Stichwortsuche

Zwischen 8.000 und 11.000 Paletten werden bei REWE in Langel täglich umgeschlagen. 12.000 verschiedene Artikel sind hier ständig auf Lager. Foto: REWE
Porträt

Lagerwelten: Die Hochstapler

Hohe Regale, tausende Paletten und Plastikwannen, die über kilometerlange Förderbänder sausen – die Region Köln ist ein Wunderland der Logistik. „IHKplus“ hat in Köln, Leverkusen, Frechen und Bergneustadt einen Blick in vier Warenlager geworfen.

Text: Lothar Schmitz

WEHNER Logistics – Von Sportgeräten bis Tierfutter:

Dank permanenter Lagerbewegungsanalyse weiß WEHNER meist schneller als der Kunde, wenn sich zum Beispiel gerade ein Produkt schlecht verkauft.
Foto: Diana Sabeeh

Das junge Leverkusener Unternehmen WEHNER Logistics hat sich auf „Fulfillment“ spezialisiert. Der Service umfasst sämtliche Stufen der Lieferkette zwischen Kunden und Abnehmern. Zentrales Element dabei: das Lager. Ausgerichtet hat Mark Wehner sein Unternehmen zudem auf zwei spezielle Logistiksegmente: Rund zwei Drittel des Umsatzes erwirtschaften die 18 Beschäftigten mit Konzernkunden, welche die Belieferung ihres Außendienstes und des Handels mit Aktionsware über WEHNER abwickeln. Zum Beispiel der Tiernahrungshersteller Nestlé Purina PetCare Deutschland GmbH aus Euskirchen. Ein Drittel des Umsatzes macht der Logistiker mit Onlinehändlern, darunter auch solche, die Sportgeräte oder Solarzellen vertreiben.

„Die Herausforderung bei den meisten Kunden: viele verschiedene Artikel, aber in vergleichsweise geringen Stückzahlen“, erklärt Mark Wehner. „Zudem müssen wir enorme saisonale Schwankungen abfedern, etwa beim ‚Black Friday‘.“ Das Unternehmen passt deshalb ständig seine Prozesse an, um stets so effizient wie möglich zu lagern und versenden zu können. Zu den Onlineshops der Kunden gibt es permanente digitale Schnittstellen. So werden in Echtzeit die Bestände abgeglichen, damit das Produkt, das ein Endkunde gerade in seinen Online-Warenkorb legt, auch wirklich in Leverkusen auf Lager ist. „Der Informationsaustausch ist äußerst komplex“, erzählt Wehner.

Auf Wunsch erhalten die Kunden sogar eine permanente Lagerbewegungsanalyse, denn bei WEHNER weiß man meist schneller, wenn sich zum Beispiel gerade ein Produkt schlecht verkauft. „Der Kunde kann dann zum Beispiel gezielt eine Promotion starten“, sagt Wehner, „um den Absatz anzukurbeln.“

REWE-Warenlager – rund 10.000 Paletten pro Tag:

1.500 Menschen arbeiten im REWE-Warenlager in Köln-Langel, dem bundesweit größten Logistikzentrum des Lebensmittel­riesen.
Foto: REWE

„Gehe zu Gang 60, Platz 35 und nehme drei Kartons H-Milch“, sagt Uschi mit angenehmer Stimme. 1.500 Menschen arbeiten im REWE-Warenlager in Köln-Langel, dem bundesweit größten Logistikzentrum des Lebensmittel­riesen. Uschi ist da nicht mitgezählt, denn Uschi ist ein kleiner, mobiler Computer. Den führt jeder Mitarbeiter in den beiden riesigen Lagerhallen mit sich – inklusive Headset. Darüber lotst Uschi die Kommissionierer zum richtigen Regal – und die haben beide Hände frei.

Zwischen 8.000 und 11.000 Paletten werden bei REWE in Langel täglich umgeschlagen. 12.000 verschiedene Artikel sind hier ständig auf Lager – und werden mit 270 Lkw zu über 1.000 Märkten der Vertriebsformate REWE, REWE to go, Nahkauf, Karstadt, Aral-Tankstellen und Hit im Rhein-, Münster- und Sauerland sowie am Niederrhein gebracht. Dabei handelt es sich nur um sogenannte „Schnelldreher“, Obst und Gemüse etwa oder Molkereiprodukte. Die „Langsamdreher“ – Spirituosen etwa oder Olivenöl – kommen aus einem REWE-Lager in Hessen.

Das Warenlager in Köln verteilt sich auf zwei Hallen und fünf Produktzonen, die zugleich auch Temperaturzonen sind. So lagert das Tiefkühlsortiment bei minus 26 Grad, Fleisch bei null bis zwei Grad. Gesamtfläche: über 90.000 Quadratmeter. Robotertechnik kommt hier noch nicht zum Einsatz – anders als im hochautomatisierten REWE-Lager in Neu-Isenburg. „Aber das komplette Auftragsmanagement ist digitalisiert“, erzählt Dirk Klein-Hietpas, der bei REWE die zentrale Logistik sowie die Logistik West leitet. Und damit nicht nur für 1.500 Beschäftigte verantwortlich ist, sondern auch für Uschi, die digitale Stimme der REWE-Logistik.

