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"Wir müssten über die Art und Weise der Ausbildung nachdenken." - Thorsten Derichsweiler plädiert für eine Verkürzung der Ausbildungen und höhere Qualifizierung des Berufsschulunterrichts. Foto: Michael Claushallmann
07.2021

„Ausbildung verbessern, Arbeitsregelungen flexibilisieren.“

Mit Thorsten Derichsweiler sprach Barbara Willms.

Thorsten Derichsweiler ist Inhaber des Hotels Derichsweiler Hof in Nümbrecht mit angeschlossenem Restaurant  für Hotel- und externe Gäste. Ein Schwerpunkt sind Management- und Weiterbildungs-Seminare für regionale und überregionale Unternehmenskunden. Für private Gäste werden Themenarrangements angeboten.

Haben Sie genug Personal für einen Re-Start nach der Corona-Zwangspause?
Ja, ich habe genug Personal, um den Re-Start erfolgreich anzugehen und der Nachfrage gerecht zu werden, die auf uns zukommt. Wir haben sogar Anfragen bezüglich Ausbildungsplätzen erhalten. Ich weiß, es ist branchenuntypisch - ich stehe auch mit guten Kollegen in engem Austausch. Von unseren 27 fest angestellten Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten hat sich lediglich ein Mitarbeiter umorientiert, was aber nichts mit der Pandemie zu tun hatte. Er ist in Absprache mit mir seinem Wunsch gefolgt, sich im Bereich Management weiterzubilden.

Wie konnten Sie Ihre Mitarbeiter*innen über die lange Zeit halten?
Finanziell gesehen hat uns das Kurzarbeitergeld, das für unsere Branche vorher nie ein Thema war, sehr geholfen. Es hat uns zumindest davor bewahrt, dass wir vor Entlassungen gestanden hätten. Ein anderer wichtiger Faktor war, glaube ich, dass wir mit unseren Mitarbeitern Kontakt gehalten haben, über Briefe, Telefonate, auch schon mal virtuelle Meetings. Zudem haben wir die Zeit genutzt, um Erneuerungsarbeiten durchzuführen, und wo es möglich war, haben wir unsere Belegschaft eingebunden.

Warum ist es für viele Unternehmen in der Gastronomie und Hotellerie schwierig, Personal zu finden?
Wir selbst arbeiten nur mit festangestellten Mitarbeitern, viele andere mit Aushilfen. Vor allem die Aushilfen haben sich in der langen Zeit der „gastronomischen Abstinenz“ umschauen müssen und in anderen Branchen Angebote gefunden, die für sie interessanter sind – und sei es nur wegen der Arbeitszeiten. Ich weiß von ehemaligen Aushilfen, die in der verarbeitenden Industrie Jobs gefunden haben, und viele sind auch in den Testzentren untergekommen.  

Was unternehmen Sie jetzt, aber auch mittelfristig, um Personal zu gewinnen?
Dreh- und Angelpunkt ist die Mitarbeiterbindung. Ich muss dem Mitarbeiter ein Umfeld bieten, in dem er sich wohlfühlt, sowohl monetär wertgeschätzt als auch gut im Team aufgehoben. Annoncen helfen meiner Meinung da wenig, Mund-zu-Mund-Propaganda schon deutlich mehr. Der entscheidende Punkt ist für mich aber: gute Leute selbst auszubilden und ihnen eine interessante Perspektive zu bieten, damit sie gewillt sind, im Unternehmen zu bleiben.

Kann und sollte am Ausbildungsangebot etwas verbessert werden?
Wir müssten über die Art und Weise der Ausbildung nachdenken. Sowohl im Bereich Hotelfachmann/-frau als auch Koch/Köchin könnte sie verkürzt werden, was sie auch attraktiver für junge Menschen macht. Zweiter Punkt: Der Unterricht an den Berufsschulen müsste meiner Ansicht nach qualifizierter werden, das Angebot insgesamt moderner und attraktiver.

Muss die Gastronomie und Hotellerie teurer werden - auch um den Mitarbeiter*innen mehr zahlen zu können?
Ich denke, ja. Zum einen bekommen wir kontinuierlich die Preissteigerungen unserer Lieferanten zu spüren und müssen entsprechend unsere Preise anpassen. Zum anderen ist es wichtig, dass den Mitarbeitern Löhne gezahlt werden, die ihre Arbeit im wortwörtlichen Sinn lohnenswert macht. Daher müssen Aufpreise einkalkuliert werden. Und ich glaube, dass der Gast bereit ist, dies anzunehmen.

Ihr Appell an Politik und Verwaltung: Welche Beschäftigungshürden müssen Ihrer Meinung nach beseitigt werden?
Gerade in der Gastronomie und Hotellerie sind die Flexibilisierung und Vereinfachung der Arbeitsregelungen gefragt. Da werden uns bisher Steine in den Weg gelegt. Und, um den Bogen deutlich weiter zu spannen: Der Wirtschaftsstandort Deutschland muss gestärkt werden. Die Entwicklung unserer Branchen und damit auch die Beschäftigung hängen doch von der gesamten Wirtschaftsentwicklung ab. Das zeigt sich schon bei den Buchungen privater Gäste, ganz besonders aber bei der Zahl der Geschäftsreisenden und Seminarteilnehmer.


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