Stichwortsuche

Ursula Jünger vor ihrer Buchhandlung in der Severinstraße. Foto: Ulrich Kaifer
Porträt

"Wo ist denn da die Fantasie?"

In unserer Serie „Jetzt mal Klartext!“ kommen Unternehmerinnen und Unternehmer direkt zu Wort: Welche Qualitäten hat ihr Standort? Wo gibt es Mängel? „IHKplus“-Autor Werner Grosch hat mit URSULA JÜNGER, Buchhändlerin aus Köln, gesprochen.

? Frau Jünger, die Severinstraße, an der Ihre Buchhandlung liegt, hatte in den vergangenen Jahren den U-Bahn-Bau und den Einsturz des Stadtarchivs zu verkraften. Wie sind Sie durch diese Zeit gekommen?

! Wir hatten schon massive Umsatzeinbußen. Die haben wir zumindest teilweise durch starke Präsenz auf Messen und Ausstellungen kompensieren können. Außerdem haben wir schon 2004 mit ersten Versuchen des Online-Handels angefangen, die relativ schnell erfolgreich waren. Beides zusammen hat uns gerettet.

? Der Online-Handel ist für Ihre Branche auch eine starke Konkurrenz. Wie überlebt eine Buchhandlung wie Ihre in diesen Zeiten?

! Wir tun sehr viel für die Kundenbindung. Wenn unsere Kunden das gesamte Angebot Tag und Nacht bei uns finden und bestellen können, dann wandern sie auch nicht ab und kommen auch wieder ins Geschäft. Außerdem machen wir viele Lesungen, die meistens schnell ausverkauft sind. Dass wir 2011 das Geschäft noch um eine Etage erweitert haben, war auch deshalb eine richtige Entscheidung, auf die ich heute stolz bin.

? Viele Geschäftsleute klagen jedoch darüber, dass auf der Severinstraße immer mehr Billigläden entstanden sind und immer wieder eingesessene Geschäfte schließen.

! Die Leerstände machen mir auch Sorgen. Und ich sehe auch eine Verantwortung der Eigentümer der Immobilien. Noch ein Nagelstudio, noch eine Bäckereifiliale? Wo ist denn da die Fantasie? Die Severinstraße sollte lebendiger, attraktiver, jünger werden, das wünsche ich mir schon. Mehr inhabergeführte Geschäfte würden das sehr fördern.

? Fehlt da auch ein Konzept seitens der Stadt?

! Ich bin niemand, der jammert und fordert. Der Rat hat ja auch gerade einstimmig die Bildung einer Immobilien- und Standortgemeinschaft gestartet, um die Severinstraße zu stärken. Aber es gibt schon ein paar Missstände, bei denen sich auch die IHK noch mehr engagieren und den Finger in die Wunde legen könnte.

? Welche?

! Ein Punkt sind die Möchtegern-Musiker auf der Straße. Die halten sich oft nicht an die Zeitvorgaben, da werden Sie nach einer Weile vollkommen quirle!

? Quirle? So, als kreiste ein Mixer durch den Kopf?

! Genau das. Das müsste besser kontrolliert werden. Auch um die Obdachlosen müsste man sich mehr kümmern, es ist doch eine Schande, dass sie oft in den Eingängen von Geschäften übernachten müssen. Außerdem werden zu viele Großveranstaltungen genehmigt, bei denen niemand Rücksicht auf die Einzelhändler nimmt.

DIE UNTERNEHMERIN

Ursula Jünger führt seit vielen Jahren mit ihrem Mann die Maternus-Buchhandlung, die seit 1988 an der Severinstraße in der Kölner Südstadt angesiedelt ist. Ursula Jünger ist in ihrem Viertel vielfältig aktiv, war Vorsitzende einer Interessengemeinschaft der ansässigen Geschäftsleute und ist heute unter anderem Vorsitzende des Vereins, der den Severinsbürgerpreis an Menschen vergibt, die sich um das berühmte Kölner Viertel verdient gemacht haben.