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Kann von Start-ups nicht genug bekommen: Oliver Thylmann, Kölner, leidenschaftlicher Mehrfachgründer und erfolgreicher Start-up-Verkäufer Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Silicon Cologne

Text: Marvin Milatz, Sarah Sommer und Marlene Hartz

Wenn es um spektakuläre Internet-Gründungen geht, kann Köln Berlin nicht das Wasser reichen. Aber gerade das habe seine Vorteile, sagen viele Kölner Gründer.  Warum sie hier sind? Im Rheinland wird gearbeitet, statt auf das nächste große Ding zu wetten. Über die kölsche Start-up-Kultur.

Es sind eben doch junge Wilde, die sich in den ehemaligen Räumen der Gerling-Versicherung breitgemacht haben: „Leider mussten wir feststellen,  dass sich nach unserem letzten Schreiben das Rauchverhalten der Mieter im Gebäude nicht gebessert hat“, lässt die Hausverwaltung des „Clusterhauses“ im Klapperhof per Notiz in der  Fahrstuhlkabine wissen. Man weise ein weiteres Mal darauf hin: Sollten in den Fluren Kippen, Aschenbecher oder Ähnliches gefunden werden, müssten fortan die Mieter für Reinigung und  Aufwand aufkommen.  

Ungehorsam! Und das im traditionsreichen Gerling-Quartier. Doch statt manierlicher Versicherungsangestellter im feinen Zwirn arbeiten seit rund vier Jahren Start-up-Unternehmer in dem  Gebäude, direkt gegenüber des einstigen Gerling-Hauptquartiers: Jung, hip – und nach dem ein oder anderen Feierabendbier mit der einen oder anderen Zigarette im Mundwinkel. 

In Köln wird wirklich gearbeitet und nicht nur Imagepflege mit Gründer-Allüren betrieben.

Oliver Thylmann

In den vergangenen Jahren ist in Köln eine aktive Start-up-Szene herangewachsen: Im Jahr 2012 eröffneten mit dem „Startplatz“ am Mediapark und dem „Clusterhaus“ im Klapperhof zwei wichtige  Start-up-Treffpunkte. Unweit in Bonn sitzt mit dem High-Tech Gründerfonds ein wichtiger Kapitalgeber. Knapp die Hälfte aller 412 digitalen Gründungen in Nordrhein-Westfalen fand bisher  in Köln statt. Die Stadt hat sich einen Namen für E-Commerce-Gründungen gemacht. Und: Viele Gründer haben sich auf Anwendungen für Unternehmer statt für Endkunden spezialisiert. Silicon  Cologne entwickelt sich mehr und mehr zu einem Business-to-Business-Standort.  

Der Duisburg-Essener Professor Tobias Kollmann wünscht sich noch mehr Gründer – Frauen wie Männer.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Einer seiner größten Fürsprecher ist Tobias Kollmann, Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Der Professor sieht drei entscheidende  Faktoren, die für den Start-up-Standort Rheinland sprechen: Als Medienhauptstadt Deutschlands besitzt Köln eine natürliche Affinität zu Themen rund um die Digital-Wirtschaft,  es gibt zahlreiche Medien-, Marketing-und E-Commerce-Experten. Gleichzeitig sitzen im Kölner Umland – und in NRW insgesamt – gleich mehrere DAX-Konzerne, viele Industrie-Unternehmen und Mittelständler,  die Nachhilfe bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle brauchen können. Die B2BKundschaft  für Start-ups residiert quasi vor der Haustür. Und drittens: Programmierer – die wichtigste Arbeitskraft der meisten Start-ups – zieht es ebenfalls nach Köln, nicht nur nach Berlin.  Sie wissen: Auch hier gibt es Jobs für sie.  

