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Das begrünte Dach der Quarzwerke Frechen bindet unter anderem Staub und sorgt so für bessere Luft. Foto: Aliki Monika Panousi
Service

Von Grau auf Grün geschaltet

Unternehmen fördern Artenvielfalt

Text: Julia Leendertse

Versiegelte Flächen und graue Hallen – so sehen viele Firmengelände aus. Dabei können Unternehmen schon mit einfachen Mitteln ihren Sitz naturnah gestalten.

Über den Dächern von Köln fliegen nicht nur Flugzeuge, sondern auch Bienen. Ihre Start- und Landebahn haben 50.000 von ihnen mitten im Herzen von Köln. Gleich mehrere Bienenvölker beherbergt Kölns erste Hochhaus-Imkerei. In 50 Meter Höhe vor Vögeln und anderen Tieren geschützt, produzieren die Stadtbienen auf dem Dach des Pullman Cologne jedes Jahr rund 45 Kilo des hoteleigenen Altstädter Bienenhonigs.

Allmorgendlich lässt Hoteldirektor Henk J. van Oostrum den minzig schmeckenden Brotaufstrich seinen Gästen auf dem Frühstücksbuffet servieren. Jeden Sommer feiert das Pullman Cologne das Schleudern des ersten Honigs in der hoteleigenen Zentrifuge und macht daraus gemeinsam mit Kölner Kindern oder auch Stars ein Event. „Unsere Gäste sind regelmäßig begeistert“, sagt van Oostrum. „Und auch unsere Mitarbeiter sind stolz darauf, dass wir mit unseren Hotel-Bienen zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen.“ In Deutschland kommt es seit der Einschleppung der Varroamilbe seit einigen Jahren immer wieder zu seuchenartigem Bienensterben. 

„Ob Bienenstock, Dach- oder Fassadenbegrünung, Bauminseln oder blütenreiche Grünflächen – es gibt für Unternehmen viele Möglichkeiten, durch die naturnahe Gestaltung ihres Firmengeländes die biologische Vielfalt von Pflanzen und Tieren zu schützen“, sagt Elisabeth Slapio, bei der IHK Köln Geschäftsführerin für Innovation und Umwelt (siehe Kasten). „Dabei darf nicht vergessen werden, dass sich durch das geltende Umweltrecht bereits zahlreiche Verpflichtungen für Unternehmen ergeben, die auch dem Erhalt der Artenvielfalt dienen“, so Slapio.

Über 45 Kilo Honig jährlich von den hoteleigenen Bienen freut sich Direktor Henk van Oostrum (Mitte).
Foto: Claudia Wingens

Weltweit hat das Artensterben rasant zugenommen. Laut Naturschutzbund Deutschland ist bereits mehr als jede vierte Tier- und Pflanzenart hierzulande gefährdet oder unmittelbar vom Aussterben bedroht. „Um tatsächlich eine Trendwende zu erreichen, ist zusätzliches freiwilliges Engagement der Wirtschaft vonnöten“, sagt Carolin Boßmeyer, Geschäftsführerin der „Biodiversity in Good Company“-Initiative. Das bundesweite Unternehmensnetzwerk, dem auch die Kölner Einzelhandelskette REWE angehört, macht sich dafür stark, die biologische Vielfalt zu schützen und sie nachhaltig zu nutzen.

„Gerade für Unternehmen, die ihren Firmensitz erweitern, modernisieren oder den Standort wechseln, macht es Sinn, gleich von Anfang an Maßnahmen zur naturnahen Gestaltung zu treffen“, rät Sebastian Gardt, Diplom-Biologe und Projektmanager bei der Bonner Geschäftsstelle des Global Nature Fund (GNF).  So wie beim Rolshover Hof, einem denkmalgeschützten Gutshof in Köln-Poll. Als die historische Anlage in den 90er Jahren kernsaniert wurde, entstand um das zweigeschossige Herrenhaus aus verputztem Backsteinmauerwerk, den geräumigen Lager- und Gerätehäusern sowie um die riesige Scheune herum eine rund 6000 Quadratmeter große, parkähnliche Gartenanlage. Üppige Grünbereiche, heimische Obstbäume mit alten Kulturäpfeln wie der Rheinische Winterrambour oder der Boskopapfel Jakob Lebel wechseln sich mit Rosenstauden und naturnahen Hecken statt Zäunen ab. Überall an den historischen Gemäuern ranken Kletter-Hortensien, Efeu und wilder Wein.

