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Illustration: Elena Rosa Gil
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Neue Berichtspflicht kann auch Kleine treffen

Seit diesem Jahr müssen viele größere Unternehmen regelmäßig einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen, der vor allem ökologische und soziale Aspekte umfasst. Die neue Pflicht kann aber auch bis auf kleine Zulieferer und Produzenten durchschlagen – wer sich mit dem Thema nicht befasst, riskiert ein böses Erwachen.

Text: Werner Grosch

Die Bilanzen von Unternehmen sagen eine Menge aus. Über Gewinne und Verluste, über Investitionen oder Abschreibungen. Aber eher nichts darüber, wie sich das Geschäft des Unternehmens auf die Umwelt auswirkt, welche sozialen Standards es ansetzt, was es für die Gesundheit seiner Mitarbeiter tut, für die Vielfalt in der Belegschaft, für die Einhaltung der Menschenrechte etwa bei Lieferanten in fernen Ländern oder auch gegen Korruption. Zu all diesen Punkten müssen viele Unternehmen aber jetzt Stellung beziehen und erstmals für 2017 sogenannte Nachhaltigkeitsberichte erstellen.

Lieferanten können indirekt betroffen sein

Das neue Gesetz, das eine schon drei Jahre alte EU-Verordnung in deutsches Recht umsetzt, gilt zunächst einmal bei weitem nicht für alle Unternehmen. Nur für solche, die mehr als 500 Mitarbeiter haben, eine jährliche Bilanzsumme von mehr als 20 Millionen oder einen Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro erzielen und „kapitalmarktorientiert“ sind. Letzteres bedeutet, dass Anteile des Unternehmens am Kapitalmarkt gehandelt werden. Das schränkt also die Zahl der Betroffenen stark ein – aber nur auf den ersten Blick.

Bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass auch viele kleine und mittlere Unternehmen sich mit dem Thema befassen müssen. Denn wenn ein großes Unternehmen beispielsweise die Einhaltung von Umweltstandards über die gesamte Lieferkette dokumentieren will, dann wird es alle Partner entsprechend verpflichten.

Ein gutes Beispiel dafür ist die REWE Group. Sie veröffentlicht bereits seit 2011 regelmäßig einen Nachhaltigkeitsbericht und legt in der gesamten Außendarstellung großen Wert auf Fortschritte etwa bei der Energieeinsparung oder dem Kampf gegen Verschwendung von Lebensmitteln und anderen Ressourcen, Stichwort Verpackung. Deshalb sieht das Unternehmen die neue Regelung durchaus positiv: „Grundsätzlich begrüßen wir die Einführung dieser weitergehenden Berichtspflichten sehr. Denn damit ergibt sich zum Beispiel auch für uns die Chance, mehr Transparenz über unsere Lieferketten zu gewinnen“, sagt Dr. Günther Kabbe, Leiter des Bereichs Umwelt und Nachhaltigkeits-Reporting der REWE Group.

Über die tatsächlichen Folgen des Gesetzes lasse sich derzeit noch trefflich spekulieren, meint Kabbe. Eine besondere Herausforderung für die betroffenen Unternehmen könne aber die erst spät in den Text aufgenommene kurze Frist für die Veröffentlichung bis zum April des Folgejahres sein, meint der Experte. Allerdings geht er auch davon aus, dass viele der Unternehmen, auf die die Regelung abzielt, schon bisher freiwillig entsprechende Berichte veröffentlicht haben.

Nachhaltigkeit immer wichtiger im Vertrieb

Umso mehr aber müssen sich etwa die kleineren Zulieferer mit den sozialen und ökologischen Fragen befassen, die die Berichtspflicht aufwirft. Und das betrifft nicht etwa nur den Handel, sondern auch Branchen wie Chemie, Textil, Automobil und Metall. Die IHK Köln lädt deshalb zu einer Info-Veranstaltung im September (siehe Kasten). Nicht zuletzt wird in der Veranstaltung Licht in den Dschungel der diversen Berichts-Standards gebracht – dafür gibt es eine Reihe möglicher Vorbilder, aber keinen verbindlichen Rahmen.

Die IHK Köln will Unternehmen also sensibilisieren und zugleich deutlich machen, dass in einem Nachhaltigkeitsbericht auf freiwilliger Basis auch ein Mehrwert für das Unternehmen liegen kann. Ein Mehrwert, den manche längst erkannt haben. Beispiel Bierbaum-Proenen: Der Kölner Anbieter von Arbeitskleidung ist ein Mittelständler, der nicht unter die neue Regelung fällt. Aber das Unternehmen erarbeitet dennoch gerade einen Nachhaltigkeitsbericht.

Der Grund dafür ist einfach, erklärt Ute Müller, Leiterin Qualitätsmanagement/Nachhaltigkeit bei Bierbaum-Proenen: „Das Thema Nachhaltigkeit nimmt im Vertrieb deutlich Fahrt auf: Es wird immer wichtiger und führt bereits zu Verkaufserfolgen.“ Zwar gelte dies bislang vor allem für größere Unternehmen und die öffentliche Beschaffung, aber auch die Endverbraucher fragten immer häufiger danach – auch wenn bei ihnen noch „Design, Passform und Preis ausschlaggebend“ seien.

Der Bericht, den Bierbaum-Proenen erstellt, deckt einen ganzen Katalog von Themen ab. „Organisationsform, Kunden, Beschaffungsmärkte, Lieferkette, Mitgliedschaften und Stakeholder“ des Unternehmens würden darin abgebildet, sagt Ute Müller. Ein zentraler Punkt sei auch hier die Lieferkette, in der zum Beispiel Fragen zu nachhaltiger Baumwolle, Chemikalien oder Trainings für Lieferanten beantwortet werden. Darüber hinaus sollen auch Sport- und Gesundheitsangebote, Ausbildungsmöglichkeiten, Teamevents und andere Services für die Beschäftigten in dem Bericht enthalten sein.

Für das Kölner Unternehmen ist dieses Engagement nicht bloß ein Feigenblatt, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. In einem Interview mit IHKplus.de formulierte Geschäftsführer Harald Goost das so: „Wir sind (…) fest davon überzeugt, dass sich unser Engagement schon heute auch ökonomisch auszahlt. Unsere Kunden, die Träger von Berufsbekleidung, wissen es zu schätzen, dass sich Bierbaum-Proenen für faire Arbeitsbedingungen einsetzt und sich darum bemüht, mit den knapper werdenden Ressourcen der Umwelt verantwortungsvoll umzugehen.“

Info-Veranstaltung

In einer kostenlosen Veranstaltung in Kooperation mit der Cologne Business School informiert die IHK Köln am Mittwoch, 20. September 2017, von 16:30 bis 18:30 Uhr über die Herausforderungen des neuen Gesetzes (Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernlageberichten/CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz), speziell für kleinere Unternehmen, die indirekt betroffen sein können. Nähere Informationen dazu und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie unter www.ihk-koeln.de/151801.

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