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Besuch aus der Mongolei: Tegshjargal Demchig, Stellvertreter des Botschafters. Foto: Astrid Piethan
Porträt

Unternehmergespräch über die Mongolei

Tegshjargal Demchig war im Dezember in der IHK Köln. Begleitet unter anderem vom Kölner Architekten Stefan Schmitz und Dr. Andreas Pitum aus München, beide Honorarkonsul für die Mongolei.

Das Interview führte Barbara Willms

Was macht das Rheinland attraktiv als Wirtschaftspartner für die Mongolei? Welche Unternehmen, welche Branchen möchten Sie gezielt ansprechen?

Laut Statistik ist NRW ein starkes Wirtschaftsland. Der Erfolg ist der historischen Entwicklung von Kohle- und Bergbau, der Montanindustrie, zu verdanken. Die Wirtschaft der heutigen Mongolei wird klar vom Bergbausektor dominiert. Wir versuchen, unsere Wirtschaft durch Zunahme der verarbeitenden Industrie, der Landwirtschaft, des Tourismus und der Dienstleistung zu diversifizieren. Aber der Rohstoffsektor und der Bergbau werden in absehbarer Zeit eine tragende Rolle spielen. Deshalb möchten wir lernen, wie in einer vom Bergbau dominierten Wirtschaft der Bildungs-, Medien- und Dienstleistungssektor ein immer stärkeres Gewicht erlangen und wie eine mittelständische Wirtschaftsstruktur etabliert werden kann.

Was macht die Mongolei zu einem attraktiven Investitionsstandort für Unternehmen aus der Kölner Region?

Nach wie vor sind Investitionsmöglichkeiten im Rohstoffsektor vorhanden. Als Beispiel möchte ich den Abbau von Seltenen Erden nennen, die gefragte Metalle für moderne Technologien sind. Moderne Hightech-Produkte würden ohne Seltene Erden nicht funktionieren. Wenn wir über Elektrofahrzeuge sprechen, kommt auch Kupfer als Bestandteil in Frage, der den größten Teil unserer Exporte ausmacht.

Wie wichtig ist generell die EU als Wirtschaftspartner für die Mongolei?

Die von zwei Großmächten umgebene Binnenstaatslage bringt Vor- und Nachteile mit sich. Wichtig ist, eine richtige Balance zu finden. In diesem Sinne ist die EU und eine gute wirtschaftliche Verflechtung mit ihr für die „Politik des dritten Nachbarn“ von großer Bedeutung. Im Rahmen des Generalized Scheme of Preferences (GSP+) genießt die Mongolei seit Jahren Zollfreiheit bei über 7.000 Produkten für die Einfuhr in die EU.

8.500 Kilometer trennen die mongolische Hauptstadt Ulan Bator und Köln voneinander – dennoch gibt es gemeinsame wirtschaftliche Interessen. Wie sehen sie aus?

Wir haben 2019 das 45. Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Mongolei und der BRD gefeiert, unsere Kooperation hat aber lange vor der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen begonnen. Bereits 1926 sind die ersten mongolischen Studenten nach Deutschland gereist. Fast 95 Jahre danach entwickeln sich die Beziehungen und Zusammenarbeit in Bildung und Kulturbereichen sehr erfolgreich. Seitdem vertiefen sich Verständnis und Vertrauen zwischen unseren beiden Völkern immer mehr.
Bezogen auf die beiden Städte, Ulaanbaatar, unsere Hauptstadt, und Köln, würde ich sagen, dass beide Städte durch ihre Vielfalt geprägt sind. Die Stadt Ulaanbaatar hat heute 1,4 Millionen Einwohner, 46 Prozent der gesamten Bevölkerung des Landes. 66 Prozent des Bruttoinlandprodukts, 95 Prozent der Universitäten und Hochschulen sind dieser Stadt zuzuordnen. Sie ist nicht nur das politische, sondern auch ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Mongolei, dementsprechend durch Vielfalt geprägt.
Köln, mit einer Million Einwohnerinnen und Einwohnern die viertgrößte Stadt und die drittgrößte Industrieregion in Deutschland, liegt im Zentrum eines vielversprechenden europäischen Absatzmarktes. Die Stadt hat auch eine Top-Lage und eine perfekte Logistik. Auch wenn es um Kunst, Kultur oder Medien geht, hat diese Stadt viel anzubieten.
Aus dieser Gemeinsamkeit durch Vielfalt entstehen wirtschaftliches Interesse und Potentiale für unsere Zusammenarbeit.

Die Mongolei ist ein Flächenland, viereinhalb mal so groß wie Deutschland. Welche Städte und Regionen sind wirtschaftlich besonders relevant?

Die Mongolei ist eins der dünnstbesiedelten Länder der Welt. Die Versorgung des ganzen Landes mit Infrastruktur wie Straßen, Energie, Wärme bedarf eines hohen Maßes an Kapital und Arbeit. Sehr vieles ist heute in der Hauptstadt Ulaanbaatar konzentriert.
Deshalb ist es Ziel unserer Politik, wirtschaftliche und gesellschaftliche Tätigkeiten möglichst dezentral zu gestalten. Es gibt Provinzen im zentralen und südlichen Teil des Landes, in denen die Bürger von den Naturressourcen und Lagerstätten etwas mehr als die Bürger im anderen, entfernteren Regionen profitieren.
Vor einigen Jahren gab es eine umfassende Konzeption für die regionale Entwicklung, die eine Gliederung des gesamten Landes in vier Regionen oder, besser gesagt, Wirtschaftszonen vorsieht: Westliche-, Khangai-, Zentrale- sowie Östliche- Regionen, die jede für sich oder auch miteinander Clusters bilden. Dabei spielen die östliche und die zentrale Region eine tragende Rolle, weil da die Eisenbahnlinie und Autostraße verlaufen, die in der Zukunft als ein Wirtschaftskorridor zwischen Russland und China dienen werden. Die Stadt Sainshand zum Beispiel wird künftig ein Knotenpunkt für die Rohstofflieferung und verarbeitende Industrie sein. Auch die wirtschaftlich bedeutende Großstädte Dankhan und Erdenet, im Norden des Landes, befinden sich ebenfalls in diesem Korridor. 

