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Freut sich auf die ersten Bewerbungen für das „Young Professionals“-Programm: expectus-Geschäftsführer Stefan Schäfer. Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Neue Wege zu mehr Fachkräften

Die Unternehmen suchen Fachkräfte. Interessante Zielgruppen sind junge Leute, die ihr Studium nicht abschließen wollen, nach dem Bachelor gerne in die Praxis möchten oder von Beginn an Theorie und Praxis verknüpfen möchten.

Text: Lothar Schmitz

Immer mehr Betriebe klagen über Fachkräfteengpässe. Im Konjunkturbericht Frühjahr 2019 der IHK Köln heißt es: „Als größtes Risiko für die Konjunktur sehen die Unternehmen nun seit fünf Umfragen in Folge den Fachkräftemangel.“ Gründe für den zunehmenden Mangel gibt es viele. Einer davon: „Der Trend zum Studium ist, nicht nur in Hochschulstädten wie Köln, ungebrochen“, sagt Carsten Berg, Leiter Ausbildung operativ der IHK Köln. „Ich gehe davon aus, dass er sich, trotz bester Bemühungen, absehbar nicht umkehrt.“ Immer mehr Schulabsolventinnen und -absolventen würden sich – wenn nötig zunächst über den Umweg der weiterführenden Schule – in Richtung Hochschulen orientieren und die Angebote der dualen Berufsausbildung immer weniger wahrnehmen. „Die Suche nach geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern für den Direkteinstieg durch duale Berufsausbildung dürfte sich unter diesen Voraussetzungen weiter erschweren“, glaubt Berg.

Deshalb empfiehlt die IHK Köln, neue Wege zu gehen und dabei auch Zielgruppen zu adressieren, die viele Firmen bisher gar nicht oder nicht systematisch im Blick hatten. Zugleich geht die IHK verstärkt auf diese Zielgruppen zu und wirbt gerade bei ihnen verstärkt für die duale Berufsausbildung.

Diese Zielgruppen sind:

  • Talente mit Bachelor-Abschluss, die nun in die Berufspraxis wechseln wollen, anstatt weiter zu studieren.
  • Studierende, die mit dem Gedanken spielen, ihr Studium vorzeitig abzubrechen (oder das gerade getan haben) und sich nun beruflich neu orientieren wollen und müssen.
  • Schulabsolventinnen und -absolventen, die ein Studium von vornherein mit einer betrieblichen Ausbildung verknüpfen möchten.

Drei interessante Zielgruppen für Unternehmen, die attraktive Stellen nicht mehr besetzen können. Die IHK Köln stützt und fördert die Erschlließung dieser Zielgruppen für ihre Mitgliesunternehmen mit unterschiedlichen Programmen und Kooperationen.

Young Professionals: Talente mit Bachelor-Abschluss in die Berufspraxis holen

Bei dem von der IHK Köln entwickelten Programm „Young Professionals“ stehen Bachelor-Absolventinnen und Absolventen im Mittelpunkt. Was ungewöhnlich klingt – ein Hochschulabsolvent soll eine Ausbildung machen –, erschließt sich bei näherer Betrachtung: Trotz erster akademischer Qualifikation gelingt ihnen der direkte Einstieg in das Berufsleben selten nahtlos und auf direktem Wege, abgesehen vielleicht von Absolventinnen und Absolventen der ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge. „Bedingt durch den Aufbau des Studiums verfügen sie nämlich in der Regel nur über sehr geringe praktische Erfahrung in Unternehmen der Wirtschaft“, sagt Berg. Um sie für das betriebliche Anforderungsprofil zu qualifizieren, bieten deshalb viele Firmen Traineeprogramme an.

