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Zocken zur Erholung bei Kernpunkt Foto: Aliki Monika Panousi
Service

Pausenwelten

Computer, Internet und Smartphones kennen keine Pause. In der digitalen Arbeitswelt ist die Versuchung groß, es ihnen gleichzutun. Damit ihre Mitarbeiter ein gesundes Wechselspiel aus Aktivität und Erholung, Kommunikation und Rückzug hinbekommen, investieren erste Unternehmen in Pausenwelten, die Körper, Geist und Seele guttun.

Text: Julia Leendertse

Kernpunkt: Playstation für die Pause
Die Mitarbeiter der Digitalagentur Kernpunkt in Köln-Ehrenfeld zocken in der Mittagspause schon mal gerne an der Playstation. Viele Softwareentwickler kennen Spielkonsolen seit ihrer Kindheit und nutzen eine Runde Playstation, um sich abzulenken, zu regenerieren und um neue Energie zu tanken.

Die zwei Kernpunkt-Gründer und Geschäftsführer Simon Biela und Matthias Steinforth (beide Jahrgang 1980) wissen um das Ritual und respektieren es nicht nur. Als sie 2016 in ihr neues, knapp 1.900 Quadratmeter großes Büro im Kontrastwerk an der Oskar-Jäger-Straße einzogen, spendierten sie ihren 80 Angestellten sogar ein Spielezimmer. Auf 25 Quadratmetern können sich die Konzepter, Designer, Entwickler und Redakteure an der Konsole austoben, ein Nickerchen einlegen oder zur Entspannung lesen. So bekommen sie wieder den Kopf frei, wenn es bei der Projektarbeit mal hakt. Feste Pausenzeiten gibt es nicht. Meist verabreden sich die Kollegen beim Lunch in der Gemeinschaftsküche oder beim mittäglichen Grillen auf der
Dachterrasse – für ein kurzes Spiel danach. Wenn es sich ergibt, sind die beiden Firmenchefs mit von der Partie. Sie legen Wert auf ein soziales Miteinander.

Wer gemeinsam Websites, Onlineshops oder Digitalstrategien für Unternehmen wie NetCologne, Barmenia oder Santander Bank plant und umsetzt, ist aufeinander angewiesen. Immer muss es schnell gehen, Updates und andere Technik-Neuerungen halten den Stresspegel hoch. Da tut das schicke Interieur der vornehmlich in Weiß gehaltenen Bürolandschaft ganz gut. Ein Highlight sind die 50 fast raumhohen Birkenstämme, die zur Dekoration über die ganze Agentur verteilt sind.

Platz zum Reden und Nachdenken bei Kienbaum
Foto: Philipp Jester

Kienbaum: Strandkörbe für stille Momente
Ende 2016 verlegte Kienbaum sein Headquarter von Gummersbach in den Airport Business Park in Köln-Gremberghoven. Drei Bahnstationen vom Dom und sieben Autominuten vom Flughafen Köln/Bonn entfernt, entstand auf 6.000 Quadratmetern ein lichtdurchfluteter Heimathafen für die weltweit aktive Beraterschar sowie eine stilvolle Location für Events und Workshops mit Geschäftspartnern.

Die neue Zentrale bietet den 150 Kölner Mitarbeitern, aber auch ihren rund 500 Kollegen von anderen Kienbaum-Standorten Raum für fokussierte Einzelarbeit genauso wie für das Aushecken kluger Personalstrategien im Team. Die Bürogestaltung von Architektin Laura Kienbaum zahlt zu 100 Prozent auf die digitale Arbeitswelt ein. Die Mitarbeiter können frei entscheiden, ob sie in einem Einzel-, Doppel- oder Teambüro arbeiten möchten. Zur Wahl steht auch ein Platz in der offenen Bürolandschaft des „Labors“, am Picknick-Bench in einer der Lounges, in der Stille der Bibliothek oder in einer der gläsernen Besprechungsboxen.

Vom Trubel abgeschirmt lässt sich auch gut in den „Think Tanks“ arbeiten. Die Sitzmöbel wirken wie Strandkörbe im XXL-Format. Der Stoff, mit dem sie bezogen sind, schluckt Lärm. Je zwei Think Tanks einander gegenüber gestellt, ergeben eine Denk- und Kreativoase, Raum für diskrete Gespräche, Ruhe zum Nachdenken und erholsames Insichgehen. „Die Arbeitswelt ist so schnell, dass jeder sich vorübergehend zurückziehen können soll“, so Co-Chef Fabian Kienbaum. Im Keller gibt es dafür auch einen Fitnessraum, im Bistro einen Billardtisch und in der Spielothek den Kicker.