NOWEDA Frechen – Lieferung binnen drei Stunden:

Die NOWEDA Apothekergenossenschaft eG lagert in Frechen 100.000 verschiedene Artikel auf 10.000 Quadratmetern. 40 Prozent der Abläufe sind automatisiert. Kleine Scanner am Handgelenk unterstützen die 250 Beschäftigten am Standort.
Foto: NOWEDA eG

Die Situation kennen wir alle: Arzttermin um halb neun, direkt danach mit  dem Rezept zur Apotheke. Das Medikament ist nicht vorrätig und muss bestellt werden – doch schon drei Stunden später können wir es abholen.

Damit das klappt, betreibt die NOWEDA Apothekergenossenschaft eG mit Hauptsitz in Essen, deren Eigentümer und Mitglieder rund 9.000 Apothekerin­nen und Apotheker sind, in ihren 21 Niederlassungen eine ausgeklügelte Logistik. Die zweitgrößte Niederlassung ist die in Frechen. Von hier aus werden rund 600 Apotheken beliefert. Bis zu dreimal pro Tag und einmal nachts.

„Unser Herzstück ist das Lager", sagt Niederlassungsleiterin Jana Ehmer stolz. Die Arterien und Venen: zwei Kilometer Förderbänder. Die Blutkörperchen: 40 mal 25 Zentimeter große blaue Wannen, die über die Bänder sausen und mit Ware befüllt werden. 100.000 verschiedene Artikel lagern in Frechen auf 10.000 Quadratmetern. Verschreibungs- und apothekenpflichtige Medi­kamente ebenso wie freiverkäufliche, aber auch Kosmetikprodukte oder  Gehhilfen. „Wir haben inzwischen 40 Prozent der Abläufe automatisiert", erzählt Ehmer, „auch in der Kommissionierung." Dennoch kommen dort  die meisten der 250 Beschäftigten zum Einsatz, die aber mit digitaler Unterstützung in Form von kleinen Scannern am Handgelenk arbeiten.

Auf der einen Seite treffen Tag für Tag 80 bis 120 Paletten mit Waren ein, die nach einer Qualitätskontrolle elektronisch erfasst gelagert werden. Zwischen 9.000 und 13.000 blaue Wannen täglich verlassen das Lager auf der anderen Seite, dazu kommen 1.200 Kühlboxen – damit auch in der entlegensten Apotheke die Patienten nach spätestens drei Stunden ihr Medikament bekommen.

GIZEH Raucherbedarf  – Große Halle für kleine Blättchen:

Blättchen, Filterhülsen und Filter aus dem Hause GIZEH im Oberbergischen Kreis verlassen das neue Zentrallager in Bergneustadt auf Kundenwunsch auch in kleinsten Mengeneinheiten, zum Beispiel für den Ein- oder Zwei-Wochen-Bedarf eines Kiosks. Die Kleinkommissionierungsanlage macht‘s möglich.
Foto: GIZEH Raucherbedarf GmbH

In der Logistikbranche wird derzeit viel über Automatisierung und Digitalisierung diskutiert. Bei GIZEH im Oberbergischen Kreis spielt das auch eine Rolle. „Doch der wichtigste Faktor in unserem Lager ist der Mensch“, betont Jörg Dißmann, einer von drei Geschäftsführern des Herstellers von Blättchen, Filterhülsen und Filtern.

Das Unternehmen hat seit 2002 die Zahl der Beschäftigten von 80 auf 140 erhöht, im neuen Zentrallager in Bergneustadt arbeiten nun 29 Logistikfachkräfte, sechs mehr als zuvor. „Wir liefern unseren Kunden auf Wunsch auch die kleinste Einheit“, erklärt Dißmann, „die Kleinkommissionierungsanlage ist unser Wettbewerbsvorteil.“ Während die Ware aus den Produktions­stätten in Bremen, Österreich und Frankreich palettenweise im Lager eintrifft, verlässt sie es in rund 1.000 Paketen pro Tag – und das kann eben auch nur der Ein- oder Zwei-Wochen-Bedarf eines Kiosks sein. Dazwischen kümmern sich die knapp 30 Lagerfachkräfte von Hand, jedoch unterstützt von einem zeitgemäßen digitalen Warenwirtschaftssystem, um die Lagerung und Kommissionierung.

Auch wenn die Produkte im Einzelnen klein und preiswert sind – in der Masse sorgen sie für einen Jahresumsatz im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Weil der von Jahr zu Jahr anstieg, war das Lager in Gummersbach schon lange zu klein geworden. Deshalb kaufte das Unternehmen 2015 das auch bis dahin schon genutzte, von einem externen Logistiker betriebene Lager in Bergneustadt und verwandelte es binnen elf Monaten in ein modernes Zentrallager mit 8.000 Quadratmeter Lagerfläche und 7.500 Palettenstellplätzen sowie angrenzenden Büroräumen.

WEITERE THEMEN