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Das rheinische Braunkohlerevier ist vom Austieg aus der Kohleverstromung besonders betroffen. Foto: Michael Claushallmann
Porträt

Von der Kohle zur High-Tech

Der Countdown läuft. Bis spätestens zum Jahr 2038 soll die Kohleverstromung schrittweise verringert und dann vollständig beendet werden. Den Strukturwandel in den Kohleregionen will der Bund mit bis zu 40 Milliarden Euro unterstützen. Auch im Bezirk der IHK Köln stehen förderfähige Projekte an, die zu neuen Wertschöpfungsketten und Arbeitsplätzen beitragen.

Text: Eli Hamacher

Die Herausforderung ist groß: „Im Rheinischen Revier arbeiten rund 6.000 Unternehmen, die auf eine sichere Energieversorgung, insbesondere die verfügbare elektrische Leistung, angewiesen sind. Und sechs von zehn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind in NRW direkt oder indirekt in der Industrie beschäftigt“, sagt Kurt Vetten, Geschäftsführer der SME Management GmbH in Elsdorf, der für alle Beteiligten der Energie- Branche – Erzeuger, Versorger und Verbraucher – Projekte initiiert und entwickelt. „Wenn jetzt sukzessive und früher als ursprünglich geplant die Kohlekraftwerke vom Netz gehen, muss gewährleistet bleiben, dass auch in einem dezentralen Energiesystem die Infrastruktur funktioniert und Energie verlässlich verfügbar ist.“ Vettens SME entwickelt und steuert ein Projekt namens „QUIRINUS Control“ mit aktuell 23 Verbundpartnern aus unterschiedlichen Branchen der Wirtschaft und Wissenschaft. QUIRINUS hat der Aufsichtsrat der Zukunftsagentur Rheinisches Revier, in der auch die IHK Köln vertreten ist, der Landesregierung zur Beschleunigung des Strukturwandels als förderfähig empfohlen. Ziel ist es, ein Monitoringsystem aufzubauen, das die Folgen des Kohleausstiegs auf die Stromversorgung überwacht. „Bis Jahresende sind wir startklar und könnten nach dem Förderbescheid den Veränderungsprozess von Anfang an begleiten“, unterstreicht Vetten.

Kurt Vetten, SME Management GmbH.
Foto: Michael Claushallmann

„QUIRINUS Control“ ist eins von insgesamt 83 Projekten, mit denen die Zukunftsagentur Rheinisches Revier den Strukturwandel in NRW beschleunigen will. Über die Zukunftsagentur wird das Rheinische Revier, zu dem die Kreise Düren, Euskirchen, Heinsberg, der Rhein-Erft-Kreis und der Rhein-Kreis Neuss, die Städteregion Aachen und die Stadt Mönchengladbach gehören, Projekte entwickeln und durchführen, die den Strukturwandel unterstützen.

Dafür wurden vier Zukunftsfelder definiert: Energie und Industrie, Ressourcen und Agrobusiness, Innovation und Bildung, Raum und Infrastruktur (inklusive Mobilität). Aus Sicht von Ralph Sterck, Geschäftsführer der Zukunftsagentur, „leisten die ausgewählten Projekte einen wichtigen Beitrag zur strategischen Weiterentwicklung unserer Zukunft im Rheinischen Revier. Die Projektliste wurde so zusammengestellt, dass bereits kurzfristig Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte entstehen.“ Bei QUIRINUS Control sollen zum Beispiel 100 bis 120 hochqualifizierte Arbeitsplätze im Projekt geschaffen und nach Abschluss in dauerhafte Stellen umgewandelt werden.

Vom vorzeitigen Ausstieg aus der Kohleverstromung ist das Rheinische Braunkohlerevier am stärksten betroffen. Schon Ende 2020 wird der erste Kraftwerksblock stillgelegt. Um die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Strukturmittel für die Zukunftsprojekte zeitnah nutzen zu können, hat die Zukunftsagentur ein dreistufiges Verfahren erarbeitet, das die Projekte durchlaufen müssen. Einen ersten Stern gibt es für substanzielle Projektideen. Dieser wurde den 83 Zukunftsprojekten bereits bei der jüngsten Aufsichtsratssitzung der Zukunftsagentur verliehen. Einen zweiten Stern erhalten tragfähige Vorhaben und einen dritten gibt es für ein bewilligungsreifes Projekt. Mit dem dritten Stern rechnet Vetten von der SME Ende 2020.

Chemiehub im industriellen Raum
Die YNCORIS GmbH & Co. KG in Hürth bewirbt sich mit der Stadt Hürth und weiteren Partnern mit dem Projekt „Chemiehub im industriellen Raum“ um Fördermittel des Bundes. „Am Kraftwerksstandort Hürth sind zahlreiche Arbeitsplätze durch den Strukturwandel betroffen. Zudem ist die Versorgungssicherheit der energieintensiven Betriebe der chemischen Industrie in Hürth-Knapsack von höchster Bedeutung“, sagt Pierre Kramer, der bei YNCORIS die Standortentwicklung leitet. Mit dem Chemiehub am Standort Knapsack sollen deshalb unter anderem der Umstieg auf erneuerbaren Kohlenstoff für die Chemie vorangetrieben und Produktionsverfahren auf Basis neuer Rohstoffe wie Biomasse oder CO2 entwickelt werden. Auch Start-ups, die kapitalintensive Infrastruktur zur Skalierung marktreifer Produkte nach der Laborentwicklung benötigen, sollen an dem Hub unterstützt werden. Wann das Projekt starten kann, sei allerdings noch offen, so Kramer.

Pierre Kramer von YNCORIS.
Foto: Michael Claushallmann

Voraussetzungen für den Strukturwandel
„Damit die Fördermittel des Bundes einen möglichst positiven Effekt erzielen und unternehmerisches Engagement beflügeln können, sind auch passende Rahmenbedingungen unerlässlich“, ergänzt Thorsten Zimmermann, Leiter der Geschäftsstelle Rhein-Erft der IHK Köln. So müssten die Infrastruktur ausgebaut und interkommunale Flächen zügig bereitgestellt werden, indem der aktuelle Regionalplan geändert werde. Im Fokus der Projekte müssten zudem neue Wertschöpfungsketten und Arbeitsplätze stehen. Last but not least seien eine verstärkte interkommunale Kooperation und steuerliche Anreize für Investitionen im Rheinischen Revier nach dem Vorbild des Fördergebietsgesetzes für die neuen Länder wichtige Voraussetzungen, damit der Strukturwandel gelinge.

Details über die Zukunftsprojekte, die der Aufsichtsrat der Zukunftsagentur Rheinisches Revier der Landesregierung zur weiteren Prüfung empfiehlt:
www.rheinisches-revier.de/projekte

Weitere Informationen zum Projekt Quirinus Control:
www.quirinus-control.de

Um die Energiewende mitzugestalten, können sich energieintensive, produzierende und gewerblich tätige Unternehmen sowie Betreiber kritischer Infrastrukturen (unter anderem Krankenhäuser, Feuerwehr) bei der Dialogplattform und Interessenvertretung „Industrieallianz für regionale Energiesicherheit“ engagieren. Die Mitgliedschaft ist beitragsfrei.
www.iares.de

Infos über das Wirtschafts- und Strukturprogramm für das Rheinische Revier auf:
www.ihk-koeln.de/231800

Die IHK zum Kohleausstiegs- und Strukturstärkungsgesetz:
www.ihk-koeln.de/234620

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