Dabei haben sie allerdings keinen Abschluss im Sinn, sondern lediglich die schnelle Praxistauglichkeit. Andererseits genießt die klassische Berufsausbildung in vielen Firmen nach wie vor hohe Relevanz. „Sie vermittelt nicht nur notwendige und berufsspezifische Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, sondern liefert durch den IHK-geprüften Abschluss eine gleichermaßen valide wie verlässliche Bewertung der beruflichen Handlungsfähigkeit“, unterstreicht Berg. Weshalb also nicht beides miteinander verbinden?
„Young Professionals“ macht genau das und ist laut Berg bisher bundesweit einzigartig. Wesentliche Elemente sind eine auf das Mindestmaß reduzierte Ausbildungsdauer – in der Regel die Hälfte der Regelausbildungszeit – sowie die Vereinbarung, dass die Unternehmen in dieser Zeit eine doppelte Ausbildungsvergütung zahlen.

Die Vorteile für Unternehmen:

  • kurze Ausbildungsdauer
  • hohe betriebliche Anwesenheit der „Young Professionals“ durch Wegfall der Berufsschulpflicht
  • Erschließung einer jungen und bildungsaffinen Zielgruppe
  • Gewinnung von akademisch und praktisch qualifiziertem Fachkräftenachwuchs
  • Bindungspotenzial durch die Schaffung einer Karriereperspektive im Unternehmen

Erste Unternehmen haben sich bereits mit der IHK in Verbindung gesetzt und zeigen großes Interesse. Zum Beispiel die Soennecken eG aus Overath, eine Genossenschaft für die Vermarktung, Finanzierung und Logistik von Produkten rund um die Büroorganisation. „Wir interessieren uns sehr für das neue Programm“, betont Personalreferentin Evelyn Wieland. Die Ausbildung bei Soennecken habe einen sehr hohen Stellenwert und solle langfristig noch weiter ausgebaut werden. Zu den Angeboten zählen bisher klassische Ausbildungsgänge mit IHK-Prüfung, duale Studiengänge und individuelle Traineeprogramme. „Das möchten wir mit ‚Young Professionals‘ ergänzen, weil wir uns von jungen Hochschulabsolventen neue, aktuelle Impulse versprechen, die unsere Innovationskraft weiter stärken.“

IHK-Ausbildungsstellenvermittlung hilft

Gleichzeitig würde das Programm die duale Berufsausbildung weiter „aufpolieren“, die „einzige Form, um die berufliche Handlungsfähigkeit zu zertifizieren, worauf wir großen Wert bei der Besetzung von Vakanzen legen“, betont Wieland. Sie steht in engem Kontakt mit der Ausbildungsstellenvermittlung der IHK Köln – und konnte im Juli das erste Bewerbungsgespräch führen.

„Wir wollen das unbedingt ausprobieren“, hat sich auch Stefan Schäfer vorgenommen, Geschäftsführer der expectus GmbH in Köln. Die kleine, sechs Beschäftigte starke Unternehmensberatung berät namhafte Firmen aus Industrie und Handel zu komplexen Herausforderungen der Logistik. Dabei stellt Schäfer spezielle Anforderungen an sein Team.
Perfekt ist für ihn zum Beispiel der Weg, den Larissa Geissler eingeschlagen hat. Sie absolvierte in einem Logistikunternehmen eine Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung und bewarb sich dann bei der EUFH in Brühl um einen dualen Studienplatz im Logistikmanagement. Kooperationsunternehmen in ihrem Fall: expectus. Dort erwarb sie in einer Art Langzeitpraktikum die nötigen praktischen Kenntnisse, während sie zugleich an der EUFH den Bachelor-Abschluss anstrebte. Entweder also bietet expectus gemeinsam mit einer Hochschule einen dualen Studienplatz an – dann muss die Bewerberin oder der Bewerber aber eine abgeschlossene Ausbildung mitbringen. Oder er bildet selbst aus – dann jedoch im Rahmen eines ausbildungsintegrierenden Studiums, so dass der Absolvent oder die Absolventin hinterher beides hat: Bachelor und IHK-Abschluss.

Das neue Programm „Young Professionals“ kommt ihm also sehr entgegen. „Das Konzept ist super, denn die Absolventen bringen das nötige Basiswissen mit, das wir dann in der verkürzten Ausbildungszeit um alles Fachspezifische ergänzen können“, sagt Schäfer, „ohne allzu viel Zeit zu verlieren.“ Die IHK hilft expectus bei der Kandidatensuche, den Kontakt zwischen Unternehmen und IHK hält Larissa Geissler, die derzeit übrigens, diesmal allerdings nebenberuflich, weil sie inzwischen bei expectus fest angestellt ist, einen Master in „Business Development Management“ macht.

