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Authentisch und auf Augenhöhe: Die Ausbildungsbotschafter Daniel Drews und Kerim Tetik Foto: Aliki Monika Panousi
Porträt

„Viel näher dran als Lehrer und Berufsberater“

Im Rahmen des IHK-Projekts „Ausbildungsbotschafter“ berichten Azubis vor Schulklassen von ihrem Lehrberuf, ihrem Schul- und Arbeitsalltag, Karrieremöglichkeiten und ihrem Lehrbetrieb. Authentisch und auf Augenhöhe beantworten sie die Fragen der Schüler – und räumen mit Vorurteilen und Klischees auf.

Text: Katharina Hamacher

Kerim Tetik steht souverän auf der Bühne in der Aula der Realschule Bergneustadt, das Mikro locker in der Hand. Seine Ansprache an die knapp 300 Acht- bis Zehntklässler, die ihm gebannt zuhören, ist klar und direkt. Der 19-Jährige berichtet an diesem Morgen von seiner Ausbildung zum Industriemechaniker, die er bei der Metalsa Automotive GmbH absolviert. Kerim Tetik engagiert sich als Ausbildungsbotschafter – mit einem klaren Ziel vor Augen: „Ich möchte, dass die Jugendlichen sich frühzeitig Gedanken über ihre Zukunft machen. Was passiert, wenn sie das nicht tun, sehe ich täglich bei einigen Freunden, die nichts aus sich machen.“

Dass ihm sein Einsatz im Rahmen des IHK-Projekts so viel Spaß macht, hätte der junge Bergneustädter noch vor anderthalb Jahren nicht für möglich gehalten. „Mein Ausbilder musste mich regelrecht überreden“, erinnert sich der angehende Industriemechaniker. „Ich dachte anfangs, das wäre gar nichts für mich.“ Heute, im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung, hat Kerim Tetik bereits etliche Einsätze hinter sich gebracht. Die Fragen der Schüler sind meist dieselben: Wie läuft die Ausbildung ab? Wie ist es mit der Berufsschule? Ist der Job auch was für Mädchen? Stehen die Chancen gut, übernommen zu werden? Und wie viel verdient man eigentlich? Gerade die Antwort auf die letzte Frage überrascht seine Zuhörer immer wieder, sagt der 19-Jährige lachend. „Die Schüler haben völlig falsche Vorstellungen und denken, dass Leute im Anzug viel besser verdienen als wir. Dabei sind die Verdienstmöglichkeiten sehr gut, wenn man sich entsprechend weiterbildet.“ Das hat Kerim Tetik nach dem Ende seiner Ausbildung bei dem großen Automobilzulieferer mit mehr als 1000 Mitarbeitern und rund 60 Azubis fest vor. „Ich möchte den Meister machen, damit ich junge Leute ausbilden kann. Das ist genau mein Ding.“ Wie viel Spaß ihm die Arbeit mit Jugendlichen macht, hat er unter anderem durch das IHK-Projekt „Ausbildungsbotschafter“ gemerkt: „Ich habe das Gefühl, dass das, was ich sage, wirklich ankommt. Mir hören die Jugendlichen eher zu als einem Berufsberater, der vielleicht 30 Jahre älter ist als ich.“

Triple-Win-Situation: Auch Unternehmen profitieren

Genau dieser Aspekt ist auch für Christopher Meier, Geschäftsführer des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Köln, ein entscheidender Pluspunkt. „Wer kann besser über die Ausbildung, den Arbeitsalltag und den jeweiligen Betrieb berichten als die Auszubildenden selbst? Sie sind viel näher dran als Lehrer und Berufsberater und können daher authentisch und auf Augenhöhe mit den Schülern sprechen.“ Wie gut das niedrigschwellige Informationsangebot funktioniert, zeigen auch die Zahlen: Seit 2016 sind knapp 360 Botschafter geschult worden und 179 von Ihnen sind aktuell im Einsatz. Insgesamt wurden 820 Vorträge gehalten und auf diesem Wege mehr als 8200 Schüler in 135 Schulen und bei Berufsorientierungsveranstaltungen erreicht. Für Christopher Meier ist das Konzept eine Triple-Win-Situation, von der auch die bislang 133 beteiligten Unternehmen profitieren: „Die Azubis wachsen an der Aufgabe, vor großen Gruppen frei zu präsentieren. Darauf werden sie von uns in einer eintägigen Schulung vorbereitet und lernen beispielsweise auch, wie sie mit Störungen umgehen können.“ Für die Unternehmen, die ihre Auszubildenden für dieses Engagement freistellen, ist das Projekt Ausbildungsbotschafter also auch eine mitarbeiterfördernde Maßnahme – und eine gute Möglichkeit, künftige Fachkräfte anzuwerben.

