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Mit Michael Schmitz geht die Kölntourist Personenschiffahrt in die vierte Generation. Der gelernte Binnenschiffer absolviert gerade sein Großes Rheinpatent und zählt darauf, dass die Schifffahrt gestärkt und gefördert wird. Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Wirtschaftsfaktor Personenschifffahrt

Köln ist die größte Flusskreuzfahrtdestination Deutschlands. Flusskreuzfahrten, Ausflugs- und Eventschiff fahrt sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Damit das so bleibt, ist einiges zu tun, wie eine neue Studie im Auftrag der IHK zeigt.

Text: Lothar Schmitz

„Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen“, sang einst Lale Andersen. In Köln gelten andere Dimensionen: Hier kommen Tausende von Schiffen, und sie bringen nicht einen, sondern weit über eine Million Menschen.

Köln, das ist jetzt sozusagen amtlich, ist die Flusskreuzfahrtdestination Nummer 1 in Deutschland – weit vor Passau, Würzburg und Bamberg, die auf der Beliebtheitsskala die Plätze zwei, drei und vier einnehmen. Pro Jahr legen fast 2.800 Flusskreuzfahrtschiffe mit mindestens 460.000 Passagieren an den Flusskreuzfahrtterminals im Stadtgebiet an. Hinzu kommen rund eine Million Tagesgäste, die die vielen Angebote der Tagesausflugs- und Eventschifffahrt nutzen – von der kurzen Fahrt mit dem „Müllemer Böötche“ bis zum Tagesausflug ins Siebengebirge oder nach Koblenz. Der direkte wirtschaftliche Effekt ist enorm: Die Fahrgäste bescheren Kölns Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel zusammen einen jährlichen Umsatz von 40 Millionen Euro. Hinzu kommen weitere indirekte Effekte, zum Beispiel aus Liegegebühren oder Steuern.

Dies sind die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung „Touristische Effekte und Bedeutung der Fahrgastschifffahrt in Köln“, die die ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH mit Sitz in Köln und Potsdam im Auftrag der IHK Köln durchgeführt hat. Die Studie basiert auf einer Anbieterbefragung und Experteninterviews, die im Dezember 2019 stattfanden.

Erfolgreiche Kooperation zwischen stationärem Handel und Kreuzfahrt: Michael Gliss (links), Inhaber des Gliss Caffee Contors, macht als Kaffee- Sommelier auf den Schiffen von Benjamin Krumpen, Geschäftsführer von Phoenix Reisen, Lust auf einen Köln-Besuch.
Foto: Peter Boettcher

Die Studie spiegelt noch den Stand vor der Corona-Pandemie wider; seit März brachen auch die Umsätze in der Flusskreuzfahrt-, Ausflugs- und Eventschiff fahrt massiv ein. „Das Timing ist natürlich ungünstig“, bedauert Alexander Hoeckle, Geschäftsführer International und Unternehmensförderung der IHK Köln, „aber die derzeitige Sondersituation ändert nichts an der grundsätzlichen Erkenntnis, dass die Personenschiff fahrt ein essenzieller Bestandteil des Tourismus in Köln ist.“ Der Rhein trage enorm zum Image der Stadt bei. „Nun gibt es endlich auch belastbare Zahlen dazu, wie groß die wirtschaftliche Wirkung der Personenschifffahrt ist.“

Flusskreuzfahrten: 460.000 Gäste pro Jahr

Insgesamt 46 Reedereien schicken laut der Studie Schiffe nach Köln oder betreiben sie vor Ort. Dazu zählen im Kreuzfahrtsegment so bekannte Anbieter wie Viking River Cruises mit Hauptsitz in Basel, Feenstra Rijn Lijn aus den Niederlanden oder die Phoenix Reisen GmbH. Das Bonner Unternehmen zählt auf den eigens gecharterten Flusskreuzfahrtschiffen, die unter Phoenix-Flagge in Deutschland unterwegs sind, 120.000 Gäste pro Jahr, ein Drittel davon auf dem Rhein. In der Hauptsaison sind auf den wichtigsten Flüssen gleichzeitig zwölf Phoenix-Schiffe unterwegs.

Wichtig für Köln: Alle Rhein-Kreuzfahrten von Phoenix starten und enden in der Domstadt. „Viele unserer Gäste verbringen die Stunden vor oder nach der Kreuzfahrt in Köln“, berichtet Benjamin Krumpen, einer der drei Geschäftsführer. Die Phoenix-Kunden buchen Stadtrundfahrten, kehren in der Gastronomie ein, kaufen ein – und kommen pro Jahr zudem auf 5.000 – 6.000 Übernachtungen in Kölner Hotels. „Damit sind wir ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, betont der Unternehmer.

