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Jutta Kirberg engagiert sich bei #AlarmstufeRot, da sie befürchtet, dass der Veranstaltungsbranche eine riesige Pleitewelle droht. Foto: Aliki Monika Panousi
2020

"Eine gigantische Pleitewelle droht."

Jutta Kirberg ist geschäftsführende Gesellschafterin der Kirberg GmbH Catering Fine Food, gastronomischer Partner von KölnKongress in der Kölner Flora und Mitglied des IHK-Ausschusses Gastronomie, Touristik und Veranstaltungsbranche. Barbara Willms sprach Anfang November mit ihr über die Folgen der Pandemie für die Veranstaltungsbranche.

Womit macht Kirberg Catering „normalerweise“ den größten Umsatz, was sind die typischen Events, die typischen Kunden?
Seit 1993 arbeiten wir als Eventcaterer bundesweit vor allem für nationale und internationale Konzerne, familiengeführte Unternehmen, Banken, Versicherungen und Beratungsfirmen. Seit 2014 sind wir zudem gastronomische Partner von Kölnkongress in der Flora und damit in der schönsten Eventlocation am Rhein, in der wir zwischen Februar und Oktober auch eine sehr erfolgreiche Aussengastronomie betreiben. Den Geschäftsbereich Messecatering konnten wir ab 2017 als lokale Marke für Standcatering, Großevents und Messepartys auf der koelnmesse weiter ausbauen. Unsere Karriere begann 1982 als Caterer für nationale und internationale Größen des Musikbusiness. Wir bedienen die verschiedensten Eventformate -  überall dort, wo die Gastgeber und Gäste gutem Essen und Trinken sowie einem ausgezeichneten Service zugewandt sind. Unser Leistungsspektrum reicht von kleinen feinen Dinnern für eine handverlese Zahl an V.I.P.s bis zu Firmenevents, zu denen mehrere 100 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft geladen sind. Wir werden mit dem Catering beauftragt zu deutschlandweiten Produktpräsentation. In diesem Rahmen kommt es auch vor, dass wir im Ausland tätig sind. So waren wir im Februar für einen namenhaften Automobilhersteller in Bilbao und haben für 600 geladene Gäste einer Produkteinführung gekocht. Für Messeveranstaltungen mit mehreren 1.000 Gästen inszenieren wir marken- und kundenkonforme Genusskonzepte und servieren im Rahmen von Großveranstaltungen wie dem G20 Gipfel in Hamburg frisch Zubereitetes und fein Abgeschmecktes aus der Kirberg Küche. Darüber hinaus werden wir für private Feiern engagiert, auch dort machen wir Catering einmalig.

Welche Rolle spielt Dank Augusta?
Das Gartenlokal Dank Augusta ist unsere Marke für Köln. Im Botanischen Garten gegenüber dem Kölner Zoo gelegen, ermöglichen wir in der Dank Augusta allen Kölnern und Köln-Besuchern mit unseren im Picknick Style verpackten Speisen im Glas eine entspannte Auszeit mitten im Grünen und das ganz stadtnah! Ab Mitte Mai konnten wir auf der Terrasse des Gartenlokals Dank Augusta unter strenger Einhaltung der Coronaregeln öffnen und unsere Gäste herzlich willkommen heißen. Das Glücksgefühl, wieder arbeiten zu können, war unbeschreiblich.

