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Schwäche des Welthandels verschärft regionale Strukturprobleme der Wirtschaft

Die Dynamik des Welthandels hat in den vergangenen Jahren deutlich an Tempo verloren: Zwischen 1992 und 2000 lag die Wachstumsrate noch bei durchschnittlich acht Prozent pro Jahr, sank bis 2007 auf 6,5 Prozent und liegt seitdem bei nur noch 2,7 Prozent jährlich. „Die Globalisierung ist ins Stocken gekommen“, stellt Alexander Hoeckle, Geschäftsführer Internationales bei der IHK Köln, fest. Und das hat erhebliche Auswirkungen auf die regionalen Unternehmen, denn die Wirtschaft im IHK-Bezirk Köln ist von einer hohen Außenhandelsorientierung geprägt: Die Exportquote der Industrieunternehmen liegt bei rund 52 Prozent. Jeder Prozentpunkt weniger beim Export schlägt spürbar negativ auf die Kölner Region durch.

Studie analysiert Auswirkungen der sinkenden Auslandsnachfrage
Bislang jedoch gab es keine Untersuchungen zu den tatsächlichen Auswirkungen der schwächelnden Auslandsnachfrage. Um das zu ändern, hat IHK NRW - der Zusammenschluss der 16 Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen - das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) beauftragt, Ursachen und Folgen dieser Entwicklung auf den Grund zu gehen. Die jetzt vorgelegte Studie „ Peak Trade? - Auswirkungen einer weltwirtschaftlichen Wachstumsverlangsamung auf das Exportland Nordrhein-Westfalen“ nennt zunächst zwei Gründe für die Verlangsamung des Welthandels: Die weltwirtschaftliche Produktion selber steht auf der Bremse, und die Handelselastizität der Produktion nimmt ab. Die Verlangsamung der Produktion hat ihren Grund vor allem in der nachlassenden Dynamik der Schwellenländer, wobei China eine herausgehobene Rolle spielt. Ein weiterer Grund ist der massive Nachfrageeinbruch in der EU. Hinzu kommt, dass sich das Wachstum in vielen Schwellenländern weg vom Import hin zu einem stärkeren Binnenwachstum orientiert. Als Folge hat sich der „Importgehalt“ des Wachstums verringert: Für ihr Wachstum benötigen die Schwellenländer heute weniger Importgüter als früher, und zunehmend werden Güter lokal produziert, statt sie zu importieren.

Exportorientierte Kölner Region muss sich auf geringere Wachstumsdynamik einstellen
Ob die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung tatsächlich ihren Höhepunkt überüberschritten hat („peak trade“) oder ob der Rückgang des Welthandels lediglich eine Normalisierung nach dem dynamischen Wachstum der 1990er Jahre darstellt, kann die RWI-Studie noch nicht klären. „Entsprechend kann über das Ausmaß der Folgen keine gesicherte Aussage getroffen werden“, so Hoeckle. „Fest steht jedoch, dass sich die Unternehmen in unserer exportorientierten Kölner Region in den kommenden Jahren auf eine geringe Wachstumsdynamik im Export einstellen müssen, selbst wenn die Weltkonjunktur wieder anziehen sollte.“

Internationale Handelsbeschränkungen schlagen durch
Verstärkt wird dieser Effekt von einer restriktiveren Handelspolitik in vielen Ländern. So gilt etwa die 2001 in Doha, der Hauptstadt Dakars, begonnene Verhandlung der Welthandelsorganisation (WTO) über Handelsliberalisierungen mittlerweile als gescheitert. Stattdessen haben nach der Rezession im Jahr 2009 wieder mehr Länder zu Handelsbeschränkungen gegriffen. Diese Entwicklung verschärfen könnte der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Und werden die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten zur künftigen Handelsabschottung der USA umgesetzt, so wird auch dies die NRW-Unternehmen treffen.

NRW verliert im Vergleich zu anderen Bundesländern
Parallel zur strukturell bedingten Abschwächung des Welthandels ist NRW zudem gegenüber anderen deutschen Bundesländern im Export zurückgefallen. Der Anteil, den die nordrhein-westfälischen Unternehmen an den deutschen Ausfuhren haben, sank von über 23 Prozent im Jahr 1991 auf nur noch 15,2 Prozent im Jahr 2015, da sich die Exporte der NRW-Wirtschaft seit der Jahrtausendwende schwächer entwickelten als die Deutschlands insgesamt. In den Jahren 2002 bis 2015 erhöhten sich die nominalen Ausfuhren aus NRW zwar um 52 Prozent, das gesamte Bundesgebiet verzeichnete jedoch im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von 84 Prozent. Mittlerweile liegen die Exporte je Kopf in NRW unter dem Bundesdurchschnitt.

Negative Standorteffekte
Als Ursachen für das Zurückfallen identifiziert das RWI die regionale Verteilung der Exportländer, die Branchenstruktur sowie, als den Faktor mit dem größten Einfluss, einen negativen Standorteffekt. Insbesondere nach der Rezession im Jahr 2009 haben sich die regionale Ausrichtung und die Branchenstruktur der NRW-Exportwirtschaft nachteilig auf das Exportwachstum ausgewirkt. So ist die NRW-Wirtschaft stärker als andere Bundesländer auf Länder in der EU und damit auf Regionen fokussiert, die deutlich langsamer als die Märkte Asiens oder auch die USA gewachsen sind. Der überwiegende Teil des NRW-Exportproblems ist, so die Berechnungen des RWI, auf einen negativen Standorteffekt in NRW zurückzuführen. Gerade hier konstatieren die Gutachter dem Land NRW in den vergangenen Jahren eine markante Verschlechterung. Der Standorteffekt beschreibt die Standortfaktoren, bei denen NRW im Vergleich zu anderen Bundesländer schlechter dasteht. Mögliche Ursachen sieht das RWI in den Innovationsbedingungen und in harten Standortfaktoren wie den Kostenbelastungen oder der Infrastruktur.

Außenhandelsförderung neu justieren
Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung konnte der Standorteffekt nicht in seine Einzel-komponenten zerlegt und näher untersucht werden. Dies sollte nun aber dringend angegangen werden, um die Ausrichtung der Exportaktivitäten und der Außenhandelsförderung in dem schwieriger werdenden Umfeld neu zu justieren und flexibler auf die wirtschaftlichen Bedarfe auszurichten. Denkbar wäre eine stärkere Konzentration auf Länderschwerpunkte außerhalb Europas oder auch neue Wege, etwa im digitalen Export. Gemeinsam mit dem Netzwerk der IHK-Organisation könnten so die für die NRW-Wirtschaft wichtigen internationalen Märkte erschlossen werden. „Gerade als federführende Industrie- und Handelskammer im Bereich Außenwirtschaft werden wir uns mit IHK NRW nachdrücklich dafür einsetzen, dass die negativen Standorteffekte auch von politischer Seite aus angegangen werden. Für uns ist das mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen ein wichtiges Kriterium“, so Hoeckle.
 Bedeutend wird es zudem in Zukunft sein, wieder verstärkt für die Vorteile des Freihandels und den Abbau von Bürokratielasten im Zoll- und Außenwirtschaftsrecht zu werben. „NRW lebt von offenen Grenzen“, mahnt IHK-Geschäftsführer Hoeckle. „Ein Zurückdrehen der globalen Arbeitsteilung hätte für unsere Region spürbare Nachteile“.

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