Stichwortsuche

Mit Unternehmen ein Netzwerk aufbauen und Technologietransfer-Projekte anschieben will Prof. Wolfgang Prinz im neuen Blockchain-Reallabor in Hürth, das vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnikaufgebaut wird. Foto: Peter Boettcher
Leben

Zukunftsprojekte im Rheinischen Revier

Das Rheinische Revier soll die erfolgreichste wirtschaftliche Transformationsregion in Europa werden. Erste Projekte – wie das Blockchain-Labor – starten.

Text: Eli Hamacher

In Hürth – der Stadt, wo vor vielen Jahren erstmals im Rheinischen Revier Kohle abgebaut wurde – startet im Sommer ein zukunftsweisendes Projekt. Dann bezieht das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) mit zunächst sieben Mitarbeitenden sein neues Blockchain-Reallabor. „In einem Demonstrationszentrum werden wir unsere Praxisprojekte der Öffentlichkeit präsentieren“, sagt Prof. Wolfgang Prinz, stellvertretender Leiter des FIT. Das Blockchain-Reallabor ist das erste Projekt, das das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen des so genannten Sofortprogramm-PLUS fördert, mit dem die Transformation der Kohlekraftwerkstandorte unterstützt wird. FIT erhält 4,7 Millionen Euro. „Im Vordergrund stehen bei unserem Blockchain-Reallabor die Unternehmen, mit denen wir ein Netzwerk aufbauen und Technologietransfer-Projekte anschieben wollen“, unterstreicht Prinz. FIT werde auch Schulungen zu der noch jungen Technologie anbieten, mit der Informationen und Werte sicher und schnell ausgetauscht werden können. Das könnten selbstverwaltete digitale Identitäten, fälschungssichere Ausweise oder Ausbildungszertifikate sein. Für viele Bereiche, seien es Energie, Finanzen, Produktion oder Logistik, bieten sich innovative Anwendungschancen. Den Standort auf dem euronova CAMPUS will FIT als Zentrum für Blockchain-Technologie etablieren, Start-ups anziehen, und es soll weitere Förderprojekte für Unternehmen geben, die sich auch zusammenschließen können, um gemeinsam zu investieren. Auch, so Prinz, werde Hürth mit anderen Transformations-Initiativen aus dem Rheinischen Revier kooperieren, etwa dem AI Village –Innovationscampus für KI und Robotik, um sich gegenseitig zu befruchten. AI (Artificial Intelligence) gehört neben 5G zu den Technologien, die FIT ebenfalls erforschen will.

14,8 Milliarden Euro für den Strukturwandel

Bis spätestens zum Jahr 2038 soll die Kohleverstromung beendet sein. Den Strukturwandel in allen Kohleregionen will der Bund mit bis zu 40 Milliarden Euro unterstützen. Vom Ausstieg aus der Kohleverstromung ist das Rheinische Braunkohlerevier besonders betroffen. In diese Region fließen 14,8 Milliarden Euro. Hier begleitet die Zukunftsagentur Rheinisches Revier GmbH, an der auch die IHK Köln beteiligt ist, den Transformationsprozess mit zukunftsweisenden Projekten in den vier Bereichen Energie und Industrie, Ressourcen und Agrobusiness, Innovation und Bildung, Raum und Infrastruktur (inkl. Mobilität). Ende April wurde ein Reviervertrag „Perspektiven für das Rheinische Revier“ zwischen der Landesregierung und der Zukunftsagentur unterzeichnet, um die Rahmenbedingungen für die Gestaltung des Strukturwandels festzulegen.

