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Waltraud Busch (rechts) half der Auszubildenden Francesca Chiaramonte ihre Prüfungsangst zu überwinden. Foto: Aliki Monika Panousi
Service

Letzte Hilfe für Auszubildende

Bis zu ein Viertel aller Ausbildungsverhältnisse wird abgebrochen. Um diese Quote zu reduzieren, bietet der Senior Experten Service individuelle Begleitungen an, die Jugendlichen und Ehrenamtlern Erfolgserlebnisse geben. Bei manchen Problemen sind aber auch Mentoren machtlos.

Text: Georg Watzlawek

Francesca Chiaramonte hat ein ernsthaftes Problem und doppeltes Glück. Ihre erste Ausbildung scheiterte in der Prüfung: „Ich hatte Panikattacken und Atemnot, da ging nichts mehr“, schildert die 25-Jährige. Diese Prüfungsangst wurde ihr medizinisch bestätigt – und dennoch fand sie ein Unternehmen, das ihr einen neuen Ausbildungsplatz anbot. Dort stieß sie auf eine Hilfe, die es ihr ermöglicht, ihre Ängste zu überwinden und mit Zuversicht in die Abschlussprüfung zu gehen.

Waltraud Busch hat viel Lebens- und Berufserfahrung und reichlich Zeit. Daher hat sich die Reiseverkehrskauffrau und langjährige Betriebsrätin nach ihrer Pensionierung in den Dienst des Senior Experten Service (SES) gestellt und kam sehr schnell zum Programm VerA (Verhinderung von Ausbildungsab­brüchen). Seither hat sie zehn Auszubildende begleitet. Erfolgreich wie bei Chiaramonte, aber in anderen Fällen auch ohne Erfolg.

Der Betreuer als Coach: Erfahren, empathisch, unbefangen

VerA ist eine Initiative des SES und kann in der Region Köln-Bonn 200 ehrenamtliche Fachleute im Ruhestand einsetzen. In ganz Deutschland hat sie seit 2009 mehr als 7.000 junge Menschen begleitet, davon laut einer Studie der Uni Hannover mehr als 80 Prozent mit Erfolg. Werbung muss die Initiative nicht machen, denn sie ist bei Berufsschullehrern, den Ausbildungsberatern der Agentur für Arbeit und der Industrie- und Handelskammern gut bekannt. Wo immer Not am Mann ist, geht eine Anfrage an den SES – und der sucht einen passenden Coach.

Bei Francesca Chiaramonte kam der Kontakt über die Ausbildungsleiterin ihres neuen Arbeitgebers, der Host Europe GmbH in Gremberghoven, zustande, wo sie jetzt eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement macht. Seit dem ersten Kennenlernen treffen sich Busch und Chiaramonte regelmäßig auf neutralem Boden in einem Café, halten aber auch über Mail und WhatsApp Kontakt.

„Wenn ich Bedarf habe, melde ich mich“, berichtet Francesca Chiaramonte, „und wenn ich länger nichts von mir hören lasse, dann meldet sich Frau Busch.“ In den Gesprächen könne sie alles auf den Tisch legen, ohne eine Bewertung befürchten zu müssen. Inzwischen habe sie einige Prüfungen hinter sich ge­­bracht, die Panik ist geschwunden. „Ich spüre immer noch etwas, klar. Aber ich habe das Gefühl, dass ich das jetzt hinkriege“, gibt die Auszubildende selbstsicher zu Protokoll.