Dr. Jürgen Amann ist sehr froh über diese Situation. „Start- und Zieldestination zu sein ist wertvoll und bringt Köln viel mehr, als ein Stopover-Hafen zu sein“, weiß der Chef von KölnTourismus. Häufig würden die Gäste noch eine Nacht dranhängen, um die Stadt intensiver kennenzulernen. „Köln ist Kreuzfahrt-Hub Nummer 1 in Deutschland, die Nähe der Anlegestellen zu den touristischen Attraktionen verschafft uns einen enormen Wettbewerbsvorteil“, sagt Amann.

Uwe Esser, Betriebsleiter von Peters Brauhaus, hofft auf das kommende Jahr – wenn Schiffsreisende wieder in Köln anlegen und in der Kölner Altstadt einkehren.
Foto: Peter Boettcher

Wie die Studie zeigt, sorgen die insgesamt rund 460.000 Flusskreuzfahrtgäste, die Köln pro Jahr erreichen, für einen Umsatz an Land von 12,6 Millionen Euro. Wenn Corona vorbei ist, dürfte die Branche wieder an diese Zahlen anknüpfen und sie bald sogar übertreffen, denn die Untersuchung ergab, dass die Reedereien ihr Angebot weiter ausbauen.

Von den vielen Flusskreuzfahrern profitiert beispielsweise Peters Brauhaus in der Altstadt. Mit Viking River Cruises hat das Traditionsrestaurant beispielsweise einen festen Vertrag. „In Nicht-Corona-Zeiten kommen von jedem der über 300 Schiffe pro Jahr Gruppen à 40 Personen für ein Abendessen zu uns ins Brauhaus“, erzählt Betriebsleiter Uwe Esser. „Das ist schon ein spürbarer zusätzlicher und vor allem fest kalkulierbarer Umsatzfaktor!“ Zusätzlich, berichtet Esser, kämen viele einzelne Gäste von den Schiffen, die oft den ganzen Tag über in Köln vor Anker lägen.

Im Corona-Jahr 2020 kämpft Peters Brauhaus allerdings, wie so ziemlich alle Gastronomiebetriebe, mit einem heftigen Umsatzeinbruch. Auch, weil die Flusskreuzfahrtschiffe wegblieben. Dennoch ist Esser optimistisch. „Für 2021 haben wir schon wieder Buchungen für Gruppen von über 300 Schiffen“, sagt er.

„Die Studie belegt, wie hoch die wirtschaftliche Bedeutung der Personenschifffahrt ist“, sagt Dr. Achim Schloemer (links), Vorsitzender der KD. Auch für Alexander Hoeckle, bei der IHK Köln unter anderem zuständig für den Bereich Tourismus, gab es noch einige überraschende Zahlen.
Foto: Peter Boettcher

Ausflugs- und Eventfahrten: Über eine Million Gäste pro Jahr

Die Untersuchung geht für Köln von über einer Million Gästen jährlich aus, die Tagesausflüge oder Eventfahrten auf dem Rhein buchen. Zusammen erwirtschaften sie Umsätze von mindestens 26,5 Millionen Euro. Größter Anbieter ist die in Köln beheimatete Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt GmbH (KD). Die KD-Flotte besteht aus 14 Schiffen, vier davon sind in Köln stationiert. Insgesamt kommt das Unternehmen in normalen Zeiten auf 1,5 Millionen Fahrgäste pro Jahr, knapp die Hälfte davon in Köln und Düsseldorf, die übrigen auf Mittelrhein und Mosel.

„Mir war die Bedeutung der Personenschifffahrt für Köln natürlich immer klar“, sagt Dr. Achim Schloemer, Vorsitzender der KD-Geschäftsführung, „aber die Studie belegt erstmals mit konkreten Zahlen, wie hoch die wirtschaftliche Bedeutung tatsächlich ist.“ Dann fügt er hinzu: „Es wäre schön, wenn das bei Politik und Verwaltung und in der breiten Öffentlichkeit noch viel bekannter wäre.“

Michael Gliss teilt diese Einschätzung. Der Unternehmer ist Inhaber des Gliss Caffee Contors in der Kölner Innenstadt, Diplom-Kaffee-Sommelier und in dieser Eigenschaft unter anderem regelmäßig auf den Flusskreuzfahrtschiffen von Phoenix unterwegs. Außerdem ist er ehrenamtlicher „Touristischer Genussbotschafter für das Land Nordrhein-Westfalen“. „In Köln wird nach wie vor zu wenig wahrgenommen, wie viele Menschen über den Rhein in die Stadt kommen“, beklagt Gliss. „Mit diesem Pfund müsste hier noch viel mehr gewuchert werden!“ Ein Ansatzpunkt könnten nach seiner Überzeugung mehr Kooperationen zwischen Kreuzfahrtanbietern und ansässigen Betrieben sein.

