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Weil sie sich für Mangas und die japanische Popkultur begeisterte, begann die gebürtige Friedrichshafenerin damals ein Studium der Japanologie. Foto: Michael Claushallmann
Leben

Tokio oder Lindlar – Hauptsache Japan

Wie die Japanologin Isabel Kutter zur ersten Absolventin des YoungProfessionals-Programm wurde.

Text: Jörn Wenge

Dass sie einmal mit Zuganschlagfedern, superprogressiven Kennlinien und Setzmaschinen zu tun haben würde, hätte sich Isabel Kutter vor zehn Jahren nicht ausmalen können. Weil sie sich für Mangas und die japanische Popkultur begeisterte, begann die gebürtige Friedrichshafenerin damals ein Studium der Japanologie in Halle. Heute arbeitet die 30-Jährige als Assistentin der Geschäftsführung bei MSSC Ahle Federn – nicht in Tokio oder Kyoto, sondern in Lindlar. Das Unternehmen produziert dort Federn für Auto- und LKW-Bremsen sowie für Bremsspeicher. Kutters Weg zu Ahle verlief nicht schnurgerade. Angekommen ist sie trotzdem, und unterwegs hat sie eine Menge mitgenommen, was ihr heute im Beruf hilft. Unter anderem: ein erfolgreiches Bachelor- und Masterstudium, ein erkenntnisreiches Jahr in Japan – und das YoungProfessionals-Programm der IHK Köln.

Schwieriger Start nach dem Studium

Kutters Studiumsverlauf ist typisch für viele in den Geisteswissenschaften. Am Anfang steht häufig ausschließlich das Interesse am Fach. „Beim Studienstart habe ich noch nicht an einen späteren Beruf gedacht“, sagt Kutter. „Im Studium musste ich viel investieren, um die japanischen Zeichen zu lernen. Trotzdem war es sehr interessant und spannend.“ Ihr Plan war, als Deutschlehrerin nach Japan zu gehen. Sie verbrachte auch ein Jahr in Japan und erfüllte sich damit einen Jugendtraum.

Danach stand für Kutter aber fest, dass sie dauerhaft in Deutschland leben möchte. Sie merkte jedoch schnell, dass sich für eine Japanologin auf dem Arbeitsmarkt auf den ersten Blick eher wenig Möglichkeiten bieten. „Ich habe mich ein Jahr lang auf ziemliche viele Stellen beworben, hatte aber keinen Erfolg“, sagt Kutter. Diese Erfahrung teilt sie mit vielen, die ein geisteswissenschaftliches Fach studiert haben: Ob es die Dauer der Suche ist, das Gehalt oder die Anzahl der passenden Stellen – laut Agentur für Arbeit haben es die jenigen, die ein geisteswissenschaftliches Studium und nicht etwa eines in Ingenieurwesen, Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften absolviert haben, häufig erst einmal schwer. Dass sie am Ende meist trotzdem wie Kutter ihren Platz finden und die Arbeitslosenquote auch im Bereich der Geisteswissenschaften aktuell nur knapp drei Prozent beträgt, liegt nicht zuletzt an der hohen Flexibilität bei der Wahl der Arbeitsfelder. Die hat auch Kutter bewiesen: Für den Job war sie bereit, ans andre Ende von Deutschland zu ziehen. Und hier kommt Ahle Federn ins Spiel. Der Betrieb, zuvor im Besitz der Familie Ahle, gehört seit 2018 zur Firmengruppe von Mitsubishi Steel Manufacturing. Der japanische Konzern hat die gleichen Ursprünge wie der gleichnamige Autohersteller, ist aber ein eigenständiges Unternehmen. Ein japanischer Mitarbeiter ist in Lindlar für das Reporting in die Konzernzentrale zuständig. „Für den Kontakt nach Japan brauchten wir aber noch mehr Unterstützung“, sagt Götz Peter Ander, Geschäftsführer der MSSC Ahle GmbH, „und haben jemanden gesucht, der Japanisch spricht und Lust hat, in einem Industrieunternehmen zu arbeiten.“ Die Wahl fiel auf Isabel Kutter.

