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Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln Foto: Stadt Köln
Porträt

Köln wird wieder gewinnen

Oberbürgermeisterin Henriette Reker über ihre Agenda für den Wirtschaftsstandort Köln

Interview: Susanne Hartmann

Nach dem mehr als turbulenten Start Anfang des Jahres haben Sie nun hoffentlich Zeit, Ihre ursprüngliche Agenda für Köln wieder ins Auge zu fassen?

Meine Agenda lautet: Köln wird wieder gewinnen – an Ansehen, an Vertrauen, an Mut. Wir verdienen einen besseren Ruf. Dafür setze ich mich ein. Das Thema Sicherheit, das durch die Ereignisse der Silvesternacht besonders in den Fokus gerückt ist, habe ich sehr schnell programmatisch umgesetzt. Gemeinsam mit der Polizei und dem neuen Polizeipräsidenten habe ich eine institutionelle Zusammenarbeit vereinbart, wie es sie in Köln zuvor nicht gab. Stichworte sind gemeinsame Streifen, Sicherheitsmobil, zweimal jährliche Sicherheitskonferenzen und gesamtstädtischer Präventionsrat. Den Maßnahmen liegt zugrunde eine gemeinsame Wahrnehmung von Ordnungs- und Sicherheitsfragen unserer Stadt – das ist wichtig für ein gemeinsames Handeln.

Welche Wirtschaftsthemen stehen auf dieser Agenda ganz oben?

Dass die Stärkung des Wirtschaftsstandorts eine ganz zentrale Rolle spielt, ist für eine wachsende Metropole unabdingbar. Denn nur durch die Schaffung von Arbeitsplätzen kann der soziale Frieden gesichert werden und ein attraktives Angebot für die Bürgerinnen und Bürger entstehen.

Als Oberbürgermeisterin möchte ich beispielsweise die Kultur- und Kreativwirtschaft stärker fördern und als Impuls für die Stadt- und Wirtschaftsentwicklung nehmen. Generell kommt im Zuge der Digitalisierung den Informations- und Kommunikationstechnologien (ITK) als Querschnittsfunktion über alle Branchen hinweg eine zentrale Bedeutung zu. Mit rund 11.000 Unternehmen der ITK-Branche nimmt die Wirtschaftsregion Köln auch in diesem Bereich eine Spitzenposition ein. Dazu kommt, dass Köln ein Hotspot der deutschen Start up-Szene ist. Gründer finden hier beste Voraussetzungen, weil die Unternehmenslandschaft in Köln Old und New Economy mit einander verbindet. Deshalb hat sich die Stadt auch die weitere Startup-Förderung als wichtigen Beitrag zur Zukunftssicherung auf die Fahnen geschrieben.
Doch auch gerade den kleinen und mittleren Unternehmen aus Köln und der Region müssen wir uns widmen. Sie sollen bei Vergaben nicht durch falsche Losgrößen oder durch eine Übergewichtung des Preises bei der Vergabeentscheidung benachteiligt werden. Dadurch wird die lokale Wirtschaft gestärkt und Aufträge können effizient und bürgernah abgewickelt werden.
Unternehmerische Innovationen und Gründungen möchte ich durch die Senkung von Verwaltungshürden und gezielte Anreize für Startups fördern. Ich stelle mir hier außerdem ein Lotsenmodell in der Verwaltung vor, dass den jungen Unternehmen den Einstieg erleichtert. Außerdem muss Planungssicherheit für unternehmerische Investitionen geschaffen und bürokratische Hürden in der Stadtverwaltung müssen abgebaut werden.

Wo steht Köln im Jahr 2016, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht?

Das „erste Ausrufezeichen“ für ein erfolgreiches, wirtschaftliches Jahr 2016 ist bereits gesetzt.
Die Zurich Versicherung will die beiden größten Direktionsstandorte Köln und Bonn auf dem Gelände der Projektentwicklung MesseCity Köln in Deutz zusammenziehen. Ab 2018 werden dann in drei neuen Gebäudekomplexen rund 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sein. Das Wirtschaftsdezernat der Stadt Köln hat sich nachdrücklich für eine qualitativ hochwertige Nutzung des zwischen dem ICE-Bahnhof Deutz/Messe und dem Messegelände gelegenen Filetgrundstücks MesseCity eingesetzt.

