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Claudia Lanius achtet auf enge Beziehungen zu ihren Lieferanten. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Mit Rücksicht auf Verluste

Auch in der Modebranche ist Nachhaltigkeit längst ein Thema. In Köln haben einige interessante Modelabels ihren Sitz, die sich ganz dem Design von fairer und nachhaltiger Mode verschrieben haben.

Text: Lothar Schmitz

Nur 14 Tage benötigen Moderiesen heute, um eine neue Kollektion auf den Markt zu bringen. Produziert werden bis zu zwölf Kollektionen pro Jahr. So ist es in einem Faktenblatt zu der Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ zu lesen, die seit 12. Oktober im Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt in Köln zu sehen ist.

Claudia Lanius beschränkt sich auf zwei Kollektionen im Jahr. Schnelligkeit, Masse und Gewinnmaximierung zählen nicht zu den Attributen, die für ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis wichtig sind. Verantwortung für Menschen und Umwelt, ein Fokus auf Nachhaltigkeit und Ökologie – dafür tritt die Kölner Modedesignerin seit 1999 an.

„Alles begann mit einer Idee“, erzählt die Unternehmerin: „Modemachen mit Rücksicht auf Verluste, Schönes erschaffen mit einem guten Gefühl.“ Die Modemacherin begab sich bereits früh auf die Suche nach fairen und verantwortungsbewussten Produzenten. Heute arbeitet die LANIUS GmbH mit rund 20 Produzenten in Europa und weltweit zusammen, Claudia Lanius kennt sie alle persönlich, überdies sind sie mit wichtigen Labels zertifiziert, etwa dem GOTS-Siegel, einem Standard für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern.

Im Hauptquartier in der Kölner Südstadt kümmern sich die zwei Dutzend Beschäftigten um Design und Schnitt, Qualitätssicherung und Marketing, Vertrieb und Buchhaltung, Kundenservice und Kommunikation. Die Mode von LANIUS findet man natürlich im unternehmenseigenen Webshop sowie bei Online-Anbietern von nachhaltiger Mode, etwa im Avocadostore. Außerdem haben rund 320 Einzelhändler europaweit die Marke aus Köln im Sortiment, vor allem kleine, inhabergeführte Boutiquen. Vier davon betreibt Claudia Lanius zusammen mit zwei Partnerinnen selbst: in der Kölner Südstadt, im Agnesviertel, in der Innenstadt sowie einen Outletstore in Sülz.

Ein Nischenprodukt nimmt Fahrt auf

Nachhaltige Mode ist ein Nischenprodukt. Laut Institut der deutschen Wirtschaft in Köln gaben Verbraucher in Deutschland 2017 für fair gehandelte Textilien 129,2 Millionen Euro aus – ein Plus von 66 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dem steht allerdings ein Gesamteinzelhandelsumsatz mit Textilien und Bekleidung in Deutschland von 65 Milliarden Euro gegenüber, wie der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels in Köln mitteilt. Der Anteil fair gehandelter Textilien beträgt also gerade einmal 0,2 Prozent…

Eine andere Zahl: Die weltweiten Ernteerträge von Baumwolle liegen bei zirka 25 Millionen Tonnen. Je nach Quelle liegt dabei der Anteil von Bio-Baumwolle zwischen 0,5 und einem Prozent.
Immerhin. Die Nachfrage nach fair gehandelten, nachhaltigen Produkten steigt. „Auch das Bewusstsein für nachhaltige Mode nimmt zu, es wird immer einfacher, Aufmerksamkeit für unsere Produkte zu erzeugen“, sagt Lanius. Ein wichtiger Erfolg für ihr Label: Im Herbst kam die erste „Brigitte“-Kollektion von LANIUS auf den Markt – durch die Kooperation mit dem auflagenstarken Frauenmagazin erhöht sich die Bekanntheit der Marke weiter.


Auch Daniela Wawrzyniak spürt den Auftrieb. „Das Interesse an nachhaltiger Mode nimmt definitiv zu“, sagt die Unternehmerin, die einst Theologie mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik studierte und 2015 gemeinsam mit der Modedesignerin Joana Ganser das Label SHIPSHEIP startete. Begonnen haben die beiden mit Accessoires, vor wenigen Monaten haben sie ihre erste Kollektion mit Damenbekleidung auf den Markt gebracht.

Die beiden Unternehmerinnen entwerfen alles selbst in ihrem Studio in Köln-Ehrenfeld. Produziert wird in Portugal. „Die Wertschöpfungskette in der Mode ist sehr komplex“, erzählt Wawrzyniak, „wir versuchen, so viele Arbeitsschritte wie möglich an einem Ort zu bündeln, um Transportwege zu reduzieren.“ Die beiden kennen, genau wie Claudia Lanius, alle ihre Produzenten und achten auf faire und nachhaltige Produktionsmethoden.

Seit diesem Jahr hat SHIPSHEIP eine eigene Fairtrade-Lizenz, für 2019 ist die GOTS-Zertifizierung geplant. Ihr Ziel: ein Mehrwert für alle – die Konsumenten ebenso wie die Hersteller und die Umwelt. „Die Wertschätzung jedes Produktionsschrittes bedeutet für uns faire und verlässliche Arbeitsbedingungen, ökologisches Bewusstsein und nachhaltiges Denken“, betont Wawrzyniak.
Seine Produkte vertreibt das kleine Label über den eigenen Onlineshop sowie den Avocadostore, aber auch im Einzelhandel und einem eigenen Concept Store in Ehrenfeld.

