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Eine neue Herausforderung für Unternehmen: Zu einem betrieblichen Mobilitätsmanagement gehören oft kleine Maßnahmen, die in der Summe aber viel bringen können. Grafik: Rothers Büro
Blickpunkt

Wie Köln mobil bleibt

Drohende Dieselfahrverbote, Staus, genervte Pendler, Firmen, deren Mitarbeiter zu spät zur Arbeit und zu den Kunden kommen. Unternehmen können dazu beitragen, diese Probleme zu entschärfen: „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ lautet das Zauberwort.

Text: Lothar Schmitz

Köln, im April 2019. Wegen eines umfangreichen Fahrverbots sind die Innenstadt und zahlreiche Veedel nicht mehr mit Diesel-Fahrzeugen unterhalb der Euro-6-Norm zu erreichen. Einzelhändler klagen über erhebliche Umsatzrückgänge, viele Logistiker können Waren nur mit erheblicher Verspätung zustellen, Handwerksbetriebe können ihre Einsatzorte nicht anfahren. Und obwohl die Diesel-Fahrzeuge aus der Stadt heraus gehalten werden, ist es voll. Zu voll. Zu viele Autos, die gemeinsam mit Bussen und Taxis im Stau stehen. Pendler, die sich über marode Straßen und Brücken quälen, öffentlicher Personennahverkehr, der die Masse an Menschen nicht bewältigen kann.

Ein Schreckensszenario, an dessen Vermeidung Bund, Länder und Kommunen alle fieberhaft arbeiten. Gesucht werden Lösungen für ein Problem, das durchaus vorherzusehen war: zu hohes Verkehrsaufkommen, zu viele vom Verkehr verursachte Stickoxide in zahlreichen Großstädten, Investitionsstau bei der Infrastruktur. Vieles wird zur Lösung angedacht und vorgeschlagen. Vieles wieder verworfen. Vieles scheitert an mangelnder Investitionsbereitschaft. Wie aber kann eine Großstadt wie Köln mobil bleiben? Wie können Verkehrsströme sinnvoll gelenkt, wie kann Autoverkehr ersetzt werden? Sogar kostenloser öffentlicher Nahverkehr wird erwogen, um die Zahl der Autos in den Städten und damit die Emissionen zu reduzieren.

Die Verkehrswende im Kleinen

Während die Wende im Großen noch aussteht, hat sie im Kleinen längst begonnen. Wenn es für diese Einschätzung noch eines Beweises bedurft hätte, dann den, dass jetzt sogar schon Autobauer ihren Kunden dazu raten, Bahn zu fahren: „Es muss, obwohl wir Autos verkaufen, in der Stadt für ein paar Kilometer nicht immer das Auto genutzt werden. Öffentlicher Nahverkehr und das Fahrrad sind gute Alternativen auf kurzen Wegen“, sagte Ford-Chef Gunnar Herrmann unlängst in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Herrmann sieht, wie viele andere, „Handlungsbedarf (…) hinsichtlich kluger Verkehrskonzepte, die Kölns Straßen und die drum herum entlasten“. Viele kleine, mittlere und große Unternehmen leisten inzwischen einen Beitrag zu dieser Entlastung. Das Stichwort lautet: betriebliches Mobilitätsmanagement. Dabei geht es, generell, um die systematische Analyse und Optimierung des unternehmenseigenen Verkehrsbedarfs. Der ist je nach Branche und Unternehmensgröße sehr unterschiedlich, doch gibt es einen Schwerpunkt, der im Grunde sämtliche Firmen betrifft: die Mobilität der Beschäftigten.

Wie eine aktuelle Studie im Auftrag der IHK Köln zeigt, pendeln allein in Köln täglich zirka 860.000 Beschäftigte. Der Großteil fährt mit dem Pkw zur Arbeit. Durch die Überlastung der Straßen wird der Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort aber immer zeitaufwändiger und stressiger, von den beträchtlichen Emissionen einmal ganz abgesehen. „Unternehmen, denen es gelingt, diese Fahrten zu reduzieren, leisten einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz und zur Zufriedenheit und Motivation der Beschäftigten“, betont Dr. Ulrich S. Soénius, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Köln. Die Firmen profitieren von mehr Pünktlichkeit, zudem machen sich attraktive Mobilitätsangebote auch gut im Ringen um die begehrten Fachkräfte.