Die Kölner Rheinpromenade
Foto: Peter Boettcher

Die öffentliche Wahrnehmung in der eigenen Stadt ist noch das kleinere Problem. Das viel größere – von Corona einmal abgesehen: „Derzeit gibt es keine bestehenden Pachtverträge für die Landungsbrücken“, sagt Schloemer, „genauer: für die Landseite.“ Die letzten wurden schon vor Jahren gekündigt, neue waren bei Redaktionsschluss noch nicht in Sicht. Die Unternehmen sind aber darauf angewiesen, um planen und investieren zu können.

„Wir werden von der Stadt immer wieder vertröstet, wissen aber noch nicht, wie es weitergeht“, beklagt auch Angelika Schmitz. Mit ihrem Unternehmen Kölntourist Personenschiffahrt bietet sie mit vier Schiffen Rund-, Event- und Charterfahrten an. Bekannt ist das Unternehmen
für die Linie Hauptbahnhof – Rheinauhafen – Rodenkirchen und für die Hafenrundfahrten in Kooperation mit RheinCargo. Gemeinsam mit KD sorgt Kölntourist zudem unter dem Namen des ursprünglichen Betreibers Dampfschifffahrt Colonia für den Betrieb der „Müllemer Böötche“, also der Schiffe, die den Hauptbahnhof mit dem Zoo und Mülheim verbinden. „Wir befürchten neue Auflagen und höhere Gebühren im Vergleich zum alten Vertrag“, sagt Schmitz, „die kleine Betriebe wie wir nicht leisten können.“

Der Stadt sei die wirtschaftliche Bedeutung der Personenschiff fahrt sehr bewusst, sagen Andrea Blome, Beigeordnete der Stadt Köln für Mobilität und Liegenschaften, und Markus Greitemann, Beigeordneter der Stadt Köln für Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Wirtschaft. Deshalb gebe es auch die „Akteurskonferenz“, bei der alle relevanten Aspekte diskutiert wurden. Zu den Pachtverträgen heißt es, allen Betreibern von Anlegestellen, für die bereits heute eine Standortgarantie ausgesprochen werden könne, würden nun langfristige Verträge angeboten. „Lediglich Betreiber, deren Anleger in Bereichen liegen, die zum Beispiel als Anlegestelle eines möglichen Wasserbusses in Betracht kommen, erhalten vorerst einen befristeten Vertrag“, so Blome.

Zu den regelmäßigen Gesprächsrunden zwischen Unternehmen, Stadtverwaltung und IHK sagt KD-Chef Schloemer: „Darin konnten wir einiges erreichen.“ Zum Beispiel, dass Landebrücken durch geschickte Aufteilung der Baulose nutzbar bleiben, wenn kommendes Jahr die Umgestaltung des gesamten Uferbereiches zwischen Schokomuseum und Dom beginnt – Bauarbeiten, die den Personenschiffern schwer im Magen liegen, auch wenn sie deren Notwendigkeit anerkennen.

„Touristische Effekte und Bedeutung der Fahrgastschifffahrt in Köln“ – die Studie im Internet: www.ihk-koeln.de/241980

Lesen Sie das ganze Interview mit Andrea Blome, Dezernentin für Mobilität und Liegenschaften, und Markus Greitemann, Dezernent für Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Wirtschaft der Stadt Köln.

Verbesserungsvorschläge

Die Untersuchung im Auftrag der IHK verdeutlicht nicht nur die positiven wirtschaftlichen Effekte der Personenschifffahrt, sondern benennt auch Ausbaupotenzial. „Es gibt noch einiges zu tun, damit die Personenschiff fahrt ihre volle Kraft für Köln entfalten kann“, kommentiert IHK-Geschäftsführer Hoeckle die Studie. Die sieht Schwächen zum Beispiel bei der Qualität und Kapazität der Anleger, moniert Restriktionen der Verwaltung beim Aus- und Neubau von Anlegestellen und fordert eine bessere Verkehrsplanung für die Zu- und Abfahrt von Bussen und Warentransporten zu den Schiffen. Kritisiert wird auch, dass es nur wenige individuelle Bausteinangebote für Flusskreuzfahrtgäste an Land gebe.

„Über diese Potenziale sind wir im Gespräch mit den Unternehmen und der Stadt und werden hier hartnäckig bleiben“, verkündet Hoeckle: „Aus Potenzialen müssen Tatsachen werden!“

Fragen?

Timo Knauthe

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