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Prof. René Schmidpeter (CBS) und Unternehmer Harald Goost erklären im Interview, warum kein Unternehmen mehr um das Thema Nachhaltigkeit herumkommt. Fotos: Peter Boettcher
Blickpunkt

Nachhaltigkeit: Motor statt Bremse

Interview: Julia Leendertse

Vom 1. bis 3. August 2016 lädt die IHK Köln gemeinsam mit der Cologne Business School (CBS) Unternehmer und Wissenschaftler zum Erfahrungsaustausch rund um das Thema nachhaltige Geschäftsmodelle ein. Warum an diesem Thema in Zukunft kein Unternehmen mehr vorbeikommt, erklären der Nachhaltigkeitsforscher Prof. Dr. René Schmidpeter von der CBS und der Kölner Unternehmer Harald Goost im Interview.

IHKPlus: Herr Prof. Dr. Schmidpeter, die Diskussion um Nachhaltigkeit in der Wirtschaft ist mehr als dreißig Jahre alt. Wie weit sind wir in der Realität vorangekommen?

Schmidpeter: Rewe fördert die Aufforstung des südamerikanischen Regenwalds, Gira Giersiepen* nutzt für die Produktion seiner Elektroinstallationstechnik auch recyceltes Kunststoffgranulat - die Wirtschaft ist in den letzten drei Jahrzehnten weit vorangekommen. Quer durch alle Branchen praktizieren Unternehmen heute entlang der Wertschöpfungskette – vom Einkauf über die Produktion bis hin zur Logistik – Prinzipien der Nachhaltigkeit. Wir sind sogar so weit gekommen, dass wir Nachhaltigkeitswissenschaftler deutliche Anzeichen für eine neue Ära des Nachhaltigkeitsdenkens in der Wirtschaft ausmachen.
(*Gira ist eines der führenden mittelständischen Unternehmen der Elektroindustrie in Deutschland mit über 1.200 Mitarbeitern und Vertretungen in 38 Ländern.)

IHKPlus: Was hat sich konkret verändert?

Schmidpeter: Lange Zeit herrschte der Glaube vor, dass Nachhaltigkeit und ökonomischer Erfolg zwei verschiedene paar Schuhe sind. In den letzten Jahren wird jedoch immer deutlicher, dass Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen gutes Geld verdienen können, gerade weil sie Innovationen auf den Markt bringen, die die Menschen wirklich brauchen – angefangen von Carsharing bis zur Biolimonade. Statt also Teile ihres Gewinns für wohltätige Zwecke zu spenden, erzielen die Unternehmen jetzt verstärkt die Gewinne selbst dadurch, dass sie das Nachhaltigkeitsprinzip zum Schlüssel ihrer Unternehmensstrategie erklären.

Ein stark gewachsenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit sieht Prof. Schmidpeter bei den Unternehmen.
Foto: Peter Boettcher

IHKPlus: Herr Goost, Ihr Unternehmen Bierbaum-Proenen (BP) ist 2010 als erster deutscher Anbieter von Berufskleidung der Fair Wear Foundation beigetreten. Fair Wear setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen in der internationalen Bekleidungsindustrie ein. Dieses Engagement lässt doch keine zusätzlichen Gewinne in Ihre Kassen fließen?

Goost: Natürlich sind das erst einmal Investitionen. Wir sind aber fest davon überzeugt, dass sich unser Engagement schon heute auch ökonomisch auszahlt. Unsere Kunden, die Träger von Berufsbekleidung, wissen es zu schätzen, dass sich BP für faire Arbeitsbedingungen einsetzt und sich darum bemüht, mit den knapper werdenden Ressourcen der Umwelt verantwortungsvoll umzugehen. Ganz zu schweigen davon, dass unsere Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Bewerber heute Wert darauf legen, dass sich das Unternehmen, für das sie arbeiten, für Nachhaltigkeit einsetzt.

