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Foto: moderne stadt, Gesellschaft zur Förderung des Städtebaues und der Gemeindeentwicklung mbH
Leben

Über den Tellerrand schauen

Text: André Schmidt-Carré

Die erfolgreiche Veranstaltungsreihe „Kölner Perspektiven“ lenkt den Blick auf innovative Stadtentwicklungs-Konzepte. Derzeit steht das Thema „Arbeit und Stadt“ im Fokus – mit der Erkenntnis, dass Beruf und Privates in Zukunft näher zusammenrücken.

Not macht bekanntlich erfinderisch: Die Schweizer Stadt Basel vereint auf wenigen Quadratkilometern Gewerbe inklusive Großindustrie mit Wohnraum für rund 200.000 Menschen, und die Stadt bevölkerung wächst. Direkt an der deutschfranzösischen Grenze gelegen, kann die Stadt in der Fläche allerdings kaum wachsen. Die Verwaltung bemüht sich deshalb umso mehr, den verfügbaren städtischen Raum optimal zu nutzen.

Zum Beispiel plant die Stadt auf einer brachliegenden Industriefläche des in Basel ansässigen Pharma-Konzerns La Roche gemeinsam mit dem Unternehmen den Bau zweier Büro-Hochhäuser, auf einem anderen Areal soll eine gemischte Nutzung mit Gewerbe und Wohneinheiten entstehen. Wie genau das gehen soll, erklärte der Baseler Städtebau-Leiter auf einem Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kölner Perspektiven“. „Wir wollen mit der Veranstaltungsreihe unseren Horizont erweitern und frische Ideen und Anregungen bekommen, wie wir unsere Stadt weiter - entwickeln können“, sagt Brigitte Scholz, die in Köln das Amt für Stadtentwicklung leitet. „Das Baseler Konzept kann uns wichtige Impulse geben.“

Die Stadt Köln, der Kölner Stadt-Anzeiger und die IHK Köln veranstalten seit fünf Jahren die Vortragsreihe „Kölner Perspektiven“. Das Ziel: Über den Tellerrand blicken und schauen, wie andere Städte mit innovativen Konzepten Probleme lösen. Die Reihe widmet sich inhaltlich wechselnden Schwerpunkten zu den Kern-Themen Wohnen, Arbeiten und Mobilität, derzeit steht der Bereich „Arbeit und Stadt“ im Fokus. Pro Veranstaltung stellt jeweils ein renommierter Experte das Planungskonzept seiner Stadt dar, woraus die Kölner Kollegen Ideen für die langfristige Entwicklung der Stadt Köln kreierenkönnen.


Neben dem Referenten der Gast-Stadt sprechen auch Experten aus dem Kölner Raum, beim anschließenden Empfang können sich Besucher und Referenten miteinander austauschen. „Das Format hat sich bewährt und stößt regelmäßig auf reges Interesse“, sagt Dr. Ulrich S. Soénius, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik bei der IHK Köln.


Die Veranstaltung zur Stadtentwicklung in Basel besuchten rund 150 interessierte Bürger, darunter Kölner Unternehmer. Sie lernten, wie die Schweizer ihre Mitbürger einbinden: Sie arbeiten viel mit Simulationen und stecken obendrein real vor Ort für jedermann gut sichtbar den Grundriss neu zu bauender Objekte ab, damit sich die Menschen ein Bild davon machen können, wie groß die Grundfläche eines Neubaus werden soll. So motivieren sie die Bürger der Stadt, sich mit neuen Projekten auseinanderzusetzen: Eine der brachliegenden Flächen des La-Roche- Konzerns hat die Stadt für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und dort mobile Gärten eingerichtet, damit Bürger einen Anreiz hatten, sich die Flächen anzuschauen und mit den geplanten Bauvorhaben vertraut zu machen. „Das ist ein interessantes Konzept, um die Bürger einzubinden“, sagt Scholz.

Zudem interessieren sich die Kölner Stadtplaner ganz konkret für die Umnutzung der zahlreichen ehemaligen Industrieflächen in Basel: „Die Ideen der Kollegen zur gemischten Nutzung von ehemaligen Industrieflächen sind für Köln interessant, weil wir zum Beispiel im Deutzer Hafen ähnliche Konzepte realisieren wollen“, sagt Stadtentwicklerin Scholz. Auch darüber hinaus möchte die Stadt Köln in Zukunft vermehrt gemischte Viertel schaff en, in denen sich Wohnen und Arbeiten nicht nur miteinander vertragen, sondern bereichern: „In solchen Quartieren entsteht Kreativität, weil sich Bereiche berühren, die sonst keinerlei Kontakt haben“, sagt Scholz. „Und kreatives Arbeiten, Forschen und Entwickeln werden für Unternehmen in Zukunft immer wichtiger. Gleichzeitig wird die Produktion immer leiser und sauberer und verträgt sich entsprechend besser als früher mit dem Wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft.“

Das Bauplanungsrecht sieht dafür neuerdings so genannte „urbane Gebiete“ vor. Solche Viertel sollen Kleingewerbe und Handwerksbetriebe räumlich enger als bislang üblich mit Wohnraum verbinden und einer modernen Interpretation der Hinterhof-Kultur zum Comeback verhelfen. Nebenbei sollen sie helfen, eines der großen städtischen Probleme zu lösen: „Menschen wollen heute möglichst nah am Arbeitsplatz wohnen, um lange Pendlerfahrten und tägliches Im-Stau- Stehen zu vermeiden“, sagt IHK-Standortpolitik- Experte Soénius. „Dafür sind solche gemischten Stadt-Strukturen eine gute Alternative.“ Menschen sparen Zeit und Geld, obendrein reduziert jeder eingesparte Auto-Pendler-Kilometer die CO2-Belastung der Stadt. „Das mag nicht für jeden Menschen das richtige Modell sein, aber für eine wachsende Zahl von Bürgern ist es ein attraktives Angebot“, ist Soénius überzeugt.

Zu den jüngsten Veranstaltungen zählte zudem ein Vortrag zur Stadtentwicklung Londons. Konkret ging es um die Frage, wie die britische Metropole den Einzelhandel fördert und Viertel außerhalb des Stadtzentrums belebt. „London hat ein anderes Planungskonzept und ein anderes Politikverständnis als wir, deshalb kann man die Ideen der Kollegen nicht eins zu eins auf Köln übertragen“, sagt Scholz. „Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen Perspektiven aufzeigen, wie man den Handel außerhalb des Zentrums beleben kann. Und in der Hinsicht verfolgt London interessante Ansätze.“

Die nächste Veranstaltung
Die Abschluss-Veranstaltung zur Themenreihe „Arbeit und Stadt“ findet am 25. März 2019 statt und beginnt um 19:30 Uhr. Ort: Forum Volkshochschule (Vortragssaal) im Museum am Neumarkt, der Eintritt ist frei. Anmeldung erbeten unter: koelner.perspektiven@stadt-koeln.de

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