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Solange die Maschinen am Boden rangiert werden, führt die Verkehrszentrale des Flughafens mit Schichtführerin Doreen Kade die Regie. Foto: Olaf-Wull Nickel
Porträt

Nur Fliegen ist schöner

Getrennte Wege, gemeinsames Ziel – ein Freitagnachmittag am Flughafen Köln/Bonn.

Text: Lothar Schmitz

Am Check-in-Schalter trennen sich ihre Wege. Maria Müller schlendert seelenruhig durchs Terminal 2. Sie kauft eine Zeitung, geht noch mal zur Toilette, klärt eine Frage am Informationsschalter und zeigt schließlich die Bordkarte vor, um in die Sicherheitsschleuse zu gelangen. Anschließend sucht sie Gate D82 und wartet dort darauf, dass ihr Flug nach Las Palmas aufgerufen wird.

Ihrem Koffer steht bis zum Abflug deutlich mehr Action bevor. Er hat zwar dasselbe Ziel wie Maria Müller – nämlich die 18:30-Uhr-Maschine nach
Gran Canaria. Er wird die Boeing 737 auch etwa zur gleichen Zeit wie seine Besitzerin erreichen. Doch die Wege könnten verschiedener nicht sein.

Erst wenn die Passagiere an Board gegangen sind, endet der Zuständigkeitsbereich von Alexandra Cahn als Leiterin des Terminalbetriebs.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Um Maria Müller kümmert sich – sichtbar und unsichtbar – das Team von Alexandra Cahn. Sie leitet den Terminalbetrieb am Flughafen Köln/Bonn. Sie ist verantwortlich für den Einsatz von über 100 Menschen und dafür, dass alles vom Betreten des Terminals bis zur Bordkartenkontrolle und vom Ver­lassen der Sicherheitskontrolle bis zum Boarding am Gate zur Zufriedenheit der Fluggäste läuft.

Das sind am heutigen Junifreitag rund 40.000. In den NRW-Sommerferien ist diese Zahl nochmals gestiegen. Am ersten Feriensonntag zählte der Flughafen zirka 42.000 Passagiere, am 19. August – bei Ferienende – rechnet er sogar mit 44.000 Reisenden. Damit ist die historische Höchstmarke vom 13. Mai dieses Jahres Geschichte, als exakt 41.644 Fluggäste abgefertigt wurden – so viele wie noch nie zuvor an einem Tag. Insgesamt sorgen allein die sechs Ferienwochen für ein Sechstel des Jahrespassagieraufkommens.

Damit auch Koffer auf Reisen gehen können, kümmert sich Thomas Hoppe mit seiner 170-köpfigen Mannschaft um die vollautomatische Gepäckförder- und -sortieranlage.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Ein Koffer fährt Achterbahn

Die Passagiere sorgen entsprechend für jede Menge Gepäck. Die Reise der Koffer und Taschen beginnt nur wenige Meter unterhalb der Check-in-Ebene mit einem abenteuerlichen Auftakt: Mit beachtlicher Geschwindigkeit sausen Maria Müllers roter Koffer und die vielen anderen Gepäckstücke zunächst über Förderbänder, dann auf über 300 Sortierschalen durch die Halle. Ein 360-Grad-Scanner sorgt frühzeitig dafür, dass der Barcode auf dem Gepäckanhänger den Bestimmungsort des Koffers preisgibt – und schon kippt ihn die zuvor vom Computer bestimmte Sortierschale exakt auf die Rampe, an der einer von Thomas Hoppes Mitarbeitern das Gepäck für den Las-Palmas-Flug sammelt und auf Gepäckwagen lädt, die ein anderer Mitarbeiter zu kleinen Zügen aus bis zu vier Wagen gruppiert und zum Flugzeug fährt.

Thomas Hoppe ist im Flughafen Betriebsleiter Gepäckdienste und damit das Pendant zu Alexandra Cahn. Er steuert eine insgesamt 170-köpfige Mannschaft – und trägt auch die Verantwortung für die vollautomatische Gepäckförder- und -sortieranlage, das Herzstück dieser Abteilung.

Auch Sperrgut findet zuverlässig seinen Weg zum richtigen Flieger. Ob Mikro­welle, Surfbrett, Stabhochsprung-Stab – in der Gepäckanlage sind mehrere Mitarbeiter mit kleinen Elektroflitzern unterwegs, unter Kollegen auch „Raumfahrer“ genannt, die übergroße Gegenstände einzeln zum Flugzeug bringen.