Praktische Hilfe bei der Berufsorientierung

Dass sich viele Schüler für die Kontaktdaten des Ausbildungsbetriebes interessieren, stellen die jungen Botschafter immer wieder fest. Wenn Hanna Arenz zu einem Einsatz in einer Schule aufbricht, hat sie stets einen Stapel Flyer der FREYTAG & PETERSEN GmbH & Co. KG dabei. Die 23-Jährige macht eine Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel. Der Papiergroßhandel mit Standorten in Köln, Trier und Dortmund hat mehr als 300 Mitarbeiter, darunter 35 Azubis. Als ihr Ausbilder von dem IHK-Projekt berichtet hat, wusste Hanna Arenz sofort, dass sie mitmachen möchte. Sie erlebt die Berufsfindungsphase aktuell bei ihren jüngeren Geschwistern und erinnert sich noch gut daran, wie schwierig es am Ende der Schulzeit für sie war. „Ich wünschte, das Projekt Ausbildungsbotschafter hätte es damals schon gegeben. Praktische Anreize, was alles möglich ist, hätten mir sehr geholfen, denn ich wusste absolut nicht, was ich nach der Schule machen sollte.“ Also folgte sie dem Beispiel ihres älteren Bruders, wechselte von der Realschule auf ein Wirtschaftsgymnasium und studierte nach dem Abitur zwei Semester BWL – um festzustellen, dass Wirtschaftswissenschaften zu diesem Zeitpunkt nicht das Richtige für sie war. Diese Erfahrung ist der Grund, warum Hanna Arenz zu Beginn ihrer Vorträge in den Schulen gern ein dickes Fragezeichen an die Wand projiziert – und sich somit die Aufmerksamkeit der Schüler sichert, denen es heute genauso geht wie ihr damals. Bei der IHK-Schulung hat die 23-Jährige gelernt, wie sie ihre Präsentation spannend und anschaulich gestalten kann. „Beim ersten Mal war ich schrecklich nervös“, erinnert sie sich und lacht. „Aber danach sind einige Schüler zu mir gekommen und haben sich für den spannenden Vortrag bedankt, das hat mich wirklich motiviert.“

„Praktika sind gut investierte Zeit in die eigene Zukunft“

Sie wünscht sich mehr solcher Projekte, um den Schülern die Inhalte der rund 350 Ausbildungsberufe näher zu bringen. „Die Lehrer haben genug damit zu tun, den Lehrstoff zu vermitteln“, findet Hanna Arenz. „Da bleibt nicht viel Zeit für Berufsorientierung. Manche haben vielleicht auch ein falsches Bild von den Ausbildungsinhalten oder legen den Fokus eher aufs Studium. Wir hingegen sind gerade mittendrin – näher dran geht doch gar nicht.“ Sie rät den Schülern dringend, sich im Rahmen freiwilliger Praktika in den Ferien ein Bild der Ausbildungsberufe und -betriebe zu machen. „Das ist gut investierte Zeit in die eigene Zukunft.“ Der praktische Einblick hat auch ihrem Botschafter-Kollegen Kerim Tetik aus Bergneustadt den entscheidenden Impuls für die Ausbildung zum Industriemechaniker gegeben: „Ich finde, dass drei Wochen Praktikum in der neunten Klasse viel zu wenig sind. Zwischen der achten und zehnten Klasse sollten die Schüler jedes Jahr in Ausbildungsbetriebe reinschnuppern, um sich klar darüber zu werden, in welche Richtung sie gehen wollen.“

Das Projekt „Ausbildungsbotschafter“

Mit dem öffentlich geförderten Projekt „Ausbildungsbotschafter“ startete Anfang 2016 eine neue Initiative der IHK Köln, um die Attraktivität der dualen Ausbildung für junge Menschen zu steigern und Schülern die Perspektiven der beruflichen Ausbildung aufzuzeigen.

Die Ausbildungsbotschafter sind Auszubildende aller geregelten Ausbildungsberufe, die mitten in der Ausbildung stehen, eine ausreichende persönliche und fachliche Eignung mitbringen und daher glaubwürdig berichten können, was an ihrem Beruf Spaß macht. Dazu stellen die Unternehmen Azubis für eine eintägige Schulung und eine frei wählbare Anzahl von Einsatztagen an Schulen frei. Die Koordinierung der Termine mit den teilnehmenden Schulen und die Schulung der Azubis geschieht durch die IHK Köln.

Ansprechpartner für Unternehmen ist Christopher Meier, Geschäftsführer des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Köln

Tel: 0221 1640-6000, E-Mail: christopher.meier@koeln.ihk.de

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