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Sven-Oliver Pink, Florian Michajlezko und Dr. Oliver Steinki (v.l.) haben den Markt für Schulranzen mit Schwergewichten wie Scout, Samsonite, McNeill oder Spiegelburg erfolgreich aufgemischt. Foto: Athenea Diapoulis
Porträt

Vernarrt in Taschen

Mit ergonomischen Schulrucksäcken trat „FOND OF BAGS“ vor sieben Jahren an, um etablierten Konkurrenten wie Scout, Samsonite & Co. Marktanteile abzunehmen. Mittlerweile ist aus dem Start-up in Köln ein Unternehmen mit 46 Millionen Euro Umsatz geworden.

Text: Eli Hamacher

Während Sven-Oliver Pink vom Aufstieg des Kölner Schulranzenherstellers „FOND OF BAGS“ erzählt, schüttelt er ab und an ungläubig den Kopf und lächelt. „Manchmal wundere ich mich heute noch, wie aus unserer Idee ein florierendes Unternehmen werden konnte“, sagt der 37-jährige Gründer. Schon die Erfolgsformel „Schulranzenparty plus Physiotherapeutin plus Ahnungslosigkeit = FOND OF BAGS“ lässt vermuten, dass er eine gute Story im Gepäck hat.

Gegründet von vier jungen Männern im Jahr 2010 in Köln, ist es dem Mittelständler binnen sieben Jahren gelungen, mit mittlerweile sieben Marken (darunter die beiden erfolgreichsten ergobag und satch sowie die Kölner Traditionsmarke Offermann) den Umsatz von 270.000 Euro auf 46 Millionen Euro (31.7.2016) zu steigern, knapp 180 Mitarbeiter zu beschäftigen, ungewöhnlich zügig schon nach zwei Jahren schwarze Zahlen zu schreiben und mit diversen Auszeichnungen zu beweisen: „Wir haben den Markt für Schulranzen mit Schwergewichten wie Scout, Samsonite, McNeill oder Spiegelburg erfolgreich aufgemischt“, sagt Pink nicht ohne Stolz.

Zwei Mal mit dem renommierten Red Dot Design Award ausgezeichnet

Gleich zweimal wurden die Ranzen mit dem renommierten Red Dot Design Award ausgezeichnet. 2016 bekam die Firma den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigstes KMU 2016“. Laut Jury zeigt „der Taschenhersteller insbesondere mit einer ökologisch und sozial verträglichen Produktion, wie ein Unternehmen auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden kann, um die Produktdifferenzierung am Markt glaubhaft zu stützen.“

Was nach einem Sprint aussieht, war ein Hürdenlauf, der es in sich hatte. Als Pink und sein Freund Florian Michajlezko 2008, damals 23 bzw. 28 Jahre alt, der eine Personalberater bei Kienbaum, der andere BWL-Student kurz vor dem Examen, beide kinderlos und auf der Suche nach einer zündenden Geschäftsidee, erstmals von einer Schulranzenparty hörten, zuckten sie ahnungslos mit den Schultern. Geladen wurde nicht etwa zu einer fröhlichen Feier von Erstklässlern, sondern von Händlern zu einer Verkaufsshow für Tornister. Kurz darauf traf Michajlezko auf einer Feier in Berlin die Physiotherapeutin Melanie Gabriel, die wohl eher durch Zufall erneut auf das Thema Ranzen kam. Es wäre, so vermutete die Expertin, doch gar nicht nötig, dass die Schulkinder immer so gebeugt liefen, wenn man sich ein Vorbild an der Ergonomie von Treckingrucksäcken nehme würde.

Da machte es Klick. Die jungen Männer recherchierten und kamen zu dem Schluss: „Das könnte Sinn machen“, erinnert sich Pink und entwarf einen Businessplan. Zentrale Produktidee: Stufenlos verstellbare Tragesysteme mit Brust- und Hüftgurt sowie flossenähnlichen Beckenstützen sollten aus dem traditionellen Ranzen einen bequemen Schulrucksack machen. Sein Name: ergobag, der zunächst auch Pate für den Firmennamen stand, bevor man 2015 zu FOND OF BAGS (offiziell F.O. Bags GmbH) umfirmierte.

Deutschlands nachhaltigstes KMU 2016 

Sechs Jahre später lobt die Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, dass FOND OF BAGS (übersetzt: vernarrt in Taschen) „neue Impulse für Ergonomie und Kinderrückengesundheit gesetzt und sich mit diesen sozialen Nachhaltigkeitsfeatures erfolgreich am Markt differenziert“ habe. Jeder aus recycelten PET-Flaschen in Vietnam hergestellte Ranzen spart den Angaben des Herstellers zufolge 450 Milliliter Öl, 80 Liter Wasser und 1.770 Gramm CO2 gegenüber einem Rucksack aus neuem Polyester. Um die Nutzungsdauer zu verlängern, können verschiedene Motive, je nach Wunsch und Alter des Kindes, an Klettflächen angebracht werden.