Umsteigen: Victoria Nissi Diwa wechselte vom BWL-Studium in eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau bei der Eventagentur cuecom. In Absprache mit Geschäftsführer Rainer Funke verkürzte sie dabei die Ausbildungszeit.
Foto: Peter Boettcher

Umsteigen: Neue Orientierung für Studienzweifler

Sie sind viele, doch keiner kennt ihre Zahl so genau. Lange Zeit führten sie ein Schattendasein. Doch das könnte sich demnächst ändern. Im Herbst findet in Köln die „Woche der Studienzweifler“ statt, unter anderem berät dort die IHK Köln über Alternativen zum ungeliebten Studium.
Ein Studienabbruch ohne Abschluss gilt immer noch als Makel, die wenigsten sprechen offen darüber, verlässliche Statistiken gibt es nicht. Doch ein abgebrochenes Studium allein sagt nicht viel über die Leistungsbereitschaft und Fähigkeiten einer Person aus. Deshalb interessieren sich immer mehr Arbeitgeber für diese Fachkräfte-Zielgruppe, wobei umgekehrt viele Abbrecherinnen und Abbrecher ihre möglichen Alternativen nicht kennen.

Das ändert sich gerade, denn wichtige Akteure wie Bundesagentur für Arbeit, DGB, Handwerkskammer zu Köln (HWK), IHK Köln, Jobcenter Köln, Kölner Studierendenwerk, Stadt Köln, Arbeitgeber Köln e.V. werben gemeinsam bei jungen Studienzweiflern, die sich neu orientieren möchten, und stellen ihnen berufliche Alternativen vor. Das dazugehörige Programm heißt: „Umsteigen“.

„Sie sind oft von Zweifeln geplagt, tatsächlich aber können sie mehr, als sie denken“, weiß Luzie Mucha, Beraterin in der Passgenauen Besetzung der IHK Köln. „Ihre im Studium erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen können für Unternehmen wertvoll sein.“ Wer also umsteigen möchte, dem bietet das gleichnamige Programm verschiedene Anrechnungsmodelle, die den Umsteigern den Weg in die berufliche Aus- und Fortbildung erleichtern.

Möglich sind – je nach persönlicher Voraussetzung – zum Beispiel eine verkürzte Berufsausbildung, eine IHK- oder HWK-Abschlussprüfung ohne vorherige Berufsausbildung oder eine unmittelbare Zulassung zu einer Fortbildungsprüfung.

Die Vorteile für Unternehmen:

  • gute Vorbildung
  • Motivation und Engagement
  • hohe Loyalität
  • kurzfristige Verfügbarkeit

Von alldem war Rainer Funke schon überzeugt, als es „Umsteigen“ noch nicht gab. Der Gründer und Geschäftsführer der Full-Service-Eventagentur cuecom GmbH in Köln sagt, er habe stets gute Erfahrungen mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern gemacht. Über die Passgenaue Vermittlung der IHK Köln wurde er auf Victoria Nissi Diwa aufmerksam. Die 26-Jährige hatte zwei Semester BWL an der Uni Köln studiert sowie – als duales Studium – Eventmanagement an einer privaten Kölner Hochschule. Ersteres war ihr zu allgemein, zweiteres zu theoretisch. Außerdem wurden die hohen Studiengebühren zum Problem.