Bei ankommenden Flügen sieht das Procedere ähnlich aus. Nach acht Minuten taucht der erste Koffer bereits in der Gepäckausgabe aus, zwölf Minuten darf’s laut Qualitätsvorgaben maximal dauern. „Das schaffen wir“, betont Hoppe, „und das auch bei Ferienbeginn, wenn es hier nur so von Gepäck und Kollegen wimmelt.“

Fluggasttreppen und Gepäckförderbänder bereitstellen und das Gepäck im Bauch des Flugzeugs verstauen - dafür sorgen Michael Jeske und sein Team.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Am Flugzeug angekommen, übernimmt eine der Einsatzgruppen, die Michael Jeske koordiniert. Er ist Sektionsleiter in der Abteilung Flugzeugabfertigung, die insgesamt 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt – plus Zeitarbeiter in Ferien- und anderen Stoßzeiten. Für jedes „Flugereignis“, wie es im Flughafen­jargon heißt, wird eine Gruppe von drei Mitarbeitern eingeteilt. Ihre Aufgabe: die Be- und Entladung des Flugzeuges. Sie stellen die Fluggast­treppen und Gepäckförderbänder bereit und verstauen das Gepäck im Bauch des Flugzeugs. Auch Maria Müllers roten Koffer. In den Ferien setzt Jeske auch doppelte Teams ein.

Dass die Boeing genau dort steht, wo sie steht; dass Jeskes Team im rich­tigen Augenblick zur richtigen Maschine eilt und Hoppes Team die Gepäckwagen zum richtigen Flieger bringt – für das alles sorgt wiederum die Verkehrszentrale. Hier begegnen wir erneut Alexandra Cahn. Sie leitet nicht nur den Terminalbetrieb, sondern auch die Verkehrszentrale auf dem Dach von Terminal 1.

Der Laie könnte sie für den Tower halten. Doch die Aufgabenteilung ist klar: Die Deutsche Flugsicherung (DFS) steuert vom Tower aus den reibungslosen Verkehr in der Luft sowie am Boden, sobald und solange eine Maschine rollt. Wohin sie rollt, wo sie parkt, ob sie auf dem Vorfeld ihre Passagiere entlässt oder an einer Brücke und welches Gepäckband diesem Flug zugewiesen wird – das ist Aufgabe der Verkehrszentrale des Flughafens.

Gerade ist Schichtwechsel. Zwei Mitarbeiter kommen die Wendeltreppe hoch, jeder mit einem Einkaufskorb im Arm, der Proviant für die kommenden acht Dienststunden enthält. Schichtführerin Doreen Kade ist etwas früher eingetroffen und hat sich bereits um die Übergabe gekümmert.

Der Rund- und Fernblick ist famos, man sieht bis zum Kölner Dom. Kade allerdings richtet ihr Augenmerk vor allem auf die vielen blinkenden Zahlen, Zeichen und Diagramme auf den großen Computerbildschirmen vor ihr, während ihr Kollege mit dem Fernglas schaut, wohin eine kleine Privatmaschine rollt, die gerade gelandet ist.

„Hier ist kein Tag wie der andere“

betont Alexandra Cahn und meint damit: Die Realität wirbelt bisweilen selbst die ausgefeilteste Planung durcheinander. „Vor allem an Unwettertagen wie im Juni.“ Dann müssen die ursprünglich zugewiesenen Parkpositionen nahezu permanent variiert werden, damit es nicht zu Staus und Durcheinander kommt.

Flug D8 5959 nach Las Palmas geht pünktlich. Maria Müller fliegt der Sonne entgegen. Ihr roter Koffer im Gepäckraum ebenfalls.

Das Passagiergeschäft am Flughafen Köln/Bonn in Zahlen:

Airlines: 30 | Ziele: mehr als 120 | Passagiere 2016: voraussichtlich 11,6 Millionen | abgefertigte Gepäckstücke: 6,23 Millionen | Check-in-Schalter: 86 | Gates: 48 | Pkw-Parkplätze: 12.500 | Einzugsgebiet: 17 Millionen Menschen im Umkreis von 100 km | Ranking in Deutschland: Platz 7 | Zahl der Arbeitsplätze: 13.000 | Angestellte Flughafengesellschaft: 1.800

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