Stichwortsuche

Saskia Schaaf von der IHK-Stiftung (l.) berät Unternehmerinnen wie Natalie Kühn (r.) bei der Fachkräftegewinnung aus Drittstaaten. Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Know-how aus der ganzen Welt

Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das zum 1. März 2020 in Kraft tritt, baut Hürden bei der Einstellung von Mitarbeitenden und Auszubildenden aus Drittstaaten ab. Die IHK berät und hilft.

Text: Eli Hamacher | Fotos: Peter Boettcher

Im Behördendschungel kennt sich Alayna Cort mittlerweile bestens aus. „In Deutschland finden wir oftmals nicht die Softwareexperten, die wir brauchen. Deshalb suchen wir international. Der Aufwand ist allerdings erheblich, auch wegen der deutschen Gesetze“, sagt die Office Managerin der MobiLab Solutions GmbH. Hinzu kommen unterschiedlichste Bestimmungen in den jeweiligen Heimatländern der Bewerberinnen und Bewerber. Ein Blick auf die Herkunft der Mitarbeitenden lässt erahnen, wie viel Geduld und Know-how die 25-Jährige braucht, bis sie das Onboarding der Newcomer erfolgreich abgeschlossen hat: Bei dem Kölner Mittelständler arbeiten unter anderem Iraner und Türken, Kubaner, Serben und Serbinnen, Südkoreaner und Inder, Moldawier und Kanadier.

Zwei Drittel der Belegschaft kommen aus so genannten Drittstaaten, die also nicht zur EU gehören. Ihnen hilft Cort bei Fragen rund um ihr Visum, mietet für die ersten Monate ein Appartement, begleitet sie zum Einwohnermeldeamt und zur Ausländerbehörde, die die „Blaue Karte“ ausstellt. „Von der Bewerbung bis zur Einstellung können bis zu zehn Monate vergehen“, sagt die Managerin. Kein Wunder, dass sie jede gesetzliche Bestimmung begrüßt, die den Prozess verkürzt. „Wenn im neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz die Vorrangprüfung entfällt und eine Bewerberin oder ein Bewerber nicht mehr einen Hochschulabschluss nachweisen muss, wird uns das die Suche sehr erleichtern“, hofft Cort.

Um mehr ausländischen Fachkräften den Weg nach Deutschland zu ebnen, hat der Bundestag am 7. Juni dieses Jahres ein Gesetz beschlossen, das die Hürden für die Einwanderung qualifizierter Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen senkt. Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das zum 1. März 2020 in Kraft tritt, soll ermöglichen, dass auch Staatsangehörige, die nicht in der Europäischen Union leben, künftig leichter nach Deutschland kommen können. So will der Bund eine bedarfsgerechte Zuwanderung aus den Drittstaaten gewährleisten. „Davon werden vor allem Branchen profitieren, die schon jetzt den Bedarf an Mitarbeitenden nicht decken können wie IT-Firmen, Speditionen oder die Gesundheitswirtschaft“, ist Jasna Rezo-Flanze, Leiterin des Bereichs Fachkräftesicherung bei der IHK Köln, überzeugt.

Jedem dritten Betrieb ist die Einstellung aus Drittstaaten bislang zu aufwendig

Dass Gefahr im Verzug ist, belegen zahlreiche Umfragen. Fast 60 Prozent der Unternehmen sehen laut aktueller DIHK-Konjunkturumfrage im Fachkräftemangel ein Risiko für ihre Geschäftsentwicklung. Besonders gesucht sind danach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit beruflicher Ausbildung. Jedes zweite Unternehmen kann heute schon offene Stellen längerfristig nicht besetzen, ergab eine Befragung der IHK Köln im Herbst 2019. Jeder dritte Betrieb gab an, dass die Einstellung von Arbeitskräften aus Drittstaaten zu aufwendig sei. Um das zu ändern, stellt das neue Aufenthaltsgesetz wichtige Weichen.

„Positivliste“ und Vorrangprüfungen fallen künftig weg

Künftig fallen zum Beispiel die „Positivliste“ für berufliche Abschlüsse und die Vorrangprüfung weg. Mit der Vorrangprüfung mussten Unternehmen bislang nachweisen, dass keine bevorrechtigten Bewerber und Bewerberinnen aus Deutschland oder der EU für eine zu besetzende Stelle zur Verfügung stehen.

Bei der Positivliste seien nicht alle Berufe erfasst und berücksichtigt worden, bei denen in den Betrieben tatsächlich Engpässe bestünden, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der den Wegfall deshalb positiv bewertet. Nach wie vor müssen Zuwandernde ein konkretes Arbeitsplatzangebot vorweisen. Anders als bisher besteht jetzt jedoch die Möglichkeit, dass neben Hochschulabsolventen und -absolventinnen auch beruflich Qualifizierte und Bewerber und Bewerberinnen für einen Ausbildungsplatz zur Suche von Job oder Lehrstelle befristet für sechs Monate nach Deutschland kommen können. Die Ausweitung auf beruflich Qualifizierte hält der DIHK für sinnvoll, weil insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen die Suche im Ausland oftmals schwierig und aufwendig sei.

