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Den Kuka-Roboter lernt jeder Azubi bei der BPW Bergische Achsen während der Ausbildung kennen: Im Bild mit Azubi Janek Weuste (r.) und Ausbilder Harold Mayer (M.). Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Wie die Digitalisierung die Ausbildung verändert

Themenschwerpunkt "Digitale Arbeit" bei Digital Cologne: Ohne Computer, Internet & Co. läuft in der Wirtschaft nichts mehr.

Text: Julia Leendertse

Unternehmen brauchen Nachwuchskräfte, die die digitale Transformation vorantreiben. Das stellt auch die Berufsausbildung vor neue Herausforderungen. Die Diskussion darüber, wie die Ausbildungen an die Digitalisierung angepasst werden können, hat gerade erst begonnen. Schon jetzt steht aber fest: Die Taktzahl, mit der neue Lehrinhalte alte ablösen, wird sich erhöhen. Die Initiative Digital Cologne geht im Mai und Juni der Frage nach: Wie verändert sich die Arbeitswelt durch die digitale Transformation?

Er ist nur 80 Zentimeter groß und einarmig. Und doch hat der Kuka-Roboter im Ausbildungszentrum der BPW Bergischen Achsen KG in Wiehl einiges drauf. Mit seinem Greifarm kann der elektronische Helfer Bauteile von A nach B transportieren, sie passgenau platzieren und so die Produktion erleichtern.

Für Rainer Butting, Leiter des Ausbildungszentrums bei BPW Bergische Achsen, ist der Roboter ein Fingerzeig. „Vor allem die neuen Technologien rund um die vernetzte Automatisierung werden die Arbeitsabläufe in der Industrie weiter stark verändern“, so Butting: „Auf diese Veränderungen müssen unsere Mitarbeiter vorbereitet sein.“

Schon heute vermittelt BPW ihren Azubis zusätzliche Inhalte, die noch nicht in den Ausbildungsplänen stehen.
Foto: Peter Boettcher

Längst stellt der 1.650-Mann-Betrieb nicht mehr nur Achsen für Lkw und Pkw her. BPW Bergische Achsen ist auch Systempartner vieler Fahrzeughersteller und –betreiber –etwa in der Telematik. „Dank unserer Telematik-Systeme können sich beispielsweise Leasingunternehmen jederzeit über den Zustand ihrer Fahrzeuge informieren", sagt Butting. Indes: Um solche Innovationen voranzutreiben, ist die BPW Bergische Achsen KG – wie alle Unternehmen in Deutschland – dringend auf Fachkräfte angewiesen, die auf die Digitalisierung bereits vorbereitet sind.

„Ob in Industrie, Dienstleistung oder Handel – die Digitalisierung hat die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten bereits stark verändert und wird dies weiter tun“, sagt Christopher Meier, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK Köln. Mit Veranstaltungen und Initiativen machen sich die Kammern und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) deshalb für eine branchenübergreifende Diskussion darüber stark, ob, wie und um welche Inhalte und Fähigkeiten die Ausbildungen erweitert werden müssen.

„Einer der großen Stärken der dualen Ausbildung ist es, dass den Nachwuchskräften ein solides Grundlagenwissen und Kompetenzen vermittelt werden, mit denen sie sich später möglichst breit bewerben können und in den verschiedensten Unternehmensumfeldern einsatzfähig sind“, sagt Meier.

Theorie und Praxis: Müssen die Industrieberufe modernisiert werden?

Ende Mai lädt die IHK-Geschäftsstelle Oberberg in Gummersbach deshalb Vorsitzende der Prüfungsausschüsse von Ausbildungsberufen wie dem Industriemechaniker/-in, Zerspanungsmechaniker/-in, Elektroniker/-in Betriebstechnik oder Automatisierungstechnik, Mechatroniker/-in und Produktionstechnologen/-in zum Workshop „Ausbildung und Industrie 4.0“ ein. Das Ziel: gemeinsam den Modernisierungsbedarf identifizieren. Auch BPW-Ausbildungsleiter Rainer Butting ist mit von der Partie: „Schon heute vermitteln wir zusätzliche Inhalte, die noch nicht in den Ausbildungsplänen stehen. Um Veränderungen werden wir wohl nicht herumkommen“, so Butting.

