und ihre Spitzenorganisation in Berlin und Brüssel treten dafür ein, dass die EU "wieder zu einem Impulsgeber in der Welt wird", wie es beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) heißt. Ende Januar stellte der DIHK in Brüssel seine „Europapolitischen Positionen 2019“ vor und versandte sie an die Abgeordneten des EU-Parlaments sowie Vertreter der EU-Kommission. Darin fordert die IHK-Organisation unter anderem bürokratische Erleichterungen innerhalb der EU und den Abbau von Handelshemmnissen im Geschäft mit Drittstaaten außerhalb der Union. Dies ist Teil eines zehn Punkte umfassenden Aktionsplans der IHK-Organisation zur Europawahl 2019, die zwischen 23. und 26. Mai 2019 stattfindet.

Zudem werden viele IHKs im Rahmen einer bundesweiten Europawoche an den Berufsschulen Gespräche von Unternehmerinnen und Unternehmern mit Schülerinnen und Schülern über Europa organisieren. Zudem plant der DIHK ein aktuelles Unternehmensbarometer zu den Europawahlen.

Was Europa für uns tut
Der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments hat eine neue Website veröffentlicht. Sie heißt „What Europe does for me“ und verdeutlicht, welche Vorteile die EU für Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen hat – und zwar ganz konkret. Wer „Köln“ eingibt, stößt zum Beispiel auf ein Forschungsprojekt zur Bekämpfung von Lungenkrebs, an dem die Universität zu Köln beteiligt ist. Es wird mit rund 3,5 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Ein Klick auf „Rhein-Erft-Kreis“ führt unter anderem zu einem aus Mitteln des Europäischen
Sozialfonds (ESF) kofinanzierten Bergheimer Modellprojekt zur Integration von
jungen Erwachsenen in Ausbildung, Arbeit, Beruf und Gesellschaft.

Mobilitätsberatung der IHK Köln
Immer mehr deutsche Unternehmen sind auf internationalen Märkten tätig. Gleichzeitig steigt die kulturelle Vielfalt bei Kunden und eigenen Beschäftigten stetig – eine spannende Entwicklung des beruflichen Alltags, die Unternehmen, Ausbilder, Auszubildende und Fachkräfte vor neue Herausforderungen stellt. Um diese zu meistern, braucht es internationale Erfahrung, Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenz. Durch Lernaufenthalte im Ausland – ob Praktika während oder nach der Ausbildung, Hospitationen oder Bildungsreisen – erwerben Auszubildende und Fachkräfte die notwendigen Kompetenzen und machen sich fit für die Anforderungen der modernen Berufswelt. Die Mobilitätsberatung der IHK Köln unterstützt Unternehmen und Azubis. Eine Förderung der Reisekosten ist im Rahmen des EU-Programms „Erasmus+“ möglich.
Kontakt: Marie Hoffmann, Tel. 0221 1640-6832, marie.hoffmann@koeln.ihk.de


Der IHK-Exportleiterkreis – Von Praktikern für Praktiker
Im Exportleiterkreis der IHK Köln treffen sich viermal jährlich Vertriebsmanager*innen von Mitgliedsunternehmen, um sich über internationale Märkte auszutauschen. Was bedeuten der Brexit oder das Freihandelsabkommen mit Japan für das Exportgeschäft? Wie lassen sich Exportgeschäfte finanziell absichern? Wie entwickeln sich wichtige Absatzmärkte, und welche Auslandsmessen lohnen sich? Leiter des Exportleiterkreises ist Josef Bauer von der PFLITSCH GmbH & Co. KG.
Interessenten für diesen branchenübergreifenden Erfahrungsaustausch wenden
sich an: Andreas Schäfer, Leiter Außenwirtschaftsberatung, Tel. 0221 1640-1552, andreas.schaefer@koeln.ihk.de

Kölner Themenwochen Europa
Die Kölner Wissenschaftsrunde veranstaltet zwischen 1. April und 28. Mai die ersten „Kölner Themenwochen“ zum Thema Europa. Veranstaltungen widmen sich unter anderem „Lehren aus den Brexit-Kampagnen“, der Frage „Wie viel Europa steckt in Köln?“, „Aufgaben der Luft- und Raumfahrt in Europa“ oder der „Europäischen Wirtschaftsintegration“.

Auch die IHK Köln beteiligt sich, und zwar mit der Informationsveranstaltung „Niemals! … Oder doch? Was bringen Europäische Förderprogramme für Unternehmen?“ am 29. April (16-19 Uhr) im Merkens-Saal. Unter anderem berichtet Dr. Petra Oberhagemann von der Nationalen Kontaktstelle Innovation in KMU in Bonn über „Erfahrungen und Ergebnisse – Vorteile für kleine und mittlere Betriebe mit europäischen Förderprogrammen“.

Reisen und Veranstaltungen
Im Jahr 2019 plant die IHK Köln eine Reihe weiterer Aktivitäten im Bereich Internationales. So sind beispielsweise Veranstaltungen zu den Themen Brexit, China, Türkei, zum Markteinstieg in Österreich oder zur Welthandelsorganisation WTO vorgesehen. Im Bereich der Publikationen arbeitet die IHK Köln am neuen Außenwirtschaftsreport von IHK NRW und dem Bericht „Ausländische Unternehmen im Rheinland“ mit.

Hinzu kommen einige Reisen mit Delegationen der hiesigen Wirtschaft, darunter ein Besuch vom 10. bis 12. April in der Kölner Partnerstadt Indianapolis. Interessierte Unternehmen können sich bei Andreas Schäfer melden: Tel. 0221 1640-1552, andreas.schaefer@koeln.ihk.de


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