Die beiden Newcomer Dustin Figge und Christoph Kasper starteten vor rund einem Jahr mit The Homelike eine Online-Buchungsplattform mit möblierten Wohnungen auf Zeit für Geschäftsreisende. Mit seiner hohen Manager-Dichte ist das Rheinland für sie der ideale Standort.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Die beiden Newcomer Dustin Figge und Christoph Kasper – beide in Hemd und Jeans – profitieren von allen drei Aspekten. Sie tragen auch mal einen Start-up-Kapuzenpulli, wissen allerdings durchaus,  wie man als Geschäftsmann aufzutreten hat. Vor rund einem Jahr starteten sie The Homelike, eine Buchungsplattform, mit der Geschäftsreisende möblierte Wohnungen auf Zeit online  buchen können. Mit seiner hohen Manager-Dichte ist das Rheinland für sie der ideale Standort, um bei Konzernen auf sich aufmerksam zu machen. Homelike hat bereits die AXA-Versicherung als  Partner gewinnen können. Die beiden Gründer starteten die Zusammenarbeit mit dem Konzern aus ihrem Büro im Erdgeschoss des Clusterhauses – mittlerweile haben sie 23 Mitarbeiter.  

Konzern und Start-up. Geht das überhaupt? Man müsse in puncto Unternehmenskultur schon einen Spagat schaffen, sagen die Gründer. Wenn Start-ups und Unternehmen zusammenkommen,  merken beide schnell, wie unterschiedlich der jeweils andere tickt. „Entscheidend ist, dass unsere B2B-Geschäftspartner die Wandlungskraft und Schnelligkeit eines Start-ups verstehen und  vor allem auch die Vorteile darin sehen“, sagt Homelike-Gründer Figge. Innovative Geschäftsmodelle sollten immer auch dynamisch sein und haben das Potenzial, rasant zu wachsen – aber  wie rasant, das könne niemand vorher genau abschätzen. Dafür müssen Konzerne Verständnis haben. Andersrum müssten auch die Homelike-Macher sich nach den Uhren im Großkonzern  richten. Man dürfe sich allerdings nicht allzu sehr anpassen, sagt Kasper. Sonst verliert man seine Originalität. „Und auch die ist wichtig.“ 

Die Kölner Start-up-Szene konzentriert sich überwiegend auf das Belgische Viertel, Ehrenfeld und rund um den Mediapark - der Kölner Business Angel Tim Schumacher sieht darin einen großen Vorteil.
Foto: Sylvie Gagelmann

Geht man durch das siebenstöckige Gebäude im Gerling-Quartier, herrscht eine arbeitsame Stille. Doch der Schein trügt: Die Arbeitsweise unterscheidet sich von dem, was Industrieunternehmer  gewohnt sind. Hier hängt keine Stechuhr in der Loge, die Büros sind keine nüchternen Arbeitszellen: Die Wände mancher Büros sind mit Postern gepflastert, auf einem Schreibtisch steht eine  Kaktus-Skulptur aus Duplo-Steinen. Mitarbeiter lümmeln sich auf Couches oder sind hinter einer Bildschirmwand in Zeilen von Programmiercodes vergraben. Der Altersdurchschnitt liegt um die 30. Wie in einem Teenager-Zimmer ist es nicht unbedingt aufgeräumt, der lässige Kapuzenpullover gehört mit zur Arbeitskleidung, und auch weit nach 18 Uhr sind viele Fenster des  Hochhauses noch beleuchtet. Die Gründer und ihre Mitarbeiter trennen nicht zwischen Job und Freizeit. Sie leben hier. Die dunkle Holzvertäfelung, die den Manager-Vormietern sicherlich  zugesagt haben wird, wirkt da wie aus der Zeit gefallen.

Von meinem Büro am Friesenplatz aus ist jedes relevante Start-up in Köln in fünf Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen.

Tim Schumacher


Nichtsdestotrotz: Start-up-Gründer, alteingesessene Industriebarone von der Ruhr und Manager von Großkonzernen am Rhein kommen in Köln an verschiedenen Stellen zusammen, berichten  erfahrene Gründer. Rewe und Metro etwa pflegen intensive Beziehungen zu Start-ups aus der Region. Die Handelskonzerne sind sehr aktiv in der Gründer-Szene: Rewe etwa hat vor zwei  Jahren in den Tiernahrungslieferanten ZooRoyal investiert und im vergangenen Jahr in ein digitales Finanz-Start-up. Metro macht gemeinsame Sache mit Emmas Enkel, der Wiederbelebung des  Tante-Emma-Ladens – vor Ort und im Netz samt Lieferservice. Ebenfalls trifft sich die gesamte Branche zweimal pro Jahr in der Stadt beim E-Commerce-Day und der Digital Marketing  Exposition & Conference (DMEXCO). Beide Konferenzen ziehen ein internationales Publikum an.   

