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Inventar aus zahlreichen Geschäften wurde zerstört. Foto: picture-alliance/dpa
Blickpunkt

Katastrophen: Wie schützen sich Unternehmen?

Pandemie und Hochwasser: Naturkatastrophen, mit denen wir künftig wohl noch häufiger rechnen müssen. Ist die Wirtschaft sich dieser Gefahren bewusst und können Betriebe sich schützen? Eine Umfrage sucht Antworten und Konzepte für die Zukunft.

Text: Werner Grosch

Noch immer sind die Folgen der Hochwasser-Katastrophe in den besonders betroffenen Gebieten sichtbar: Straßen sind unpassierbar, Schienenwege und Brücken weggeschwemmt, viele Unternehmen sind vom Normalbetrieb noch weit entfernt. Nicht wenigen ist ihre berufliche Existenz komplett davongeschwommen, der Schaden für Unternehmen geht in die Milliarden. Noch ist ein Überblick schwierig, aber es gibt schon Meldungen, etwa von Gastronomie­betrieben, die nun endgültig aufgeben. Monatelange Schließung in der Pandemie, geringer Umsatz, Verlust an Personal, teure Hygiene­maßnahmen, endlich wieder offen, und dann das. Zu viel.

Nach einer Schätzung der IHK Köln haben im gesamten Kammerbezirk rund 1.200 Unterneh­men unmittelbare Folgen der Flut zu verkraften. Vor allem Erftstadt ist betroffen, aber auch in
anderen Kommunen sah – und sieht – es schlimm aus: Fast alle Geschäfte an der Einkaufsmeile von Leverkusen-Schlebusch standen unter Wasser. Im Stadtteil Opladen erreichte die Flut zahlreiche Geschäftshäuser, unter anderem an der Düsseldorfer Straße. Betroffen ist neben Supermärkten, Apotheken und Fachhändlern auch eine Filiale des Kostüm-Spezialisten Deiters, der schon durch die Corona-Krise massiv getroffen war und rund 90 Prozent seines Umsatzes eingebüßt hatte. Verschlammte Masken und durchnässte Kostüme können jetzt nur noch auf den Müll geworfen werden.

Maschinenausfälle, geflutete Verkaufsräume

Auch im Bergischen Land hat die Flut für schwere Schäden gesorgt. Industriebetriebe wie der Maschinenbauer Klingelnberg in Hückeswagen oder auch Schmidt+Clemens (S+C) in Lindlar blieben nicht verschont. Während Klingelnberg, an der Schweizer Börse notiert, aufgrund der Schäden an Gebäuden und Maschinen eine Gewinnwarnung herausgeben musste, wurden
bei S+C Hallen von der steigenden Leppe über­flutet, die Produktion musste teilweise stillgelegt
werden. „Bevor wir mit der Produktion wieder starten können, müssen Maschinen instand­gesetzt beziehungsweise einem Sicherheitscheck unterzogen werden“, sagte Martin Schmidt, Leiter des Krisenstabes bei S+C.

Das Autohaus Bongen in Wipperfürth fand sich plötzlich auf einer nassen Insel mitten in der Wupper wieder. Das Wasser drang von unten ein, zog durch die Wände bis in die Verkaufsräume und erreichte sogar den sensiblen Serverraum. Im Norden des Oberbergischen Kreises gingen innerhalb von 24 Stunden 150 Liter Regen pro Quadratmeter nieder, rund ein Zehntel des normalen Jahres­volumens. Ein Ereignis, wie es statistisch alle 200 Jahre vorkommt.

Das Autohaus Bongen in Wipperfürth war fast komplett vom Wasser der Wupper eingeschlossen.
Foto: Jona Stemmler

Besonders eindrücklich in ihrem Telegrammstil ist vielleicht die Schilderung von Mitarbeitenden des Fitnessstudios injoy in Hückeswagen auf ihrem Social-Media-Kanal, hier leicht gekürzt: „Überschwemmung, Warten…Rettung von Nachbarn, die Zuflucht im Injoy gesucht haben und dort die Nacht verbrachten…Pegel sinkt…Besichtigung erlaubt…Sehen, Kopfschütteln, Nachdenken…Anrufe von Helfern, Mitgefühl tut gut…Mitglieder, Mitarbeiter packen mit an…retten, was zu retten ist…nächster Tag…endlich Notstrom, Hochdruck-Reiniger, fleißige Helfer, Nachbar mit Nahrung und Getränken…neue Kraft, wir machen weiter…WIR SIND STÄRKER ALS WASSER…“

Die Liste ließe sich noch deutlich verlängern. Aber schon jetzt ist klar: Weite Teile der Wirtschaft
in unserer Region sind erneut schwer getroffen. Und viele weitere Unternehmen haben auch indirekt Folgen zu tragen durch die Schäden an Straßen und Schienen.

Wie gut sind Unternehmen geschützt?