Eine weitere gute Nachricht: Die Beratungsgesellschaft Kienbaum verlegt zum Jahreswechsel 2017 ihren Sitz von Gummersbach nach Köln. Künftig werden rund 250 Mitarbeiter aus verschiedenen Beratungsbereichen sowie die Verwaltung und die Stabsabteilungen in Köln arbeiten.

In unmittelbarer Nähe zur MesseCity Köln wird die Koelnmesse in den nächsten 15 Jahren rund 600 Millionen Euro investieren, um den Standort zur modernsten Innenstadt-Messe Europas zu machen. Nicht weit entfernt wird auf dem Deutzer Feld in Köln-Kalk bis Anfang Februar 2017 der größte Studienort der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW entstehen.

Rund 26 Millionen Euro investiert der Motorenhersteller Deutz am Standort Porz-Eil in ein neues „Wellenzentrum“.
Ebenfalls von hoher Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Köln sind die Investitionen in dem Bereichen Verkehr und Logistik. Allein der Köln Bonn Airport wird in den nächsten fünf Jahren rund 300 Millionen Euro investieren. Die Terminals 1 und 2 werden durch den sogenannten T-Walk. zu einem verschmelzen, da in Zukunft deutlich mehr Menschen in Köln/Bonn umsteigen und länger verweilen werden, wenn sie mit Eurowings auf die Langstrecke gehen. Alle Umsteigeprozesse sind dann künftig barrierefrei.

In unmittelbarer Nähe investiert die Bundeswehr in den nächsten zehn Jahren 157 Millionen Euro in den Luftwaffenstandort Wahn. Dies sind nur einige Beispiele. Es sind weitere Anstrengungen erforderlich, um im Zeitalter von Globalisierung weltweit mitzuhalten. Gemeinsam mit allen relevanten Wirtschaftsakteuren möchte ich dafür sorgen, den Standort Köln weiter voran zu bringen.

Der Wirtschaft in Köln geht es gut, die Stadt wird weiter wachsen. Hierdurch entsteht zum einen ein größerer Bedarf an Gewerbeflächen, zum anderen auch ein höherer Bedarf an Wohnbebauung. Wie möchten Sie diese beiden Bereiche ausbauen?

Als stark wachsende Stadt benötigt Köln neben neuen Wohnbauflächen ein quantitativ und qualitativ ausreichend bemessenes Angebot an gewerblich nutzbaren Flächen für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung. Ein umfangreiches Flächenmonitoring ist zurzeit in Arbeit und wird in Kürze vorgestellt. Flächennutzungskonkurrenzen in einem dicht besiedelten Ballungsraum wie Köln sind dabei nahezu unvermeidbar.

Mittelfristig ist wichtig, dass die jetzt anlaufende Neuaufstellung des Regionalplans für den Regierungsbezirk Köln als Planungsinstrument des Landes der wachsenden Stadt Köln ausreichende Planungsspielräume für die Neuausweisung von Siedlungsflächen einräumt. Für den Abstimmungsprozess mit der Bezirksregierung ist es notwendig, insbesondere den Flächenbedarf für Gewerbe und Industrie neu zu berechnen und die Bedarfe vor dem Hintergrund des aktuellen und zukünftigen Nachfrageverhaltens der Kölner Branchen und Kernmärkte zu qualifizieren.

Wer einmal in Köln ist, gelangt so schnell nicht wieder raus - die marode Infrastruktur macht es möglich. Wie möchten Sie sicherstellen, dass es in Köln trotz Wachstumsprognosen zukünftig wieder besser rollt?

Mit dem Strategiepapier „Köln mobil 2025“ sind bereits umfassende und kluge Ziele einer künftigen Verkehrsentwicklung in Köln formuliert worden. Wenn es gelingt, diese Ziele zu erreichen, bin ich zuversichtlich, dass sich die verkehrliche Situation in Köln in 10 bis 20 Jahren besser darstellt als heute. Um diese Ziele zu erreichen, die im Übrigen auch explizit den Güter- und Wirtschaftsverkehr im Blick haben, bedarf es sektoraler Stadtentwicklungskonzepte, die auf Basis einer umfassenden Analyse der heutigen und zu erwartenden Rahmenbedingungen und unter intensiver Beteiligung von Gesellschaft und Wirtschaft, konkrete Maßnahmen definieren, deren Umsetzung zur schrittweisen Zielerreichung beitragen. Die Verwaltung wird daher in der nächsten Zeit mit der Erarbeitung eines Stadtentwicklungskonzepts Mobilität & Verkehr beginnen.