Ein Dreivierteljahr nach Ausbruch der COVID19-Pandemie: Wie steht Ihr Unternehmen da? Wie sieht es mit dem Umsatz im Vorjahresvergleich aus? Mit der Kurzarbeit? Mussten Sie Mitarbeiter entlassen? Auf Honorarkräfte verzichten?
Aktuell sind wir faktisch seit Mitte März in unserem Kerngeschäft ohne Arbeit, da Veranstaltungen zum Schutz der Gesellschaft seit dem Zeitpunkt weitestgehend verboten sind. Bedingt durch die Maßnahmen, die eingesetzt werden, um gegen die Corona-Pandemie vorzugehen, erbringt die gesamte Veranstaltungswirtschaft zum Wohl der Gesellschaft ein Sonderopfer!
Kirberg Catering, das inhabergeführte Unternehmen mit heute rund 100 Mitarbeitern, ist seit fast 40 Jahren am Markt. Coronabedingt verlieren wir gegenüber dem Vorjahr seit März 2020 Umsätze in Höhe von 90 Prozent.
Zu Beginn der Krise war Kirberg Catering ein kerngesundes Unternehmen, ausgestattet mit einer Eigenkapitalquote von 51 Prozent. Um zu überleben und das Unternehmen durch die Krise führen zu können, verlieren wir derzeit unser gesamtes Eigenkapital und werden uns komplett unverschuldet in absehbarer Zeit verschulden müssen. Schwerwiegend ist, dass wir auch für die kommenden Monate erkennbar keine Perspektive haben.
Schwer getroffen sind die 1,1 Mio Mitarbeiter der Branche, die von heute auf morgen nicht mehr arbeiten durften.
Bei Kirberg Catering sind seit Mitte März ca. 80 Prozent der rund 100 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Der Shutdown im November hat die Situation erneut verschärft und die Unsicherheit sowie die nervliche Belastung der betroffenen Menschen vergrößert. Entlassen haben wir bislang niemanden, da hilft die Kurzarbeit.
Aber es wird nicht leichter, den Mitarbeitern eine Perspektive zu geben, solange wir als Unternehmer keine Perspektive erhalten um zielgerichtet unternehmerisch handeln zu können. Aktuell ist es so, dass die To Do´s von heute morgen schon nicht mehr umzusetzen sind und das, obwohl wir alle an coronakonformen In- und Outdoorkonzepten arbeiten und die Nachverfolgbarkeit von möglichen Infektionsketten im Rahmen von professionell durchgeführten Veranstaltungen zu jeder Zeit gegeben ist.

Großveranstaltungen sind momentan nicht möglich – wie haben Sie Ihr Angebot der Situation angepasst?
Intern hatten wir schon im April um den Kontakt mit unseren Mitarbeitern nicht zu verlieren Kirbergs COOKING DATE online entwickelt. Gemeinsam digital kochen schafft Nähe. Wir haben Rezepte entwickelt, die Rezepte an die Mitarbeiter geschickt, die Zutaten gekauft haben, haben uns auf einer digitalen Plattform getroffen und dann  – jeder in seiner Küche - gemeinsam vor‘m Bildschirm unter Anleitung gekocht.
Das war so schön, dass wir die Idee unseren Kunden angeboten haben und nun schon eine Menge COOKING DATES hatten. Unsere Kunden und deren Kunden oder Mitarbeiter müssen allerdings nicht selbst einkaufen gehen. Wir verschicken die Zutaten an die einzelnen Teilnehmer per 24-Stundenzustellung.
Mit Event@home haben wir ein ganz privates Genusserlebnis für Zuhause angeboten. Wir haben uns gedacht, wenn die Gäste Event nicht in Locations machen können, dann machen wir Event bei den Gästen zuhause. Die Idee war: Ab 10 Personen bringen wir alles mit, was z.B. ein Wintergrillen im heimischen Garten einmalig macht, bereiten vor Ort alles zu und freuen uns, wenn es sich unsere Gäste mit Kirberg Catering gut gehen lassen.

Was bieten Sie speziell für die Advents- und Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel an?
Wie beschrieben gibt es das COOKING DATE mit unterschiedlichen Ideen fürs gemeinsame Kochen in der eigenen Küche, dann die Idee Event@home; Kirberg´s GLÜCK im Glas gibt es als fein abgeschmeckte und schön verpacktes Dinner in ein, zwei oder drei Gängen für zwei Personen und mehr. Das GLÜCK im Glas verschicken wir gekühlt per Post.
Gutscheine, Präsentkörbe und Geschenkboxen mit hausgemachten Köstlichkeiten liefern und versenden wir, für alle, die in diesem Jahr nicht feiern können und ihren Mitarbeiten, Chefs und Kollegen eine Freude machen möchten.
Seit Mitte November gibt´s auf Bestellung „Gans schön lecker“ unser fix und fertig zubereitetes Gänsepaket zum Abholen in der Flora.

Ist Dank Augusta jetzt mehr als „vor Corona“ der feste Standort – auch für Ihre neuen Angebote?
In der Krise bot das Konzept der im Glas verpackten Speisen, die wir in der Dank Augusta seit  2014 gefüllt mit herzhaften und süßen Leckereien verkaufen, eine gute Möglichkeit neue Ideen rund um die Speisen im Glas zu entwickeln. Die Speisen werden von uns im Glas frisch zubereitet sowie sauber und chic verpackt im Glas, also coronakonform.
Unsere langjährigen Erfahrungen rund um die Speisen im Glas haben wir in der Krise genutzt und mit der Belieferung von Büros, Kantinen, Hotels und digitalen Veranstaltungen begonnen. Die Idee fand guten Zuspruch. Heute beliefern wir Firmen, Kanzleien und Agenturen in und um Köln und liefern Dank Augusta TO WORK zu Tagungen, Konferenzen oder einfach nur zur Mittagspause oder auch zu digitalen Eventformaten.
Durch die neuen Coronaregeln sind wir auch in der Dank Augusta digitaler geworden.

