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Immer mehr Stadtbewohner verzichten auf ein eigenes Auto. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Mobil in der Stadt

Text: Werner Grosch

Wie sieht der Stadtverkehr in einigen Jahren aus? Und was bedeutet das für die Wirtschaft? IIHKplus.de geht dieser Frage in einer kleinen Artikelreihe auf den Grund. Zuerst: Der Stadtbewohner der Zukunft. Er hat kein eigenes Auto, aber immer eins zur Verfügung. Digital vernetzt, ist er immer mobil. Ob motorisiert oder nicht.

In Berlin hat nur noch etwa die Hälfte der Haushalte ein eigenes Auto. Das hat zu tun mit nervigen Staus, mit Parkplatznot, mit Kosten. Aber vor allem mit einem gewaltigen Verlust an Symbolkraft. Nach einer Umfrage unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren aus dem vergangenen Jahr investieren 69 Prozent der Befragten ihr Geld lieber in Reisen, Freizeit und Elektronik. „Für zwei Drittel der Befragten hat das Auto als Statussymbol ausgedient“, sagt Felix Stöckl von der Strategieberatung Prophet, die die Umfrage durchführte. Dazu passt, dass nur noch Dreiviertel aller Deutschen bis 26 Jahre überhaupt noch den Führerschein machen.

Die Einstellung zum Auto verändert sich, die Mobilität an sich erlebt gar eine Revolution. Zumindest in den Städten, wo ja rund Dreiviertel aller Menschen in Deutschland leben. Köln ist da nicht so weit wie Berlin, aber die Entwicklung ist unübersehbar. Ablesen kann man das gut am Boom des Carsharings. Lag die Zahl der Nutzer deutschlandweit im Jahr 2000 noch unter 50.000, so ist sie inzwischen auf über eine Million hochgeschnellt. Mehr als 15.000 Fahrzeuge stehen ihnen heute zur Verfügung.

Köln ist hier einer der Vorreiter. Allein die großen Unternehmen wie Cambio, Car2go, DriveNow und Flinkster haben inzwischen mehr als 1.000 Autos vom Smart bis zum Transporter im Angebot. „Köln ist die am besten versorgte Millionenstadt im aktuellen Ranking“, heißt es beim Bundesverband Carsharing. Einen zusätzlichen Schub bekam die Entwicklung in den vergangenen Jahren durch Anbieter wie Car2go, deren Autos nicht nur an festen Stationen zu haben sind. Die Smarts des Unternehmens, eine gemeinsame Tochter von Daimler und Europcar, können überall im Stadtgebiet abgestellt werden. Gezahlt wird nur bei Nutzung, ein monatlicher Beitrag wird nicht fällig. Entsprechend beliebt ist das Angebot bei Kunden, die relativ selten ein Auto brauchen, dann aber spontan und flexibel.

Platzhirsch in Köln war lange Zeit Cambio. Das Unternehmen geht zurück auf den schon 1992 gegründeten Vorläufer „Stattauto Köln“. Heute muss sich Cambio mit seinen mehr als 300 Fahrzeugen in Köln vor allem der Konkurrenz der nicht-stationären Anbieter erwehren. Trotzdem hat das Unternehmen seine Kundenzahl allein im Jahr 2014 deutschlandweit nochmal um 16 Prozent gesteigert.

Will man die sich wandelnde Bedeutung des eigenen Autos ermessen, kann man sich auch die Entwicklung des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) anschauen. Die Kölner Verkehrs-Betriebe haben heute pro Jahr etwa 275 Millionen Fahrgäste. Das sind rund 20 Prozent mehr als im Jahr 2000. Ein weiterer Faktor: Der Radverkehr nimmt deutlich zu. In einigen Stadtteilen – dazu gehört das studentisch geprägte Ehrenfeld – liegt sein Anteil an den zurückgelegten Strecken schon bei rund einem Viertel. Im Schnitt erreicht das Fahrrad nach den jüngsten verfügbaren Zahlen von 2014 einen Anteil von 15 Prozent. Gegenüber dem Jahr 2008 ist das eine Zunahme um 25 Prozent. Und gegenüber 1982 bedeutet das eine Verdopplung.

Moderne Mobilität ist flexibel, nutzt alle Möglichkeiten – keine wird verteufelt, keine zur allein selig machenden erklärt.

Dr. Ulrich S. Soénius, stellvertr. Hauptgeschäftsführer IHK Köln

Weniger Autos, mehr Radverkehr, mehr ÖPNV: Für Forscher ist das ohne Zweifel der urbane Trend der Mobilität. Die Universität Duisburg-Essen hat in einer umfangreichen Studie ermittelt, welche Potenziale noch möglich sind. Am Beispiel Essen zeigte sich: Rund 45 Prozent der zurückgelegten Strecken sind so kurz (maximal 5 km), dass sie gut mit dem Fahrrad bewältigt werden können, und das ohne Zeitverlust.


