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Monireh Jad Haj hat ihre Chance genutzt. Foto: Diakonie Michaelshoven
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Kölner Bildungsmodell: Ein echtes Vorbild

Studie belegt Erfolg der Berufsqualifizierung über Bausteine

Text: Werner Grosch

„Plötzlich war ich jemand.“ Monireh Jad Haj sieht glücklich aus, wenn sie das sagt. Der Moment,
den sie beschreibt, war der, als sie ihr erstes Zeugnis über eine Teilqualifizierung innerhalb des Kölner Bildungsmodells bekam. Und mit jedem Zeugnis, jedem einzelnen Baustein ihrer beruflichen Zukunft wuchs das Selbstvertrauen der heute 35 Jahre alten Frau, die 2008 aus dem
Iran nach Deutschland kam. Damals wurde ihre Studienzeit in der Heimat hier nicht anerkannt,
sie sprach kaum Deutsch und war sechs Jahre lang ohne Job. Bis ihr im Jahr 2014 eine Beraterin
im Kölner Jobcenter vom Kölner Bildungsmodell erzählte. Da entdeckte sie ihre Chance.

Das bislang einzigartige Modell ermöglicht Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, die ohne
Berufsausbildung sind, doch noch einen Beruf zu erlernen. In der Regel wird mindestens ein
Hauptschulabschluss vorausgesetzt, aber auch Teilnehmer ganz ohne Schulabschluss haben das
Programm schon erfolgreich absolviert. Es beginnt mit einem sechswöchigen Profiling, in dem die Teilnehmer ihre Fähigkeiten herausarbeiten und sich in eine berufliche Richtung orientieren.

Abschlüsse in zehn Berufen möglich

Möglich sind Abschlüsse in den IHK-Berufen Fachlagerist/-in, Verkäufer/-in, Fachkraft im Gastgewerbe, Koch/Köchin, Fachkraft für Metalltechnik, Servicekraft Schutz und Sicherheit, Maschinen- und Anlagenführer/-in sowie in den Handwerksberufen Tischler/-in, Maurer/-in und Metallbauer/-in. Der entscheidende Punkt bei dem Modell ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzelne Module absolvieren können, die als Teilqualifizierung auch berufliche Möglichkeiten eröffnen und über die die zuständige Kammer jeweils ein Zertifikat ausstellt. Werden alle Bausteine und zum Schluss die so genannte Externenprüfung erfolgreich abgeschlossen, verfügen die Absolventen über einen regulären Berufsabschluss. So wie Monireh Jad Haj, die jetzt Fachlageristin ist und bei einem Paketdienst am Flughafen arbeitet. „Ich bin so dankbar, dass mir diese Chance gegeben wurde“, sagt sie heute.

Die Teilnahme am Kölner Bildungsmodell ist für die Teilnehmer kostenlos, denn die Finanzierung
erfolgt über Bildungsgutscheine. Bei Bedarf können sich die Teilnehmer bis zu acht Jahre Zeit
für die Ausbildung nehmen, wenn es beispielsweise private Umstände nicht zulassen, die  Ausbildung ununterbrochen fortzuführen. Das Modell wurde vom kommunalen Bündnis für Arbeit ins Leben gerufen und wird durchgeführt von der Handwerkskammer zu Köln, dem Kolping-Bildungswerk Diözesanverband Köln e.V., der Fachakademie der Wirtschaft sowie dem Zentrum Bildung und Beruf Michaelshoven im Auftrag des Jobcenters Köln und der Agentur für Arbeit Köln in Kooperation mit der IHK Köln. Unternehmen, die Praktikumsplätze anbieten können, sind herzlich willkommen.

Bessere Leistungen als der Durchschnitt

Eine aktuelle Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass das Kölner Modell ein
Vorbild für andere Regionen sein kann, denn die Erfolgsquote ist hoch. Von denjenigen, die
sich für die abschließende Externenprüfung anmeldeten, haben 95 Prozent bestanden und
dabei im Schnitt bessere Leistungen erzielt als die Absolventen herkömmlicher Ausbildung. Bis
Ende April 2018 hatten 742 Personen die Maßnahme mit dem Profiling begonnen, rund zwei
Drittel davon starteten im Anschluss auch die Qualifizierung. Viele von ihnen hatten denkbar
schlechte Voraussetzungen. „Es gibt vielfältige Hinweise darauf, dass die erreichten Personen …
in keine andere abschlussbezogene Qualifizierungsmaßnahme vermittelt worden wären und im Fall einer Vermittlung ein vorzeitiger Maßnahmeabbruch eingetreten wäre“, schreiben die Autoren.

Entsprechend positiv fällt dieZwischenbilanz der IHK Köln aus. „Das Modell eignet sich besonders gut für Menschen, die bisher nicht die richtige Orientierung hatten. Wer dann aber dank des ausführlichen Profilings ein erstrebenswertes Ziel vor Augen hat, der entwickelt neuen Ehrgeiz und schafft oft Dinge, an die er selbst zuvor nicht geglaubt hätte“, sagt Christopher Meier, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK Köln.

Mehrad Rafati hat in der Teilqualifizierung gelernt, an sich zu glauben.
Foto: Diakonie Michaelshoven

Genau das trifft beispielsweise auf Mehrad Rafati zu. Der junge Mann, der als Kleinkind aus dem Iran nach Deutschland kam, hat zwar mit der Fachoberschulreife einen guten Schulabschluss,
brach aber anschließend eine Ausbildung ab. Danach war er zeitweise Service-Mitarbeiter in der Gastronomie, für eine Weile ging er zur Bundeswehr. Doch der Frust wuchs. „Ich wollte immer etwas Richtiges lernen. Aber ich wusste nicht, was mir wirklich liegt und was ich will“, sagt Mehrad Rafati.

Er bewarb sich auf mehrere Ausbildungsstellen und erhielt nur Absagen. Dann wurde ihm im Jobcenter das Kölner Bildungsmodell empfohlen. Im Profiling zeigte sich schnell, dass er Talent zum Verkäufer hat. Im November 2014 begann er seine Ausbildung im Zentrum Bildung und Beruf der Diakonie Michaelshoven. Besonders zwei Dinge habe er hier gelernt, sagt er: pünktlich zu sein. Und überhaupt zu lernen. Wichtig waren auch die insgesamt drei Praktikumsblöcke, die er während der Ausbildung absolvierte. 2017 beendete er seine Ausbildung zum Verkäufer nach zwei Jahren mit der IHK-Prüfung und fand eine Stelle bei einem Elektronik-Großhandel.

Doch Mehrad Rafati möchte beruflich noch mehr erreichen – Fachabitur, dann ein Studium. Denn
im Kölner Bildungsmodell hat er noch zwei Dinge gelernt: „An mich zu glauben und an mir zu arbeiten.“

Infos und Kontakt
Weitere Informationen, Träger und Ansprechpartner zum Kölner Bildungsmodell finden Sie auf der neuen gemeinsamen Website sowie bei der IHK Köln. Bei der IHK Köln beraten und informieren zum Thema Elke Kahl, Tel. 0221 1640-6380, elke.kahl@koeln.ihk.de und Bianca Atorf, Tel. 0221 1640-6580, bianca.atorf@koeln.ihk.de.

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