Online Fahrgemeinschaften bilden

Sehr weitgehende Pläne verfolgt in dieser Hinsicht zum Beispiel das Forschungszentrum Jülich. Von den 5.600 Beschäftigten leben nur 30 Prozent in Jülich, der Großteil pendelt – meist per Pkw – aus einem Umkreis von durchschnittlich 28 Kilometern, mehrere Hundert davon aus Köln und dem Rhein-Erft-Kreis. „Als öffentlich geförderte Großforschungseinrichtung fühlen wir uns den Nachhaltigkeitszielen von UN, Bund und Land NRW verpflichtet“, sagt Dr. Peter Burauel, Leiter der Stabsstelle ZukunftsCampus der Forschungszentrum Jülich GmbH. „Da ein Großteil der Mitarbeitermobilität auf die Arbeitswege entfällt, schaffen wir auf diesem Feld systematisch Möglichkeiten, unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren.“

Unter anderem plant das Forschungszentrum Jülich Angebote, E-Fahrzeuge laden zu können. Zudem setzt es mit digitalen Mitteln auf die stärkere Nutzung einer traditionellen Maßnahme: Ein eigens geschaffenes Online-Pendlerportal senkt die Einstiegshürden, um Fahrgemeinschaften zu bilden. Geplant ist darüber hinaus, den Beschäftigten einen On-Demand-Pendlerservice mit Bussen anzubieten. Die intelligent gerouteten Fahrzeuge sollen mit Arbeitsplätzen und WLAN ausgestattet sein und sich von den Nutzern per App buchen lassen.

Für ihre „kreativen und vorbildhaften Ideen für bessere Arbeitswege und umweltschonende Mobilität“ erhielt die Großforschungseinrichtung im Dezember einen Hauptpreis im Rahmen der Bundesinitiative „mobil gewinnt“.

Belohnung für ÖPNV-Nutzung

Sabine Daus (links), in der „Krieler Welle“, hat mithilfe eines Mobilitätsberaters Verkehrskonzepte zur besseren Erreichbarkeit des Schwimmbades verzahnt. Kunden, Mitarbeiter und Umwelt danken es ihr.
Foto: Peter Boettcher

Die „Krieler Welle“ hat im Vergleich zum Forschungszentrum Jülich die attraktivere Lage. Die Schwimmschule liegt mitten im Kölner Stadtteil Lindenthal, zur nächsten Stadtbahn-Haltestelle sind es nur drei Minuten zu Fuß. Die gute ÖPNV-Anbindung ist wichtig, denn die Lage hat einen anderen beträchtlichen Nachteil: Meist finden weder die rund 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch die Mütter und Väter mit ihren Kindern einen Parkplatz. „Deren Anzahl rund um die ‚Krieler Welle‘ ist begrenzt“, betont Inhaberin Sabine Daus. Sie möchte den Kunden sowie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber Alternativen bieten.

Deshalb setzte sie im Rahmen des Beratungsprogramms „mobil gewinnt“ auf die Unterstützung eines Mobilitätsberaters. Gemeinsam mit einem Experten der B.A.U.M. Consult GmbH aus Hamm entstanden zahlreiche, im Grunde ganz einfache Ideen, wie die „Krieler Welle“ für bessere Mobilität und zugleich mehr Umweltfreundlichkeit sorgen könnte. Ein Ergebnis: Wer auf die Anreise per Pkw nicht verzichten möchte, kann nun den öffentlichen Parkplatz eines 400 Meter entfernten Hotels nutzen. „Zudem sind wir mit dem Hotel in Gesprächen über eine weitergehende Kooperation“, erzählt Sabine Daus. Eine Idee: Bei Bedarf könnte man sich im Hotel Regenschirm oder Kinderwagen für den Fußweg bis zur Schwimmhalle ausleihen.

Zugleich belohnt Sabine Daus diejenigen, die per Bus und Bahn nach Lindenthal kommen: Sie erhalten eine Zehnerkarte, und wenn die voll ist, gibt’s zum Beispiel einen Rabatt auf den nächsten Schwimmkurs. Überdies hat sie eine große Parkfläche für Kinderwagen geschaffen, inklusive sinnvoll angebrachter Stangen, um sie anzuschließen. Im Foyer hängen zudem alle wichtigen Fahrpläne.

