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Leben

Sucht am Arbeitsplatz: Die richtige Hilfe für Betroffene

Alkoholabhängige Mitarbeiter sind ein großes Problem für Unternehmen. Im Verdachtsfall müssen Vorgesetzte schnell reagieren. Doch auch präventiv können sie viel tun.

Text: Katharina Hamacher

Zittrige Hände und schwankender Gang, ein rotes Gesicht und verquollene Augen, Unkonzentriertheit, ständige Verspätungen und viele Fehlzeiten. Auffälligkeiten wie diese können verschiedene Ursachen haben. Gerade in Kombination können sie aber auch Symptome für eine Suchterkrankung sein. „Wenn jemand eine Alkoholfahne hat, ist die Sache klar. Aber viele Anzeichen sind sehr unspezifisch“, sagt Dr. med. Bodo Unkelbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt im Zentrum für Seelische Gesundheit in Marienheide. „Das macht es vielen Menschen so schwer, das Thema anzusprechen – gerade am Arbeitsplatz.“

Alkoholsucht schadet auch den Unternehmen

Wie wichtig jedoch vor allem dort das offene Gespräch ist, belegen die Zahlen, die der Mediziner recherchiert hat: „Wenn man sich vor Augen führt, dass heute etwa fünf Prozent aller Arbeitnehmer alkoholabhängig sind oder Alkohol in kritischen Mengen konsumieren, kann man sich vorstellen, dass der Wirtschaft elementare Schäden durch Alkoholmissbrauch ihrer Mitarbeiter widerfahren“, erläutert Unkelbach. Bei Vorgesetzten und leitenden Mitarbeitern liege die Quote noch einmal so hoch.

Nach wie vor gilt Alkohol als kritisches Suchtmittel Nummer Eins am Arbeitsplatz. „Pro Jahr werden etwa 1,8 Millionen alkoholbedingte Fehltage ärztlich registriert“, sagt Unkelbach, der zugleich aber davon ausgeht, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt: „Tatsächlich müssen wir von über 4 Millionen Ausfalltagen ausgehen.“

Frühzeitige und direkte Ansprache kann Abrutschen in die Sucht verhindern

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, appelliert der Mediziner an Betriebe aller Größen, möglichst frühzeitig auf Prävention zu setzen. Er unterstützt den Verein zur Förderung der Suchtprävention im Oberbergischen Kreis e.V. (VFS), der zu diesem Zweck die einzige Dauerausstellung in diesem Bereich in Deutschland betreibt und dafür mehr als 30 namhafte Unternehmen aus Oberberg als Sponsoren gewonnen hat. Auf 250 Quadratmetern zeigt die von Betroffenen konzipierte Schau eindrücklich, was Sucht ist, welche Formen es gibt und wie sie entsteht.

„Dieses Thema ist noch immer ein Schmuddelthema“, kritisiert der Vorsitzende des Vereins, Axel Gadebusch. „Gerade Unternehmen tun sich meist schwer, Mitarbeiter im Verdachtsfall anzusprechen und verschließen die Augen vor dem Problem.“ Dabei sei die direkte Ansprache der einzige Weg, Betroffenen zu helfen und so rechtzeitig ein Abrutschen in die Sucht zu verhindern. „Denn grundsätzlich gilt: Je früher man auf die Krankheit reagiert, desto besser lässt sie sich behandeln“, betont Dr. med. Bodo Unkelbach.

  • Sorge äußern
  • Hilfe anbieten
  • Haltung zeigen

Doch wie spricht man jemanden an, der regelmäßig auffälliges Verhalten zeigt? Mit sehr viel Bedacht, rät der Mediziner. Zunächst sollten Vorgesetzte und Kollegen im Vier-Augen-Gespräch ihre Sorge äußern und klar zu verstehen geben, dass ihnen etwas auffällt. Wichtig sei, Vorwürfe zu vermeiden und Hilfe anzubieten. „Ebenso entscheidend ist allerdings eine klare Haltung. Wenn sich die Verfehlungen häufen, ist die Androhung der Kündigung notwendig, um dem Betroffenen Klarheit über den Ernst seiner Lage zu verschaffen.

Unternehmen tun sich meist schwer, Mitarbeiter im Verdachtsfall anzusprechen. Doch: Die direkte Ansprache ist meist der einzige Weg, Betroffenen zu helfen und so rechtzeitig ein Abrutschen in die Sucht zu verhindern.
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Unkelbach weist in diesem Zusammenhang auf die „Offene Suchtmedizinische Sprechstunde“ des Zentrums für Seelische Gesundheit hin, die neben Betroffenen selbst und ihren Angehörigen häufig auch Vorgesetzte und Kollegen aufsuchen. „Die Patienten selbst kommen meist erst zu uns, wenn etwas Elementares wie die Familie oder eben die Arbeitsstelle droht, wegzubrechen oder gerade weggebrochen ist.“

