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Schwieriger Partner

China ist zum größten Handelspartner Deutschlands aufgestiegen, viele Unternehmen sind längst im Reich der Mitte angekommen. Doch jetzt wird das Geschäft schwieriger, das Wachstum flacht ab, die Politik schlägt quer. Ist China ein strategischer Partner oder längst ein gefährlicher Wettbewerber der deutschen Wirtschaft?

Text: Georg Watzlawek

Es stimmt: Das China-Geschäft wirft nicht mehr die traumhaften Wachstumsraten ab, an die sich viele Unternehmen gewöhnt hatten. Zur Nachfrageflaute kommen Probleme wie Plagiate und die starke Hand des Staates. Dennoch gibt es immer wieder außergewöhnliche Erfolgsgeschichten.

Das Unternehmen Brita, Anbieter von Trinkwasserfiltern, zum Beispiel hat den Handel in China selbst in die Hand genommen, die Absatzzahlen explodieren. Oder Bernd Reitmeier – der gelernte Wirtschaftsingenieur hat in Kunshan einen Inkubator für Mittelständler gegründet, seine „Startup Factory“ beherbergt bereits 30 Unternehmen.

Nur noch fünf statt 20 Prozent Zuwachsraten

Im Vorfeld des „Greater China Day“ der IHK Köln (siehe Text "Veranstaltungen" unten) am 21. Juni gibt die Volksrepublik ein uneinheitliches Bild ab. „Wir hatten uns daran gewöhnt, dass Nachfrage und Kaufkraft ständig steigen. Damit ist China für deutsche Unternehmen der wichtigste Markt in Asien geworden, für einzelne Branchen wie die Autoindustrie sogar der wichtigste überhaupt“, bilanziert Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer und BASF-Chefrepräsentant in Peking. Doch inzwischen müsse man sich oft mit fünf Prozent Zuwachs abfinden statt mit 20 Prozent. Der Trend halte an, denn die Nachfrage lässt nach und die Konkurrenz wird schnell stärker, sagte Wuttke in einem IHKplus-Interview.

China ist 2016 erstmals an den USA als größter deutscher Handelspartner vorbei gezogen – was neben der Schwäche der USA auch an starken Importen aus China lag. Die deutschen Exporte nach China stiegen in den ersten elf Monaten 2016 immerhin um 5,5 Prozent auf 69 Milliarden Euro. Bei den Investitionen drehen sich die Verhältnisse ein Stück weit. Deutsche Unternehmen haben über die Jahre hinweg in China Produktion und Anlagen im Wert von rund 60 Milliarden Euro aufgebaut. Dagegen waren Chinesen hierzulande bis 2014 laut Bundesbank nur mit etwas mehr als 2,5 Milliarden Euro aktiv. Seither ist jedoch ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen: Allein für 2016 könne ein Transaktionsvolumen von bis zu zehn Milliarden Euro angenommen werden, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Chinesische Unternehmen mit enorm hoher Wettbewerbskraft

Auch „Startup Factory“-Gründer Bernd Reitmeier beobachtet, dass zum ersten Mal einige deutsche Unternehmen ihre Aktivitäten vor Ort einstellen. Die Gründe dafür seien vielfältig, selten sei die Nachfrage das eigentliche Problem. Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen sei die Stimmung relativ gut, so Reitmeier. Nach wie vor sei es extrem wichtig, sich auf lokale Begebenheiten einzustellen – und die mittlerweile enorm hohe Wettbewerbskraft chinesischer Unternehmen nicht zu unterschätzen.

Die von Peking geforderte Effizienzsteigerung der Wirtschaft öffnet deutschen Firmen aber auch Chancen: Ohne innovative deutsche Investitionsgüter sei die Modernisierung nicht machbar, sind sich Reitmeier und Wuttke einig. Dabei komme es gar nicht auf die Branche an, in der ein Unternehmen tätig sei, sondern darauf, wie weit es Technologieführer sei. Wobei das Thema Technologietransfer mehr denn je ein heißes Thema ist. Mittelständler müssen aufpassen, ihr Knowhow nicht rasch an die chinesischen Partner zu verlieren.

Bei großen Firmen gehört das Thema Knowhow-Abfluss bereits zur Tagesordnung. Insbesondere innovative Firmen geraten in Gefahr, von finanzstarken staatsnahen chinesischen Firmen aufgekauft zu werden.

„Wir müssen aufpassen, dass Europa kein Chinese Take-away wird“

Auch Handelskammerpräsident Jörg Wuttke warnt davor, dass Europa zum „Chinese Takeaway“ wird. Zwar gebe es „gute, unternehmerische Investitionen“ wie den Einstieg von Geely bei Volvo. Daneben aber auch Fälle wie Kuka oder Aixtron, wo chinesische Investoren mit extrem viel Geld aggressiv zugreifen wollten. Das könne zu Wettbewerbsverzerrungen und einem Ausverkauf der Technologie führen.

Gleichzeitig werden die Rahmenbedingungen in China nicht besser. Akutes Beispiel sind die Kapitalverkehrskontrollen, die eine Kapitalflucht bremsen sollen, aber auch den Gewinntransfer ausländischer Firmen treffen. Hinzu kommen massive Lohnsteigerungen, Probleme bei der Personalsuche und der Kampf gegen Plagiate.

Große Erfolgsgeschichten

Und dennoch gibt es immer wieder große Erfolgsgeschichten, die in der Regel von einem hungrigen Markt profitieren, manchmal aber auch von Weichenstellungen der Politik. Ein Beispiel liefert das Unternehmen Brita in Taunusstein, das mit Trinkwasserfiltern weltweit bekannt ist. Längere Zeit partizipierte das Unternehmen nur durch Grauimporte aus Cross-Border-ECommerce von Chinas Nachfrage: Großkunden verschoben Ware nach Fernost und verkauften sie im Internet. Brita machte so bis 2013 weniger als eine halbe Million Euro Umsatz in China, berichtet Christiane Senk, Director mit der Verantwortung für den chinesischen Markt.

Vor drei Jahren gründete Brita deshalb eine Tochtergesellschaft in China. Sie erschloss sich landesspezifische Online-Plattformen, die lokalen Amazons und eBays, und verkaufte darüber selbst im großen Stil. Zugute kam dem Unternehmen, dass die Regierung den Umweltschutz und damit auch die Wasserfilter zur geförderten Branche erklärte. Daher genießt Brita einen von zwölf auf fünf Prozent reduzierten Importzoll. Heute hat Brita vier Niederlassungen in China und macht im Online- und im stationären Handel einen Umsatz von 90 Millionen Euro.

Für Brita ein Grund, weiter zu investieren: Das Unternehmen baut gerade seinen vierten Produktionsstandort auf, den ersten außerhalb von Europa. Natürlich in China.

Veranstaltungen
Der „Greater China Day“ am 21. Juni 2017  in der IHK Köln dreht sich um die Fragestellung „Greater China – Strategischer Partner oder Wettbewerber?“. Der Informationstag, der zu den bedeutendsten Greater-China-Veranstaltungen in Deutschland zählt, wird veranstaltet von der  IHK Köln in Zusammenarbeit mit den Auslandshandelskammern in China, Hongkong und Taiwan.

Bereits am 3. und 4. Mai 2017 können bei der „Jobmesse Chinese Talent Days“ in der Koelnmesse zum siebten Mal Arbeitgeber gezielt auf chinesische Absolventen und Professionals treffen, die in Deutschland/Europa studiert haben.