Richtig austoben kann man sich bei Detecon.
Foto: Bernd Zöllner

Detecon: Relaxräume zum Runterkommen
Als die Management- und Technologieberatung Detecon 2012 ihr neues Headquarter in der Kölner City bezog, verabschiedete sich die Telekom-Tochter von gleich zwei Hierarchieebenen und damit verbunden von der klassischen Officestruktur mit Einzelbüros und Vorzimmer. Um kreatives und selbstbestimmtes Arbeiten zu fördern, wagte der Spezialist für IT-Strategie und digitale Transformationsprojekte ein Experiment.

Ein Dutzend Künstler kreierte in dem Achtzigerjahrebau in der Sternengasse eine phantasievolle Erlebniswelt. Nach dem Upcycling-Prinzip veredelten sie Alltagsgegenstände vom Flohmarkt in Designermöbel und gestalteten mit ihnen Gemeinschafts-, Rückzugs- und Relaxräume. Heute haben die rund 550 Detecon-Berater am Standort Köln auf vier Etagen Platz für Kollaboration, aber auch geschützte Räume, um für sich allein zu sein. In den Fluren, Aufzugsbereichen und Aufenthaltsräumen entstanden bühnenbildartige Arrangements wie eine Bayernstube, ein komplett grünes Zimmer, eine Shisha-Bar oder eine kleine spanische Kneipe.

Die Räume sind nicht nur inspirierend. In ihnen wird tatsächlich gearbeitet, nachgedacht, gesprochen, ausgeruht. Zwei der Relaxräume sind sogar abschließbar. Die Idee: Smartphone, WLAN, Laptop & Co haben die fixe Bindung an den Schreibtisch und den Nine-to-Five-Rhythmus endgültig aufgehoben. „In der neuen digitalen Arbeitswelt kann einem niemand mehr vorgeben, wann und wie ich meine Arbeit am besten erledige“, so Detecon-Partner und New-Work-Experte Marc Wagner. „Unsere weltweit 1.000 Mitarbeiter können sich deshalb für jeden Arbeitskontext die passende Arbeitsumgebung selbst aussuchen.“

Besprechungszone als Picknick-Insel bei beeline.
Foto: Aliki Monika Panousi

beeline: Picknick im Büro
Von Köln-Mülheim aus, wo einst die Schwerindustrie pulsierte, mischt das Unternehmen beeline seit 1990 den Handel mit Modeschmuck auf. Die Idee: Trendige Modeaccessoires zu günstigen Preisen anzubieten, damit sie sich jeder leisten kann. Im Jahr 2000 baute beeline eine ehemalige Industriehalle des Motorenherstellers Deutz zur Kreativ- und Verwaltungszentrale um. Heute gibt es 4.600 beeliner weltweit.

Coole Fabrikatmosphäre trifft auf glamouröse Fashionwelt? Stimmt. Trotzdem geht es bei beeline bodenständig zu. Mittags treffen sich die Angestellten zum Lunch auf der „Wiese“. Auf keiner echten, versteht sich. „Wiese“ – so heißt intern das Bistro mit seinem Bio-Essensangebot. Zur selben Zeit verwandeln sich eine Etage tiefer im Parterre der zweigeschossigen Halle die offenen Besprechungszonen in Picknick-Inseln. „Viele unserer 450 Mitarbeiter am Standort Grünstraße ernähren sich bewusst gesund“, so beeline-Personalchefin Bettina Jakobi. Sie bringen sich Salate und Selbstgekochtes von zu Hause mit. „Zwischendurch Pausen einzulegen, ist in der digitalen Arbeitswelt wichtiger denn je“, so Jakobi.

Bei beeline gibt es über die gesamte Industriehalle verteilt ein halbes Dutzend Gemeinschaftsküchen und gleich mehrere Lounges. Zwar hat jeder Mitarbeiter in der offenen Bürostruktur seinen festen Arbeitsplatz, kann aber für kleinere und größere Meetings jederzeit, auch spontan, einen der vielen unterschiedlich gestalteten Besprechungsräume, Social Areas, Focus Rooms und selbst das Bistro nutzen. Wer längere Telefonate führen oder in Ruhe Konzepte zu Papier bringen will, zieht sich in eine der acht Glasboxen zurück.