Suchtpräventionsseminare für die Auszubildenden

Die Kontaktdaten der Offenen Sprechstunde und sämtlicher anderer Hilfs- und Beratungsangebote in der Region hat Ulrike Pfeil stets griffbereit in ihrem Büro. Die Sozialreferentin der Firma BPW Bergische Achsen KG in Wiehl, mit mehr als 1.600 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber im Oberbergischen Kreis, hat schon viele schwierige Gespräche mit Mitarbeitern geführt. „Meine Aufgabe ist es, das Problem aufzuzeigen und Hilfe zu vermitteln“, sagt Pfeil. Das sei mitunter unbequem, für die Sozialreferentin jedoch der einzig richtige Weg: „Den Mund zu halten, hilft niemandem, sondern verlängert nur den Leidensweg des Betroffenen.“

Dieser offene Umgang mit dem Thema Sucht ist in der Unternehmensführung fest verankert. Regelmäßig stehen Fortbildungen und Informationsveranstaltungen für Führungskräfte aller Ebenen auf dem Programm. Die 120 Auszubildenden werden im Rahmen von Suchtpräventionsseminaren in den Räumen der Ausstellung des VFS für das Thema sensibilisiert.

Zeigt ein Mitarbeiter Anzeichen wie eine Alkoholfahne oder schwankenden Gang, kann er den Verdacht beim freiwilligen Alkoholtest entkräften. Ein Atemalkoholmessgerät steht an jedem Werkstor des Unternehmens zur Verfügung. „Bestätigt sich der Verdacht, bekommt der Mitarbeiter unverzüglich eine Abmahnung“, erklärt Ulrike Pfeil. Denn gleichgültig, ob es sich um Restalkohol oder um frisch konsumierten handelt: „Bei uns herrscht eine strikte Null-Promille-Grenze auf dem gesamten Werksgelände.“ Im Wiederholungsfall droht die zweite Abmahnung, beim dritten Vergehen die Kündigung. Diese kann allerdings in eine dritte Abmahnung umgewandelt werden, wenn sich der Betroffene nachweislich einer Entgiftung mit anschließender Langzeitentwöhnungsbehandlung  unterzieht. „In dieser Zeit ist es meine Aufgabe als Sozialreferentin, den Mitarbeiter zu besuchen und gemeinsam den Wiedereinstieg zu planen – wie bei jeder anderen ernsthaften Erkrankung auch“, betont Pfeil.

Suchtvereinbarung erster Schritt zur betrieblichen Prävention

Diese einzelnen Schritte sind in der Betriebsvereinbarung der Firma BPW genauestens festgelegt. Für Markus Vascellari, Suchtberater beim SKM Köln – Sozialdienst Katholischer Männer e.V. ist bereits diese strukturelle Verankerung ein wichtiger Schritt zur betrieblichen Prävention. „Meist haben eher größere Unternehmen eine Suchtvereinbarung als Teil der Betriebsvereinbarung“, merkt er an. „Zum Wohl des Unternehmens und jedes einzelnen Mitarbeiters vom Auszubildenden bis zur Führungsspitze kann ich nur jedem Arbeitgeber empfehlen, eine solche Vereinbarung einzuführen.“

Über rechtliche Aspekte und betriebliche Regelungen informiert zum Beispiel die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.. Information und Sensibilisierung sind für Vascellari der Schlüssel zur Suchtvorbeugung. Er und seine Kolleginnen und Kollegen führen Seminare durch, in denen Personalverantwortliche in Rollenspielen lernen, wie sie Mitarbeitende im Verdachtsfall ansprechen können. Im Rahmen des bundesweiten Programms „prev@WORK“, das der SKM Köln zur Zeit als einzige Beratungsstelle in NRW anbietet, können sich Betriebe ganzheitliche Unterstützung holen – von Seminaren über Vorträge und Gesundheitstage bis hin zur Entwicklung einer auf den einzelnen Betrieb bezogenen Suchtvereinbarung. Zudem bietet die Fachstelle für Suchtvorbeugung im SKM Köln das Beratungs- und Seminarangebot „MOVE am Arbeitsplatz“ an, das sich insbesondere an Führungskräfte, Personalverantwortliche, Betriebsräte und Betriebsärzte richtet. Die Kosten für die Angebote orientieren sich am individuellen Bedarf des Unternehmens.

Suchtprävention rechnet sich für die  Unternehmen

Rein wirtschaftlich lohnt sich betriebliche Suchtprävention auf jeden Fall, betont Mediziner Dr. Bodo Unkelbach: „Je investiertem Euro können Unternehmen mit einem potenziellen ökonomischen Erfolg in Höhe von 2,20 Euro rechnen.“

Für die Firma BPW Bergische Achsen KG in Wiehl sei Suchtprävention in jedem Fall eine Erfolgsstrategie, bestätigt Ulrike Pfeil: „Wir erleben in den vergangenen Jahren zunehmend einen offeneren Umgang mit dem Thema Sucht. Und damit bei Bedarf auch eine schnellere Überleitung in entsprechende Hilfsangebote.  Nicht zuletzt ist dieser offenere Umgang unserer Verantwortung gegenüber unseren sehr geschätzten, oft langjährigen Mitarbeitern geschuldet, die wir halten möchten.“

Regelmäßige Fortbildungen und Informationsveranstaltungen für Führungskräfte aller Ebenen und Suchtpräventionsseminare für Auszubildende sind Ausdruck eines offenen Umgangs mit dem Thema Sucht in Unternehmen.
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