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Mut und Leidenschaft prägen seine Arbeit als Unternehmer: Herbert Geiss Foto: Aliki Monika Panousi
Porträt

Die Kraft der zwei Herzen

Als er die Firma von seinem Onkel übernahm, war er dort noch Azubi. 14 Jahre danach ist Herbert Geiss Chef von 700 Beschäftigten in 23 Niederlassungen. Für seine „gesunde Mischung aus Mut, Risiko, Leidenschaft und Begeisterung“ erhielt der Inhaber der Deiters GmbH aus Frechen im Juni den IFU-Wirtschaftspreis 2017.

Text: Lothar Schmitz

Am Anfang war eine Lederjacke. Die hatte Herbert Geiss mit 16 von seinem Vater geschenkt bekommen. Als ein Bekannter die Jacke bewunderte, entschied Geiss sich spontan, ihm die Jacke zu verkaufen – für das Doppelte ihres ursprünglichen Preises. „Das war mein Einstieg in die Marktwirtschaft“, erinnert sich der Unternehmer, „seitdem wollte ich kaufen, verkaufen und Geld verdienen.“

18 Jahre später steht Herbert Geiss auf der Bühne im Frechener „Keramion“, wo ihn die Interessenvereinigung Frechener Unternehmen (IFU) an diesem Juniabend mit ihrem Wirtschaftspreis 2017 ehrt - für seine "gesunde Mischung aus Mut, Risiko, Leidenschaft und Begeisterung".  Denn nur wenige Jahre nach seinem Einstieg in die Marktwirtschaft begann Geiss‘ Aufstieg zum Unternehmer – und damit der Aufstieg des von seinem Urgroßvater Joseph Deiters 1921 in Köln gegründeten Unternehmens: Mit 20 Jahren kaufte Geiss die Anteile seines Onkels an dem Familienunternehmen. Zu jenem Zeitpunkt war er allerdings noch Azubi in der Firma des Onkels. Vier Monate später legte er vor der IHK Köln erfolgreich die Abschlussprüfung zum Groß- und Außenhandelskaufmann ab – und startete durch.

In nur 14 Jahren wurde aus dem Karnevalsausstatter mit 25 Beschäftigten ein starkes mittelständisches Unternehmen mit 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Geiss verlegte den Firmensitz der Deiters GmbH von Köln nach Frechen, eröffnete im Laufe der Jahre 22 Niederlassungen, darunter das nach eigenen Angaben „größte Karnevalskaufhaus der Welt“ in Frechen, und steigerte systematisch den Umsatz jenseits von Karneval.

Aktiv, umtriebig – eine Kämpfernatur

„Ja, ich bin aktiv und umtriebig“, sagt Geiss über sich selbst, „das gefällt mir. Das liegt mir.“ Er ist stolz auf die unternehmerische Leistung der drei Generationen vor ihm, dennoch schaltete er, als er 2003 übernahm, umgehend auf Turboantrieb. „Ich wollte von Anfang an expandieren und das Unternehmen auf eine ganz neue Ebene hieven“, betont der 34-Jährige. Zu Beginn, beim Übergang von der Ausbildung zum alleinigen Gesellschafter, sei es nicht einfach gewesen. „Es gab auch Unmut, aber ich habe die Ärmel hochgekrempelt und mich durchgekämpft.“
Dabei half ihm „die Kraft der zwei Herzen“: „Mein Onkel war mein Ausbilder, von ihm habe ich mein kaufmännisches Herz“, sagt Geiss. Von seinem Vater, der die Geschäfte des Unternehmens viele Jahre gemeinsam mit seinem Bruder, also Geiss‘ Onkel führte, habe er „das Herz für Menschen, für Kunden und Mitarbeiter“. „So habe ich von beiden das Beste übernehmen und vereinen können“, sagt der Unternehmer.

Den Kitzel gesucht und aufs Gas getreten

Das Gespräch mit Geiss findet zwei Tage vor der Preisverleihung in der Firmenzentrale in Frechen statt, im großen Besprechungsraum. Außer dem großformatigen Clown-Gemälde an der Wand weist nichts auf das Hauptgeschäftsfeld von Deiters hin, im Gegenteil: Hier herrscht kühle Sachlichkeit auf hohem Design-Niveau.

In gewisser Weise trifft das auch auf Geiss zu: Mit seinem karierten Tweed-Anzug, der getupften Krawatte, dem auffälligen Einstecktuch und den Budapestern ist er auffällig, zugleich stilvoll gekleidet. Ruhig und konzentriert berichtet er über sich und sein Unternehmen. Und doch steckt in jedem Satz, den er sagt, die Energie, die Horst Winkelhag, erster Vorsitzender der IFU, bei der Verleihung des Wirtschaftspreises zwei Tage später so beschreiben würde: „Risiko ist Tauziehen zwischen Kitzel und Bremse. Sie, lieber Herr Geiss, haben den Kitzel gesucht und weniger auf die Bremse, eher aufs Gas getreten.“

In der Tat: Geiss verlor keine Zeit, als er 2003 die Deiters GmbH übernahm, und ging gleich mehrere beträchtliche Risiken ein. Da war erstens der erhebliche Bankkredit, um die Geschäfts- und Grundstücksanteile des Onkels zu übernehmen und damit alleiniger Gesellschafter zu werden; sein Vater war bereits mehrere Jahr zuvor aus der Unternehmensleitung ausgeschieden und hatte seine Anteile dem Bruder übertragen, der nun seinerseits einen Nachfolger suchte. Und da war zweitens die umgehend in die Wege geleitete Expansionsstrategie. Hatte Geiss‘ Urgroßvater Joseph Deiters 1921 in Köln als Lieferant von Verlosungsartikeln für Schausteller und Stielblumen für Schießbuden begonnen und dessen Schwiegersohn Fritz Geiss das Geschäft weitergeführt, erweiterten dessen Söhne Herbert und Reinhold das Geschäft um Kostüme und Artikel für Karneval.