Mit Blick auf den Güter- und Lieferverkehr hat die Verwaltung ganz aktuell den ersten Teil des Stadtentwicklungskonzepts Logistik fertiggestellt. Mit den darin enthaltenen Leitlinien und Handlungsempfehlungen sind die Stellschrauben definiert, derer es bedarf, dass der Logistikstandort Köln, als Rückgrat unserer lokalen Wirtschaft, den künftigen Herausforderungen langfristig gewachsen ist. Als nächstes wird, unter aktiver Beteiligung der Wirtschaft, ein Handlungsprogramm entwickelt, das ein ganzes Bündel konkreter Vorhaben umfassen wird, die der Umsetzung dieser Leitlinien und Handlungsempfehlungen dient.

Grundsätzlich gilt für mich, dass der Sanierungsstau bei der Infrastruktur dringendst angegangen werden muss, dass – vor dem Hintergrund der ökonomischen und demographischen Wachstumsprognosen – auch ein bedarfsgerechter Infrastrukturausbau nötig sein wird und dass Verkehrsverlagerungen auf den Umweltverbund unvermeidlich sind, wenn die Funktion des Verkehrsträger Straße auch in Zukunft gewährleistet bleiben soll. Die jüngsten Maßnahmenanmeldungen der Stadt zum ÖPNV-Bedarfsplan 2017 des Landes NRW mit einem Investitionsvolumen von über 1 Mrd. Euro sind bereits ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

In der regionalen Wirtschaft gibt es viele Experten, eine ganze Reihe hat sich bereit erklärt, der Stadt Köln bei Bedarf ehrenamtlich mit Know-how und als Sparringspartner unter die Arme zu greifen. Hinter diesem Angebot steht vor allem der Wille, diese Stadt gemeinsam zu einer zukunftsfähigen Metropole mit europäischer Spitzenstellung zu machen. Das Potenzial ist da - wie möchten Sie diesen Veränderungswillen der Wirtschaft aufgreifen, was erhoffen Sie sich und wo brauchen Sie konkret mehr Unterstützung?

Ich plane Expertenrunde zu den verschiedenen Themen, bei denen ich mir den Sachverstand aus der Wirtschaft, aber auch aus anderen Bereichen, an den Tisch holen möchte. Nicht nur zum Austausch der Argumente, sondern mit dem Ziel konkreter Ergebnisse.
Für Köln als zukunftsfähige Metropole sind auch die jungen, innovativen Unternehmen, die Startups, von herausragender Bedeutung. Gemeinsam mit der IHK und vielen weiteren Partnern arbeiten wir daran, Köln – neben Berlin – als die Startup-Metropole zu etablieren.

Mit Blick auf die Region: Braucht Köln nicht auch eine stärkere Region mit gleich attraktiven Standortbedingungen (zum Beispiel Breitband, Erreichbarkeit), damit Köln seine Leistungsfähigkeit und Attraktivität behalten kann? Wie sieht hier die Zusammenarbeit mit den Kommunen und Landkreisen der Region aus, gibt es konkrete Pläne?

Dass eine zukünftige Verstärkung der kommunalen Zusammenarbeit unverzichtbar ist, ist mittlerweile bei allen angekommen. Ein wichtiges Zeichen hierfür ist, dass die Metropolregion Rheinland seit dem letzten Jahr ein gutes Stück vorangekommen ist. Erstmals sind 60 Vertreter aus Kreisen, kreisfreien Städten, IHK, Handwerkskammern, dem LVR, den regionalen Verbänden und der Regionalplanung zusammengekommen, um auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten, vor allem in den vier vereinbarten Haupthandlungsfeldern Verkehr und Infrastruktur, Forschung und Bildung, Standortmarketing und Kultur. Drei dieser vier Handlungsfelder haben unmittelbar mit Wirtschaft zu tun und auch das vierte, die Kultur, ist ein wichtiger Standortfaktor für Unternehmen, z.B. bei der Anwerbung von Fachkräften. Aber auch, wenn es um innovative Ideen und Geschäftsfelder geht, ist die starke Kölner Kreativwirtschaft ein  bedeutsamer Motor. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Gewerbeflächenbereitstellung. Es war schon in den vergangenen Jahrzehnten immer schwieriger geworden, geeignete Flächen in ausreichendem Umfang zur Verfügung zu stellen. Durch den Bevölkerungszuwachs erfährt dieses Thema eine weitere Zuspitzung (Stichwort: Flächenkonkurrenz). Die Wachstumsstädte der Rheinschiene müssen genau abwägen, welchen Unternehmen sie die knappen Flächen anbieten. Flächenintensive Nutzungen wie etwa aus dem klassischen Logistikbereich werden in den Städten zukünftig kaum mehr zur Verfügung stehen und sind etwas weiter draußen besser aufgehoben. Im Vordergrund muss zukünftig stehen, dass Ansiedlungen in der Region bleiben – dann haben wir alle etwas davon. Im Übrigen schreibt auch die neuausgerichtete Landesentwicklungsplanung den Gebietskörperschaften vor, ihre Flächenplanungen mit den Nachbargemeinden abzusprechen.