Was heute beeindruckt, war damals weder absehbar, noch als Grundidee „ergonomische Schultaschen“ den Banken vermittelbar. 240.000 Euro, so hatte der gebürtige Niedersachse errechnet, brauche man als Startkapital. Die Kreditinstitute mauerten. Ein von starken Playern besetzter Markt, Gründer ohne spezielles Know-how – da schrillten schnell die Alarmglocken.

Das Geld bekamen sie schließlich trotzdem. Die Förderbank KfW gewährte 2009 einen Startkredit, das Exist-Förderprogramm eine Anschubfinanzierung für Gründer, und schließlich schafften sie eine Art „Sechser im Lotto“: Bei dem Business-Plan-Wettbewerb „enable2start“ gewann das Start-up 2010 kurz nach der Gründung nicht nur 50.000 Euro, sondern vor allem ein Coaching durch namhafte deutsche CEOs. Einem von ihnen, Jürgen Hambrecht, damals noch Chef von BASF, gefielen Gründer und Geschäftsmodell so gut, dass er sich mit knapp 500.000 Euro persönlich an deren Unternehmen beteiligte und später bei Bedarf Kredit gewährte.

Vier Jahre später, als die Banken nicht mehr mauerten, sondern bereitwillig zahlten, stieg der Top-Manager aus. „Nicht nur Hambrecht, sondern auch Professor Rüdiger Kabst vom Entrepreneurship-Lehrstuhl an der Uni Gießen erwies sich in der turbulenten Anfangszeit als wertvoller Sparrings-Partner bei allen Fragen rund um Wahl der Rechtsform, Finanzierung, Vertrieb oder auch Marketing“, erklärt Pink, wie man Wissenslücken geschlossen hat.


Trotz des Geldsegens blieben die jungen Unternehmer, mittlerweile mit Dr. Oliver Steinki und Juliaan Cazi auf ein Viererteam gewachsen, vorsichtig. Pink erzählt, wie sie im Ladenlokal in Köln-Ehrenfeld schliefen, um die Miete für eine Wohnung zu sparen. Von dort seien sie losgezogen, um Fachhändler vom innovativen Ranzen zu überzeugen.

„Wir haben extrem auf das Geld aufgepasst, zahlten uns kaum Gehalt und spannten, wann immer es ging, Familie und Freunde ein.“ Dabei blieb es bis heute. Auch Pinks Frau und Bruder sind mit an Bord, Florian Michajlezko holte Schwester und Bruder in die Firma.

Die sitzt mittlerweile in der ehemaligen Seifenfabrik von 4711 in Ehrenfeld, in der es jedoch auch schon wieder zu eng geworden ist, seitdem ergobag sechs Geschwister bekommen hat: die neuen Marken für Kindergartenrucksäcke (Affenzahn), ältere Schüler (satch), sportlich aktive, junge Menschen (Aevor), Fashion-Lifestyle (pinqponq), Entrepreneure und Digital Natives (AEP) sowie Business-Lederwaren (Offermann) betreuen Teams in der benachbarten Alten Wagenfabrik. Gleich nebenan haben die Gründer jüngst ein Grundstück gekauft. Ende 2018 wollen sie dort dann alle Mitarbeiter auf einem neuen Campus vereinen.

„Bis Ende 2017 wollen wir bei der Belegschaft die 200er-Marke knacken“, kündigt der Chef an, „und beim Umsatz bis zum Ende des Geschäftsjahres (31.7.) von 46 auf 55 Millionen Euro zulegen.“ Die 2016 gegründeten Vertriebstöchter in der Schweiz und in den USA sowie Vertriebspartner in mittlerweile 30 Ländern sollen helfen, den Absatz des 219 Euro teuren Rucksacks (inklusive Schlamperbox, Sportbeutel, Heftebox und Brustbeutel) zu pushen.
 
Die Bodenhaftung hat Pink trotz des Erfolgs offenbar nicht verloren. Anfangs habe es fast täglich Hiobsbotschaften gegeben. „Einmal wurden Rucksäcke geliefert, die umkippten und deshalb nachgearbeitet werden mussten.“ Es kam noch schlimmer: Im März 2013 und damit zur Hochsaison des Verkaufs fielen die Schulrucksäcke von ergobag im wahrsten Sinne des Wortes durch. Mangelhaft urteilten die Experten von Stiftung Warentest, da wasserdurchlässig und wegen fehlender Reflektoren mit schlechter „optischer Warnwirkung“. Das Kriterium Ergonomie spielte bei dem Test keine Rolle. Die Kölner besserten nach und konnten die vorübergehende Umsatzdelle wieder aufholen.
 
Noch tragen die Marken ergobag und satch mit 90 Prozent den Löwenanteil zum Umsatz bei. Die Gefahren sind den Gründern klar. Längst haben auch Wettbewerber wie Samsonite Rucksäcke im Gepäck und denken verstärkt ergonomisch. „Und irgendwann“, sinniert Pink, „werden die Kids vielleicht nur noch mit dem iPad zur Schule gehen und kaum noch etwas tragen müssen.“ Mit den anderen Marken wolle man sich deshalb breiter aufstellen.

Foto: Peter Boettcher

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