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Christoph Bois fordert als Unternehmer ein schnelleres Fließen von zugesagten staatlichen Hilfen. Foto: Michael Claushallmann
04.2021

"Die Lage ist desaströs"

Christoph Bois betreibt in Marienheide die Eventagentur Jaydee GmbH sowie in Gummersbach die Messing Gastronomie GmbH, die unter anderem den VfL Gummersbach beliefert und drei gastronomische und Catering-Betriebe betreibt, darunter das 32 SÜD. Im Gespräch mit Barbara Willms erklärt er, wie Corona jedes der Unternehmen ausgebremst hat.

Wie ist Ihre wirtschaftliche Bilanz mehr als ein Jahr nach Beginn der Pandemie?
Die Lage ist bei beiden Unternehmen desaströs. Im Veranstaltungs- und Cateringbereich sind die Umsätze auf nahezu Null zurückgegangen. Während der Öffnungsphasen konnten wir in unseren Restaurants zwar fast an das Vorjahresniveau anknüpfen, aber durch das fehlende Veranstaltungsgeschäft sind wir in der Sparte Gastronomie dennoch nur auf 50% unseres üblichen Umsatzes gekommen. Im Veranstaltungsbereich mussten ca. 50 Aushilfen abgemeldet werden. In der Gastronomie sind ca. 20% der Mitarbeiter in krisensichere Arbeitsmöglichkeiten gewechselt.

Wie kommen Sie finanziell durch die Krise?
Wir haben zu Beginn sehr schnell reagiert und versucht, die Kosten soweit wie möglich zu reduzieren. Dazu gehörten auch Gespräche mit Geschäftspartnern und Verpächtern, die uns teilweise unterstützt haben. Darüber hinaus haben wir alle verfügbaren staatlichen Hilfen wie Kurzarbeitergeld, Soforthilfe, Überbrückungshilfe, November- und Dezemberhilfe in Anspruch genommen. Die teils sehr schleppende Auszahlung und die generelle Unterdeckung des entstehenden Schadens machen darüber hinaus ein großes Engagement der Gesellschafter erforderlich.

Was von Ihrem bisherigen Angebot konnten Sie aufrechterhalten?
Im Veranstaltungsbereich gibt es wegen der bisherigen Verbote und der Planungsunsicherheit schlichtweg keine Nachfrage. Gastronomisch haben wir uns im zweiten Lockdown gegen ein Außer Haus-Geschäft entschieden, da es sich wirtschaftlich für uns leider nicht rechnet und Frische und Qualität unter der Abholung leiden würden. Lediglich unseren beliebten Sushi-Tag einmal im Monat behalten wir aufrecht, weil wir unseren Kunden, deren Verbundenheit wir auch in der Krise spüren, unsere Dankbarkeit und Verbindung zeigen möchten.

Wie nutzen Sie die Zwangspause, um sich für die Zukunft aufzustellen?
Wir versuchen, alles, was sonst liegen bleibt, aufzuarbeiten. Dazu gehören trotz der finanziell angespannten Situation auch erhebliche Investitionen, zum Beispiel Umbauten in einer Küche, die weitere Aufwertung unseres Speisen- und Getränkeangebotes und die Neugestaltung von zwei Homepages. Im Catering haben wir Konzepte entwickelt, die auch in der Coronazeit gut zu verwirklichen sind. Besonders stolz sind wir auf unsere Streetfood-Container, die wir im Laufe des letzten Jahres bei Jaydee entwickelt und gebaut haben und künftig vermieten können.

Wie sehen Sie den Lockdown in beiden Branchen, Veranstaltungen und Gastronomie?
Am Anfang der Pandemie im letzten Jahr habe ich es für richtig gehalten, das Geschehen schnell in den Griff zu bekommen und dafür auch zu solch harten Maßnahmen zu greifen. Inzwischen ärgert es mich maßlos, dass seitens der Politik nichts dazu gelernt wurde. Wir hatten in unseren beiden gut laufenden Restaurants keine einzige Anfrage nach Kontaktdaten. So schlimm kann also die Verbreitung in der Gastronomie, die sich vorbildlich verhalten hat, nicht gewesen sein. Für die Veranstaltungsbranche ist das Schlimmste, dass es weder eine Perspektive noch absehbare Planungssicherheit gibt.

Was sind Ihre Forderungen bezüglich der staatlichen Finanzhilfen?
Bekanntlich müssen zugesagte Hilfen deutlich schneller fließen. Die ohnehin fast ruinierten Unternehmen treten immer noch monatelang in Vorleistung. Die Unternehmer finanzieren teilweise seit einem Jahr nicht nur Defizite; sie müssen zudem ohne Einkommen zurechtkommen, da ein Unternehmerlohn weiterhin nicht gefördert wird. Es bleibt nur der Antrag von ALG II, was für viele allein aus psychologischen Gründen nicht in Frage kommt. Insbesondere leiden aber auch unsere Mitarbeiter. Durch den Wegfall von Trinkgeldern sowie Zulagen für Überstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit sind deren Einbußen nicht länger tragbar. Perspektivisch kann das zu einem Aussterben der Fachberufe im Bereich der Gastronomie führen. Ich würde mir wünschen, dass alle führenden Politiker mal eine Auszeit nehmen und an die frische Luft gehen. Wenn uns die Öffnung unserer Betriebe mit der Perspektive der Öffnung der Außengastronomie mit Schnelltests und Terminvergabe als Lockerung und Öffnungskonzept verkauft wird, fange ich wirklich an, an der Zukunft unseres Landes zu zweifeln.

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