Das Thema Flut war noch nicht omnipräsent, als die Feuerwehr Köln ge­meinsam mit dem Institut für Schutz und Rettung der Kölner Berufsfeuerwehr und der Universität zu Köln vor einigen Monaten auf die IHK Köln zu­ging, um gemeinsam eine Umfrage zu starten. Ihr Thema: Wie gut sind kleine und mittlere Unternehmen vor Katastrophen geschützt? Wie sind sie versichert, welche Maßnahmen treffen sie, welche Schulungen für Mitarbeiter:innen gibt es für den Fall der Fälle – ob Pandemie, Hochwasser, Cyberattacke oder den plötzlichen Ausfall der Unternehmens­führung?

„Wir möchten wissen, wie ausgeprägt das Bewusstsein für diese Gefahren jetzt ist und natürlich interessiert uns auch, wie wir als IHK unsere Unternehmen noch gezielter bei der Vorsorge unterstützen können“, sagt Dr. Nicole Grünewald, Präsidentin der IHK Köln. Das Institut für Schutz und Rettung wird auf Basis der Umfrage einen Leitfaden für KMU zum Umgang mit solchen Krisen entwickeln. Die schon jetzt bestehenden Angebote der IHK Köln hierzu finden Sie im Infokasten weiter unten.


Die Umfrage zur Katastrophenvorsorge finden Sie auf
www.ihk-koeln.de/umfrage

Erftstadt-Blessem ist einer der am stärksten betroffenen Orte.
Foro: picture-alliance/Geisler-Fotopress

Dass der Versicherungsschutz generell oft mangelhaft ist, zeigte erst im vergangenen Jahr eine Umfrage der Gothaer Versicherung unter rund 1.000 kleinen und mittleren Unternehmen.
Demnach haben zwar 90 Prozent eine Betriebshaftpflicht, aber nur gut die Hälfte eine betrieb­liche Gebäudeversicherung und nur etwa ein Viertel eine Elektronikversicherung, die unter an­­derem Reparaturen und den Ersatz von Com­putern und anderen Geräten absichert. Und
eine Cyber­­police, die die Folgen von Hacker­angriffen ab­­sichert, besitzen demnach nur 13
Prozent der KMU (siehe Interview).

Die An­teile von Betriebsunterbrechungs- und Elemen­tar­schaden­versicherung, die in Pandemie- oder Hochwasser­fällen für die Unternehmen existenziell sein können, wurden nicht abgefragt. Generell sind nach Angaben des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft jedenfalls nur 45 Prozent der Gebäude in Deutschland durch eine Elementarversicherung gegen Über­schwemmun­gen und Starkregen abgesichert.

Weitere Bedrohung durch Cyberattacken

„Wir sind uns sicher, dass die Unternehmen durch die jüngsten Ereignisse stärker sensibili­siert sind“, sagt IHK-Präsidentin Dr. Grünewald.  Ereignisse, zu denen nicht nur Corona und Hoch­­­­wasser gehören, sondern auch das drastische Beispiel einer Cyberattacke mit Verschlüsse­lungs­­tro­­janern, sogenannter Ransomware, die dazu führte, dass tausende IT-Geräte bei Unternehmen in Deutschland nicht mehr zugänglich waren. „Ransomware ist derzeit als eine der größten Bedrohungen für die IT von Unternehmen und Organisationen einzuschätzen. Bei erfolgreichen
Angriffen werden Dienstleistungen und Pro­duk­tion häufig zum Stillstand gebracht. Die Schäden für Betroffene sind daher oftmals enorm“, sagte Arne Schönbohm, Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik.

Naturkatastrophen, Wirtschaftskriminalität, politische Krisen, intern bedingte Probleme: Etliche von innen und außen kommende Risiken können Betriebsstillstände bis hin zu Schlie­ß­ungen zur Folge haben. Das Unerwartete zu erwarten, die Szenarien durchzuspielen und – soweit möglich – vorzusorgen, sollte deshalb auf der Agenda eines jeden Unternehmens stehen.

Die Flut ließ Straßen wegbrechen.
Foro: picture-alliance/Geisler-Fotopress

Infos und Angebote der IHK Köln bei Notfällen und zur Vorsorge

IHK-Services zum Hochwasser: www.ihk-koeln.de/258240

Newsletter zu den Flutfolgen: www.ihk-koeln.de/newsletter

Hilfsangebote und regionale Spendenaufrufe: www.ihk-koeln.de/fluthilfe

Infos zur Corona-Pandemie: www.ihk-koeln.de/223621

Welche Versicherungen sind für kleine und mittlere Unternehmen wann sinn­­­­voll und was sollte ein Notfall-Handbuch enthalten? www.ihk-koeln.de/37298

Wichtiges zur IT-Sicherheit in Unternehmen und zur Transferstelle
„IT-Sicherheit im Mittelstand“: www.ihk-koeln.de/101899

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