Erfolgschancen unterschiedlich

Zu den Erfolgsfaktoren gehöre tatsächlich, dass die Betreuer mit großer Erfahrung, aber völlig unbe­fangen in die Beratung gehen, sagt Waltraud Busch. Die Tatsache, dass die Senior Experts auch vom Alter her einen großen Abstand haben, helfe. In vielen Punkten nehme sie eine „klassische Oma-Funktion“ ein, mit viel Empathie. Davon profitierten nicht nur die Auszubildenden: „Wir bleiben mitten im und am Leben.“

Jeder Fall ist anders und auch die Erfolgschancen sind sehr unterschiedlich. Wie Waltraud Busch berichtet auch Bernd Tschacher von gescheiterten Fällen. Der Maschinenbau-Ingenieur hat bislang sieben Jugendliche betreut, von denen drei die Ausbildung letztendlich doch abbrachen. In vielen Fällen ist der familiäre Hintergrund die Ursache, die seit vielen Jahren fehlende Unterstützung der Eltern. Das führe zur Überforderung, gekoppelt mit Naivität in arbeitsrechtlichen Fragen, schulischen De­­fiziten und hohen Ansprüchen.

Wenn die Jugendlichen nicht mitziehen, beenden die Mentoren die Betreuung

Bernd Tschacher bekam vor allem Jugendliche vermittelt, die in der Berufsschule Schwierigkeiten haben. Und er scheut auch nicht davor zurück, in einzelnen Fällen jede Woche zwei Stunden lang die Grundrechenarten zu wiederholen. Nachhilfe gehört eigentlich nicht zum Konzept von VerA, aber wenn das Defizit beim Rechnen liegt, dann arbeitet Tschacher an diesem Defizit.

Grundsätzlich definiert er seine Aufgabe als „zuhören, einordnen, an Lösungen heranführen“. Ein Erfolgserlebnis hatte er zum Beispiel mit einer 16-jährigen angehenden Bauzeichnerin, die in der Berufsschule unter lauter Abiturienten zunächst keinen Fuß auf den Boden bekam, inzwischen aber Architektur studiert.

Tschacher und Busch betonen, dass sie klare Grenzen ziehen. Wenn Jugendliche nicht mitziehen oder an Faktoren scheitern, die von außen nicht zu beeinflussen sind, beenden die Mentoren die Betreuung. Und dennoch beurteilen beide Mentoren ihre Arbeit unisono als „sehr sinnvoll“ – weil Jugendliche dank VerA eine Hilfe bekommen, die es sonst nicht gegeben hätte. Und die tatsächlich in vielen Fällen doch noch zum Ausbildungsabschluss führt.

IHK-Mentorenprogramm
Carsten Berg, Leiter der Ausbildungsberatung der IHK Köln, sieht sehr großen Bedarf für das Angebot von VerA. Die neun hauptamtlichen Ausbildungsberater der IHK konzentrierten sich auf Konfliktfälle im Bereich des Berufsbildungsgesetzes. Daher seien sie froh, dass sich die Ehrenamtler um individuelle Probleme einzelner Aus­zubildender kümmern. Die Aufgabenteilung zwischen Agentur für Arbeit, IHK Köln und den Senior Experten sei inzwischen gut etabliert. Unabhängig davon gibt es bei der IHK Köln ein Mentorenprogramm, das ebenfalls Ehrenamtler einsetzt, die aber noch im Berufsleben stehen und sich um die Vermittlung von schwierigeren Fällen in die Ausbildung kümmern.

Kontakt zu VerA

VerA sucht ständig neue Ausbildungsbegleiterinnen und -begleiter. Wer sich für diese Aufgabe interessiert, sollte Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen und im Ruhestand sein. Eine weitere Voraussetzung ist die Registrierung als Senior Expertin oder Experte beim SES und die Teilnahme an einer zweitägigen Schulung.  Ansprechpartner sind Susanne Beyer, Regionalkoordinatorin für die Stadt Köln, und Wolfgang Brunswig, Regionalkoordinator für die Region Köln-Bonn.
koelnbonn@vera.ses-bonn.de

Angefordert werden kann eine Ausbildungsbegleitung von Auszubildenden, Angehörigen, Betrieben, Ausbildungsberatungen oder Berufsschulen unter: www.vera.ses-bonn.de oder Tel. 0228 26090-40. Das Angebot ist kostenfrei und gilt für alle Berufe und Ausbildungswege.

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