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Sie treiben mit ihrem Unternehmen die Energiewende voran: die Gründer und Geschäftsführer der Next Kraftwerke GmbH, Hendrik Sämisch (l.) und Jochen Schwill. Foto: Aliki Monika Panousi
Porträt

Strom aus dem Schwarm

Next Kraftwerke ist ein Energieversorger der neuen Art. Die Kölner Technologiefirma hat europaweit mehr als 4.500 Kleinproduzenten erneuerbarer Energien zu einem Schwarm verknüpft, verkauft deren Grünstrom an der Börse, beliefert Industriekunden mit Strom und zeigt, wie die Energiewende funktionieren kann.

Text: Julia Leendertse

Es ist noch keine zehn Jahre her, da brüteten die beiden Studienfreunde Hendrik Sämisch und Jochen Schwill über ihren Doktorarbeiten zur Zukunft des Energiemarkts. Damals gegen Ende der Nullerjahre lautete das allgemeine Credo: Die Energiewirtschaft braucht leistungsfähigere Stromspeicher, wenn mehr Energie dezentral und aus wetterabhängigen und damit unbeständigen Quellen wie Sonne oder Wind ins Stromnetz eingespeist werden sollen.

Energie cleverer verteilen statt speichern

Auch die zwei wissenschaftlichen Mitarbeiter des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln beschäftigte die Frage, wie sich Stromausfälle im Netz in einer dezentral aufgestellten Energiewirtschaft vermeiden lassen und wie die Netzbetreiber die notwendige ausgeglichene Spannung im Stromnetz sicherstellen könnten.

Das Duo kam jedoch zu einem anderen Schluss als der Mainstream: „Wir brauchen nicht zwingend mehr Speicher, wir müssen für mehr Flexibilität bei der Erzeugung und dem Verbrauch von Strom sorgen und ihn im Netz einfach intelligenter verteilen“, so Sämisch und Schwill. Gesagt, getan. Der Volkswirt und der Wirtschaftsingenieur entwickelten ein Verfahren hierfür, schossen ihre Promotionen in den Wind und starteten 2009 mit ihrem Unternehmen Next Kraftwerke GmbH durch.

Eines der größten virtuellen Grünstrom-Kraftwerke Europas

Das europaweit zu den größten seiner Art gehörende virtuelle Grünstrom-Kraftwerk hat die Leistung zweier Atomkraftwerke. Es setzt auf digitale Fernwirktechnik, intelligente Algorithmen, Glasfaserleitungen, Computermonitore und eine eigene Entwicklung, die "Next Box".
Foto: Aliki Monika Panousi

Heute betreiben die beiden 36-jährigen Unternehmer mitten im Kölner Stadtteil Ehrenfeld in einer ehemaligen Fabrik für gusseiserne Straßenleuchten eines der größten virtuellen Grünstrom-Kraftwerke Europas. Es hat die Leistung zweier Atomkraftwerke und setzt ganz auf digitale Fernwirktechnik, intelligente Algorithmen, Glasfaserleitungen, Computermonitore und eine eigene Entwicklung, die Next Box.

Der 40 mal 40 Zentimeter große Kasten hängt mittlerweile europaweit bei mehr als 4.500 privaten Betreibern von Biogas-, Windkraft- und Solaranlagen sowie Wasserkraftwerken und Notstromaggregaten, funktioniert ähnlich wie ein Modem und ist die Technologie, die es Next Kraftwerke ermöglicht, den Strom vieler Tausender Kleinproduzenten an den sogenannten Spot-Märkten für den laufenden und kommenden Tag zu verkaufen. Zusätzlich stellt Next Kraftwerke die vernetzte Leistung den Netzbetreibern zur Verfügung, um die Stromnetze zu stabilisieren und versorgt nebenbei auch Industriekunden mit Strom.