Ein Blick auf die Finanzen: Was hat die gewerbliche Wirtschaft angesichts der klammen Stadt-Kassen zu erwarten? Und wie will Köln als Wirtschaftsstandort auch für neue Unternehmen - die wir dringend brauchen - attraktiv bleiben?

Ein sehr wichtiges Signal ist es, auf eine Erhöhung der Gewerbesteuer zu verzichten. Für die Wirtschaft im Vordergrund stehen muss die Verlässlichkeit der Verwaltung. Dies bedeutet insbesondere eine funktionierende handlungsfähige Wirtschaftsförderung. Die muss sichtbarer werden und Ansprechpartner für Unternehmen und Handwerksbetriebe vorhalten, die ihnen die Wege in der Verwaltung abnehmen.

Über die Themen Sicherheit und Sauberkeit ist in der letzten Zeit allumfassend diskutiert worden. Trotzdem zum Schluss eine persönliche Frage: Wenn Sie drei Orte in Köln ohne Zeit- und Kostenlimit verbessern könnten, was stünde auf Ihrer Liste und wie sähe das aus? Wünschen Sie sich einen neuen Breslauer Platz, einen Barbarossaplatz oder Ebertplatz in alter Pracht oder wie sähe Ihr persönlicher Köln-Hotspot aus?

Wir planen die Aufwertung einer ganzen Reihe von öffentlichen Räumen, sowohl in unseren Stadtteilen wie Porz oder Chorweiler, wo wir teils mit Unterstützung des Bundes das Erscheinungsbild von Straßen und Plätzen verbessern wollen, als auch in der historischen Altstadt, wo wir in zentralsten Lagen viel investieren und bewegen werden. Besonders am Herzen liegt mir wie auch dem Baudezernenten Höing die Aufwertung der Domumgebung - sie soll ansprechender, sauberer und sicherer werden. Wie das aussehen kann, lässt sich auf der Ostseite der Kathedrale schon erkennen, wo wir klare  und übersichtliche städtebauliche Strukturen geschaffen und Angsträume beseitigt haben. Die Neugestaltung des Domumfelds wird nun Zug um Zug fortgesetzt und soll auch die umliegenden Räume umfassen, etwa den Kurt-Hackenberg-Platz, und sich entlang der Via Culturalis bis zur Kirche St. Maria im Kapital erstrecken.
 Auch das Rechtsrheinische verändert sein Gesicht, der Wandel der einst industriell geprägten Rheinseite wird in den kommenden Jahren weiter an Schubkraft gewinnen. Im Mülheimer Süden entwickelt sich rund um den Hafen auf einem rund 70 Hektar großen Gelände ein neues, urbanes Stadtquartier. Die Koelnmesse modernisiert ihr Gelände, und die Entwicklung der Messe-City gewinnt an Fahrt. Die Wandlung des Rechtsrheinischen setzt sich fort den Rheinboulevard entlang bis zum Deutzer Hafen. Es entstehen neue urbane Räume, attraktive Orte zum Wohnen und Arbeiten. Und das ist auch das Ziel bei der Entwicklung der Parkstadt Süd, ein weiteres Projekt, an das ich ebenfalls große Erwartungen knüpfe. Es gibt uns die einmalige Chance, das Werk Konrad Adenauers zu vollenden, den Grüngürtel bis an den Rhein fortzuführen, und zugleich ein neues Stück Stadt mit mehreren tausend bezahlbaren Wohnungen zu schaffen.