Besonders interessant daran: Bei Nutzung von Pedelecs, also mit Elektromotor unterstützten Fahrrädern, lässt sich der Aktionsradius sogar auf 10 Kilometer erhöhen. „Dann könnten fast 84 Prozent der Binnenfahrten mit Pkw durch Pedelec ersetzt werden“, heißt es in der Studie. Die Verkehrsforscher nennen aber auch Voraussetzungen für eine solche Entwicklung, die „nach den entsprechenden Infrastrukturen im urbanen Raum, beispielsweise nach Radschnellwegen, speziellen Abstellplätzen oder Ladestationen“ verlange.


Angesichts von rund zwei Millionen so genannter „E-Bikes“, die inzwischen über deutsche Straßen rollen, zeichnet sich hier eine Herausforderung für Stadtplaner ab. Köln will dieser Aufgabe mit seinem Konzept „Mobil 2025“ gerecht werden. Die Stadt will erreichen, dass zwei Drittel aller Wege im so genannten Umweltverbund erledigt werden: Mit dem Rad, dem ÖPNV und zu Fuß. Der Anteil des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) soll auf ein Drittel sinken. Heute liegt der noch um die 40 Prozent, vor 30 Jahren war es fast die Hälfte des gesamten Aufkommens.

Die Entwicklung ist also im Gang und scheint unaufhaltsam. Die IHK Köln begleitet den Prozess aktiv und hat im vergangenen Jahr beispielsweise eine Veranstaltungsreihe zum Thema Mobilität angeboten (siehe „Aktivitäten“). „Wir müssen und wollen die Entwicklung als Chance auch für die heimische Wirtschaft sehen. Moderne Mobilität ist flexibel, nutzt alle Möglichkeiten – keine wird verteufelt, keine zur allein selig machenden erklärt“, sagt denn auch Dr. Ulrich S. Soénius, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Köln und zuständig unter anderem für Infrastruktur.

Soénius verweist auf ein weiteres Beispiel für eine im Prinzip einfache, althergebrachte Technik, die den Verkehr in der Stadt massiv verändern könnte: „Das Potenzial von Lastenrädern, vor allem solchen mit Elektro-Hilfsmotor, ist bei weitem nicht ausgeschöpft!“ Tatsächlich sind die Gefährte immer häufiger nicht nur als umweltfreundliche Familienkutschen, sondern auch als Transportmittel für Liefer- und Kurierdienste zu sehen. Kein Wunder: Eine Studie des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ergab, dass sich bis zu 85 Prozent der Auto-Kurierfahrten in Städten durch Touren mit Lastenrädern ersetzen lassen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club geht sogar davon aus, dass „sich rund die Hälfte aller Waren in europäischen Städten mit Lastenrädern transportieren ließen“.

Immer häufiger nicht nur als umweltfreundliche Familienkutschen, sondern auch als Transportmittel für Liefer- und Kurierdienste in der Stadt zusehen: Lastenfahrräder
Foto: Olaf-Wull Nickel

E-Bike, Lastenrad, ÖPNV mit Vorrangregelungen in den Städten, Mietwagen zum Mitnehmen – Experten sind überzeugt, dass diese Mischung die Mobilität der Zukunft ausmachen wird. Jedes Ziel ein neuer Weg. Erst recht, wenn man die digitalen Möglichkeiten in Betracht zieht. Dann sieht es bald so aus: Das Smartphone weiß ja, wo ich bin. Dann sage ich ihm, wohin ich will, und es rechnet mir den billigsten, schnellsten, bequemsten und umweltfreundlichsten Weg aus. Es ermittelt dann zum Beispiel den Standort des nächsten Mietfahrrads, kauft ein U-Bahn-Ticket für den zweiten Abschnitt und erinnert mich an den Schirm, weil es auf dem Fußweg bis zum Ziel regnen wird.

Aktivitäten der IHK Köln in Sachen Mobilität

Die Infrastruktur und ihre Bedeutung für die Wirtschaftsregion ist eines der klassischen Themen der IHK Köln. Erst vor kurzem hat sie in einer von Verkehrsexperten der TH Köln durchgeführten umfangreichen Studie ermittelt, wo der größte Bedarf für die nächsten Jahre liegt. Die Untersuchung zeigt, dass 90 Prozent der Unternehmen mit dem Zustand der Straßen und Brücken unzufrieden sind.
Die IHK Köln macht immer wieder auf solche Missstände aufmerksam, aber sie legt auch Vorschläge zur Verbesserung vor und fördert den Dialog der wichtigen Akteure. So hat sie 2014 dem Thema Lastenräder mit einer eigenen Veranstaltung besondere Aufmerksamkeit beschert und in der Veranstaltungsreihe „Kölner Perspektiven zur Mobilität“ gemeinsam mit Partnern im vergangenen Jahr Zukunftsvisionen entwickelt.

Wie die Infrastruktur in den nächsten Jahren weiterentwickelt werden muss und ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept aussehen kann, dazu haben die sechs rheinischen IHKs ein gemeinsames Verkehrsleitbild entwickelt.


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