Der Kölner Business Angel Tim Schumacher – blonder Bart, blaues T-Shirt – schätzt an Köln, dass er von seinem Büro am Friesenplatz aus „jedes relevante Start-up in Köln in fünf Minuten  mit dem Fahrrad erreicht.“ Die Start-up-Szene sei in Köln stark komprimiert, ein Großteil der Jung-Unternehmen habe sich im Belgischen Viertel, in Ehrenfeld und rund um den Mediapark angesiedelt.  Köln als Stadt sei hervorragend angebunden: Mit zwei internationalen Flughäfen in der Region und einer schnellen Anbindung nach Frankfurt stelle Köln einen guten Standort für Start-ups  dar. Nur eine Schwierigkeit sieht Schumacher: „Bei amerikanischen Investoren ist Berlin schlicht bekannter als Köln.“ Zudem stehe die Hauptstadt weltweit für eine gewisse Gründer-Stimmung.  Das könne bei Kölner Start-ups, die einen amerikanischen Geldgeber für sich gewinnen wollen, zum Problem werden.  

„In Köln kann man sehr gut arbeiten“, findet Gerald Schönbucher. Seit 2007 macht er mit der Online-Verkaufsplattform Hitmeister US-Giganten wie Amazon und Ebay Konkurrenz - mit wachsendem Erfolg.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Doch in Köln gibt es viele Start-up-Erfolgsgeschichten, wenn auch ohne Weltruhm: Etwa die des Seriengründers Oliver Thylmann. Mit Ligatus, Ormigo und Adcloud hat er bereits drei erfolgreiche  Start-ups hochgezogen. Adcloud verkaufte er vor fünf Jahren an die Deutsche Post. Trotz dieses Verkaufserfolgs blieb Thylmann umtriebig, er gründet weiter: Mit seinem neuesten Start-up  namens Giant Swarm will er nun Programmierern das Leben erleichtern. Der Mehrfachgründer genießt es, in Köln zu arbeiten: „Die hiesige Start-up-Szene verfügt bereits über ein gutes Netzwerk,  und viele Gründer sind sehr engagiert.“ Das Schöne an Köln sei vor allem die Arbeitseinstellung, meint Thylmann. „Hier wird wirklich gearbeitet und nicht nur Imagepflege mit Gründer-Allüren betrieben.“ Auch heute hat Thylmann noch einen  Arbeitsplatz im Start-up-Inkubator Startplatz am Mediapark. Er will trotz seines Erfolgs nicht den Anschluss an den Nachwuchs verlieren.  

Gerald Schönbucher genießt in der Szene ebenfalls hohes Ansehen. Der Kölner Lokalmatador gründete im Jahr 2007 Hitmeister, eine Online-Verkaufsplattform – mit Erfolg. Seit Jahren schafft  Hitmeister es zu wachsen, trotz harter Konkurrenz amerikanischer Internet-Giganten wie Amazon und Ebay. Im vergangenen Jahr machte die Plattform 43 Millionen Euro Umsatz. „In Köln kann man sehr gut arbeiten“, findet Schönbucher. Die Lebensqualität sei hoch, die Stadt zeichne sich durch ein großes kulturelles und kulinarisches Angebot aus und bei seinen jungen Mitarbeitern  könne man mit einem reichen Angebot an Bars und Discotheken punkten. Auch Schönbucher schätzt wie Thylmann, dass Kölner Start-ups richtig anpacken, statt ewig an dem nächsten Google zu  basteln.  

Trotzdem hören viele hiesige Gründer immer wieder die Frage, warum sie sich hier im Rheinland angesiedelt hätten. Schließlich haben die Könige der Start-up-Szene dem Rheinland einst den Rücken gekehrt: Die gebürtigen Marienburger Marc, Oliver und Alexander Samwer – die Erfinder des berühmten deutschen Start-up-Inkubators Rocket Internet und Ziehväter des Schuhlieferanten  Zalando. Sie gingen bereits vor Jahren nach Berlin und trugen einen großen Teil zu Berlins Start-up-Berühmtheit bei. 

Hier konnte ich wirklich überprüfen, ob mein Produkt bei der breiten Masse ankommt.

