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Dr. Nicole Grünewald, Präsidentin der IHK Köln Foto: Astrid Piethan
Blickpunkt

„Krisenzeiten sind Kammerzeiten!“

Dr. Nicole Grünewald ist neu gewählte Präsidentin der IHK Köln. Sie ist hat Ende Januar ihr Amt angetreten – kurz bevor sich mit der Corona-Krise alles von einem auf den anderen Tag geändert hat.

Wie haben Sie die ersten 100 Tage als Präsidentin der IHK Köln erlebt?

Natürlich haben weder das neue Präsidium noch ich selbst damit gerechnet, dass wir unsere Arbeit fast gleichzeitig mit dem Beginn der größten Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs beginnen würden. Sofort hat sich gezeigt: Krisenzeiten sind Kammerzeiten! Die Beratungsleistung der IHK Köln, der Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Unternehmen, all das hat sofort geklappt. Als Unternehmerinnen und Unternehmer haben wir dabei das Ohr dicht an den Betrieben und wussten so auch immer sehr direkt, wo Hilfen ankamen oder nicht und wo es besonders brennt. Viele haben sich auch direkt an mich persönlich gewandt und mir wurde die Not in Branchen wie Tourismus, Events oder Gastronomie teils drastisch geschildert. Die Infos der IHK und die Beratungen waren dabei häufig ein letzter rettender Strohhalm. Die Krise ist längst nicht vorbei: Jetzt geht es um die richtigen Schritte, damit die Wirtschaft – unter teilweise sehr schwierigen Bedingungen – wieder anläuft.

Sie sind angetreten, um der Wirtschaft in der Region Köln eine starke Stimme zu geben. Wie hat sich das durch die Corona-Krise verändert?

Die letzten Wochen haben deutlich gezeigt, dass an der Wirtschaft alles hängt – die Kommunalfinanzen genauso wie das gesellschaftliche Wohl, Struktur und Perspektiven für die Menschen, und ohne Kultur- und Kreativwirtschaft verliert ein Standort wie Köln schnell an Glanz und Anziehungskraft. Dabei geht es nicht um ein „Weiter so wie bisher“ auf Biegen und Brechen, sondern um intelligente Konzepte, die mit der Wirtschaft erarbeitet werden.

Zusammenhalt und Zusammenarbeit ist das Gebot der Stunde, gemeinsam mit den Städten und Kommunen sind wir auf einem sehr guten Weg. Natürlich achten wir als Vertreterinnen und Vertreter der regionalen Wirtschaft darauf, dass die Umsetzung der Verordnungen und auch die Lockerungen praxisnah und mit Augenmaß passieren.

Haben Sie Beispiele?

Die Einrichtung weiterer Fahrrad- und Tempo-30-Zonen darf nicht zu noch mehr Umwegen und Kosten bei den Liefer- und Pendlerverkehren führen. Hier müssen wir weiter für einen Ausbau des Mobilitätsmix kämpfen, ohne dass Autofahren aus beruflichen oder betrieblichen Gründen komplett unmöglich wird. Und positiv: Die Stadt Köln hat – wie von uns als IHK gefordert – die Gebühren für die Außengastronomie erlassen, viele weitere Kommunen haben ebenso reagiert. Ein gutes Signal für die besonders betroffenen Gastronomen.

Welche weiteren Maßnahmen sind mittelfristig nötig?

Damit Wirtschaft funktionieren kann, muss auch die soziale und gesellschaftliche Struktur arbeitsfähig und belastbar sein. Hierzu gehört unbedingt die Betreuung der Kinder in Kitas und
Schulen – es kann nicht richtig sein, dass besonders Frauen durch diese Wirtschaftskrise ganz selbstverständlich diese Arbeit wieder alleine zu Hause übernehmen und wir in dieser Beziehung
Rückschritte machen. Bei allen Schwierigkeiten der Lockerungen und Öffnungen: An dem zentralen Punkt der Kinderbetreuung hängt sehr viel. Berufstätige Frauen sind sozusagen alle „systemrelevant“.

Können Sie jetzt bereits Chancen erkennen, die sich aus der Krise ergeben?

Eine globale Krise von diesem Ausmaß lässt sich nicht beschönigen, auch nicht durch „Zeit zum Herunterfahren“ romantisieren – viele von uns haben in den letzten Wochen mehr gearbeitet als je zuvor, und das unter größtem Druck. Wir sehen allerdings, dass bestimmte Prozesse, wie die Digitalisierung, plötzlich ganz schnell und unkompliziert einen großen Schritt nach vorne machen, einfach, weil es notwendig ist. Auch dass Homeoffice effizient und unproblematisch machbar ist, wird viele überrascht haben.

In diese Richtungen – Digitalisierung und Flexibilisierung – werden wir garantiert in hohem Tempo weiterarbeiten. Auch hier gilt, dass dies nur durch die gemeinsame Anstrengung von Wirtschaft und Politik möglich sein wird. Infrastruktur ist das eine Stichwort und Entbürokratisierung bei Planungs- und Vergabeverfahren, die aktuell zu viel Zeit verbrauchen, das andere. Außerdem erleben wir in diesen trockenen Frühsommertagen hautnah, dass uns auch der Klimawandel weiter beschäftigen muss. Veränderung ist also an vielen Stellen das Gebot der Stunde.

Stichwort Veränderung: Wie wird die Zusammenarbeit im Ehrenamt weitergehen?

Wir sind für Transparenz und Klarheit angetreten. Trotzdem gab es viel Gegenwind in den letzten Wochen. In der letzten Vollversammlung konnten wir Klarheit über zahlreiche interne Fragen gewinnen und wollen nun mit allen gemeinsam den Blick auf die anstehenden Herausforderungen richten. Wie können Exit-Strategien aus der Corona-Krise aussehen, was braucht die Wirtschaft dabei an Unterstützung und Rahmenbedingungen? Dabei möchten wir Ehrenamt und Mitglieder breit einbeziehen. Als IHK sind wir dafür da, verschiedene Ansichten konstruktiv und – in der Sache – auch kontrovers zu diskutieren und daraus Positionen zu formulieren. So können wir für die Unternehmen in der Region, bei Land und Bund etwas bewirken. Dies wird unter anderem den Zusammenhalt und das Zusammenwachsen in der Vollversammlung stärken. Dafür werde ich mich mit ganzer Kraft einsetzen.

Und die konkreten nächsten Schritte?

Das Thema des Gebäudes der IHK Köln wird uns aus rechtlichen Gründen noch weiter beschäftigen. Im Vordergrund steht jedoch der Einsatz für unsere Unternehmen: Jetzt geht es bei der Kommunalwahl darum, unsere Themen öffentlich zu machen und dafür in der Politik Gehör zu finden. Genau das ist es, was uns als Ehrenamt der IHK Köln antreibt, wo wir mit Herzblut dabei sind und auch nicht nachlassen werden.

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