Einzelmaßnahmen bündeln

„Es sind oft kleine Maßnahmen, die in der Summe aber viel bringen“, weiß Johannes Auge, Geschäftsführer bei B.A.U.M. Consult in Hamm. „Jedes Unternehmen, egal welcher Branche und Größe, kann Mobilität nachhaltig gestalten, dieses Signal ist mir wichtig.“ Auge gibt allerdings zu, dass er bisweilen dicke Bretter zu bohren habe. Insbesondere, wenn es um das Thema „Auto stehen lassen“ geht. „Das Auto ist in vielen Firmen und in den Köpfen vieler Beschäftigter immer noch das Maß aller Dinge“, beobachtet er, „die Unternehmen tasten sich ganz langsam an Änderungen heran.“

Betrieblicher Mobilitätsmanager

Oliver Zeiler, Personaldisponent und Fuhrparkleiter bei der müllermusic Veranstaltungstechnik, lässt sich bei der IHK Köln zum betrieblichen Mobilitätsmanager fortbilden.
Foto: Peter Boettcher

Was sie alles tun können, vermitteln Auge und sein Team nicht nur in Einzelberatungen. Auge ist auch Dozent des neu entwickelten IHK-Zertifikatslehrganges „Betriebliche/-r Mobilitätsmanager/-in (IHK)“. Der erste Lehrgang dieser Art startete im Februar im Bildungszentrum der IHK Südwestfalen in Hagen, in den nächsten Tagen geht es im Bildungszentrum der IHK Köln los. Der Zuspruch ist stark: Der Lehrgang ist seit Wochen ausgebucht.

Einer der Teilnehmer ist Oliver Zeiler, Personaldisponent und Fuhrparkleiter bei der müllermusic Veranstaltungstechnik GmbH & Co. KG. Das Unternehmen mit 96 Festangestellten ist europaweit in der Veranstaltungsbranche aktiv. Das heißt: jede Menge Reisen vieler Beschäftigter per Dienstwagen, Bahn und Flugzeug, viele Tausend Straßenkilometer der rund 20 firmeneigenen 7,5-Tonner, Sprinter und Pkws – und die Pendelwege der Beschäftigten, die seit dem Umzug der Firma von Deutz nach Poll zugenommen haben.

Unternehmensmobilität systematisch planen

Schon lange setzt müllermusic einzelne Maßnahmen um, damit der Energieverbrauch und damit die Kosten sinken. „Außerdem sensibilisieren wir unsere Beschäftigten dafür, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, wann immer das möglich ist“, berichtet Zeiler. Der nächste Schritt soll nun sein, solche Einzelmaßnahmen zu bündeln und zu einer systematischen Planung der Unternehmensmobilität zu gelangen. „Dazu erhoffe ich mir von dem Lehrgang viele Ideen und Ansätze“, sagt Zeiler. Drohende Fahrverbote muss das Unternehmen zumindest für den betriebseigenen Fuhrpark nicht fürchten. „Wir haben sämtliche Fahrzeuge rechtzeitig auf die Euro-6-Norm umgerüstet!“

Betriebliches Mobilitätsmanagement in der IHK Köln

Die IHK Köln möchte mit gutem Beispiel vorangehen. Wegen der schlechten Parkplatzsituation in der Innenstadt bietet sie seit vielen Jahren ein VRS-Jobticket an, das von gut zwei Dritteln der Beschäftigten genutzt wird. Für kürzere Dienstfahrten stehen zudem zwei Fahrräder bereit, davon ein E-Bike. Einer der Firmen-Pkws ist ebenfalls ein E-Auto – samt eigener Ladestation. Beschäftigte, die alternativ zur Arbeit gelangen möchten, können zudem über die IHK ein Fahrrad leasen, wobei die Rate steuermindernd vom Bruttogehalt einbehalten wird.

Jobtickets für kleine Betriebe

Auch kleine und mittlere Betriebe mit zwei bis 49 Beschäftigten können diesen ein Jobticket anbieten und damit umweltfreundliches Pendeln zwischen Wohn-und Arbeitsort sowie Fahrten in der Freizeit ermöglichen! Ein Rahmenvertrag zwischen IHK Köln, Kölner Verkehrs-Betrieben und Verkehrsverbund Rhein-Sieg macht es möglich. Voraussetzungen und Vorgehensweise: www.ihk-koeln.de/11541.

Praxisleitfaden und Studie

Der Praxisleitfaden „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ der Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz gibt eine theoretische Einleitung und sieben Beispiele zum betrieblichen Mobilitätsmanagement. Er kann über die Webseite der IHK Köln abgerufen werden: www.ihk-koeln.de/142800.

Die Studie „Pendlermobilität – Die Schiene im Fokus“ der IHK Köln wirft einen Blick auf den Status quo und listet Wünsche der Pendler auf. Unter www.ihk-koeln.de/169540 ist die Studie abrufbar.

Ihre Ansprechpartner

Im April startet der erste IHK-Lehrgang „Betriebliche/-r Mobilitätsmanager/-in“, der rasch ausgebucht war. Rund um das Thema plant die IHK Köln weitere Informationen und  Veranstaltungen und sammelt dazu Anfragen interessierter Mitgliedsunternehmen.

Ihre Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen sind:

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