IHKPlus: Gerade die Textilindustrie steht in der Kritik, billigend in Kauf zu nehmen, dass Mitarbeiter in Niedriglohnländern ausgebeutet werden und enorme Wassermengen – etwa in der Baumwollproduktion – verbraucht werden. Was macht Ihr Unternehmen anders?

Goost: Ich muss vorausschicken, dass die Bekleidungsbranche eine Pionierindustrie ist, die immer vor allen anderen Industrien in noch wenig entwickelte Länder vordringt. Das bestimmt natürlich die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird. Und die wichtigste Kennzahl in unserer Industrie ist die Anzahl der Nähminuten. Da BP sehr nähintensive Produkte herstellt, kommen auch wir nicht umhin, international fertigen zu lassen. Da wir dies aber schon seit mehreren Jahrzehnten tun, kennen wir unsere Lieferanten sehr gut und wissen, dass wir in Zusammenarbeit mit ihnen und der Fair Wear Foundation eine kontinuierliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichen können. Was den Ressourcenverbrauch angeht, nimmt BP seit diesem Jahr erstmals am Fairtrade Baumwoll-Programm teil. Dies bedeutet, dass die Kleinbauern einen stabilen Mindestpreis erhalten, Umweltstandards den Gebrauch von Pestiziden einschränken und die Nutzung von gentechnisch verändertem Saatgut verboten ist. 2016 kaufen wir 62 Tonnen zu diesen Fairtrade-Bedingungen ein. Dies entspricht fünf Prozent unseres Baumwollverbrauchs.

Sich nachhaltig aufzustellen, ist ökonomische Notwendigkeit und auch eine Frage der Existenz.

Harald Goost

IHKPlus: Warum stellen Sie nicht gleich ganz auf nachhaltig gefertigte Baumwolle um?

Goost: Weil wir festgestellt haben, dass Nachhaltigkeit ein Thema ist, dass sich nur schrittweise und nach dem Trial-and-Error-Prinzip bewältigen lässt. Wer hier immer gleich die 100-Prozent-Lösung erreichen will, übernimmt sich. Wir verstehen Nachhaltigkeit als kontinuierlichen Verbesserungsprozess und werden jedes Jahr ein wenig nachhaltiger. Und es gibt auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit nicht immer leichte Antworten. Nehmen sie die Baumwolle als Beispiel. Ökologisch angebaute Baumwolle ist gegenüber konventionell angebauter Baumwolle natürlich eine Verbesserung. Aber dennoch muss Baumwolle insgesamt kritisch gesehen werden, denn der Flächen- und Wasserverbrauch ist erheblich. Wir müssen uns fragen, ob es nicht Alternativen gibt, die eine bessere ökologische Bilanz aufweisen. Das könnten zum Beispiel Fasern auf zellulosischer Basis sein, die aus Holz oder Hanf gewonnen werden. Hier liefert der Markt bereits Ansätze und hierüber sollte weiter nachgedacht werden, um in ökologischen Fragen weitere Fortschritte zu erzielen.

Nachhaltigkeit ist ein Prozess, der nur Schritt für Schritt funktionieren kann, mein Harald Goost.
Foto: Peter Boettcher

IHKPlus: Wenn 100-Prozent-Lösungen auf Anhieb kritisch sind, ist dann nicht die Gefahr groß, sich in der Öffentlichkeit den Vorwurf des Greenwashings einzuhandeln, also bloß Imagepflege zu betreiben ohne echtes Engagement?

Schmidpeter: Die Gefahr besteht. Genau deshalb aber ist es so wichtig, dass Unternehmen ihr Handeln transparent und überprüfbar machen. Wenn dann neue Herausforderungen auftreten, sind sie in der Lage, glaubwürdig zu reagieren und sofort zu handeln. Entscheidend ist es, sich auf den Weg zu machen, statt von Anfang an die Flinte ins Korn zu werfen.