Einer der wichtigsten Kreativstandorte in Deutschland

Dass Köln nicht nur einer der wichtigsten Kreativstandorte Deutschlands ist, sondern sich auch zu einem Zentrum nachhaltigen Designs entwickelt hat, zeigen nicht nur die vielen Mode- und anderen Labels in der Domstadt, für die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt steht. Hier hat zum Beispiel auch der ökoRAUSCH Think Tank für Design & Nachhaltigkeit seinen Sitz, der unter anderem regelmäßig Fachtagungen sowie alle zwei Jahre das „ökoRAUSCH Festival“ veranstaltet, nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Event für Design und Nachhaltigkeit. Außerdem kann man an der ecosign/Akademie für Gestaltung Nachhaltiges Design studieren.

Marc Biembacher hat das gemacht. Außerdem Textile and Clothing Management an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Anschließend arbeitete der 39-Jährige sechs Jahre bei einer Nichtregierungsorganisation in Düsseldorf, die sich mit nachhaltigem Konsum und Textilien befasst. Und dann gründete er in Köln LOST IN HARMONIA.

Verständnis für höheren Preis fehlt oft noch

Auf „Street Style“ hat sich das junge Label fokussiert – es entwirft und produziert Kleidungsstücke und Accessoires in größeren Mengen, aber auch als Einzelstücke „on demand“. Den Schwerpunkt bilden Kollektionen für Firmen, zuletzt etwa das Skikarussell Winterberg im Sauerland. Biembachers Lieferanten sind Mitglied der Fair Wear Foundation und GOTS-zertifiziert. Zum  Einsatz kommt neben Naturmaterialien auch recyceltes Polyester.

Biembacher bestätigt den Eindruck, dass Köln nicht nur ein starker Designstandort insgesamt ist, sondern auch beim Thema nachhaltiges Design punkten kann. „Hier gibt es zahlreiche interessante Veranstaltungen“, erzählt er, „außerdem kann ich mich mit vielen Gleichgesinnten austauschen.“ Außerdem werde das Thema nachhaltige Mode relevanter. Allerdings gilt es noch, viele Widerstände zu überwinden. „Bei vielen fehlt nach wie vor das tiefere Verständnis für den höheren Preis, den nachhaltige Mode zwangsläufig erfordert“, spürt er, „doch immer häufiger gelingt es uns zu überzeugen.“

Ausstellung: „Fast Fashion. Die Schattenseite der Mode“

Wie kann es sein, dass ein T-Shirt heute weniger kostet als ein großer Kaffee, ein Kleid so viel wie ein Eisbecher, eine Hose so viel wie ein Kinoticket? Und was erzählt der Preis über das Leben der Menschen, die diese Kleidung herstellen? Die Ausstellung "Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode", die noch bis 24. Februar 2019 im Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt zu sehen ist, wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der globalen Textilindustrie. Sie will dazu anregen, sich engagiert mit dem Thema Modekonsum und seinen sozialen und ökologischen Folgen zu beschäftigen. Der Titel der Ausstellung spielt darauf an, dass heute vom Entwurf bis zur Auslieferung des Produkts bisweilen gerade einmal zwei Wochen vergehen. Die Schattenseite: So schnell Entwurf, Produktion und Handel, so rasch Gebrauch und Verschleiß – Billigmode heizt den Textilkonsum an. Weder die Herstellung noch der schnelle Verbrauch sind nachhaltig.


Doch als Gegenmodell zur Fast Fashion gewinnt die „Slow Fashion“-Bewegung zunehmend an Bedeutung, für die auch die drei Firmenbeispiele dieser „Blickpunkt“-Geschichte stehen und der sich die Ausstellung ebenfalls zuwendet. Unter anderem geben Modeschauen den Besuchern Einblick in Kölner Fair-Trade-Labels und das heimische Maßschneider-Handwerk.

Kultur- und Kreativwirtschaft – Branche und Netzwerk

Die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) zählt zu den stärksten Wirtschaftszweigen im IHK-Bezirk Köln. Rund 12.400 Unternehmen setzen knapp zehn Milliarden Euro um. Damit werden knapp 30 Prozent des Branchenumsatzes des Landes Nordrhein-Westfalen im IHK-Bezirk Köln erwirtschaftet. Die Zahlen stammen aus der Standortanalyse zur Kultur- und Kreativwirtschaft, die die IHK Köln alle zwei Jahre veröffentlicht, zuletzt im Dezember 2016.

Einer der elf Teilmärkte ist die Designwirtschaft. Mit rund 6.000 Erwerbstätigen und einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro zeigt sie sich sehr dynamisch. Der Umsatz stieg zwischen 2009 und 2016 um 15 Prozent, die Zahl der Erwerbstätigen um 18 Prozent. Getragen wird das Wachstum vor allem von Betrieben im Grafik- und Kommunikationsdesign sowie Industrie-, Produkt- und Modedesign, deren Umsatz sich seit 2009 teilweise vervierfachte.

Die IHK Köln widmet 2019 dem Modedesign innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft einen ihrer Themenschwerpunkte. Bereits 2009 rief sie das Branchenforum Kultur- und Kreativwirtschaft für die Region Köln ins Leben, das sich als Netzwerk und Plattform der Branche versteht und offen für engagierte Mitstreiter ist.

Kontakt:
Ester Maniecki
Geschäftsbereich Standortpolitik
Tel. 0221 1640-4110
ester.maniecki@koeln.ihk.de


Aktuelle Veranstaltungen
6. IHK-Branchentreff Kreativwirtschaft NRW 2018
Thema: Stadt und Land – Grenzenlose Kreativität
30. November 2018, Münster

3. Cologne Design Conference
14. Dezember 2018, IHK Köln

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