Ulrike Friedrich, Referatsleiterin Ausbildungsmarketing, -analysen und Digitalisierung im Bereich Ausbildung des DIHK, betont: „Generell sind die Ausbildungsordnungen sehr offen und technikunabhängig formuliert“. Viele neue Inhalte könnten deshalb den Azubis in den Betrieben und in den Berufsschulen zeitnah vermittelt werden, auch ohne die Ausbildungsordnungen und dazugehörigen Rahmenlehrpläne neu ordnen zu müssen. Vor allem große Unternehmen setzten derzeit mit betriebsinternen Schulungen schon einen „drauf“. Auch viele Betriebe aus dem Mittelstand kämen noch klar. „Wenn Bedarf aus der betrieblichen Praxis besteht, dann werden die Ausbildungsordnungen auch verändert“, so DIHK-Referatsleiterin Friedrich.

Auf dem Prüfstand: Wie modern sind die Ausbildungsordnungen der IT-Berufe?

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) prüft derzeit im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums in einer Online-Befragung bis zum 25. Mai den Modernisierungsbedarf in den vier dualen IT-Berufen Fachinformatiker/-in, IT-System-Elektroniker/-in, IT-System-Kaufmann/-frau sowie Informatikkaufmann/-frau. „Diese vier Berufe sind von zentraler Bedeutung, um die weitere digitale Vernetzung der Wirtschaft und das dafür notwendige Schnittstellenmanagement bewerkstelligen zu können“, betont Henrik Schwarz vom BIBB. Gefragt ist die Einschätzung von Azubis und Fachkräften in den dualen IT-Berufen, Ausbildern, Personalverantwortlichen sowie von Lehrkräften an Berufsschulen für IT-Ausbildungsberufe. „In diesem Herbst werden unsere Ergebnisse vorliegen“, sagt Schwarz. Dann ist der Weg frei für die politische Willensbildung zwischen Bund und Ländern, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, ob und wie schnell eine Neuordnung der Ausbildungen angepackt werden soll.

Neuer Beruf in Vorbereitung: Kaufmann/-frau für E-Commerce

 Im Einzelhandel könnte es schon bald einen ganz neuen Ausbildungsberuf geben: „Die Fachverbände des Handels haben sich dafür eingesetzt, den neuen Beruf des E-Commerce-Kaufmanns einzuführen“, so Simon Grupe, Referatsleiter Kaufmännische und Dienstleistungsberufe beim DIHK. Und auf Initiative des Berufskollegs an der Lindenstraße in Köln machen sich der Deutsche Dialogmarketing-Verband und der Call-Center-Verband Deutschland derzeit dafür stark, dass der Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau für Dialogmarketing auf den Prüfstand kommt: „Der Beruf ist ursprünglich aus dem Telemarketing hervorgegangen. Doch heute ist die Telefonie einer von vielen Kanälen im Dialogmarketing“, sagt Susanne Krey-de Groote, Studiendirektorin und Leiterin der Abteilung Kommunikation am Berufskolleg: „Um unsere Auszubildenden dafür fit zu machen, auch die Kommunikationsprozesse etwa in Online-Chats oder den sozialen Medien professionell steuern zu können, müssen diesen neuen digitalen Inhalte dringend mehr Platz im Lehrplan finden. Auch müssen die Lehrer, was die Vermittlung angemessener Kompetenzen in einer sich rasant verändernden digitalen Arbeitsumgebung angeht, besser unterstützt werden“.

Im neuen „Listening Center“ des Versicherungskonzerns AXA in Köln lernen angehende Kaufleute für Dialogmarketing schon heute, wie sich Meinungsäußerungen und Beiträge zum Unternehmen im Internet gezielt aufspüren lassen und wie die Kundenkommunikation via soziale Medien am besten funktioniert.