Bastienne Föller

Bastienne Föller hat auf die Rheinland-Frage eine gewitzte Antwort: „Ich möchte, dass mein Unternehmen in ganz Deutschland Erfolg hat“, sagt die Gründerin von Convida, einer Systemgastronomie  für mexikanische Gerichte. „Berlin ist ein äußerst spezielles Pflaster.“ Sehr daran gewöhnt, ständig neue Geschäfte, Produkte und Konzepte serviert zu bekommen. „Unser erster Standort hätte in Berlin ebenfalls super erfolgreich sein können“, sagt Föller. „Aber die Stadt ist nicht repräsentativ für den Rest des Landes.“ 

Bastienne Föller hat Convida, eine Systemgastronomie für mexikanische Gerichte, gegründet. Ihre Hypothese: Frauen lassen sich eher für eine Gründung begeistern, wenn sie in ihrem Umfeld Freunde und Bekannte haben, die diesen Schritt ebenfalls tun.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Föller wollte ihre Burritos, Quesadillas und Guacamole am deutschen Durchschnittsgaumen testen – nicht an dem der weltoffenen Berliner. Sie entschied sich schnell für das Rheinland.  Mit 17,7 Millionen Einwohnern und einer hohen Bevölkerungsdichte gab es hier aus ihrer Sicht eine deutlich ausgewogenere Kundschaft als in Berlin. „Hier konnte ich wirklich überprüfen,  ob mein Produkt bei der breiten Masse ankommt.“ Ihren ersten Laden machte sie schließlich in Düsseldorf auf, einen weiteren wird sie in wenigen Monaten in Köln eröffnen. Der Standort für ihr  drittes Restaurant sei noch nicht ganz geklärt, aber auch dieses wird voraussichtlich in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen seine Türen aufsperren.   

Statistisch gesehen ist Gründerin Föller eine Ausnahmeerscheinung. Nur knapp elf Prozent aller Gründer waren laut der Studie Deutscher Startup-Monitor im vergangenen Jahr weiblich.  Zur Begründung hört man häufig, dass viele Frauen risikoscheuer seien als Männer. Auch die Nähe zum Programmieren, in vielen Start-ups Voraussetzung für das Geschäftsmodell, ist  angeblich nichts für Frauen.  

Convida-Gründerin Föller sieht das anders: „Ich wusste schon seit langem, dass ich Unternehmerin werden möchte.“ Sie hat in den USA studiert und dort – so sagt sie – den amerikanischen  Unternehmergeist leben und lieben gelernt. Dass sie eine Frau unter vielen Männern ist, stört sie dabei überhaupt nicht. Ihre Hypothese: „Wenn deine Freunde und deine Bekannten  als Gründer tätig sind, lässt du dich leichter dazu begeistern, selbst zu gründen.“ Es liegt also nicht am Geschlecht, sondern am Umfeld. Viele von Föllers Freundinnen sind ebenfalls Gründerinnen.  Für den Duisburg-Essener Professor Kollmann ist die niedrige Frauenquote jedenfalls keine Kölner Spezialität, sondern ein Problem der gesamten deutschen Start-up-Branche: Er wünscht sich  generell mehr Gründer – Frauen wie Männer. „Die Anzahl der Gründer könnte sicherlich noch höher sein“, sagt Kollmann. „Ich kämpfe immer noch um jede Seele, die das Risiko auf sich nehmen möchte,  ein Start-up zu gründen.“  

Um die Start-up-Szene zu fördern, hat die Landesregierung Nordrhein-Westfalens Ende vergangenen Jahres ein Investitionspaket beschlossen. Bis zum Jahr 2020 will sie mit 42 Millionen Euro die Digitalwirtschaft im Land ankurbeln. Das Ziel des Förderprogramms: Gründer sollen mit Kapital gefördert und noch besser mit den vor Ort ansässigen Unternehmern vernetzt werden. Womöglich wird man in Zukunft dann noch öfter hören, dass die jungen Wilden eines rheinländischen Start-ups mit einem Unternehmen der alten, analogen Branchen aus der Region zusammenkommen. 

Die Voraussetzungen sind heute schon gegeben. Heimliches Rauchen im Gebäude hin oder her.