Kürzere Ausbildung, höhere Vergütung

„Ich wollte mich neu orientieren und habe Kontakt zur IHK aufgenommen“, erzählt Diwa. Ihr Interesse: eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau. Die IHK-Beraterin konnte ihr drei Firmen nennen, sie bewarb sich noch am selben Tag. Rainer Funke stellte sie ein. Sie vereinbarten eine verkürzte Ausbildungszeit von 2,5 Jahren, außerdem zahlt cuecom eine höhere als die empfohlene Ausbildungsvergütung und legt noch eine „Kommunikationspauschale“ sowie ein Jobticket drauf. Am 7. Januar, also mitten im laufenden Ausbildungsjahr, konnte Diwa bei cuecom beginnen. Bis jetzt ist sie sehr zufrieden. „Ich habe Verantwortung, darf Eigeninitiative zeigen und lerne jeden Tag ganz viel dazu“, erzählt sie, „das ist echt super.“

Angehende Kaufleute im E-Commerce können an der Hochschule FOM ein duales Studium absolvieren. Gerade haben FOM-Geschäftsleiterin Anika Hagenmayer und ihre Stellvertreterin Judith Neuhoff dazu eine Kooperation mit der IHK unterzeichnet.
Foto: Peter Boettcher

Praxis und Theorie optimal verknüpft: Ausbildungsintegrierendes Studium

Das duale Studium ist eine weitere Möglichkeit für Unternehmen, leistungsstarken und bildungswilligen Fachkräftenachwuchs zu binden. Es gibt viele unterschiedliche Varianten, wobei die IHK bei Unternehmen und jungen Leuten besonders für das „ausbildungsintegrierende Studium“ wirbt. Hintergrund: Nur diese Variante verknüpft einen Studiengang an einer Hochschule mit einer betrieblichen Ausbildung in einem IHKBeruf samt IHK-Prüfung.
„Studierende erwerben in kurzer Zeit zwei Abschlüsse und weisen ein besonders hohes Maß an beruflicher Handlungskompetenz nach“, erläutert Carsten Berg von der IHK Köln. Vorteil für die Firmen: Sie sichern sich frühzeitig besonders leistungsstarke und -willige Nachwuchskräfte, denen sie direkt nach Studium und Berufsabschluss verantwortungsvolle Aufgaben übertragen können.
Ganz neu und bisher nur in Köln: Azubis im neuen Ausbildungsberuf „Kaufmann/-frau im E-Commerce“ können ab sofort parallel zur Ausbildung in Betrieb und Berufsschule ein duales Studium absolvieren. Auf Initiative und mit Unterstützung der IHK Köln hat die FOM Hochschule an ihrem Kölner Standort einen dualen Kooperationsstudiengang mit Abschluss „Bachelor of Arts (B.A.) Marketing & Digitale Medien“ entwickelt, der sich speziell an angehende Kaufleute im E-Commerce richtet.
Der große Vorteil für Unternehmen: „Bei dem ausbildungsintegrierenden dualen Studium sind die didaktischen Konzepte von Beruf und Hochschule so aufeinander abgestimmt, dass Redundanzen vermieden werden und der Weg zum akademischen Abschluss und zum Berufsabschluss gegenüber dem herkömmlichen Weg – erst Ausbildung, dann Studium – ohne Qualitätsverlust deutlich kürzer ausfällt“, erklärt Anika Hagenmayer, Geschäftsleiterin der FOM Hochschule in Köln.
In den ersten Informationsveranstaltungen für Interessenten und Unternehmensvertreter zeige sich bereits, dass das Modell sehr gut aufgenommen werde. „Sie erkennen“, sagt Hagenmayer, „dass die künftigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kooperation attraktive Wettbewerbsvorteile auf dem Arbeitsmarkt haben, da sie sich schneller und umfangreicher qualifizieren können.“

Weitergehende Infos und Ansprechpartner

Young Professionals: www.ihk-koeln.de/204660
Umsteigen: www.umsteigen-koeln.de

Vom 7. bis 14. November findet in Köln die „Woche der Studienzweifler“ statt. Beim Abschlussevent im Club Bahnhof Ehrenfeld stellen die IHK Köln, die Handwerkskammer zu Köln und die Agentur für Arbeit ihre Angebote vor und beraten zum Umstieg in die berufliche Qualifizierung.
Informationen und Kontakt: Luzie Mucha, Beraterin in der Passgenauen Besetzung, Tel. 0221 1640-6784, luzie.mucha@koeln.ihk.de

Ausbildungsintegrierendes Studium/Duales Studium: www.ihk-koeln.de/13899

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