Was denken Sie über die finanziellen staatlichen Hilfsangebote?
Die staatlichen Überbrückungshilfen und Rettungspakete, die der Bund in Milliardenhöhe geschnürt hat, waren über lange Zeit so definiert und so unübersichtlich komplex, dass sie von den betroffenen Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft nicht vollumfänglich abgerufen werden konnten und demzufolge nicht bei den Unternehmen ankamen.
Es hat lange gedauert, bis die Veranstaltungwirtschaft endlich berücksichtigt wurde und eine Umsatzentschädigung real wurde. Das Aktionsbündnis #AlarmstufeRot konnte verhindern, dass es zu einer weitestgehenden Exklusion der Veranstaltungswirtschaft beim aktuellen Novemberprogramm der Bundesregierung und dem damit verbundenen Zugang zu Finanzhilfen
kommt. Auch dass nicht nur unmittelbar Veranstalter berücksichtigt werden, die direkt von den Schließungsanordnungen im Rahmen des November-Lockdowns betroffen sind, sondern auch deren Zulieferer, die also mittelbar von der Veranstaltungsschließung im November durch Einnahmeausfälle und Absagen betroffen sind, ist ein Hoffnungszeichen.
Auf Kundgebungen in den Bundesländern und bei zwei Großdemonstrationen am Brandenburger Tor in Berlin haben viele Zehntausende Menschen der Veranstaltungswirtschaft für eine Berücksichtigung der Branche in den finanziellen staatlichen Hilfsprogrammen gekämpft.

Sind die Probleme mit den staatlichen Hilfsangeboten gelöst?
Wir sind einen großen Schritt voran gekommen und haben viel erreicht, aber etliche relevante Probleme sind noch ungelöst. Beispielsweise bei der Anerkennung von Durchschnittsumsätzen: Klein- oder Einzelunternehmer mit wenigen Angestellten machen unregelmäßig Projekte im Jahr, entsprechend volatil sind ihre Umsätze und sie laufen Gefahr, bei der November- und
Dezemberhilfe durchs Raster zu fallen, wenn gerade in diesen beiden Monaten nichts lief. Besser wäre, bei Kleinunternehmern bis eine Million Euro Umsatz auch Quartals- oder Jahresdurchschnittsumsätze anzuerkennen. Ein weiteres Problem ist die Hürfe "80 Prozent Umsatzrückgang". Wir fordern, die Entschädigungsgrenze auf 50 Prozent Umsatzeinbruch zu senken und die Hilfen zu staffeln - wer 50 Prozenbt Einbruch hat, bekommt 50 Prozent, wer 60 Prozent hat, 60 Prozent, usw. Problem Nummer drei: Veranstaltungsdienstleister, Künstler und Kleinunternehmer haben Auslandseinsätze. Ihre Erträge hieraus versteuern sie in Deutschland. Aber diese Umsätze gelten nicht für die November- und Dezemberhilfe.
Problem 4: Verbundunternehmen sind nur antragsberechtigt, wenn der ganze Verbund 80 Prozent Umsatzeinbruch hat. Die Existenzgefährdung ist ja für das einzelne Unternehmen nicht aus der Welt, nur weil ein Schwesterunternehmen nicht die vollen 80 Prozent Einbruch hat.
Über #AlarmstufeRot fordern wir deshalb: Betriebe, die über 80 Prozent Umsatzeinbruch haben, müssen einzeln antragsberechtigt sein – egal, ob sie Teil einer Unternehmensgruppe sind.
Weitere Probleme gibt es bei der aktuellen Deckelung des Beihilferahmens, welche viel zu restriktiv ist und es fehlen klare Vorgaben für Steuerberater und Rechtsanwälte, die die Anträge stellen sollen.