Schwankungen bei der Solar- und Windenergie mit Gewinn abfedern

Was die Menge des Stroms, aber auch die Beständigkeit angeht, mit der er geliefert wird, steht das virtuelle einem traditionellen Kraftwerk in Nichts nach. Wenn gerade mal kein Wind weht oder keine Sonne scheint, bieten die Energiehändler von Next Kraftwerke eben mehr Strom aus Biogasanlagen oder Wasserkraftwerken an. Dabei registriert die Next Box nicht nur, wie viel Strom vor Ort produziert wird, sendet diese Daten an die Kölner Zentrale und veredelt sie durch weitere Analysen wie dem Abgleich mit Wettervoraussagen, um Prognosen über die zukünftige Lieferfähigkeit abgeben zu können. „Die Next Box ist auch in der Lage, Preisimpulse zu senden. Sie informiert die angeschlossenen Stromerzeuger vollautomatisch darüber, ob der Strompreis gerade hoch ist und es sich deshalb für sie besonders lohnt, ihren Strom zu verkaufen – und das bis auf die Viertelstunde genau“, so Schwill.

Energie verbrauchen, wenn sie am wenigsten kostet

Next Kraftwerke beschäftigt fast 139 Mitarbeitende und ist an elf Standorten in sechs Ländern Europas vertreten, neben Deutschland auch in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Polen und in der Schweiz.
Foto: Aliki Monika Panousi

Aber die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation funktioniert auch umgekehrt: Dem Netz angeschlossene Industriekunden, die in der Lage sind, Teile ihres Stromverbrauches zeitlich flexibel zu gestalten, profitieren von der Next Box, weil sie ihnen signalisiert, wann der Strompreis besonders niedrig ist.

„So profitiert zum Beispiel der Deich- und Hauptsielverband in Dithmarschen davon, dass sich der Strompreis an der Strombörse mehrere 100-mal am Tag ändert“, erklärt Schwill. „Damit das Marschland hinter dem Deich an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste bewohn- und bewirtschaftbar bleibt, pumpt unser Gewerbekunde regelmäßig Regenwasser ins Meer. Seit Mitte 2015 ordert der Verband die dafür notwendige Elektrizität genau dann, wenn sie im Netz im Überfluss vorhanden und damit günstig ist“, so der Next-Kraftwerke-Chef.

Das Geschäftsmodell dient damit nicht nur dem Klimaschutz, sondern lohnt sich vor allem auch finanziell für die beteiligten Geschäftspartner. Die Eigentümer der vernetzten Anlagen erhalten die Chance, am Stromhandel teilzunehmen und verdienen sich damit einige Hundert bis mehrere Zehntausend Euro pro Jahr dazu. Industrielle Stromverbraucher können den Strompreis um bis zu 30 Prozent senken. Und Next Kraftwerke setzte zuletzt mit seinen 139 Mitarbeitern 273 Millionen Euro um.

Motor für die Energiewende


„Wir sind davon überzeugt, dass der Strombedarf in Deutschland bis zum Jahr 2050 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann“, sagt Sämisch. „Und wir sind froh, mit unserem virtuellen Kraftwerk dazu beizutragen, die naturgegebenen Schwankungen bei der Solar- und Windenergie abzufedern“. Denn das Gute an den regelbaren Anlagen ist: Sie können nicht nur schnell zusätzlichen Strom liefern, wenn der Strombedarf steigt. Es ist auch ein Leichtes, die dezentral operierenden Anlagen wieder schnell vom Netz zu nehmen, wenn gerade wenig Strom verbraucht wird. Sämisch: „Wir treiben als Unternehmen die Energiewende nicht nur voran, wir leben auch vor, dass sie wirklich funktionieren kann.“

Dabei nimmt die Anzahl der neu installierten Kraftwerke von erneuerbaren Energien nicht nur in Deutschland, sondern weltweit stetig zu. 2013 übertraf sie erstmals sogar die der neuen konventionell betriebenen Anlagen. Sämisch und Schwill sind deshalb auch auf Expansionskurs im Ausland. Aktuell ist Next Kraftwerke an elf Standorten in sechs Ländern Europas vertreten, neben Deutschland auch in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Polen und in der Schweiz. Laut Financial Times zählt Next Kraftwerke zu den 1.000 schnellst wachsenden Unternehmen Europas. Und noch eine Superlative heimsten die Wahl-Kölner ein: 2016 setzen Investoren und Firmenlenker ihre Firma sogar auf die Liste der weltweit 100 einflussreichsten Clean-Tech-Unternehmen.

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