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Löchriges Netz: Die Internetverbindungen rund um Köln sind Flickwerk

Text: Susanne Hartmann / Saskia Held

Gerade einmal 35,3 Prozent der Haushalte im Oberbergischen Kreis haben einen „High Speed“-Internetanschluss mit einer Anschlussqualität von mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s). Das entspricht der Übertragungsrate des Breitbandziels der Bundesregierung. Bis 2018 soll es für alle deutschen Haushalte eine Versorgung mit einer Übertragungsrate von mindestens 50Mbit/s im Download geben, so die Aussage von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Fraglich erscheint dabei, ob „Haushalte“ auch Gewerbegebiete umfasst.

Obwohl das Land NRW und die Region Köln im nationalen Vergleich sehr gut abschneiden, gibt es in der Region große Gebiete mit Breitbandunterversorgung. Hans Jakob Reuter, Geschäftsführer der gicom GmbH in Overath: „Unser Geschäft ist IT - da brauchen wir selbstverständlich entsprechende Datenstrecken. Mitten in Overath ist das mit einer 10 MB-Standleitung schlicht unmöglich.“ Der Unternehmer war kurz davor, seinen Standort aufzugeben. „Hier ist es sowieso schon schwierig, gute Mitarbeiter zu finden. Wenn dann noch die Infrastruktur fehlt, wird die Sache noch unattraktiver.“ Als echter Unternehmer gab Reuter nicht auf, sondern suchte nach einer Lösung. „In Kooperation mit einem großen Partner, an den wir uns anschließen konnten, haben wir den Anschluss selbst finanziert. Einem einzelnen kleineren Unternehmen ist eine solche Investition - die sich locker im mittleren fünfstelligen Bereich bewegt - allerdings nicht möglich“, erklärt er.

Dass IT-Unternehmen auf schnelle Datentransfers angewiesen sind, ist einleuchtend. Im Zuge der Digitalisierung von immer mehr Geschäftsprozessen ist dies mittlerweile jedoch eine Grundvoraussetzung für jede Art von Unternehmen. Edith Strunk, Geschäftsführerin des Kölner Autohauses Strunk: „Trotz mehrerer Standorte müssen wir gewährleisten, dass unser gesamtes Datenvolumen immer und überall aktuell und von den Mitarbeitern nutzbar ist.“ Auch Strunk konnte nicht überall auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen und musste in Breitband investieren.

Besonders Gewerbegebiete sind in der Umgebung Kölns häufig noch weiße Flecken auf der Breitband-Landkarte. Dabei entwickelt sich die Nutzung von digitalen Prozessen weiter, ob es cloudbasiertes Arbeiten ist, die Anbindung von mobilen Arbeitsplätzen, Echtzeit-  oder Big Data-Analysen laufen. Wer hier in der Entwicklung gebremst wird, schaut sich langfristig nach alternativen Standorten um.

Aber woran hapert es genau?

Glasfaser heißt das Stichwort

Während sich viele Experten sicher sind, dass nur ein Glasfaseranschluss nachhaltige Zukunftssicherheit bietet, investieren Anbieter wie Unternehmen lieber in kostengünstigere Alternativen, wie den Ausbau der bereits vorhandenen Kupferkabel durch das „Vectoring“ oder DSL-Technologien. Beim Vectoring wird der Datendurchsatz der herkömmlichen Kupferkabel verdoppelt, indem die immer häufiger am Straßenrand zu sehenden grauen Verteilerkästen (DSLAM) aufgerüstet werden. Die Glasfaserleitung ist der Kupferader deutlich überlegen, da die einzelnen Fasern dünner sind und gleichzeitig sehr viel mehr Daten transportieren können. Und das über mehrere Kilometer ohne Leistungsverlust. Es reicht ein einziges Kabel, um auch Gebäude mit mehreren Wohn- oder Büroeinheiten mit einem leistungsstarken Internetanschluss zu versorgen.

Ein Nachteil der Glasfaser ist, dass sie direkt bis in die Häuser oder Firmensitze der Endkunden mit  teuren Sende- und Empfangseinheiten verlegt werden müssen. Auch die Neuverlegung der Kabel und der Ersatz der Kupferleitungen sind teurer, als die bereits vorhandenen Telekommunikations-Infrastrukturen auszubauen. Daher stehe die Spar-Mentalität der Unternehmen, beziehungsweise die fehlende Bereitschaft, vorausschauend in eine zukunftssichere Infrastruktur zu investieren, einem schnellen und gründlichen Glasfaserausbau im Weg, meint der Experte des Kompetenzzentrum Breitband.NRW, Dr. Jürgen Kaack.