KOMMENTAR
Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln 

Wozu diese ganzen Anstrengungen, um Köln und die Region für Start-ups interessant zu machen? Es gibt doch genügend funktionierende Unternehmen, die Wirtschaft im Raum Köln ist stark und hat sehr gute Zukunftsperspektiven. Solche oder ähnliche Fragen kann man sich schon stellen bei dem Hype, der um die größten, besten, jüngsten, hippsten oder coolsten Start-up-Städte gemacht wird. Alles richtig, trotzdem brauchen wir eine lebendige Start-up-Szene. Um frischen Wind in die Wirtschaft zu bringen, um den notwendigen und in vielen Branchen ausstehenden Prozess der Digitalisierung anzuschieben. Um Arbeitsplätze zu schaffen und internationales Kapital anzulocken. Unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit hängt unter anderem auch von unserem Innovationsvermögen ab. Dazu werden wir die vorhandenen starken Potenziale  sichtbar machen, die Aktivitäten der Player untereinander abstimmen und relevante Branchen und Themen identifizieren. All dies wird in einem von der Landesregierung geförderten „Hub“ („denglisch“ für Netzwerk/Knotenpunkt für die Start-up-Szene) passieren, das entsprechende Konsortium ist gebildet, die Bewerbung um die Fördermittel ist auf dem Weg. Damit werden wir vermutlich nicht die coolste Startup- City, aber eine mit Bodenhaftung in der regionalen Wirtschaft. Ein nachhaltiges und erstrebenswertes Ziel – und wenn dabei noch ein wenig Silicon-Valley-Flair hängen bleibt, umso besser.   

Foto: Marek Burdynowski   

Wo sich die Kölner Gründerszene trifft …  

Kölner Gründer kommen nicht nur beim internationalen Branchentreff DMEXCO zusammen. Wichtige Anlaufpunkte in der Stadt sind zum einen der Co-Working- Space „Clusterhaus“ im Gerling-Quartier und der Inkubator „Startplatz“ im Mediapark. Sie bieten zahlreiche laufende Veranstaltungen, Get-Togethers und Vorträge etwa zu den Themen FinTech, Big Data und E-Health. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Veranstaltungen kleinerer Netzwerke.  

Branchenverbände wie Web_DE_Cologne laden regelmäßig zum Start-up-Frühstück oder gleich einem gemeinsamen Gründer-Wochenende.  

Selbstständige Mütter treffen sich mehrfach im Jahr zum Mompreneurs-Meet-up im Solution Space – einem weiteren Kölner Co-Working-Büro in der Nähe der Domplatte.    

Für Absolventen, Studierende oder wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Köln oder einer Hochschule des hochschulgründernetz cologne e.V. (hgnc) bietet GATEWAY - Gründungsservice der Universität zu Köln eine eigene Anlaufstelle. Das Beraterteam - Experten für technologie- und wissensbasierte Gründungen aus der Hochschule im Kölner Raum - unterstützt bei der Ausarbeitung von Geschäftsideen und Förderanträgen und vermittelt Kontakte zu Unternehmern und Investoren. Für zehn bis zwölf Gründungsteams können auch Büroräume zur Verfügung gestellt werden. 

… und wo sie Kapitalgeber finden  

In Köln gibt es für Gründer viele interessante Financiers. Viele Business Angels haben sich etwa im Rotonda-Business-Angels-Netzwerk zusammengeschlossen, auch Martin Heinemann und Peter Jungen sind berühmte Angel-Investoren, die in Köln tätig sind. Mit Capnamic Ventures, CologneInvest, DuMont Ventures und Dieter von Holtzbrinck Ventures sind namhafte Venture-Capital-Unternehmen in Köln vertreten, die auch über die Seed-Phase hinaus als Geldgeber fungieren. Gründercoaching gibt es zudem bei der Initiative Neues Unternehmertum Rheinland (NUK).      

INTERVIEW

„Wir müssen lauter trommeln für die Kölner Start-up-Szene“  

Jörg Binnenbrücker hat im Jahr 2012 den Kölner Risikokapitalfonds Capnamic Ventures mitgegründet. Die Idee: Unternehmen der „Old Economy“ investieren  über den Fonds Geld in aufstrebende Start-ups. Im Interview mit „IHKplus“ erklärt er, warum dabei beide Seiten profitieren. Und wie Kölner Start-ups an Risikokapital kommen.   

IHKplus: Herr Binnenbrücker, was muss ein Start-up tun, wenn es an Ihr Geld kommen will?  