Goost: Nachhaltigkeit ist kein Thema, mit dem wir offensives Marketing betreiben. Bevor man sich dem Thema Nachhaltigkeit stellt, ist es wichtig, seine innere Haltung zu überprüfen. Nur wenn ein Unternehmen wirklich daran interessiert ist, nachhaltige Werte für die Menschen zu schaffen, mit denen es zusammenarbeitet, wird es die Kraft aufbringen, kostspielige Rückschläge wegzustecken und auch im kritischen Dialog mit der Öffentlichkeit überzeugend und glaubwürdig auftreten zu können.

Was wir heute an Nachhaltigkeitsinitiativen in der Wirtschaft sehen, ist erst der Anfang.

Prof. René Schmidpeter

IHKPlus: Wie altruistisch müssen Unternehmer sein, um sich dem Thema zu stellen?

Goost: Das hat mit Altruismus nichts zu tun. Sich nachhaltig aufzustellen, ist ökonomische Notwendigkeit und auch eine Frage der Existenz. Wir sehen uns als Unternehmen in einer dienenden Funktion. Ohne gesellschaftliche Akzeptanz, ohne die Akzeptanz unserer Kunden und Geschäftspartner sind wir –  zumal im Zeitalter der Globalisierung und des Internets – gar nicht zukunftsfähig. Und die ökologische Frage ist beispielsweise eine, die sich unmittelbar auf unsere Gesellschaft auswirkt. Nehmen Sie die Migrationsbewegungen, die wir heute erleben. Die Menschen, die heute zu uns kommen, fliehen vor Kriegen. In Zukunft werden immer mehr Migrationsbewegungen durch Wassermangel ausgelöst. Als Bekleidungshersteller sehen wir uns daher in der Verantwortung, in der textilen Vorstufe Naturprodukte einzusetzen, die möglichst umweltfreundlich angebaut werden können.

Schmidpeter: Was wir heute an Nachhaltigkeitsinitiativen in der Wirtschaft sehen, ist erst der Anfang. In Zukunft wird sich kein Unternehmen diesem Trend entziehen können. Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: Die Ressourcen werden immer knapper, es gilt den Klimawandel zu bekämpfen und wir brauchen dringend neue soziale Lösungen, um mit dem demographischen Wandel unserer Gesellschaft fertig zu werden. Hier werden innovative und nachhaltig funktionierende Geschäftsmodelle mehr denn je gefragt sein und Unternehmer dazu beflügeln, Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln, die wir uns heute in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Prof. Dr. René Schmidpeter ist Inhaber des Dr. Jürgen Meyer Stiftungslehrstuhls für internationale Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility an der Cologne Business School.

Harald Goost ist geschäftsführender Gesellschafter der Bierbaum-Proenen GmbH & Co KG in Köln. Das 1788 gegründete Familienunternehmen produziert und vertreibt Berufsbekleidung und hat das Thema Nachhaltigkeit zum Schlüssel seiner Unternehmensstrategie erklärt.

 

Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit
Unter dem Titel „Nachhaltigkeit und ökonomischer Erfolg – Wirtschaften anders denken“ – lädt die IHK Köln am 1. August 2016 gemeinsam mit der Cologne Business School Unternehmensvertreter und alle Interessierten zum Erfahrungsaustausch und Netzwerken in die IHK Köln ein. In vier einstündigen Panelveranstaltungen diskutieren Praktiker aus der Wirtschaft mit Experten aus Wissenschaft und Politik von 12:00 bis 19:30 Uhr unter anderem über Anforderungen an das Management und die Finanzierung nachhaltiger Ideen. Die Teilnahme ist kostenlos.

Wer sich darüber hinaus auf den neuesten Stand der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit bringen möchte, kann dies am 2. und 3. August 2016 tun. An diesen beiden Tagen erwartet die Cologne Business School gemeinsam mit dem Global Corporate Governance Institute Wissenschaftler aus über 40 Nationen. Die Teilnahme am 2. und 3. August ist im Gegensatz zum Unternehmertreffen am 1. August kostenpflichtig. Die Veranstaltung findet ebenfalls in den Räumen der IHK Köln statt. Weitere Infos hier.

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