Der Start bei Ahle Federn war für Frau Kutter der Aufbruch in eine neue Welt. Heute ist sie dort sehr glücklich.
Foto: Michael Claushallmann

An ihrem ersten Tag bei Ahle im Februar 2019 war die japanische Flagge neben dem Werkstor für sie das Einzige, was ihr vertraut war. Ansonsten war der Start ins Berufsleben für Kutter ein Aufbruch in eine neue, unbekannte Welt. „Ich hatte keinerlei kaufmännische Vorkenntnisse“, sagt die Japanologin. „Die wirtschaftlichen Aspekte zu verstehen, hat gedauert. Auch das technische Vokabular ist schwierig. Da bin ich teilweise heute noch dran.“ Mit ihrer Japan-Expertise hat sie das Unternehmen trotzdem vom ersten Tag an unterstützen können. Sprachlich, aber auch durch ihre kulturelle Kompetenz im Austausch mit dem japanischen Kollegen vor Ort in Lindlar und der Zentrale in Japan.

In anderthalb Jahren zur Industriekauffrau

Mittlerweile weiß Kutter, was bei der Arbeit in einem Industriebetrieb wie Ahle wichtig ist. Seit Februar 2021 ist sie ausgebildete Industriekauffrau. Sie hat mit dem YoungProfessionals-Programm der IHK Köln in nur anderthalb Jahren die Ausbildung zur Industriekauffrau absolviert. Sie ist die erste Absolventin des 2019 aufgelegten IHK-Ausbildungsprogramms für Studierende, wenngleich auch nicht die idealtypische. Eigentlich reicht für „YoungProfessionals“ ein Bachelorabschluss. Kutter war zudem schon seit einem halben Jahr im Betrieb. „Das war eine anstrengende Zeit. Ich bin neben dem Job bei Ahle zweimal in der Woche in die Berufsschule gegangen“, sagt Kutter. „Aber ich bin froh, es gemacht zu haben. Ich verstehe jetzt viele Zusammenhänge besser und kann auch in den Meetings besser folgen.“ Auch Geschäftsführer Ander ist zufrieden: „Das Programm war für sie anstrengend, aber zu hundert Prozent erfolgreich. Sie hat jetzt den Überblick, versteht die Prozesse und kann überall mitreden.“

Studium + YoungProfessionals = Erfolg

Kutters Beispiel zeigt: Insbesondere für Studierende aus Fächern, die nicht direkt zu einem bestimmten Berufsbild hinführen, kann „Young-Professionals“ der Weg ins Berufsleben sein. Seit Jahren studiert ein immer größerer Teil eines Jahrgangs. Eigentlich, so zumindest das Ziel der Bologna-Reform, sollte ein Bachelorabschluss den Start ins Berufsleben ebnen. Zumindest an den Universitäten ist dieser Plan in vielen Fächern aber nicht aufgegangen. Hier schließen vier von fünf Studierenden an ein Bachelorstudium den Master an. Nicht immer etwa aus wissenschaftlichem Interesse, sondern häufig, weil die Berufs perspektiven mit Bachelor in vielen Studienfächern diffus sind. Mit „Young-Professionals“ können Unternehmen dieser sehr gut ausgebildeten Gruppe mit Bachelor-Abschluss ein attraktives Angebot für den Berufseinstieg machen.

Eher einen verschlungenen Pfad gegangen zu sein, hat Kutter übrigens nicht bereut. Ihr Ziel, auf jeden Fall in einem Bereich mit Japan-Bezug zu arbeiten, hat sie schließlich erreicht.

Alle Infos zum Young-Professionals-Program unter www.ihk-koeln.de/204660

Das Video-Interview mit Isabel Kutter und Ahle-Geschäftsführer Götz Peter Ander finden Sie hier.

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