Fest steht: Die Diskussion darüber, wie die Ausbildungen an die Digitalisierung angepasst werden können, hat gerade erst begonnen. Klar ist aber schon, dass sich die Taktzahl erhöht, mit der neue Lehrinhalte alte ablösen. E-Learning könnte helfen, möglichst vielen Auszubildenden möglichst schnell neue Inhalte und Qualifikationen 4.0 zugänglich zu machen. So setzt die Kölner Bank beispielsweise seit drei Jahren bereits auf webbasiertes Training. „Unsere Auszubildenden können den Lehrstoff heute von überall und zu jeder Zeit mit ihrem Ipad oder Smartphone abrufen, egal ob sie zu Hause sind oder gerade mit der Straßenbahn fahren“, sagt Guido Breese, Ausbildungsleiter bei der Kölner Bank. „Das Lernen wird dadurch flexibel und die jungen Fachkräfte gewöhnen sich gleich von Anfang an daran, sich immer neue Inhalte weitgehend selbstständig zu erarbeiten.“ Eine Kompetenz, die in der digitalen Arbeitswelt immer unabdingbarer wird.

Azubis 4.0

Viele Auszubildende erleben jeden Tag, wie die Digitalisierung den von ihnen gewählten Beruf verändert. Vier Nachwuchskräfte berichten, wie sie den Umbruch persönlich erleben und wie sie sich ihren Beruf in der Zukunft vorstellen:

Jan Bültmann (22), Bankkaufmann im dritten Ausbildungsjahr bei der Kölner Bank

„Mir war schon früh klar, dass Bankkaufmann mein Beruf ist. Schon als Kind habe ich gerne Bank gespielt und meiner Familie regelmäßig Geld ausgezahlt. Als ich das erste Mal als Auszubildender unsere Bank betrat, dachte ich: „Der Job hat viel mit Mathe zu tun“. Die meisten Rechenvorgänge werden aber heute maschinell abgewickelt.

Bankkaufleute müssen gut mit Menschen umgehen können, brauchen aber auch viel technisches Verständnis. Im Wertpapiergeschäft werde ich künftig drei verschiedene Computerfenster gleichzeitig bearbeiten. Das erfordert hohe Konzentration. Genauso wie Rechnen, Schreiben und Lesen muss man sich den Umgang mit digitalen Medien erst einmal aneignen. Schon in der Schule sollte Medienkompetenz deshalb eine größere Rolle spielen.

In Zukunft wird Technik das Bankgeschäft immer mehr prägen. Würden wir kein Onlinebanking anbieten, hätte dafür schon heute kaum ein Kunde noch Verständnis.“

 Robin Kleineniggenkemper (20), Zerspanungsmechaniker im dritten Ausbildungsjahr bei dem Energieversorger RWE Power

„Seit den 1990er Jahren können Bauteile per CNC-Maschine vollautomatisiert in einem Arbeitsschritt gefertigt werden. Die Digitalisierung ist in meinem Beruf also nichts Neues.  

Im ersten Ausbildungsjahr haben wir trotzdem vor allem mit der Hand gearbeitet. Wir haben einzelne Maschinenteile an von Hand gesteuerten Maschinen gedreht, gefräst und geschliffen. Man muss man erst einmal ein Gespür dafür entwickeln, wie die Kräfte – zum Beispiel die unterschiedlichen Drehzahlen – auf die verschiedenen Materialien wirken. Ohne diese praktischen Erfahrungen kann man später auch nicht richtig beurteilen, wie man die Fertigung der sehr unterschiedlichen Materialien am besten technisch programmiert.

Im zweiten und dritten Ausbildungsjahr stand dann das Planen von computergesteuerten Fertigungsprozessen und das Erstellen, Optimieren und Einrichten der Softwareprogramme im Vordergrund. Nur aufs Knöpfchen drücken werden wir Zerspanungsmechaniker auch in Zukunft nicht. Wir müssen den gesamten Fertigungsprozess im Auge haben – nicht zuletzt, weil zukünftig die Maschinen miteinander kommunizieren werden“.

