Stichwortsuche

Das Reiseziel ist ein Traum - die neue Pauschalreiserichtlinie wirkt auf die Branche indes wie ein aufziehendes Unwetter. Foto: Pixabay
Service

Neues Pauschalreiserecht: raues Klima für die Branche

Zum 1. Juli 2018 tritt die neue Pauschalreiserichtlinie in Kraft. Auf die Branche kommen umfangreiche Änderungen zu, sei es bei den Informationspflichten, Beratungsgesprächen und bei der Insolvenzabsicherung. Die Reisevermittler fürchten erheblichen Bürokratie- und Zeitaufwand.

Text: Eli Hamacher

Noch hat Karsten Hoppe deutlich mehr Fragen als Antworten. Welche der neuen Formblätter muss ich meinen Kunden übergeben? Was bedeutet es für mich als Veranstalter, wenn ein Kunde noch bis zu zwei Jahre nach seiner Heimkehr Mängel geltend machen kann? Muss ich künftig für all meine Angebote dem Kunden separate Verträge vorlegen? Der Inhaber des Kölner Veranstalters marevent ist Spezialist für Segelreisen, die mit Yogakursen oder dem Besuch traditioneller Whisky-Destillerien in Schottland kombiniert werden können. Jetzt fürchtet der Chef der kleinen Agentur mit drei Mitarbeitern nicht nur einen erheblichen Bürokratie- und Zeitaufwand, sondern auch höhere Kosten.

Der Countdown läuft. Zum 1. Juli 2018 tritt das deutsche Umsetzungsgesetz zur neuen EU-Pauschalreiserichtlinie in Kraft. Nur selten hat ein Gesetzesvorhaben eine gesamte Branche so in Aufruhr versetzt, wie die Ende 2015 verabschiedete Richtlinie die Touristikbranche. Nach monatelangen Diskussionen war das Gesetz im Juni 2017 schließlich vom Bundestag verabschiedet worden.

Die gesamte Branche ist betroffen

Dr. Julia Thöle, Reiserechtsexpertin bei der Beiten Burkhardt Rechtsanwaltsgesellschaft mbH in Düsseldorf, rät Unternehmen, sich intensiv mit den neuen Regeln auseinanderzusetzen, da die Materie äußerst komplex sei. „Da die Änderungen teilweise gravierende Auswirkungen für in der Touristik tätige Unternehmen mit sich bringen, ist es für jede Firma ratsam, bereits frühzeitig den eigenen Handlungsbedarf zu prüfen und erforderliche Änderungen zeitnah auf den Weg zu bringen.“

Die neuen Regelungen betreffen quasi die ganze Branche, also die Anbieter von Pauschalreisen, die Reisevermittler sowie die Vermittler von verbundenen touristischen Einzelbausteinen, die das Gesetz unter dem neuen Begriff „verbundene Reiseleistung“ führt. Anders als bei der Pauschalreise werden bei diesen verbundenen Reisearrangements separate Verträge für jede Reiseleistung abgeschlossen. Konsequenzen haben diese Definitionen zum einen für die umfangreichen Informationspflichten, zum anderen für die Insolvenzabsicherung und Haftung.

„Am stärksten werden die Anbieter von Pauschal­reisen in die Pflicht genommen“, sagt Rechts­anwältin Thöle. Bei ihnen könne der Kunde umfangreiche Gewährleistungsrechte geltend machen. Bei den „verbundenen Reiseleistungen“ gebe es einen Basisschutz für den Kunden, während Einzelleistungen grundsätzlich nicht mehr vom Pauschalreiserecht erfasst würden.

Vorsicht bei der Formulierung von Angeboten

In einem Infoblatt hat die Berliner Rechtsanwältin Anja Smettan-Öztürk für die IHKs die wichtigsten Änderungen zusammengefasst und Schritte be­schrieben, wie das Gastgewerbe diese um­setzen kann. So können An­­bieter von Unterkünften schneller als bisher zum Reiseveranstalter werden und dementsprechend weitergehend haften, etwa wenn sie die Übernachtung mit einem weiteren eigenständigen Leistungsbestandteil kombinieren und als Paket anbieten, zum Beispiel die Übernachtung im Doppelzimmer mit Wellnesspaketen.

Dabei gilt: nomen est omen! Alexander Hoeckle, Geschäftsführer International und Unternehmensförderung bei der IHK Köln, empfiehlt: „Ich rate Unternehmen zur Vorsicht bei Formulierungen in Katalogen und auf der Website, schnell können verwendete Begriffe wie z.B. Pauschale oder Arrangement das beworbene Produkt zur Pauschalreise machen. Die Folge: Alle Haftungs- und Informationspflichten, die für Pauschalreisen
gelten, gelten auch für das Produkt.“

Wollen Hotels und Pensionen künftig ausschließ­lich als Anbieter von Übernachtungsleistungen tätig sein, dann müssten sie ihre Angebote deutlich von dem Begriff „Pauschalreisen“ abgrenzen, so Reiserechtsexpertin Smettan-Öztürk. Eine wichtige Rolle spiele der Zeitpunkt des Verkaufs einzelner Leistungen. Wenn zum Beispiel eine Konzertkarte erst nach der Ankunft vermittelt werde, falle dies nicht unter die Definition einer Pauschalreise.

Schulungsaufwand für Mitarbeiter

Für Unsicherheit und Unmut gleichermaßen sorgen auch die erhöhten Informationspflichten. Je nach Reiseart muss der Vermittler seine Kunden
anhand von Informationsblättern über Rechte und Pflichten aufklären. „Für die Anbieter bedeutet das vor allem einen erheblichen Schulungsaufwand der Mitarbeiter und ein deutlich erhöhtes Haftungsrisiko bei Fehlinformationen durch die Mitarbeiter“, warnt Thöle. Es müsse zudem dafür gesorgt werden, dass – sowohl online als auch im stationären Vertrieb – die richtigen Infor­mationsblätter zur Verfügung stehen und vor Ver­­tragsabschluss von den Kunden abgezeichnet werden, um im Zweifel die ordnungsgemäße Information später belegen zu können.

Aus Sicht der Veranstalter eher positiv ist die Möglichkeit, künftig Preiserhöhungen von bis zu acht Prozent (heute fünf Prozent) nach Abschluss einer Reise durchsetzen zu können, etwa weil bestimmte Kosten unvorhergesehen gestiegen sind. Umgekehrt müssen aber auch gesunkene Kosten weitergegeben werden. Verbraucherschützer halten diese Regelung allerdings für wenig praktikabel, da Preisänderungen schwierig nachzuweisen seien. Die Einführung des neuen Reiserechts sei grundsätzlich aber auch eine Chance, sich am Markt neu zu positionieren, seine Unterlagen eingehend zu prüfen und gegebenenfalls den aktuellen Gegebenheiten anzupassen, findet Anwältin Smettan-Öztürk.

IHK Köln stellt Informationen bereit

Um Unternehmern wie Karsten Hoppe Antworten auf die offenen Fragen geben zu können und bei der Umstellung zur Seite zu stehen, stellt die IHK Köln in den kommenden Wochen weitere In­­­formationsblätter für Reiseveranstalter und Reise­­vermittler zur Verfügung. IHK-Geschäftsführer Alexander Hoeckle: „Unser Ziel ist es, die Unternehmen auf die geänderte Gesetzeslage so vorzubereiten, dass sie vor Risiken geschützt sind und gleichzeitig den Bürokratie-, Zeit- und Kostenaufwand so gering wie möglich halten können.“