„Wir setzen bewusst auf heimische Pflanzen, verzichten weitgehend auf Dünger und Pestizide und mähen so wenig wie möglich, damit sich unsere Eichhörnchen, Igel, Vögel und Insekten wohlfühlen“, betont Dieter Eller, der für die Pflege des Firmengartens verantwortlich ist. Sein Arbeitgeber, der Call Center-Betreiber Jäger + Schmitter DIALOG, hat bereits seit mehr als 20 Jahren im Rolshover Hof seinen Sitz. „Der viele Grünraum um uns herum ist für unsere Call Center-Mitarbeiter eine wichtige Kraftquelle“, so Marketingleiter Guido Cuypers-Koslowski. „Das Mittagessen im Sommer im Schatten eines Obstbaums einnehmen zu können, hilft, den Kopf frei zu bekommen.“

Naturschutz wird auch bei den Quarzwerken Frechen großgeschrieben. Das Familienunternehmen engagiert sich seit Jahrzehnten intensiv bei der Renaturierung ehemaliger Gewinnungsstätten seiner Rohstoffe. „Wir bauen hier seit 132 Jahren Quarzsand ab“, sagt Hans-Jörg Schulz, Leiter Allgemeine Verwaltung. „Daher sehen wir uns in besonderer Verantwortung und engagieren uns über die gesetzlichen Vorschriften hinaus für die Artenvielfalt“. Das zeigt sich auch bei der Gestaltung der Hauptverwaltung. Ihr Dach ist zu großen Teilen begrünt. „Unser Gründach ist nicht nur Lebensraum vieler Insekten“, erklärt Landschaftsgärtnermeister Andreas Köhler: „Die Begrünung schützt auch das Dach, bindet Staub und hält so die Luft rein und wirkt wie eine natürliche Klimaanlage.“

Fazit: „Es muss nicht immer das ganz große Rad sein“, betont Biologe Gardt. Schon durch die Anlage eines Blühstreifens oder Staudenbeetes aus heimischen Gewächsen im Eingangsbereich könnten Unternehmen mit verhältnismäßig geringem Aufwand bereits sichtbare Effekte erzielen.

Lebensraum für viele Kleintiere bieten Ranken und Grünflächen im Rolshover Hof.
Foto: Andreas Lange

So können Unternehmen die Artenvielfalt fördern

Ob Blumenwiese statt Rasenfläche oder Nistkästen in Bäumen – es gibt viele Wege, wie Unternehmen durch naturnah gestaltete Firmengelände Schutzräume für Pflanzen und Tiere schaffen können. Hier eine Auswahl.

Baumreihen/-inseln
Bäume wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff. Die Früchte heimischer Baumarten sind für einige Tierarten eine wichtige Nahrungsquelle. Durch Beschattung und Verdunstung haben Baumbestände nachweislich einen Kühleffekt in den Sommermonaten, vor allem bei extremer Hitze.
Vorteile: Relativ pflegeleicht.
Nachteile: Nicht überall realisierbar (Bodenbeschaffenheit); je nach Art Kosten für Reinigung (Laub)

Bienenkisten
Honigbienen erhalten auch im urbanen Umfeld den Naturkreislauf.
Vorteile: Engagement für die Umwelt strahlt auf Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten aus;  firmeneigener Honig steigert das Image.
Nachteile: Imkerkenntnisse notwendig; Naturumfeld (Blüten) muss stimmen; Arbeitsaufwand vor allem im Sommer.

Dachbegrünung
Mit anspruchslosen Pflanzen wie Magerrasen oder Mauerpfeffer entstehen auf Dächern ökologische Nischen für viele Tier- und Pflanzenarten.
Vorteile: Kostengünstig, weil langlebig; sparen Abwassergebühren pro Quadratmeter Grundstück, weil die bebaute Fläche nur noch als teilversiegelt gilt; halten Regenwasser zurück, bieten Schutz vor Wetterextremen wie Hagelschäden; verbessern das Gebäudeklima.
Nachteile: Hohe Anfangsinvestitionen, möglich nur bei Dächern mit geeigneter Statik. Bei Schräg- oder Satteldächern fallen die Investitionen höher aus.

Entsiegelung
Beton oder Asphalt wirken sich negativ auf den Wasserkreislauf aus. Besonders Asphalt ist eine tödliche Falle für kleine Tiere. Naturnähere Beläge wie Schotter oder gebrochene Natursteine lassen Regenwasser versickern.
Vorteile: Spart Abwassergebühren; Verschönert das Erscheinungsbild.
Nachteile: Je nach Belag höherer Pflegeaufwand.