J.B.: Erst einmal ist es nicht nur mein Geld, das wir mit dem Capnamic Fonds vergeben, sondern vor allem das unserer Investoren. Das sind etablierte  Unternehmen und Family Offices, wie zum Beispiel Universal Music, die Rheinische Post und die Mediengruppe M. DuMont Schauberg. Für diese Unternehmen sind wir eine Art ausgelagerte  Forschungs-und Entwicklungsabteilung: Sie interessieren sich vor allem für disruptive Technologien und Innovationen. Das heißt, sie wollen sich an Start-ups beteiligen, die das Potenzial haben,  mit ihren Ideen ganze Branchen und Industrien auf den Kopf zu stellen. Firmen, die den Status quo hinterfragen und mit digitalen Produkten und Dienstleistungen Wertschöpfungsketten verändern. Und die das Zeug dazu haben, innerhalb von wenigen Jahren zum Marktführer aufzusteigen.  

IHKplus: Wie kann ein Start-up-Team Sie davon überzeugen, dass es das draufhat?  

J.B.: Wir treffen jedes Jahr fast 2.000 Start-ups. In drei bis fünf davon investieren wir. Um herauszustechen, sollten Gründer also sehr gut vorbereitet sein. Sie sollten ihren Markt sehr genau kennen  und uns erklären können, warum und wie ihre Idee bestehende Produkte oder Dienstleistungen verdrängen wird. Die Gründer sollten ihr Geschäftsmodell vernünftig durchgerechnet haben und uns  zeigen, dass es skalierbar ist, dass es also eine gewisse kritische Größe erreichen kann. Und wir wollen leidenschaftliche und motivierte Gründer-Teams sehen, denen wir es auch zutrauen, diese  Idee umzusetzen. Dann wird es interessant.  

IHKplus: Studien zeigen, dass vergleichsweise wenig Risikokapital nach Köln fließt – ein echter Nachteil für Kölner Gründer. Woran liegt das?  

J.B.: Tatsächlich gibt es in ganz NRW nur sehr wenige Venture-Capital-Gesellschaften. Risikokapitalgeber gehen nun einmal typischerweise dorthin, wo die höchste Dichte an innovativen Start-ups und Gründern zu finden ist. Und da ist der Hotspot mit der meisten Strahlkraft auch über Deutschland hinaus zurzeit ganz klar Berlin. Das Beispiel Berlin zeigt aber auch, wie schnell sich das ändern kann: Noch vor einigen Jahren war in Berlin nichts. Keine Start-ups, keine Industrie, keine Kapitalgeber, keine Infrastruktur, gar nichts. Durch Inkubatoren wie Rocket Internet hat sich  das geändert, die Stadt ist innerhalb kürzester Zeit zum Anziehungspunkt für die Start-up-Szene geworden. Dann kamen auch die Kapitalgeber. Das Kapital kommt immer zuletzt – erst einmal  muss die Szene, die Dynamik da sein. Und sie muss über die Grenzen der Stadt hinaus Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Strahlkraft entwickeln.  

IHKplus: An dieser Strahlkraft fehlt es Köln noch?  

J.B.: Ja, eindeutig. Wir haben tolle, sehr erfolgreiche Start-ups hier in Köln. Denken Sie an Unternehmen wie die Online-Sprachschule Learnship, die mittlerweile 60 Prozent der DAX-Unternehmen  als Kunden gewonnen hat. Oder picanova, eine Garagengründung aus Köln-Lindenthal: Die sind international sehr erfolgreich. Denken Sie an Start-ups wie Studitemps oder adblockplus. Die Liste erfolgreicher Kölner Start-ups ist lang. All diese Unternehmen zeigen: Man kann hier erfolgreich etwas aufbauen. Die Infrastruktur in Köln ist mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser als in Berlin – gerade weil hier viele etablierte Unternehmen sitzen, die an der Zusammenarbeit mit Start-ups interessiert sind und gemeinsam mit ihnen Ideen zur Marktreife entwickeln. Trotzdem  hat kaum jemand Köln als Start-up-Stadt auf dem Schirm. Wir müssen viel lauter für die Start-up-Szene trommeln, wenn wir das ändern wollen.

Foto: Stefan Ouwenbroek  

Fragen?

Petra Göbbels

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