Berichten Sie doch bitte einmal aus der Praxis von Gastronomie und Catering: Welche Maßnahmen erscheinen Ihnen sinnvoll und praktikabel, welche nicht, was ist verbesserungsfähig, was fehlt?
Grundsätzlich haben wir alle Verständnis dafür, dass es Maßnahmen geben muss, um gegen die Corona-Pandemie vorzugehen. Es ist so, dass wir im Eventcatering und in der Veranstaltungswirtschaft im allgemeinen immer strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen unterliegen, die wir mit Beginn der Pandemie weiter verschärft haben: Raumpläne erstellen, Abstand einhalten, Gäste reduzieren und registrieren, Nachverfolgbarkeit sicherstellen, Plexiglas installieren, Maskenpflicht, Lüften, Desinfizieren, Konzepte für die Durchführbarkeit von Veranstaltungen erarbeiten und genehmigen lassen… und dann „dürfen“ wir wieder schließen! 

Inwieweit können Gastronomen bei Infektionen mit COVID19 in die Haftung genommen werden? Warum ist eine Vereinheitlichung der Maßnahmen, sind einheitliche Standards – branchenübergreifend wie überregional – so wichtig?
Es sind schwierige Zeiten für die Veranstaltungsbranche, und die Verunsicherung ist groß. Daher sind einheitliche Maßnahmen und Standards auch zukünftig wichtig. Die Veranstalter haben Sorge, das Risiko zu tragen, dass sich Besucher auf Ihrer Veranstaltung mit dem Virus infizieren. Die Verantwortung möchte keiner tragen, auch wenn die Nachweisbarkeit schwierig zu erbringen ist. Das gilt auch für die Gastronomie. Der entstehende Schaden, zum Infektionsgeschehen beigetragen zu haben, ist groß und reicht von der negativen Berichterstattung über den Imageverlust, die mögliche Betriebsschließung und unter Quarantänestellung aller Mitarbeiter. 

Was halten Sie von Maßnahmen wie Alkoholverboten und Sperrstunden?
Aus meiner Sicht führen diese Maßnahmen vornehmlich zu einem unkontrollierbareren Infektionsgeschehen. Die Veranstaltungswirtschaft hat weitreichende und verantwortungsbewusste Konzepte vorgelegt, die eine sichere Durchführung von Veranstaltungen ermöglicht. Derartige Konzepte sind mir für den öffentlichen Raum nicht bekannt.

Gab es schon Situationen, in denen Sie „durchgreifen“ mussten gegenüber uneinsichtigen Gästen/ Kunden?
Zu Beginn wurden wir von einigen Gästen unfreundlich und verständnislos wegen der ergriffenen Maßnahmen kritisiert. Aber es gibt grundsätzlich auch viel Lob und Anerkennung für die Stringenz mit der wir die Maßnahmen umsetzen.

Wie ist Ihrem Eindruck die Akzeptanz der Maßnahmen in der Branche?
Wir sind eine Solidargemeinschaft, und ich empfinde den Umgang der Gastronomie mit den erforderlichen Maßnahmen grundsätzlich gut. Ich habe es so erlebt, dass viele Betriebe die neuen Regeln im Rahmen ihrer Möglichkeiten verantwortungsbewusst und coronakonform umsetzen. 

Gibt es auch „schwarze Schafe“, die sich bewusst über die gesetzlichen Maßnahmen hinwegsetzen, und wenn ja, wie reagieren die Mitbewerber?
Das ist eine schwierige Frage. Schwarze Schafe gibt es überall. Nicht nur in der Gastronomie!  Und die machen uns das Leben sicher nicht leichter!

Wie engagieren Sie sich im Aktionsbündnis #AlarmstufeRot?
Das Aktionsbündnis #AlarmstufeRot ist ein Branchenzusammenschluss aus Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft und der die Branche vertretenden Verbänden. Ich bin mit Kirberg Catering Unterstützerin der ersten Stunde und gebe – wie viele alle anderen auch -meine Stimme, wenn ich gebraucht werde. Als Mitglied der Leading Event Caterer (LECA) vertrete ich die Interessen der Eventcaterer und bin mit anderen aus der Branche im Dialog mit Vertretern des Gesundheitsministeriums, um gemeinsam mit der Politik gangbare und umsetzbare Konzepte zu erarbeiten, damit unsere Zukunft planbar wird. 

Wer engagiert sich in diesem Bündnis?
Wir haben viele Unterstützer aus Kunst und Kultur. Wir sind viele und eine sehr heterogene Branche. Wir sind Veranstalter, Künstlervermittler, Zulieferer, Dienstleister, Locationbetreiber, Techniker, Dekorateure, Handwerker, Caterer und Logistiker, Agenturen, Kreative und Administrative. Die besteht aus großen und kleinen Unternehmen, die national und international im Bereich Kunst-, Kultur-, Messe- , Tagungs- und Kongresswirtschaft, Sozial-, Unternehmens und Privatveranstaltungen tätig sind.

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