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Foto: Olaf-Wull Nickel
Porträt

Modelle aus Kork: Maximale Liebe

Dieter Cöllen sucht sein Material selbst in Portugal aus

Text: Werner Grosch

Weltweit gibt es niemanden, der diese Kunst so beherrscht wie er: Modellbau aus Kork, der Sammler entzückt und in Museen seinen Platz findet. Dieter Cöllen fertig in seinem Atelier in Wesseling detailgetreue Modelle historischer Architektur.

Wenn einer wunderschöne Skulpturen herstellt, die von Sammlern in Übersee bestellt oder in großen Museen ausgestellt werden, dann ist er wohl ein Künstler. Dieter Cöllen zuckt bei der Frage mit den Schultern. „Wenn das jemand Kunst nennt, dann freut mich das.“ Mehr auch nicht. Cöllen braucht auch nicht unbedingt einen Begriff für das, was er tut. Macht eh sonst kein Mensch. Also wirklich niemand auf der ganzen Welt, so weit die zu überblicken ist, stellt noch in monatelanger Kleinarbeit Architekturmodelle aus Kork her. Von römischen Tempeln oder dem berühmten Kölner Ubiermonument zum Beispiel.

Die Techniken hat Cöllen durch „Obduktionen“ gelernt, wie er sagt. Er schaute sich seit Beginn der 1990er Jahre die Stücke an, die es noch gab, Restbestände der im 18. Jahrhundert in Neapel entwickelten Kunst, auch halb verfallene Modelle. Fasziniert von den Möglichkeiten des natürlichen Materials brachte er sich alles bei, was man können muss, um Kork wie Mauerwerk erscheinen zu lassen, Dimensionen perfekt wiederzugeben, die Farben zu treffen und die ungleichmäßige Form von Säulen jederzeit genau reproduzieren zu können.

Als Bauzeichner hatte der heute 62-Jährige lange für bekannte Kölner Architekten gearbeitet. „Aber ich habe immer mehr gemacht als die Zeichnung, ich wollte immer das Dreidimensionale“, sagt er. So kam er zu den Korkmodellen, die er lange Zeit auch für Architekten herstellte – bis die Möglichkeiten der virtuellen 3D-Animation so gut waren, dass sich niemand mehr die echte Nachbildung leisten wollte. Bis dahin entstanden Modelle etwa vom Justizzentrum in Aachen oder der Metzler Bank in Frankfurt.

In Wesseling hat Cöllen, der in Köln aufwuchs, inzwischen sein Atelier, und dort entstehen jetzt die Arbeiten wie zuletzt das Ubiermonument im Auftrag des Römisch-Germanischen Museums. Die meisten Stücke aber fertigt Cöllen für Sammler, die überwiegend in den USA und Großbritannien sitzen. Gerade in England gab es eine lange Tradition der Wertschätzung für Korkmodelle.

Ich bin ein Liebhaber des Verfalls, weil ich im Verfall Geschichten entdecke.

Dieter Cöllen

„Phelloplastik“ ist der offizielle Begriff für das, was Cöllen tut. Aber das beschreibt nicht annähernd die Akribie, mit der er vorgeht, die maximale Liebe zum Detail. Das fängt an mit der Auswahl der Korkeichen, die er sich in einer bestimmten Region Portugals selbst aussucht wie andere Leute ihren Weihnachtsbaum im heimischen Wald. Das Klima dort ist optimal, weil es warm, aber nicht zu trocken ist. „Ich brauche Kork, der mindestens zehn Jahre auf dem Baum geblieben ist“, sagt er. In Südfrankreich besorgt er sich die natürlichen Pigmente, die er im Atelier anrührt, um die Farbtöne der historischen Gemäuer exakt zu treffen. Und für die letzten Feinarbeiten fährt er mit seinem Modell manchmal auch eigens in sein zweites Studio im Perigord, um das einzigartige Licht dort zu nutzen.

Material, geeignet den Charakter und die Seele eines Bauwerkes wiederzugeben
Foto: Olaf-Wull Nickel

Der Faktor Licht ist auch einer der Hauptgründe dafür, Architekturmodelle aus Kork herzustellen. Das Material reflektiert kaum, sondern schluckt das Licht so, wie es etwa auch Kalkstein tut. Der Kork und der perfekte Einsatz der Naturfarben sorgen dafür, dass manche Modelle wirken, als würden sie gerade von der Abendsonne Umbriens angeleuchtet.

Eines der größten Werke Cöllens ist übrigens auch in Köln zu sehen: Im Prätorium, dem früheren Sitz des römischen Statthalters, steht ein Tempel, der 1,60 Meter im Quadrat misst. Die meisten Objekte, sind aber nur etwa halb so groß. Und schon dafür braucht Cöllen etwa vier Monate inklusive Recherchen, Besuchen vor Ort, Gesprächen mit Archäologen. Denn all das gehört zu der Kunst dazu.

Dieter Cöllen sucht die Korkeichen in einer bestimmten Region Portugals selbst aus.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Für Cöllen ist seine Arbeit ein Beitrag dazu, klassische Architektur zu erhalten und ihren besonderen Reiz sichtbar zu machen – mehr, als das Fotos könnten. Umso mehr schmerzt ihn, wie aktuell historisch kostbare Bauten im arabischen Raum aus ideologischen Gründen zerstört werden.  Deshalb sucht er Partner, um Bauten wie im syrischen Palmyra wenigstens als Modelle für die Nachwelt erhalten zu können.

Und bei diesem Thema wird der sonst sehr ruhige Künstler deutlich. „Ich möchte meine Fähigkeiten dafür einsetzen. Ich akzeptiere nicht, dass man uns unsere Wurzeln nimmt!“ Die mutwillige Zerstörung macht ihn wütend. Der natürliche Verfall dagegen gar nicht: „Ich bin ein Liebhaber des Verfalls, weil ich im Verfall Geschichten entdecke.“ Und Kork ist eben das Material, das diese Geschichten, den Charakter und die Seele eines Bauwerkes am besten wiedergibt. Oder eigentlich, wenn es nach Cöllen geht, als einziges.

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