Fassadenbegrünung
Pflanzen verwandeln Fassaden in grüne, attraktive Biotope.
Vorteile: Natürliche Klimaanlage; verlängert Fassadenlebensdauer; verbessert Luftqualität; spart Kosten durch natürliche Dämmung; verbessert Schallisolierung; attraktive Optik.
Nachteile: Nicht geeignet bei vielen Fenstern; zusätzlicher Pflegeaufwand, bei manchen Pflanzen fallen zusätzliche Kosten für Rankhilfen an. Selbstklimmer wie Efeu oder Wilder Wein benötigen keine Rankhilfen, müssen aber regelmäßig geschnitten werden.

Insektenfreundliche Außenbeleuchtung
Geringere Lichtemissionen schützen Insekten und nachtaktive Tiere.
Vorteile: Keine Irritationen der Fauna; energieeffiziente Leuchten und Bewegungsmelder senken Stromverbrauch und Kosten.
Nachteile: Hohe Anfangsinvestition.

Mehrjährige Blühflächen
Eine Blumenwiese statt englischem Rasen ist ein farbenfrohes Aushängeschild für Unternehmen und bietet Insekten Schutz und Nahrung. Geeignet für bestehende Rasenflächen oder artenarme Wiesen.
Vorteile: Spätestens im Folgesommer entsteht eine spektakuläre Blühfläche. Nur wenig Aufwand für Bodenvorbereitung nötig, was die Maßnahme erschwinglich macht. Statt 20 Mal im Jahr mähen zu müssen, reichen ein bis zwei „Mahddurchgänge“ aus.
Nachteile: Je nach Blühmischung, Standort und Bodenqualität halten manche Blühflächen nur einige Jahre. Danach sind die Blühmischungen erschöpft, keine Spiel- oder Liegewiese.

Naturnahe Hecken
Hecken sind schöner als Grenzzäune und Wanderwege für Tiere.
Vorteile: geringer Pflegeaufwand; attraktiver Blick- und Windschutz; Biotop für Amphibien, Igel und Vögel.
Nachteile: Um als Biotop zu dienen, sind mindestens zwei Meter Höhe und eine gewisse Breite vonnöten.

Naturnahe Kleingewässer
Teiche sind ein dauerhafter Natur- und Erlebnisraum.
Vorteile: Lebensraum für Amphibien, Insekten, Vögel; Ökosystem; als Regenwasserauffangbecken spart es Abwassergebühren.
Nachteile: Haftung (Gefahr des Ertrinkens für Kinder); hohe Kosten; Behördenauflagen.

Nisthilfen
Nistplätze für Vögel sind auf geringstem Raum möglich.
Vorteile: Kostengünstig; geringer Platzbedarf; Überlebensraum für Tiere.
Nachteile: Zum Teil pflegebedürftig (Reparaturen, Ersatz)

Totholz
Nicht wegwerfen: Abgeholztes ist Lebensraum für Insekten.
Vorteile: Keine Entsorgungskosten; keine Investitionen; ästhetisch gestaltbar.
Nachteile: Kann unordentlich aussehen (Aufklärungsbedarf der Öffentlichkeit gegenüber); nicht schnell zu entfernen.

(Quelle: Global Nature Fund)

Mehr Infos

Basisinformationen und hilfreiche Links zur Förderung der biologischen Vielfalt gibt es auf der Homepage der IHK Köln.

Die Broschüre „Wege zum naturnahen Firmengelände“ liefert 21 Ideen für mehr Artenvielfalt auf Unternehmensflächen: von einfach bis aufwendig. Sie wurde vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung gemeinsam mit dem Global Nature Fund erstellt. Herausgeber ist das Bundesamt für Naturschutz.

Die Checkliste „Potentiale für die naturnahe Gestaltung am Unternehmensstandort“ hilft Unternehmen, selbst zu testen, wo sie bei der naturnahen Gestaltung ihres Firmengeländes am besten ansetzen können. Den Selbstcheck haben die Bodensee-Stiftung, die Heinz-Sielmann-Stiftung und der Global Nature Fund entwickelt.

Die Dialog- und Aktionsplattform „Unternehmen Biologische Vielfalt 2020“ versorgt Unternehmen mit Einstiegswissen, informiert über gelungene Pilotprojekte und fördert den Erfahrungsaustausch untereinander. „UBi 2020“ ist eine Initiative des Bundesumweltministeriums, verschiedener Naturschutz- sowie Spitzen- und Branchenverbände der deutschen Wirtschaft. Zu den Unterstützern zählt auch der DIHK.

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