Wie leicht ist es für internationale Investoren, vielleicht auch Joint-Ventures, in der Mongolei? Wie sehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Genehmigungsprozesse aus?

Die Auslandsinvestitionen sind ein wichtiges Mittel für die wirtschaftliche Entwicklung und Unabhängigkeit der Mongolei. Der rechtliche Schutz ausländischer Investitionen wird insbesondere durch die Verfassung, das Gesetz über ausländische Investitionen, internationale Verträge sowie andere gesetzliche und sonstige Bestimmungen, z.B. das Ausländergesetz, gewährleistet. Regulatorische Einschränkungen und Hindernisse für ausländische Investoren wurden durch das Gesetz über ausländische Investitionen 2013 im Wesentlichen ausgeräumt.
Im Rahmen einer investitionsfreundlichen, liberalen Politik wurden viele Maßnahmen zum Schutz und Anreiz für Investoren geschaffen, zum Beispiel: Wer in eine freie Wirschaftszone investiert, wird in den ersten 5 Jahren von Abgaben befreit. Auch die Anmelde- und Registrationsverfahren werden durch Einführung des sogenannten One-stop-service vereinfacht. 

Viehzucht, etwas Ackerbau, verborgene Bodenschätze – das ist das traditionelle Bild der mongolischen Wirtschaft. Wie sieht die Gegenwart, wie die Zukunft aus?

Wir brauchen nicht etwas völlig Neues zu erfinden, sondern möchten dieses traditionelle Bild mit modernem Know-how und Technologie bereichern. Viehzucht und Agrarwirtschaft wurden in der Zeit des Bergbaubooms vernachlässigt, leiden daher unter Modernisierungsbedürftigkeit. Ich sehe die Zukunft mit Zuversicht, wenn wir die Erlöse aus Rohstoffen in andere Zweige der Wirtschaft richtig investieren oder für eventuelle Krisenzeiten sparen können.

Die Mongolei hat auf dem Transformationsweg von einer zentralistisch geleiteten Wirtschaft schon ein großes Stück zurückgelegt. Welche Herausforderungen gilt es noch zu bewältigen?

Damals haben wir uns für eine sogenannte Schocktherapie entschieden und sowohl politisch-gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Transformationen in einem Atemzug vollzogen. Dabei haben auch die Geberländer, darunter natürlich Deutschland, große Hilfe geleistet. Heute, 30 Jahre nach der Transformation, ist die Mongolei zweifellos auf dem Weg der Demokratie und freier Marktwirschaft. Derzeit gewinnt die mongolische Wirtschaft erneut an Fahrt. Das reale Wirtschaftswachstum beträgt im ersten Halbjahr 2019 6,3 Prozent. Wesentliche Gründe für diese positive Entwicklung liegen in gestiegenen Rohstoffpreisen und mehr Auslandsinvestitionen. Also, was die Zahlen betrifft, ist das Wirtschaftswachstum zufriedenstellend. Fraglich ist aber, wie von diesem Wachstum die Bürger und Bürgerinnen profitieren können. Diese Frage zu meistern, wird die Aufgabe der Politik sein.

Nachhaltiges Wirtschaften, soziale und ökologische Standards werden im globalen Wirtschaften immer wichtiger. Welche entsprechenden Vereinbarungen gelten am Wirtschaftsstandort Mongolei?

Auch in diesem Bereich sind enorme Potentiale und Bedürfnisse für die Zusammenarbeit unserer Länder vorhanden. Ein gutes Beispiel ist bereits zu nennen: Mit Unterstützung eines Architekterbüros aus Köln wird ein städtebauliches Projekt südlich der Hauptstadt Ulaanbaatar, Maidar Eco City, im Gang gebracht. Es soll eine neue Stadt nach strengen ökologischen Maßgaben entstehen. Gleichzeitig sollen aktuelle Urbanisierungsprobleme der Haupstadt Ulaanbaatar, von Luft- und Bodenverschmutzung bis hin zu Energiemangel, gelöst werden.

Zum Schluss eine Frage, die über den reinen Wirtschaftsalltag hinausgeht: Gibt es in der traditionsreichen mongolischen Gesellschaft auch so etwas wie den Karneval?

Ein identisches Fest wie den Kölner Karneval gibt es nicht. Als Attraktion traditioneller Art möchte ich das größte Folksfest „Naadam“ nennen. Es ist das beeindruckendste, die Kultur und Tradition am deutlichsten zum Ausdruck bringende Fest der Mongolen. Zudem findet es in der schönsten Jahreszeit, vom 11. bis 13. Juli statt. Im Kern besteht das Fest aus drei Sportarten, dem Reiten, Ringen und Bogenschießen.

Infos über die Mongolei

Auf ihrer Webseite bietet die IHK Köln unter der Dok.-Nr. 10102 Einstiegsinformationen über die Mongolei – ein Land, das fast fünfmal so groß wie Deutschland ist und mit nur rund 3,2 Millionen Menschen zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Erde gehört. Die Mongolei gehört zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt (Kupfer, Kohle, Gold, seltene Erden).