 Vanessa Mehler (22), frischgebackene Kauffrau für Dialogmarketing bei dem Onlineunternehmen Entrex in Köln

„Wenn ich anderen von meiner Ausbildung zur Kauffrau für Dialogmarketing erzähle, kommt fast immer die gleiche Reaktion: Die meisten kennen diesen noch Beruf gar nicht. Die Ausbildung gibt es auch erst seit 2006 und ist aus dem Telemarketing hervorgegangen. Wenn andere das hören, kommt den meisten sofort das gängige Klischee vom Call-Center-Agent in den Sinn, der den ganzen Tag nur telefoniert und Kunden am Telefon bedient.

Tatsächlich ist der Beruf aber ungemein vielfältig und hat sich durch die Digitalisierung in kürzester Zeit enorm weiterentwickelt. Kaufleute für Dialogmarketing gibt es heute in fast allen Branchen – im Handel, bei Versicherungen, Banken genauso wie Versorgungsunternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung. Sie steuern Kommunikationsprozesse, angefangen von Kundenanfragen, Aufträgen oder Reklamationen, sind im Support genauso wie im Vertrieb oder Marketing tätig.

Telefonie ist heute nur noch ein Kanal von vielen, Kundenanfragen kommen genauso per E-Mail oder auch Online-Chats herein. Ich mag meinen Beruf, weil ich gerne mit Menschen zu tun habe und gerne systematisch arbeite. In meiner Ausbildung habe ich denn auch viel über Büroorganisation und sogar Buchhaltung gelernt. Und auch Projektmanagement ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. In Zukunft werden automatische Sprachverarbeitungssysteme, aber auch die sozialen Medien und Instant Messaging unseren Beruf weiter stark verändern“.

Pascal Wetzel (22), Kaufmann für Dialogmarketing im zweiten Ausbildungsjahr bei der AXA Customer Care GmbH in Köln

„In meiner Ausbildung zum Kaufmann für Dialogmarketing erlebe ich jeden Tag, wie sehr und wie schnell die Digitalisierung die Art und Weise verändert, wie Unternehmen mit ihren Kunden kommunizieren.

Ich habe mich für diesen Beruf entschieden, weil ich diese Veränderungen persönlich mitgestalten will und genieße es, am Puls der Zeit zu sein. Der Beruf passt sich sehr flexibel an die immer neuen Kommunikationsmittel an. Erst war es die Telefonie, die die Post und den persönlichen Kundenkontakt ergänzt haben, dann kam das Internet, das dazu führte, dass sich viele Kunden immer häufiger selbstständig schlau machten und nur noch mit sehr spezifischen Fragen an die Unternehmen herantraten.

Und heute ist es längst üblich, Kundenanfragen auch per E-Mail zu beantworten. Warum also sollten im nächsten Schritt nicht auch Kunden im Schadenfall Rechnungen per Instant Messaging an Versicherungen verschicken?“

IHKplus Tipp: Weiterbildung 4.0

Damit die digitale Transformation gelingen kann, braucht die Wirtschaft nicht nur Nachwuchskräfte, die fit für Internet & Co sind. Auch Weiterbildung 4.0 ist vonnöten.

„Seit 2012 haben wir unser Angebot an IHK-Zertifikatslehrgängen für Fach- und Führungskräfte kontinuierlich weiterentwickelt und ausgebaut“, sagt Henriette Niecknig, stellvertretende Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung der IHK Köln. Dazu zählen etwa die mehrtägigen Weiterbildungen zum Online-Marketing-Manager/in (IHK), zum Social-Media-Manager/in (IHK) und der speziell auf die Belange von Fach- und Führungskräften aus dem Personalwesen zugeschnittene Lehrgang Future Work Manager/in (IHK).

Ab Herbst 2016 geht der neue Zertifikatslehrgang „Digital Leadership“ an den Start – eine Weiterbildung speziell für Unternehmer und Führungskräfte. „Wer sein Bewusstsein dafür schärfen will, was die Digitalisierung ganz konkret für die strategische Fortentwicklung seines Unternehmens bedeutet, aber auch für das persönliche Reputationsmanagement in den sozialen Netzwerken, bekommt in diesem Lehrgang das notwendige Rüstzeug an die Hand“, so Niecknig.

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