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Täglich landen in Köln 180.000 Kaffeebecher im Müll. Foto: Thilo Schmülgen
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Kampf gegen die Becherflut

Die Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe wollen in Kooperation mit Unternehmen und der IHK Köln den Müllberg reduzieren, der jeden Tag allein durch Coffee-to-go-Becher entsteht. Abhilfe könnte ein Mehrweg-System schaffen, das in anderen Städten schon getestet wird.

Text: Werner Grosch

180.000 Coffee-to-go-Becher wandern jeden Tag in den Müll, meist in öffentliche Behälter. Und das ist nur die Zahl für Köln. Die Becher verstopfen Mülleimer, liegen auf Plätzen herum, verschandeln das Straßenbild. Getränkebecher machen hinsichtlich des Volumens inzwischen mehr als ein Viertel dessen aus, was in so manchen Straßenabfallkörben landet. Der Rat der Stadt Köln und die Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) wollen dagegen etwas unternehmen. Denn die Kaffeebecher bedeuten nicht nur ein hohes Abfallaufkommen, sondern auch einen gewaltigen Verbrauch an Energie und Rohstoffen.

Hinzu kommt, dass die Einwegbehälter nicht recycelbar sind, weil ihre speziell für Heißgetränke ausgelegte Beschichtung sich nicht von der Pappe im Kern trennen lässt. Das Einzige, was möglich ist: Verbrennen.

Hygiene-Vorschriften setzen Grenzen

Die IHK Köln unterstützt die Stadt bei ihrem Vorhaben und hat eine Reihe von Unternehmen dazu ins Boot geholt, bei denen die Becher häufig über die Theke gehen. Der Umweltausschuss des Rates hat kürzlich einen Sachstandsbericht der AWB beraten, nun werden mögliche Lösungen geprüft.

Klar ist: Ein Einwegverbot will niemand, und das könnte eine Kommune auch selbst gar nicht regeln, das wäre Sache des Bundes. Tatsächlich machbar erscheint nur eine Mehrweg-Regelung, wie sie in anderen Städten bereits getestet wird. In Hamburg haben Cafés selbst ein Leihsystem namens „Refill it“ ins Leben gerufen, in Berlin hat der Senat im Frühjahr eine Mehrweglösung beschlossen, die aber noch nicht konkret ausgereift ist.

Es gibt viele weitere solcher Beispiele; am weitesten gediehen ist das System wohl bislang in Freiburg, wo sich inzwischen mehr als 80 Cafés, Bäckereien und andere Betriebe beteiligen. Sie alle verkaufen den „Freiburg-Cup“, der mehrfach verwendet werden kann. Eine erste Zwischenbilanz nach vier Monaten fiel positiv aus. Bislang allerdings haben auch die Freiburger keine verlässlichen Daten darüber, ob das System funktioniert. Denn in der Praxis stellen sich noch einige Fragen, die nicht so leicht zu beantworten sind.

Eine davon betrifft die Hygiene. Ein Imbiss beispielsweise darf eine einmal vom Kunden benutzte Tasse – ebenso wie eine Pommesschale oder Besteck – nicht wieder in den Bereich annehmen, in dem Lebensmittel verarbeitet werden. Der Becher muss also in einem extra eingerichteten Bereich angenommen oder vom Kunden selbst neu befüllt werden. Ein Aufwand, den mancher Anbieter scheuen könnte.

Ökobilanz ist genau zu analysieren

Eine weitere Frage wirft Umweltexperte Matthias Thome auf, der das Thema für die IHK Köln betreut: „Die Ökobilanz von Mehrweg ist nur dann besser, wenn der Becher dann auch viele Male benutzt wird – Keramikbecher beispielsweise mehrere hundert Mal – und man sich nicht alle paar Wochen einen neuen kauft.“ Der Grund dafür ist, dass für einen Mehrwegbecher weitaus mehr Energie und Ressourcen eingesetzt werden müssen als für einen Einwegbehälter. Außerdem sind für die Reinigung natürlich Wasser und Spülmittel notwendig. Wenn also die Mehrwegbecher in vielen Küchenregalen verstauben, ist der Umwelt nicht geholfen.

Der Erfolg einer solchen Maßnahme steht und fällt natürlich mit der Akzeptanz durch die Kunden. Hier setzen schon heute einige Unternehmen auf Preisanreize, indem sie denjenigen Rabatt gewähren, die ihren Becher selbst mitbringen. Pro Füllung liegen die Nachlässe bei Starbucks, Aral und der Deutschen Bahn zum Beispiel zwischen 10 und 30 Cent.

In Köln jedenfalls sind sich alle Beteiligten einig, dass der Kaffee-Müllberg dringend reduziert werden muss. Die Deutsche Umwelthilfe hatte ausgerechnet, dass rund drei Milliarden dieser Behälter jedes Jahr in Deutschland benutzt werden. Für Köln wären das rund 65 Millionen, und diese Zahl ist nach den Berechnungen, die Thome angestellt hat, absolut realistisch. Eben rund 180.000 am Tag.

Und auch der Einsatz an Ressourcen für Coffee to go ist enorm: Nur für die in Köln jährlich benutzten Becher müssen rund 1.000 Bäume gefällt werden. Und das für ein Produkt, dessen Nutzungsdauer mit durchschnittlich 15 Minuten außerordentlich kurz ist.

Stadt will gutes Beispiel geben

Nachdem die Politik nun den Sachstandsbericht erhalten hat, sollen weitere Maßnahmen schnell in Angriff genommen werden. Dazu gehört unter anderem ein Kommunikationskonzept für eine breit angelegte öffentliche Kampagne, die von der Stadt wie von Unternehmen getragen sein soll. Außerdem will die Stadt Köln mit gutem Beispiel vorangehen und führt einen Mehrweg-Pilotversuch in der Stadtverwaltung durch.

Die IHK Köln wird ihrerseits weiter mit Unternehmen im Austausch bleiben, denn die Offenheit für praktische Lösungen ist groß, sagt Elisabeth Slapio, Geschäftsführerin Innovation und Umwelt der IHK: „Der Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Stadt und den Unternehmen, die Maßnahmen mittragen und umsetzen, ist entscheidend dafür, dass wir eine gemeinsame Lösung finden. Und davon kann dann die ganze Stadt profitieren.“

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