Alternativen finden

Was können Unternehmen im ländlichen Raum also tun, wenn sie sehr schlecht an Breitband-Netze angebunden sind – einfach selbst Initiative ergreifen? Individuelle Breitbandangebote und Überbrückungsstrategien von Übertragungslücken sind gerade für kleinere und mittelständische Unternehmen finanziell kaum tragbar. Dazu rät der Experte Jürgen Kaack, den Breitbandausbau für die Anbieter attraktiver zu machen, indem zum Beispiel die Nachfrage im betroffenen Gebiet durch Interessengemeinschaften gebündelt wird, oder auf Eigeninitiative hin die benötigten Infrastrukturen für den Ausbau selbst bereitzustellen, durch sogenannte Leerrohre. Mobil- oder Richtfunklösungen sowie Satellitentechnik können ebenfalls kurzfristige Abhilfe schaffen. „Auf Dauer hilft jedoch nur die Investition in zukunftsfähige Breitbandstrukturen, wenn die Region ihren attraktiven Mix aus Handel, Industrie, Logistik und Dienstleistung behalten möchte“, sagt Elisabeth Slapio, Geschäftsführerin Innovation und Umwelt der IHK Köln. „Wer die Wirtschaft bei den Ausbauzielen nicht berücksichtigt, gefährdet den gesamten Standort!“

Interview mit Dr. Jürgen Kaack, STZ-Consulting Group Erftstadt

1. Viele Gewerbegebiete oder Orte im ländlichen Raum sind sehr schlecht an Breitband-Netze angebunden. Was raten Sie betroffenen Unternehmen - einfach selbst machen?

Kaack: Für Unternehmen gibt es an nahezu jedem Ort in Deutschland Breitband-Lösungen: eine Glasfaser-Direktanbindung für einen individuellen Geschäftskundendienst mit gestaltbaren Dienstemerkmalen und Service-Levels. Individuelle Geschäftskundendienste sind allerdings mit hohen monatlichen Kosten verbunden, ermöglichen aber symmetrische Bandbreiten bis in den Gbit/s-Bereich. An abgelegenen Gegenden und zur Überbrückung eignen sich Internet-Dienste via Satellit, Nachteile sind niedrige Übertragungsraten, begrenzte Datenvolumina und lange Laufzeiten. Zur Verfügbarkeit, einem möglichen Baukostenzuschuss und den monatlichen Kosten sind individuelle Abfragen bei den Anbietern erforderlich.

Für viele mittelständische und kleine Betriebe werden die Leistungen der individuellen Geschäftskundendienste nicht benötigt und die monatlichen Kosten sind hoch. Standard-Geschäftskunden-Dienste bieten weniger Flexibilität in der Gestaltung und werden in Standardkonfigurationen zu Preisen von typischerweise unter € 150 pro Monat angeboten. Allerdings setzt die Nutzung von Standard-Geschäftskunden-Diensten eine in der Fläche vorhandene Infrastruktur voraus. Dabei kann es sich um Infrastrukturen auf der Basis von Glasfaser-Anschlüssen handeln, um Koaxialkabel-Anschlüsse der Kabelnetzbetreiber oder um DSL-Dienste über die Kupfer-Doppelader.

Für den Breitband-Ausbau setzen die Netzbetreiber Wirtschaftlichkeitsanalysen an, die die Kosten eines Infrastrukturausbaus und den laufenden Betriebskosten den zu erwartenden Einnahmen gegenüber stellen. Verbleibt dabei eine Deckungslücke, dann kann diese durch Zuwendungen der Gebietskörperschaften ausgeglichen werden. Da jede Zuwendung einen Eingriff in den Wettbewerbsmarkt darstellt, unterliegt die Gewährung von Zuwendungen beihilferechtlichen Regeln. Zur Unterstützung bei den Kosten können von der Gebietskörperschaft Fördermittel beantragt werden, insbesondere aus dem im Herbst aufgelegten NGA-Förderprogramm des Bundes.

Die Höhe der Deckungslücke kann gesenkt werden durch Bereitstellung von geeigneten Infrastrukturen (Leerrohren) und durch eine Steigerung der zu erwartenden Einnahmen. Eine Nachfragebündelung durch die Betriebe in einem Gewerbegebiet kann wesentlichen Einfluss haben und unter Umständen auch einen Eigenausbau ohne Zuwendungen ermöglichen. Unternehmer können den Prozess für den Breitbandausbau anstoßen und insbesondere durch eine Nachfragebündelung aktiv unterstützen.

2. Wie können Unternehmen sicher gehen, dass die gewählte Form auch zukunftsfähig ist? Viele wissen wahrscheinlich gar nicht, welche Leistungen sie in Zukunft benötigen werden?

