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Foto: Ulrich Kaifer
Porträt

„Es fehlt der Mut“

In unserer Serie „Jetzt mal Klartext!“ kommen Unternehmerinnen und Unternehmer direkt zu Wort: Welche Qualitäten hat ihr Standort? Wo gibt es Mängel? „IHKplus“-Autor Georg Watzlawek hat mit Heinz P. Hinterecker gesprochen, Immobilienmakler und Projektentwickler in Bergisch Gladbach.

Herr Hinterecker, womit kann Bergisch Gladbach als Standort punkten?

Wir profitieren von der Nähe zu Köln und der Lage im Kraftzentrum NRW. Wohnumfeld und Freizeitangebote sind großartig, vieles ist lebenswerter und preiswerter als in der Großstadt. Bensberg liegt günstig an der A4 und der Straßenbahn. In Gladbach gibt es Handel, Wandel, Infrastruktur. Also müssten wir von zwei Standorten reden, die beide sehr gut sein könnten.

Sie sind es aber nicht? Wo liegen die Probleme?

In Gladbach ist es der Verkehr, in Bensberg gibt es keine freien Gewerbeflächen.

Bleiben wir beim Verkehr. Was fehlt konkret?

Ein Zubringer vom Zentrum zum Fernstraßennetz. Nach wie vor halte ich die alte Bahndammtrasse für fast genial. Sie tangiert die großen Gewerbegebiete  und reicht bis in die Innenstadt. Wir brauchen aber auch ein Netz von Radschnellwegen, besseren Busverkehr, den 10-Minuten-Takt bei der S-Bahn. Mein Lieblingsprojekt wäre aber eine Seilbahn – von der S-Bahn in Gladbach rauf nach Kürten-Spitze und von der KVB-Endhaltestelle in Bensberg bis Spitze.

Im Ernst, eine Seilbahn? Wie realistisch ist das?

Ich bin Österreicher, ich weiß, wovon ich rede. Eine Seilbahn kostet weniger als eine Straßenbahn, ist bei geringem Personalaufwand rund um die Uhr bedarfsgerecht einsetzbar und kann über 4000 Personen pro Stunde befördern. Das müsste mal jemand in die Hand nehmen und eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben.

Mit der Seilbahn rauf nach Moitzfeld und Spitze. Aber Arbeitsplätze gibt es dort nicht ...

Doch, rund um den Technologiepark in Moitzfeld gibt es davon sehr viele – und es werden mehr. In Spitze entsteht ein neues Gewerbegebiet und dazu könnte man auch den Pendlerverkehr nach Köln entzerren.  Aber damit sind wir beim zweiten großen Problem. Es gibt in Bergisch Gladbach fast keine geeigneten Gewerbeflächen. Eine ganze Reihe von Firmen suchen Expansionsflächen. Sie würden gerne bleiben, aber ihnen fehlt der Platz für Wachstum. Innovative Firmen von außerhalb können wir schon gar nichts anbieten.

Bergisch Gladbach arbeitet an einem neuen Flächennutzungsplan, der 50 Hektar an Gewerbeflächen vorsieht. Bietet das einen Ausweg?

Wir müssten eigentlich 100 Hektar ausweisen. Die Verwaltung hatte 55 Hektar vorgeschlagen, jetzt sind es noch knapp 50. Also netto 35 Hektar, die erschlossen wären.  Verteilt auf 20 Jahre Laufzeit ist das nichts, gar nichts.

Warum werden die Interessen der Unternehmer nicht ausreichend berücksichtigt?

Es sind ja nicht nur die Interessen der Unternehmer. Es geht um Arbeitsplätze, um Ausbildungsplätze. Und um die Chance, in Wohnortnähe arbeiten zu können. Leider fehlt im Stadtrat der Mut, Dinge nach vorne zu bringen – auch gegen Widerstände.

Haben auch die Unternehmensvertreter Fehler gemacht?

Das ist sehr komplex, wahrscheinlich haben wir immer noch zu wenig erklärt, worum es geht. Früher war Gladbach eine Industriestadt mit rauchenden Schloten und verseuchten Bächen – aber heute doch nicht mehr. Modernes Gewerbe ist sauber und besteht nicht nur aus Industrie. Auch Handwerker brauchen Gewerbeflächen. Letztlich ist es die Aufgabe der Politik, die Bürger zu informieren, mitzunehmen, zu begeistern. Am Ende müssen Mehrheiten stehen, die für die Gesellschaft richtig sind.

Widerstand und auch Vorbehalte in der Politik machen sich daran fest, dass die Straßen schon heute völlig überlastet sind. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, wir brauchen ein umfassendes, ganzheitliches, überregionales Verkehrskonzept, das für eine echte Entlastung sorgt. Sonst kommt Bergisch Gladbach nicht voran.

Heinz P. Hinterecker hat sich 1969 als Immobilienmakler in Bergisch Gladbach-Bensberg selbständig gemacht; als Projektentwickler war er an vielen Ansiedlungsprojekten beteiligt. Er engagiert sich in der „Initiative Leben und Arbeiten in GL“ und in der Industrieakzeptanz-Initiative.

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