Aus Kuba und Serbien nach Köln zur MobiLab Solutions GmbH: Reinaldo Viera del Toro und Uglesa Jovanovic.
Foto: Peter Boettcher

Hürde der gleichwertigen Berufsqualifikation weiterhin zu hoch

Das bestätigt auch Alayna Cort, die den Bewerbungsprozess bei der MobiLab Solutions ausschließlich online abwickelt. „Für uns ist es zudem egal, wie und wo jemand Software-Entwicklung erlernt hat. Einen Hochschulabschluss braucht es nicht unbedingt, um unsere Anforderungen zu erfüllen“, sagt Cort. Als zu hoch empfinden die Experten des DIHK jedoch die Hürde, dass der Gesetzgeber eine vollständig gleichwertige Berufsqualifikation vorschreibt, und halten eine teilweise Gleichwertigkeit für ausreichend. Fehlende Kenntnisse könnten berufsbegleitend nachgeholt werden. Für IHK-Berufe läuft die Anerkennung über die IHK Foreign Skills Approval (IHK FOSA) in Nürnberg, das bundesweite Kompetenzzentrum deutscher Industrie- und Handelskammern zur Feststellung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse.

Beschleunigtes Verfahren soll Anerkennungsfristen erheblich verkürzen

Darüber hinaus wird ein beschleunigtes Fachkräfteverfahren eingeführt, das unter anderem konkrete Fristen zur Visumserteilung und zur Berufsanerkennung einhält. „Dies könnte für die Unternehmen zu wirklichen Verbesserungen führen, da die Verfahren derzeit sehr lange dauern können“, sagt Susanne Wollenweber, Leiterin des Bereichs Vertragsrecht und Sachverständigenwesen bei der IHK Köln.

Diversität im Unternehmen weiter fördern

Wie die Kölner MobiLab Solutions ist die Leverkusener SK-Elektronik GmbH ein ungewöhnlich internationales Unternehmen, obwohl es nur 36 Mitarbeitende beschäftigt. Fast jede/-r Zweite komme aus dem Ausland oder habe zwar einen deutschen Pass, aber einen Migrationshintergrund, sagt Geschäftsführerin Natalie Kühn, die den Mittelständler in zweiter Generation leitet. Als Spezialist für Umweltmesstechnik für die Immissionsüberwachung vertreibt die SK-Elektronik ihre Produkte weltweit, in der EU, in den USA, China, Indien bis nach Australien. „Aus fast allen Ländern, in denen wir verkaufenbeschäftigen wir Mitarbeitende, die sich dort auskennen und auch die Sprache sprechen“, sagt Kühn. Für den technischen Vertrieb etwa hat sie jüngst eine Chinesin eingestellt, als Lagerfachkraft eine gebürtige Albanerin. Noch spürt die Unternehmerin zwar nicht den Fachkräftemangel, aber alle gesetzlichen Änderungen, die ihr künftig die internationale Besetzung der Belegschaft vereinfachen – sei es als Auszubildende oder Fachkraft –, bewertet die weltoffene Unternehmerin positiv. Als Mitglied der Initiative „Charta der Vielfalt“ ist es ihr ohnehin ein wichtiges persönliches Anliegen, die Diversität im Unternehmen zu fördern.

Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz - Info-Veranstaltung für Unternehmen zur Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland

16:00-19:00 Uhr, Börsensaal der IHK Köln

Am 29. Januar informiert die IHK Köln von 16:00 Uhr bis 19:00 Uhr in einer Veranstaltung über die neuen gesetzlichen Regelungen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, die damit verbundenen Möglichkeiten und Voraussetzungen für die Einstellung von Mitarbeitenden und Auszubildenden aus Drittstaaten. Juristische Experten, Vertreter und Vertreterinnen des Ausländeramtes der Stadt Köln, der Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit sowie der Zentralen Ausländerbehörde NRW geben Auskunft.

www.ihk-koeln.de/217660

FachkräftePerspektive

Um die IHK-Mitgliedsunternehmen in der Region bei der Gewinnung von Fachkräften und Auszubildenden aus Drittstaaten zu unterstützen, startet die IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung 2020 das Projekt „FachkräftePerspektive“. Stiftungs-Mitarbeiterin Saskia Schaaf berät Unternehmen, wie sie Auszubildende und Fachkräfte auswählen und einstellen. „Zum Angebot gehören zudem Matching-Veranstaltungen und kostenlose Workshops für Ausbilderinnen, Ausbilder und pädagogische Fachkräfte, die interkulturelle Kompetenz vermitteln, ebenso wie Netzwerkveranstaltungen“, sagt Tina Riepel, Geschäftsführerin der IHK-Stiftung.

Bewerber/-innen können sich über die Nachfrage der regionalen Unternehmen informieren, über das duale Ausbildungssystem, Ausbildungsberufe und sprachliche Qualifizierung. Ebenso können sie sich unterstützen lassen bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Für das neue Projekt arbeitet die Stiftung eng mit den lokalen Akteuren wie der Ausländerbehörde und der Agentur für Arbeit zusammen.

www.ihk-stiftung-koeln.de

Die IHK unterstützt und berät

  • Infos und Terminvereinbarung zur Fachkräfteberatung der IHK Köln: www.ihk-koeln.de/99304
  • Beratung und Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse: www.ihk-koeln.de/400
  • Merkblatt zur Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer: www.ihk-koeln.de/559
  • Alle Infos und Leistungen der IHK Köln rund um Fachkräftegewinnung und das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat die IHK Köln auf einer Startseite zusammengefasst: www.ihk-koeln.de/217702

WEITERE THEMEN