Für stationäre Anwendungen bietet nur der durchgehende Glasfaseranschluss nachhaltige Zukunftssicherheit. Mit einem Glasfaseranschluss definiert der Dienst die erforderliche Übertragungs-Geschwindigkeit und nicht der Anschluss die nutzbaren Dienste.  Das mit Internet-Protokoll übertragene Datenvolumen wächst jedes Jahr um mehr als 20% und es ist nicht zu erwarten, dass das Wachstum in den nächsten Jahren deutlich sinken wird. Bei den Geschwindigkeiten reichten vor 15 Jahren noch 128 Kbit/s, vor 5 Jahren waren 2 Mbit/s in vielen Fällen ausreichend und heute sind 16 Mbit/s schon eher langsam. Es kann erwartet werden, dass sowohl die Datenvolumina als auch die Bandbreiten-Anforderung in den nächsten Jahren weiter steigen werden. In absehbarer Zeit werden 100 Mbit/s der übliche Standard sein. Zunehmende Bedeutung hat im Hinblick auf den Einsatz von Cloud-Diensten der Upstream, so dass zunächst für die geschäftliche Nutzung symmetrische Bandbreiten üblich sein werden.

Da die Verlegung von Glasfaser-Anschlussnetzen hohe Investitionen bedingt, sind viele Betriebe auf die Nutzung von Brückenlösungen angewiesen. Eine hochwertige, aber auch nicht kostengünstige Alternative zur Glasfaser sind Richtfunkstrecken. Sofern ein Kabelanschluss verfügbar ist, bietet dieser in vielen Fällen derzeit gut ausreichende Leistungen. Auch mit Vectoring als aktuell schnellster DSL-Lösung sind hohe Geschwindigkeiten möglich, aber jede DSL-Technik leidet unter einer entfernungsabhängigen Signaldämpfung.

3. Wie sehen Sie die Entwicklung des Netzausbaus in Deutschland, warum hapert es hier an so vielen Ecken? Was können andere Länder besser?

Bei einem internationalen Vergleich muss man die jeweiligen Randbedingungen beachten. Es ist zutreffend, dass Deutschland mit gerader 2 Mio. verfügbaren Glasfaseranschlüssen relativ weit abgeschlagen hinter anderen Ländern liegt. Ein wichtiger Grund ist, dass es mit Kabelnetz-Anschlüssen und den DSL-Technologien leistungsfähige und kostengünstige Alternativen gibt, die den aktuellen Bedarf befriedigen. Nur ein kleiner Teil der verfügbaren Glasfaser-Anschlüsse wird von den Kunden genutzt, da der bestehende Bedarf mit den kostengünstigen Brückentechnologien gedeckt werden kann. Mit der auch bei vielen Unternehmern anzutreffenden "Geiz-ist-geil"-Mentalität, ist die Amortisation des Infrastrukturausbaus kaum möglich und braucht unverhältnismäßig lange. Ohne die Bereitschaft, in die Zukunft zu investieren oder zu einem Anbieter zu wechseln, der Glasfaser-Anschlüsse ermöglicht, wird sich an der Ausbaugeschwindigkeit in Deutschland kaum etwas ändern.

Andere Länder mit einer höheren Glasfaser-Anschluss-Quote hatten entweder eine vergleichsweise marode Telekommunikations-Infrastruktur wie in manchen osteuropäischen Ländern und haben statt in Brückentechnologien in eine nachhaltige Infrastruktur investiert. In anderen, z.B. asiatischen Ländern wurde der Glasfaser-Ausbau mit staatlichen Investitionen systematisch geplant und durchgeführt. Somit sind Zahlen zur Verfügbarkeit von Glasfaser-Anschlüssen nicht ohne weiteres vergleichbar.

Vielen Dank für das Interview!

Alle Infos zum Themenschwerpunkt Netze finden Sie in unserem aktuellen Flyer, den Sie hier herunterladen können:

Programmflyer Netze

Die IHK Köln Initiative Digitale Cologne bietet mit ihrem Schwerpunkt „Netze“ viele Möglichkeiten für Informationen, Unterstützung und Vernetzung beim Thema Internetanbindung.

16.02. Digital Brunch NETZE
Nach einem Impulsvortrag und Erfahrungsbericht tauschen sich betroffene Unternehmen und Experten in lockerer Atmosphäre bei einer verlängerten Mittagspause zum Thema Internetanbindung in der Region aus. Auch aus dem Netz unter dem Hashtag #digilab werden individuelle Problemstellung oder Lösungsansätze in die Veranstaltung moderierend eingebracht.

24.02. Digital Info NETZE

Welche Anforderungen haben Unternehmen in der Zukunft? Wie messe ich meine Breitbandgeschwindigkeit? Warum Breitband zum Standortfaktor von Unternehmen wird. Status und Planung des Breitbandausbaus in der Region Köln, Breitbandförderprogramme.

03.03. Digital Workshop NETZE
Wie damit umgehen, wenn kurz- bis mittelfristig kein direkter/leistungsfähiger Anschluss möglich ist? Möglichkeiten zur Überbrückung letzte Meile: Internetanbindung-Alternativen über Mobil-/Richtfunk, über Satellit, über vorhandenes Kabel. Mitwirkung u.a.: Unitymedia, Eutelsat.

Weitere Veranstaltungen aus dem Netzwerk und von Partner der Initiative Digital Cologne finden sich auf der Website www.digitalcologne.de.

Fragen?

Sarah Johannsen Roth
Dieter Schiefer