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Laura Günther führt mit ihrem Bruder das Familienunternehmen jetzt in dritter Generation. Foto: Michael Claushallmann
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Nachfolge: So gelingt der Abschied vom Lebenswerk

In NRW stehen tausende Betriebe vor einem Generationenwechsel. Doch viele Unternehmer verschätzen sich beim Zeitaufwand für die Stabübergabe. Und bringen damit ihr Lebenswerk und Arbeitsplätze in Gefahr.

Text: Patrick Schröder

Wenn Heribert Günther an einem Frühlingstag in einem Hörsaal der Universität Köln sitzt und einer Geschichtsvorlesung zuhört, kann sich der Pensionär sicher sein: Sein Lebenswerk geht weiter. Sein Elektroinstallationsbetrieb, die Bernhard Günther GmbH & Co. KG, befindet sich in den Händen seiner Kinder Laura und Martin. Die Stabübergabe an die nächste Generation ist geglückt. Keine Selbstverständlichkeit.

„In NRW gibt es rund 150.000 Selbstständige und Unternehmer, die über 60 Jahre alt sind und sich dringend mit dem Thema Unternehmensnachfolge beschäftigen müssten“, sagt Dr. Werner Görg, Präsident der IHK Köln. Doch für viele Seniorunternehmer bedeute der Generationswechsel einen Abschied vom Lebenswerk. „Sie verdrängen das Thema oftmals und bringen die Zukunft ihrer Firma damit unwissentlich in Gefahr. Vor diesem Schicksal möchten wir durch Aufklärung und aktive Unterstützung bewahren“, so Görg.

Fünf Jahre für den Wechsel einplanen

Viele Unternehmer vergessen die Unternehmensnachfolge – oft so lange, bis ein körperliches Gebrechen Druck macht. Dann folgt der Schock: Der Markt ist heiß umkämpft, die Suche schwierig und zeitintensiv, kein Nachfolger ist in Sicht. „Es ist daher ratsam, fünf Jahre Zeit für die Übergabe an einen externen Kandidaten einzuplanen“, erklärt Tanja Kinstle, Leiterin Unternehmensförderung bei der IHK Köln. Der Prozess habe Ähnlichkeiten mit der Partnersuche. „Sie können direkt Glück haben, lange suchen oder finden und sich nach einiger Zeit wieder trennen.“ Dass weniger als die Hälfte der Befragten eine Vorstellung davon hat, wie lange der Übergabeprozess dauern kann, zeigt eine IHK-Umfrage.

Verheddern sich die Verantwortlichen dann noch im Dschungel der Fragen rund um Vertragsgestaltung, Steuerrecht, Erbrecht und Unternehmensbewertung, droht das Unternehmensende. Ein Schicksal, das laut Umfrage in NRW jedem zehnten Unternehmen bevorsteht. Ein Schicksal, das auch die knapp 1,3 Millionen Angestellten, die bei übergabereifen Betrieben beschäftigt sind, in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Mehr als die Hälfte der Betriebe sieht sich nicht genug vorbereitet

Starten Betriebe den Nachfolgeprozess, fühlt sich mehr als jeder zweite nicht ausreichend vorbereitet. Die IHK Köln unterstützt Unternehmen deshalb in dieser Phase – mit Beratungen, der Internetbörse nexxt-change, Broschüren, Checklisten und Merkblättern sowie Informationsveranstaltungen. Dort erfahren Teilnehmer/innen unter anderem, wie sie mit dem Thema „Unternehmenswert“ umgehen können. Denn gerade dieser Bereich ist heikel. „Viele Unternehmer/innen haben in ihren Arbeitsjahren auf viel verzichtet. Sie waren nahezu ständig im Betrieb, sind selten in den Urlaub gefahren. In ihrem persönlichen Empfinden ist die Firma oftmals mehr wert als das Angebot eines Nachfolgers“, weiß Kinstle aus Erfahrung.

Zusätzliche Verwirrung könne entstehen, wenn externe Experten/innen zu unterschiedlichen Werten kommen. „Beide Seiten sollten sich bewusst machen: Es gibt nicht den einen richtigen Wert. Beim Verhandeln müssen sich beide Parteien im Perspektivwechsel üben, gesprächsbereit bleiben und immer wieder aufeinander zugehen.“

Die Belegschaft mit ins Boot holen 

Laura Günther, Geschäftsführerin der Elektrohaus Bernhard Günther aus Köln, hat die Übergabe gemeistert. Die studierte Sozialpsychologin und ihr Bruder Martin – studierter Ingenieur – haben den Stab 2013 vom Vater übernommen. Sie führen den 1901 gegründeten Betrieb nun in dritter Generation. Und arbeiten mit Monteuren/innen zusammen, die schon im Unternehmen waren, als die beiden als Kinder im Hof mit dem Ball gespielt haben.

„Ein Generationenwechsel ist immer auch eine Herausforderung für die neuen Geschäftsführer/innen und die alte Belegschaft“, sagt Laura Günther, die im Mai von ihren Erfahrungen auf einer Infoveranstaltung in Köln berichtet (s. Infokasten). Denn es ändern sich oft schlagartig alte Gewohnheiten. Etwa die Materialbeschaffung. Kauften Mitarbeiter früher stets beim selben Großhändler, vergleichen Laura und Martin Preise online und lassen Waren direkt zu den Baustellen liefern. „Bei solchen Änderungen dürfen die Mitarbeitenden nicht das Gefühl haben, dass die neue Generation plötzlich über ihren Kopf hinweg neue Regeln aufstellt. Man muss die Belegschaft mit ins Boot holen.“

Wie das gelungen ist? Laura Günther hat sich nicht hinter dem Schreibtisch verschanzt, sondern mit angepackt. Sie hat sogar während ihrer Schwangerschaft auf Baustellen Steckdosen installiert und sich in die Gemeinschaft eingebracht. Das hat ihr Respekt verschafft. „Änderungen, die der Generationenwechsel mit sich gebracht hat, haben sich dann natürlich eingespielt, mit dem Segen der Belegschaft“. Und der Vater? „Mein Vater hat in seiner Selbstständigkeit viele Berg- und Talfahrten mitgemacht. Nach 40 Jahren war es ihm genug. Jetzt genießt er sein Leben.“

Info-Veranstaltung zum Generationenwechsel

Wie können Betriebe die Unternehmensnachfolge zum Erfolg machen? Das verrät die kostenlose Veranstaltung "Unternehmensnachfolge rechtzeitig planen - Zukunft sichern" der IHK Köln und der Kreishandwerkerschaft Köln am 28. Mai 2019 im Haus der Kreishandwerkerschaft (Frankenwerft 35, 50667 Köln). IHK-Vizepräsidentin Birgit Dircks-Menten wird aus eigener Erfahrung über die Bedingungen für eine erfolgreiche Übergabe berichten.

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