Zehn neue Filialen in zwei Jahren

Doch erst Herbert Geiss junior brachte das Unternehmen ab 2003 auf die Überholspur. Schon bald eröffnete er die erste Filiale, der bis heute fast zwei Dutzend weitere folgen sollten. Dann gab er das Schaustellergeschäft auf und fokussierte das Unternehmen ganz auf Verkleidung. Zudem stellte er nach und nach die Logistik um und verschärfte den Wachstumskurs, so dass allein 2013 und 2014 je fünf neue Filialen aufmachten – mit Stuttgart und Berlin erstmals auch weitab der rheinischen Karnevalshochburgen.

Schließlich verlagerte er aus Platzgründen den Firmensitz nach Frechen. Dort entstanden nicht nur der neue Verwaltungssitz, sondern bald auch ein 3.000 Quadratmeter großes Logistikzentrum mit ständig über 200.000 Kostümen sowie der „Flagship Store“ des Unternehmens mit einer Verkaufsfläche von 5.000 Quadratmetern, auf denen Deiters 2.000 verschiedene Kostüme und 20.000 verschiedene Accessoires anbietet.

Apropos Karneval: Je nach Kalenderjahr dauert im Rheinland die fünfte Jahreszeit vom 11. November bis Februar oder März. Kernzeit sind die fünf bis sechs Wochen vor Rosenmontag. Ein Zeitraum von drei bis vier Monaten, um den erforderlichen Jahresumsatz zu erzielen, war Geiss bald zu wenig. Was tun? Genügend Einfluss, um die karnevalistische Jahreszeit zu verlängern, hatte Geiss nicht. Wohl aber Ideen, wann sonst noch Kostüme gefragt sein könnten.

Ob Oktoberfest oder Fanmeile - das Sortiment ist heute sehr breit.
Foto: Aliki Monika Panousi

Ob Halloween oder Kindergeburtstag: Verkleiden geht immer

Zu Halloween beispielsweise. Geiss schuf einen Teil des Anlasses gleich mit, als er vor einigen Jahren „Deutschlands größte Halloween-Party“ auf die Beine stellte. „Dadurch stieg der Umsatz mit Kostümen und Accessoires für Halloween um das Zwanzigfache“, sagt er. Weiter ging es mit einer von Geiss‘ Frau – Beruf: Modedesignerin – entworfenen Trachtenlinie fürs Münchener Oktoberfest und die vielen anderen Oktoberfeste, die inzwischen bundesweit gefeiert werden. Auch zu manchen Frühlingsfesten tragen die Besucher inzwischen Tracht. „Einheimische setzen dabei meist auf eigene, oft teure Ausstattung“, weiß Geiss, „doch für Gäste von auswärts sind unsere vergleichsweise preiswerten Komplett-Outfits rund um Lederhose und Dirndl genau das Richtige.“

Konsequent bewirbt Deiters sein Sortiment für weitere Zielgruppen und Anlässe – von der Mottoparty über Junggesellenabschiede bis zu Kindergeburtstagen. Und bringt damit auch abseits der Karnevalszeit Frequenz in die Läden. Trotzdem bleibt Karneval mit 65 Prozent der Hauptumsatzträger.

Geld verdienen und Erfolg haben

Geiss ist ein Vollblutunternehmer. Sein Antrieb, in eigenen Worten: „Geld verdienen und Erfolg haben“. Aber es geht ihm nicht um die Mehrung des eigenen Wohlstands – das Geld steckt er vielmehr ins Unternehmen. „Wenn der Gewinn stimmt, können wir weiter unsere Prozesse verbessern und das Geschäft ausbauen“, betont Geiss. Und das heißt auch: weiteren Menschen Ausbildung und Beschäftigung bieten. „Die Firma ist viel mehr als ein reines Invest“, stellt Geiss klar, „sie lebt von den Menschen, die bei Deiters arbeiten und das Unternehmen mit nach vorn bringen.“

Der IFU-Einschätzung von der „gesunden Mischung aus Mut, Risiko, Leidenschaft und Begeisterung“ stimmt Geiss ausdrücklich zu: „Ich bin in gewisser Hinsicht ein Grenzgänger“, erzählt er, „ich versuche immer wieder, meine Möglichkeiten und Grenzen auszureizen.“ Niemals jedoch würde er alles aufs Spiel setzen, dieser Hinweis ist ihm wichtig. Das könnte er nicht vor den Beschäftigten und seiner Familie verantworten.

Apropos Familie: Seit einigen Wochen kann auch der Privatmann Herbert Geiss herausfinden, wie weit seine Möglichkeiten reichen und wo die Grenzen liegen: Im Mai kam sein erster Sohn Fritz zur Welt.