Mehr Wirtschaft, schnell neue Flächen

Dazu zählen dringend benötigte Flächen und schnelle Planungsprozesse. „Die Vertragspartner haben zudem Kriterien festgelegt, um den Erfolg des Strukturwandels zu messen. Land und Region wollen sich an der Schaffung von neuen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, dem Erfolg von Unternehmen und dem Umbau der Region zu einem modernen und klimaneutralen Energie und Industrierevier der Zukunft messen lassen“, sagt Thorsten Zimmermann, der für die IHK Köln im Aufsichtsrat der Zukunftsagentur sitzt.
Innovationen und neue Technologien sollen helfen, die Wirtschaftsstruktur zu diversifizieren und neue Wertschöpfungsketten aufzubauen. Der Einsatz der Fördermittel soll in einem möglichst unbürokratischen Verfahren im Dialog von Bund, Land und Region erfolgen. „Der Strukturwandel wird aus Sicht der Wirtschaft ein Erfolg, wenn er unternehmerisches Engagement beflügelt und nicht ausbremst. Unternehmen schaffen Arbeitsplätze“, so Zimmermann.

Für Elon Musk wäre kein Platz

Doch ohne ausreichende Flächenreserven können die Kommunen den Strukturwandel im Rheinischen Revier nicht erfolgreich gestalten. Ausdrücklich setzt sich die IHK Köln für die Entwicklung der Gewerbeflächen in Bedburg an der A61, in Kerpen/Elsdorf an der A4 und den „Barbarahof“ an der A1 in Hürth/Erftstadt ein. „Wenn Elon Musk hier Teslas bauen wollte, hätten wir keinen Platz für ihn“, bringt es Zimmermann auf den Punkt. Zur Planungsbeschleunigung haben die drei IHKs Aachen, Mittlerer Niederrhein und Köln ein Impulspapier vorgelegt (siehe Kasten). „Im Rheinischen Revier sollen vereinfachte Verfahren und Instrumente mit dem Ziel einer Planungsbeschleunigung er probt werden, damit der Strukturwandel schnell greifen kann“, sagt Zimmermann.
Wie wichtig neue Flächen sind, weiß auch Sascha Solbach, Bürgermeister von Bedburg im Rhein-Erft-Kreis. „Wir haben nur noch eine Reservefl äche von 7.000 Quadratmetern, dann sind wir ausverkauft“, sagt der SPD-Politiker. Umso wichtiger sei, dass die Fläche an der A61 mit 75 ha im Endausbau erschlossen werde. „Für uns ist das der Einstieg in den Strukturwandel.“ Bis 2024 würden in und um Bedburg immerhin 6.000 Arbeitsplätze wegfallen.
Die Fläche will die Stadt intelligent nutzen, um unter anderem einen Wasserstoff -Hub für Mobilität, Industrie und Gewerbe anzusiedeln. Ziel sei es, ein Ökosystem aus erneuerbaren Energien zu schaffen, um Anreize für Unternehmen zu setzen. Erste Anfragen, etwa aus dem Pharmabereich, gebe es bereits. Aus Sicht des Bürgermeisters drängt die Zeit. „Wir haben keine Zeit für klageanfällige Verfahren.“ Der Politiker begrüßt es deshalb, dass auch die Verkürzung von Planungsfristen Teil des Reviervertrages ist.

Ende Juni hat die Zukunftsagentur Rheinisches Revier in ihrer Revierkonferenz Maßnahmen vorgestellt, die die Kommunen in der Braunkohleregion zukunftssicher machen sollen. Zudem haben die IHKs im Rheinischen Revier – Aachen, Köln und Mittlerer Niederrhein – in einem gemeinsamen Impulspapier Vorschläge erarbeitet, wie Planverfahren verkürzt und im Idealfall sogar vermieden werden können. 

Infos zur Zukunftsagentur und zu Förderaufrufen: www.rheinisches-revier.de

Details über AI Village: www.ai-village.eu

Die IHKs Köln, Aachen und Mittlerer Niederrhein haben ein Impulspapier zur Planungsbeschleunigung vorgelegt: www.ihk-koeln.de/252165

Der „Rheinische Revier”-Vertrag ist abrufbar auf: www.wirtschaft.nrw

WEITERE THEMEN